Petition updateBefreit die Rettungsschiffe!Hohe Wellen, dunkle Nacht – ein Crewmitglied berichtet
Sea-Eye e. V.Germany
Apr 30, 2025

Liebe Freund*innen von Sea-Eye,

der April war für die Crew der SEA-EYE 5 geprägt von intensiven Vorbereitungen, technischen Verbesserungen – und einer dramatischen nächtlichen Rettung. Ich war als Fahrer des Einsatzbootes und Field Media Coordinator (FMC) mit an Bord und möchte euch heute mitnehmen in unseren Einsatzalltag – jenseits der Kameras, mitten im Geschehen.

Eine intensive Trainingsphase – Der Einsatz beginnt

“Train hard – rescue easier” – unter diesem Motto absolvierten wir zunächst realitätsnahe Notfalltrainings. Die Übungen umfassten medizinische Grundlagen wie stabile Seitenlage und Herz-Lungen-Wiederbelebung sowie eine Einweisung in die aktuelle Lage im Mittelmeer. Mit dem Einsatzboot und auf der SEA-EYE 5 simulierten wir verschiedene Rettungsszenarien mit steigendem Schwierigkeitsgrad. Besonders wichtig: die “Mass Casualty”-Übungen für Großnotfälle mit mehr als zwei Schwerverletzten. Es sollte sich zeigen, dass sich diese Trainings auszahlen würden… 

„Egal, wie oft man dies macht – die Nervosität vor jeder Rotation bleibt.” - Julie Schweickert, Einsatzleitung

Aufreibende Suchen – Zwischen Anspannung und Hoffnung

Am 18. April erreichte die SEA-EYE 5 ihr zugewiesenes Einsatzgebiet. Das bedeutete für uns: systematische Suche nach Booten in Seenot, Beobachtung des Funkverkehrs und enge Koordination mit anderen zivilen Rettungsakteur*innen wie Sea-Watch und Alarmphone. Schnell wurde es ernst: Wir beteiligten uns an mehreren Suchaktionen nach vermissten Booten. Als wir stundenlang in teils unruhiger See patrouillierten, waren die Gedanken der Crew bei den Menschen in Seenot. Wir hatten Informationen, dass diese zum Teil ohne Benzin in den Wellen trieben. Nachdem ein überfülltes Holzboot zunächst entdeckt, in der Dunkelheit wieder verloren wurde, brachte die SEA-EYE 5 unser Einsatzboot SIERRA zu Wasser. Gemeinsam mit AURORA durchkämmten wir die Nacht. Leuchtraketen sollten bei der Suche helfen und wirkten mit ihrem grellen Licht fast gespenstisch über den Wellen. Später dann die gute Nachricht: AURORA hatte das Boot gefunden.

Die Rettung – bei rauen Wellen in dunkler Nacht

Am Abend des 20. April kam es zum entscheidenden Einsatz der SEA-EYE 5. Alarmphone meldete ein Boot mit 76 Menschen in akuter Seenot – sie waren seit zwei Tagen ohne Nahrung und Wasser auf See. Gegen 21:00 Uhr entdeckten wir das Boot. Die Rettung unter extremen Bedingungen und tiefster Dunkelheit war besonders für das Einsatzboot-Team herausfordernd. Wind und Wellen nahmen stetig zu und drückten unser Einsatzboot kräftig gegen das stark schwankende Holzboot. Die aufgewühlte See machte es zudem schwierig, die geschwächten Menschen an Bord des Mutterschiffes zu bringen. Bis 01:30 Uhr wurden alle 76 Menschen sicher auf den Rettungskreuzer gebracht. Das Gefühl der Erleichterung, als sich das RHIB-Team nach der Rettung in die Arme fiel, werde ich nie vergessen. 

Medizinisch mussten mehrere Fälle behandelt werden, darunter fünf Personen in der Bordklinik. Menschen hatten aus Durst bereits Meerwasser getrunken – u.a. ein schwer traumatisierter, dehydrierter Jugendlicher. Andere Überlebende berichteten, dass er in Libyen besonders schwer gefoltert worden sei. Die Rückfahrt gestaltete sich als weitere Belastungsprobe, da durch den hohen Seegang immer wieder Wellen über das Vorschiff schlugen und viele Menschen durchnässt und unterkühlt waren. Am Ostermontag, dem 21. April, erreichten wir schließlich Lampedusa. Alle geretteten Personen konnten erschöpft, aber erleichtert – und mit persönlichen Verabschiedungen durch jedes Crewmitglied – an Land gehen: ein bewegender Abschluss eines kräftezehrenden Monats voller Vorbereitung, Anspannung – und gelebter Solidarität auf See.

Mit freundlichen Grüßen

Johannes Krohn - Einsatzboot-Fahrer und FMC

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