
27.12.2019 17:02 Uhr
Von Detlef Borchers
36C3: Wie Assange in der Botschaft überwacht wurde
Der ehemalige CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn zeigt in seinem Vortrag, wie umfassend der Wikileaks-Aktivist in der ecuadorianischen Botschaft überwacht wurde.
Bereits unter dem ehemaligen ecuadorianischen Präsidenten Rafael Correa, der dem Australier Julian Assange politisches Asyl in der Botschaft seines Landes in London gewährt hatte, wurden Assange und seine Besucher mit Hilfe von Überwachungskameras ausspioniert. Unter seinem Nachfolger Lenin Moreno wurde die Qualität der Kameras erheblich verbessert und um eine bis dahin fehlende Aufzeichnung der Gespräche ergänzt. Auch die Kontrollen wurden erheblich verschärft: Alle Seiten der Pässe der Besucher wurden fotgrafiert, die IMEI-/IMSI-Nummern ihrer Mobiltelefone notiert, andere Aufnahmegeräte wurden während des Besuches konfisziert.
Vor vollem Haus erläuterte der ehemalige CCC-Sprecher Andy Müller-Maguhn die technischen Aspekte der Überwachung in der ecuadorianischen Botschaft. In ihr lebte Julian Assange von Juni 2012 bis April 2019. Im Jahre 2017 wurde noch unter Rafael Correa die spanische Firma Undercover Global beauftragt, die "Security" der Botschaft zu besorgen. Der Wachdienst umfasste nicht nur die Kontrolle bzw. das Durchsuchen der Besucher, sondern auch die Kamerüberwachung der Umgebung und Überwachung in den Räumen der Botschaft, zu denen Assange Zutritt hatte.
Bis Ende 2017 wurden nur Bilder aufgezeichnet, danach wurden Kameras mit leistungsfähigen Mikrofonen installiert und die Feuerlöscher in den Räumen verwanzt. Berichte von Undercover Global (UC Global) gingen unter dem Codenamen "Operation Hotel" an den ecuadorianischen Geheimdienst SENAIN, wobei Assange als "Gast" bezeichnet wurde und der Botschafter als "Hoteldirektor". Gegen eine mögliche Überwachung setzte der "Gast" ein Gerät ein, das weißes Rauschen produzierte. Das führte dazu, dass Spezialfolien auf die Fenster geklebt werden mussten, um mit Hilfe von Laser-Mikrofonen die Überwachung fortführen zu können.
Müller-Maguhn, der Juilan Assange häufiger besuchte und damit selbst Opfer der Überwachungsmaßnahmen wurde, zeigte geleakte Kamerabilder seiner Besuche, aber auch Bilder aus dem Botschaftsalltag oder von einer fröhlichen Feier in der Botschaft. Diese wurden nur vor Ort und nicht im Videostream des Vortrags gezeigt, um die Privatsphäre der Feiernden zu schützen.
Streaming-Server für "Freunde"
UC Global begann Ende 2017 damit, einen Streaming Server einzurichten, auf denen Ecuador und andere Zugriff hatten. "Connexiones Streaming (una para ecuador, una para nosostros y otra para X)", heißt es in einer auf dem 36C3 gezeigten E-Mail von David Morales, dem Geschäftsführer von UC Global. Aus dem Kontext weiterer Mails ergibt sich Müller-Maguhn zufolge, dass damit "unsere amerikanischen Freunde" gemeint seien: UC Global verwertete die Überwachungsarbeit mehrfach und verkaufte die Aufnahmen an die CIA. Die Zusammenarbeit mit diesen Freunden ging offenbar soweit, dass man bei UC Global darüber spekulierte, ob man nicht einfach "aus Versehen" die Tür der Botschaft offenlassen sollte, damit ein Kidnapping durchgeführt werden könnte. Im April 2018 übernahm die Firma PROM Security die Organisation der Security in der Botschaft. Auch bei dieser Firma will man Anzeichen dafür gefunden haben, dass überwacht wurde.
Aktuell ermittelt die spanische Justiz gegen UC Global. Dort geht es unter anderem um Videoschaltungen, in denen Assange zu den Überwachungsmaßnahmen befragt wurde. Die Ermittlungen wurden aufgenommen, als David Morales versuchte, das Video-Material für 3 Millionen Dollar an den derzeitigen WikiLeaks-Chef Kristinn Hrafnsson zu verkaufen. Eines dieser Verkaufsgespräche wurde von der Polizei abgehört, nachdem Hrafnsson einen spanischen Anwalt kontaktiert hatte. (jo)
-----
Überwachung von Assange: Mit dem Rauschgenerator gegen die CIA-Millionen
36C3
Wikileaks-Gründer Julian Assange ist in der ecuadorianischen Botschaft intensiv überwacht worden. Auf dem 36C3 erläuterte Andy Müller-Maguhn die technischen Hintergründe der Spionageaktion.
