
Berliner Club-Chef: „Wir werden von Minderbegabten regiert, die kein Verständnis für die Freiheit haben“
„Wir sind die kleine hässliche Schwester vom Berghain“, sagt Ludwig Eben über seinen Humboldthain Club. Der ist durch einen Neubau bedroht. Ein Gespräch über Techno, Tacheles und Cash.
Stefan Hochgesand
Berliner Zeitung
16.01.2026
Ludwig Eben ist eine Berliner Nachtleben-Legende. Von 1991 bis 2011 hat er das Café Zapata im Kunsthaus Tacheles geleitet. Seit 2013 betreibt er eine der wenigen Diskotheken in Wedding: den Humboldthain Club. Der ist nun in Ebens Augen akut bedroht: Direkt gegenüber sollen teure Apartments entstehen, was zu Lärmbeschwerden führen würde. „Ein Nutzungskonflikt mit Ansage“, schreibt Eben auf der Plattform change.org (zu finden unter dem Stichwort „Humboldthain Club“) in seiner Petition gegen dieses Bauvorhaben auf dem Grundstück Hochstraße 46.
Herr Eben, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Humboldthain Club sollen demnächst 120 sogenannte Mikroapartments entstehen. Warum ist das aus Ihrer Sicht ein Skandal?
Das ist ein Skandal, weil das Gebiet als Gewerbegebiet ausgewiesen ist. Dieser Investor will dort „gewerbliches Wohnen“ einführen. Es ist eine schräge Nummer: Ein Investor aus Luxemburg, der auf kleinstem Raum diese Mikroapartments bauen will, wobei Türen und Fenster in Richtung des Clubs gehen. Vom Bezirk habe ich erfahren, dass diese Bewohner nicht dieselben Rechte wie Mieter in einem reinen Wohngebiet haben und mehr Lärm erdulden müssen, was aber trotzdem nicht sehr beruhigend ist. Solche möblierten Miniwohnungen werden oft zu Hotelpreisen vermietet. Der Gegend bringt das gar nichts; es ist, als würde man an Berlin saugen.
Zur Person
Ludwig Eben, 1964 geboren in München, zog 1987 nach West-Berlin. Er arbeitet an der Schnittstelle von bildender Kunst, Rauminstallation und Clubkultur. 1990 zählte er zu den Gründern der Künstlergruppe Tacheles. Seit 2013 ist er Betreiber des Humboldthain Club in Wedding.
Stehen Sie in Kontakt mit dem Investor?
Die Geschichte ist länger. Vorher war ein anderer Investor da, der erst ein Hotel und dann ein Büro bauen wollte, sich aber versteckt hat – es gab nicht einmal eine Bautafel, die über Bauherr oder Ansprechpartner informiert hätte. Erst später tauchte ein Zettel auf, bevor die Firma insolvent ging und dann an die Luxemburger verkaufte. Die kamen auf mich zu, um Büsche und Bäume zu schneiden, was das Bezirksamt im Sommer jedoch untersagte. In ihrem Prospekt behaupten sie bereits, der Bezirk würde dem Bau zustimmen und man könne Geld einzahlen. Aber der Bezirk hat uns das auf Nachfrage verneint.
„Als Mieter ist man wie ein Pausenclown“
Wie kann das denn sein?
Es ist schwierig beim Bezirksamt: Früher konnte man einfach ins Bauamt gehen, heute braucht man Termine und erreicht telefonisch niemanden. Als Mieter ist man wie ein Pausenclown; nur als Grundstückseigentümer kann man mitreden. Der Baustadtrat hat sogar einen Grundstückstausch mit einem Spielplatz vorgenommen, damit der Investor ein schönes rechteckiges Baugrundstück bekommt. Bei Herrn Ephraim Gote von der SPD bin ich misstrauisch; er scheint oft nicht helfen zu können, wenn es um Bürgerbelange geht.
Sie haben eine Petition gestartet. Wie realistisch scheint Ihnen eine Intervention der Politik?
