Durchschnittsabitur 2021

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Absenderin: Schablow, Marie-Luise – kv@cwkberlin.de
Frau Sandra Scheeres

Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Familie

Bernhard-Weiß-Straße 6

10178 Berlin

Berlin, 25.01.2021

 

Betreff: Durchschnittsabitur für den Jahrgang 2021

Sehr geehrte Frau Scheeres,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

als Schulsprecherin des Charlotte-Wolff Kollegs Berlin, Pestalozzistraße 40, 10627 richte ich mich mit folgendem Anliegen an Sie:

Aufgrund der seit 2020 offiziell ausgerufenen weltweiten Corona-Pandemie und ihren weitreichenden Folgen im Schulalltag, sehe ich mich gezwungen auf die veränderten, oft sehr schwierigen Situationen im Unterricht, speziell in den Abiturvorbereitungen, aufmerksam zu machen.

Im Namen der betroffenen Schüler*innen plädiere ich folglich für ein Durchschnittsabitur!

Hierfür erläutere ich mit welchen Problemen wir Schüler*innen (und sicher auch die Lehrer*innen) uns konfrontiert sahen und sehen, und warum ein Abitur nach Standardprozedur mittels stundenlanger schriftlicher Prüfungen (unter FFP2-Masken!) für unseren Jahrgang leider keine Option sein kann:

In den vier Semestern, die ins Abitur einfließen sollen, gab es lediglich ein einziges unter normalen Bedingungen (Semester des Schuljahres 2019/2020). Alle nachfolgenden waren von der Pandemie und somit auch vom digitalen Unterricht geprägt. Diese digitale Unterrichtsform war zu Beginn ihres Einsatzes noch nicht ausgereift und brachte folglich großes Durcheinander und technische Herausforderungen für alle Beteiligten mit sich.

Da wir am Charlotte-Wolff Kolleg Berlin alle unseren Abschluss auf dem zweiten Bildungsweg machen, ist es nicht verwunderlich, dass viele von uns selbst schon Eltern sind. Dies hat dann zusätzlich zur Folge, dass man, während man von zuhause am Unterricht teilnimmt, noch Kinder beaufsichtigen muss, die sich ebenfalls im Homeschooling befinden; was wiederum weitere psychische, logistische und räumliche Herausforderungen darstellt. Von einer entspannten, produktiven Lernatmosphäre, die Schüler*innen auf einen so wichtigen Abschluss wie das Abitur vorbereitet, kann folglich nicht die Rede sein. Aber auch Schüler*innen des ersten Bildungsweges sind davon betroffen, da viele auf jüngere Geschwister aufpassen müssen, damit die Eltern weiterhin ihrer Arbeit nachgehen können. Auch sind einige Personen bereits von psychischen Erkrankungen, wie Depressionen, betroffen und die derzeitige soziale Abschottung sowie die ständige Arbeit von zuhause aus, ohne feste Grenze zwischen Schule und Freizeit, wirken sich negativ auf die betroffenen Personen aus und können schwerwiegende Folgen mit sich bringen.

Im zweiten Semester des Schuljahres 2019/2020 bestand noch die Hoffnung, dass diese Situation eine Übergangslösung ohne dauerhafte Konsequenzen für unsere finale Schulphase ist, aus derzeitiger Sicht lässt sich dies nun aber endgültig ausschließen.

Im nachfolgenden, dritten Semester konnte dann zwar wieder zum Präsenzunterricht gewechselt werden, dieser konnte, bekanntermaßen, allerdings nur unter Hygienemaßnahmen, wie ständigem Lüften sowie permanentem Maskentragen oder immer wieder auftretender (prophylaktischer) Quarantäne für Lehrer*innen und Schüler*innen mit Erkältungssymptomen oder Corona-Infektionen erfolgen. Diese notwendigen Maßnahmen haben folglich den Lehrplan, das Lernverhalten, die Lernmotivation und die Konzentrationsfähigkeit maßgeblich beeinträchtigt und sind mit herkömmlichem Präsenzunterricht außerhalb einer Pandemie nicht gleichzusetzen. Beachtet man zudem, dass auch freizeitliche Ausgleichsaktivitäten und das Alltagsleben, inklusive sozialem Kontakt, eingeschränkt waren (und sind), sollte klar sein, dass psychische Belastungen und Stress eine tatsächlich ernst zu nehmende und anhaltende Folge für die Gesundheit der Schüler*innen darstellen. Jenes trifft auch insbesondere auf die kommenden Abiturprüfungen zu, die mehrere Stunden lang mit Maske zu bestreiten sein sollen.

Dies sind keine prüfungsgerechten Bedingungen für Abschlussprüfungen, die entscheidend für unseren weiteren beruflichen oder akademischen Werdegang sind!

Jeder einzelne hat in den letzten vier Semestern das Maximale gegeben, um die bisherigen eigenen Leistungen, trotz der Einschränkungen und dem damit einhergehenden Schulchaos, zu halten. Von „Mitleidsabitur“ oder einer unangemessenen Abschlussform kann also bei dem von uns erwünschten Durchschnittsabitur nicht die Reden sein. Im Gegensatz zu den vorherigen Jahrgängen konnten wir unter diesen erschwerten Bedingungen (!) sogar die Bereiche des digitalen Lernens, der eigenen Selbstlernkompetenz, Selbstverantwortung und der eigenständigen Zeiteinteilung zusätzlich stärker ausbauen. Hierbei handelt es sich um Softskills, die maßgeblich für unseren weiteren Weg ins Studium oder Berufswelt sind. 

Dies allerdings mit all den freizeitlichen Einschränkungen zu bewerkstelligen, ist für niemanden leicht und kommt einer weiteren Prüfung gleich.

Aus allen bisher genannten Gründen, stellt folglich das Durchschnittsabitur für meine Mitschüler*innen und mich die einzig sinnvolle Umsetzung einer Abschlussbildung dar.  

Außerdem spreche ich mich hiermit auch für eine entsprechende Anpassung für den Abiturjahrgang 2022 aus – hier sind wir für Vorschläge offen, da es noch keine konkrete, funktionierende Umsetzungsvariante gibt und wir alle nicht wissen, wie lange diese Situation noch anhalten wird. Es zeichnet sich aber bereits ab, dass der Abiturjahrgang 2022 auch noch betroffen sein wird.

Abschließend bitten wir hier also inständig um ihr Verständnis und ihre Mithilfe, um uns mittels des Durchschnittsabiturs zumindest im Anschluss an diese pandemiebestimmte Lebensphase einen halbwegs normalen Einstieg in Studium oder Berufsleben zu ermöglichen.

Mit freundlichen Grüßen,

Marie-Luise Schablow

Schulsprecherin

i.A. der sehr bemühten, aber stark herausgeforderten Jahrgänge 2021/2022