Artikel veröffentlicht am 27. Dezember 2019, 18:36 Uhr, Friedhelm Greis
Schon vor Beginn seines Vortrags machte Andy Müller-Maguhn seinen Zuhörern wenig Hoffnung auf ein positiv gestimmtes Referat. Das einzig Lustige sei eine Katze in einem der Überwachungsvideos, sagte der frühere Sprecher des Chaos Computer Clubs auf dem 36. Chaos Communication Congress am Freitag in Leipzig. Kein Wunder, dass Müller-Maguhn die jahrelange Überwachungsaktion in der ecuadorianischen Botschaft nicht lustig findet. Schließlich dürfte der enge Vertraute von Wikileaks-Gründer Julian Assange selbst oft genug von den Kameras, Mikrofonen und anderen Überwachungstechniken erfasst worden sein.
Die spanische Tageszeitung El País hatte im September 2019 erstmals berichtet, dass das spanische Sicherheitsunternehmen Undercover Global SL umfangreiches Material aus der Botschaft an den US-Geheimdienst CIA übermittelt habe. Inzwischen versucht ein spanisches Gericht, die Vorwürfe zu klären. Dabei war das Unternehmen mit seinem Chef David Morales eigentlich von der ecuadorianischen Regierung beauftragt worden, die Sicherheit des prominenten Asylsuchenden sicherzustellen. Dafür soll der inzwischen aufgelöste Geheimdienst Senain mindestens 5 Millionen US-Dollar ausgegeben haben.
CIA kaufte den Spionageschützer
Doch Morales ließ sich nach Darstellung Müller-Maguhns von den US-Amerikanern kaufen, und zwar für 200.000 US-Dollar - im Monat. Dabei habe er nicht nur dafür gesorgt, dass den US-Geheimdiensten das aufgenommene Material übermittelt wurde, sondern sich darüber hinaus dafür eingesetzt, dass die Videokameras mit Mikrofonen ausgestattet und zusätzliche Wanzen installiert wurden, berichtete Müller-Maguhn. Um Gegenmaßnahmen Assanges wie einen Rauschgenerator zu unterlaufen, seien auf Morales' Anordnung hin spezielle Folien auf die Fensterscheiben in der Botschaft geklebt worden. Diese sollten das Abhören der Gespräche mit Hilfe von Lasermikrofonen ermöglichen.
Laut Müller-Maguhn zog sich die Überwachung Assanges über mehrere Jahre hin. Nachdem der Wikileaks-Gründer sich bereits drei Jahre in dem Botschaftasyl aufgehalten hatte, wurde Undercover Global demnach im Jahr 2015 mit den Sicherheitsaufgaben beauftragt. Nur wenig später flog Morales nach Las Vegas und begann mit der Spionage für den weiteren Auftraggeber. An Geld scheint es dabei nicht gemangelt zu haben. Allein die zuständige Senain-Mitarbeiterin soll 20.000 US-Dollar im Monat bekommen haben, um Morales' Änderungswünsche zu akzeptieren.
Direktes Streaming an die CIA?
Zu diesen Wünschen gehörte demnach auch ein Livestreaming der Daten, die nicht nur an Ecuador und Undercover Global, sondern auch an einen gewissen "X" weitergeleitet werden sollten, wie aus einer Mail von Morales hervorgeht. Ebenfalls sollten die Laufwerke mit den aufgezeichneten Videos nicht mehr überschrieben, sondern ausgetauscht werden. Nach Angaben von El País sollen die Besucherdaten von UC Global per FTP-Verbindung auf einen Server am Firmensitz im südspanischen Jerez de la Frontera geschickt worden sein. Die CIA habe einen direkten Zugriff auf den Server besessen, heißt es in dem Bericht. Um bessere Möglichkeiten zum Anbringen von Wanzen herauszufinden, habe Morales sämtliche Gegenstände der Botschaft erfassen und analysieren lassen. Die Wanzen seien schließlich in einem Feuerlöscher und in einem Bad installiert worden.
Ende 2017 wurde die Überwachung dann offensichtlich. Zum damaligen Zeitpunkt versuchte die ecuadorianische Regierung, Assange mithilfe eines Diplomatenpasses außerhalb Großbritanniens zu bringen. Dazu war der gebürtige Australier eigens eingebürgert worden. Doch die USA erhielten Kenntnis von den Plänen und beantragten nur einen Tag nach einem geheimen Gespräch Assanges mit dem damaligen Senain-Chef Rommy Vallejo einen internationalen Haftbefehl.
Auslieferungsantrag läuft noch
Nachdem Assange unter dem neuen ecuadorianischen Präsidenten Lenín Moreno im April 2019 nach fast sieben Jahren Botschaftsasyl vor die Tür gesetzt worden war, nahm ihn die britische Justiz unmittelbar in Haft. Auch nach dem Verbüßen einer knapp einjährigen Haftstrafe wegen Verstoßes gegen Kautionsauflagen wurde er nicht freigelassen, weil die USA inzwischen einen Auslieferungsantrag gestellt hatten.
Über diesen Antrag ist immer noch nicht entschieden worden. Zuletzt machten Assanges Anwälte auch die genannten Überwachungsmaßnahmen geltend, um eine Auslieferung zu verhindern. Die Tatsache, dass die US-Behörden ihn möglicherweise ausspioniert hätten, spreche dafür, dass Assange in den USA kein faires Verfahren zu erwarten habe, sagte der australische Jura-Professor Guy Goodwin-Gill nach Angaben des Guardian. So geht Goodwin-Gill davon aus, dass Daten seines iPads kopiert und an die USA weitergegeben wurden, während er in der Botschaft ein Gespräch mit Assange führte.
Laut Müller-Maguhn verfügte Assange ohnehin über das entsprechende Situationsbewusstsein, um davon auszugehen, dass er während seines siebenjährigen Aufenthalts in der Botschaft permanent überwacht wurde. "Wir haben einen Rauschgenerator, verschlüsselte E-Mails und Kryptohandys. Ist das ausreichend? Nein, das ist es nicht", sagte Müller-Maguhn, der sich auch als Opfer der Überwachungsaktionen durch seine zahlreichen Besuche in der Botschaft sieht.
Sein Fazit am Ende das Vortrag war ebenso pessimistisch wie sein Anfang. Gegen das astronomische Budget der CIA komme man nicht so leicht an, sagte Müller-Maguhn. Es bleibe kaum mehr übrig, als am eigenen Situationsbewusstsein zu arbeiten, um nicht das Wort Paranoia zu gebrauchen. Doch im Augenblick habe er keine bessere Antwort auf die Frage, wie man sich gegen eine solche Überwachung wehren könne.
-----
Free Assange!
https://blogs.taz.de/bewegung/2019/12/27/humanen-und-rechtsstaatlichen-umgang-mit-julian-assange/
Humanen und rechtsstaatlichen Umgang mit Julian Assange
Kurz vor Weihnachten hat die Akademie der Künste gefordert, dass der Journalist und Julian Assange human behandelt wird.
Kurz vor Weihnachten hat die Akademie der Künste in Berlin in einer Pressemitteilung gefordert, dass der Journalist und Whistleblower Julian Assange human behandelt wird und sein Verfahren rechtsstaatlich stattfinden kann. Das sollte eigentlich in der EU eine Selbstverständlichkeit sein – ist es aber leider nicht!
Julian Assange wird immer noch in einem britischen Hochsicherheitsgefängnis festgehalten, obwohl seine bereits „sehr unübliche“ Strafe von 50 Wochen für eine Missachtung von Meldeauflagen alle ähnlichen Verfahren überstieg und bereits seit einigen Wochen abgelaufen ist. Dazu kommt die Verweigerung, der jedem Angeklagten zustehende Rechte, wie die Einsicht in die Anklage und auf unbeobachtete Gespräche mit seinen Anwälten.
Presse- und Informationsfreiheit sind neben der Gewaltenteilung das Herzstück unserer Demokratie. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Pressefreiheit auch bei uns in Gefahr ist. Die Mitteilung der Akademie der Künste lautet:
Die Akademie der Künste zeigt sich besorgt um den Zustand von Julian Assange. Wie der Journalist, Publizist und Verleger in seiner unbegründet weiterlaufenden Isolationshaft im Londoner Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh behandelt wird, zeigt ein Fehlen rechtsstaatlicher Standards.
Der bisherige gerichtliche Umgang mit Julian Assange ist ein Beispiel der Erosion demokratischer Grundwerte. Die zu erwartende Überstellung an US-amerikanische Gerichte mit dem dort neu geltenden Espionage Act wird weitreichende Konsequenzen für die Situation aller Journalistinnen und Journalisten weltweit haben, in der direkten Folge auch für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie Künstlerinnen und Künstler. Bedroht ist nichts weniger als die Freiheit des Wortes. Julian Assange ist das Exempel, das statuiert wird, um eine Einschüchterung und Schwächung der vierten Instanz zu erwirken. Einem Angriff auf die Freiheit der Presse, der Wissenschaft und der Kunst darf nicht über vermeintlich demokratische Instanzen stattgegeben werden.
Die Akademie der Künste fordert einen humanen und rechtsstaatlichen Umgang mit Julian Assange.
Zum Schutz der Pressefreiheit war es deshalb unverzichtbar, dass sich freie Medien zusammenschließen und durch eine kritischen Berichterstattung über die gesellschaftlichen Zustände und das Handeln der Mächtigen das abbilden, was Journalismus sein soll: die vierte Gewalt.
Dafür bedarf es neuer Strukturen, die nicht die Nähe zur Macht suchen, sondern der Allgemeinheit verpflichtet sind. Aus diesem Grund haben wir mit der Humanistische Nachrichtenagentur Pressenza, Weltnetz.tv, Neue Debatte, Peira.org, Nuevo Debate und das unabhängige und gemeinnützige Nachrichtenmagazin acTVism Munich eine Medienkooperation aufgebaut. In einem ersten Schritt wollen wir gegenseitig die Informationen der anderen ebenfalls veröffentlichen, um einen größeren Verbreitungsgrad zu erreichen.
Mehr dazu bei https://www.pressenza.com/de/2019/12/akademie-der-kuenste-fordert-humanen-und-rechtsstaatlichen-umgang-mit-julian-assange/
und alle unsere Artikel über Julian Assange https://www.aktion-freiheitstattangst.org/cgi-bin/searchart.pl?suche=Assange&sel=meta
und https://www.aktion-freiheitstattangst.org/de/articles/7119-20191227-free-assange.htm
[Die Meinung der/s Autor*in entspricht nicht notwendigerweise der der Redaktion]
----
https://www.infosperber.ch/Artikel/Medien/Julian-Assange-Russland-Komplott-war-eine-Fake-News1
Julian Assange: Das Russland-Komplott war Fake-News
© Peter Mosimann
Urs P. Gasche / 27. Dez 2019 -
Vor einem Jahr «enthüllte» der Guardian ein weihnächtliches Komplott, Julian Assange aus der Botschaft Ecuadors zu «schmuggeln». Russische Diplomaten hätten in London mit Vertrauten von Julian Assange geheime Gespräche geführt über eine Flucht aus der Botschaft Ecuadors nach Russland. In einem Diplomatenwagen solle Assange in ein anderes Land geschmuggelt werden. Das enthüllte der Guardian als «den geheimen Weihnachtsplan, Assange nach Russland zu bringen». Der Guardian berief sich auf anonyme Quellen («... the Guardian has learned.») Schlagzeile im Guardian vom 22. September 2018
Kein Komplott, keine Schmuggelpläne, Russland hatte damit nichts zu tun
Erst ein gutes Jahr später, am 20. Dezember 2019, hat der Guardian die Vorwürfe von Schmuggel und Komplott zurückgezogen und den ursprünglichen Artikel mit folgendem Hinweis versehen (Original in Gelb):
Das unabhängige «Review Panel», eine Kontrollstelle für Medien, war auf eine Beschwerde eingegangen und veröffentlichte am 20. Dezember 2019 seine Stellungnahme: Der Artikel des Guardian habe verfälschte und irreführende Informationen enthalten. Die Zeitung müsse eine Berichtigung veröffentlichen, denn Russland hatte nichts zu tun mit einem Plan, nach dem Assange aus der Botschaft Ecuadors herausgeholt werden sollte.
Im Folgenden die wörtliche Schlussfolgerung des Panels:
«The Panel therefore invites the Guardian to issue a clarification that (a) the plan in relation to Mr Assange’s ability to be able to leave the Ecuadorean embassy was not devised or instigated by Russia; and (b) there was nothing illicit about the “plan” as described in the Article and that it would have involved the legitimate use of diplomatic immunity to allow Assange to leave the Embassy and travel to a third country.»