Je mehr Unterschriften wir haben, desto stärker ist die Petition. Wir wollen die Bezirksbürgermeisterin und den Baustadtrat anschreiben, da es merkwürdig ist, Entscheidungen ohne die Leute vor Ort zu treffen. Wir sind ein Club direkt am Bahndamm. Ein solches Projekt vor unsere Nase zu setzen, ist eine perfide Geschichte und käme der Auslöschung des Clublebens gleich, ähnlich wie man es vom About Blank kennt, wo ein Hotel danebengestellt wurde. Wenn man die letzten Räume zumacht, gibt es keine Clubs mehr; Touristen kommen sicher nicht wegen des Bezirksamtes nach Berlin.
Kann man den Lärm der S-Bahn nicht als Gegenargument nutzen? Wo sowieso schon Bahnhof-Krach herrscht, stört doch auch ein Club nicht weiter?
Laut Umweltamt ist die S-Bahn zwar sehr laut, gilt aber als situativer Lärm – die darf das, alle anderen nicht. Mit unseren jetzigen Nachbarn im Wohngebiet haben wir alles geklärt; wir haben Einmessungen vorgenommen und Lautstärkebegrenzer verplombt.
„Das Umweltamt möchte am liebsten überall Ruhe“
In Wedding gibt es ohnehin kaum Clubs – neben dem Humboldthain noch das Panke und das Heideglühen an der Autobahn.
Der Clubstandort sollte erhalten bleiben, gerade für die soziale Gemeinschaft, wie die Pandemie gezeigt hat. Das Umweltamt möchte aber am liebsten überall Ruhe haben.
Viele Clubs klagen, das Geschäft habe nach den Lockdowns nie wieder das Niveau von vor der Pandemie erreicht.
Ich war durch meine Arbeit im Tacheles krisenerprobt. Wir haben durch Unterstützer Spenden von 25.000 Euro erhalten. Das verpflichtet uns auch, Angebote wie die Open Decks oder Tischtennis am Dienstag günstig zu halten. Wir versuchen, die Preise trotz hoher Mieten moderat zu halten – und sind schneller als andere wieder gestartet.
„Bei uns muss man nicht den Bauch einziehen“
Was macht den Charme Ihres Clubs aus, verglichen mit anderen in der Stadt?
Wir sind die kleine hässliche Schwester vom Berghain. (lacht) Bei uns muss man nicht die Luft anhalten oder den Bauch einziehen; man kann entspannt reinkommen, was ein Gegensatz zu Berlins Hochstyle-Clubs ist. Die Leute fühlen sich wohl, besonders im Sommer auf der Außenfläche oder drinnen bei unserer speziellen Tapete.
Zum Komplex gehören auch zwei Werkstätten und ein Atelier.
Wir arbeiten eng mit Künstlern zusammen, wie etwa Thomas Korn, der gerade ein neues Bild für den Eingang produziert. Wir verstehen Künstlertypen besser als Verwaltungsfachangestellte.
Heutige Superstars wie Marlon Hoffstadt, Ski Aggu oder Ikkimel haben bei Ihnen im Club frühe Auftritte gespielt. Erinnern Sie sich noch an die? War das klar, dass deren Karrieren durch die Decke gehen werden?
Die Hütte war voll und die Stimmung super. Solche kleinen Venues wie wir sind essenziell für Künstlerkarrieren, um sich zu präsentieren und zu üben. Bei unseren Open Decks haben wir jemanden vor Ort, der Lehrstunden im Auflegen gibt. Wir haben 2013 angefangen, als das Viertel noch schwierig war, mit Rockern und Dealern. Nach fünf Jahren waren wir etabliert.
Was ist Ihr Geheimrezept?
Wir arbeiten mit vielen Kollektiven zusammen, die bei uns ein Sorglospaket buchen: Wir machen Tür und Bar, damit sie sich auf die Party konzentrieren können. Kunst ist immer ein Risiko, aber ohne dieses Risiko hätte man nur Glattgebügeltes. Unsere Türpolitik ist einladend, nicht so hart wie anderswo, aber unsere Ordner fangen Stress meist schon oben ab.
Sie haben das Tacheles erwähnt. Macht Sie die Verdrängung heute noch wütend, wenn Sie dort vorbeikommen?
Es macht mich traurig. Das Tacheles war für mich sinnvoll, weil jeden Tag künstlerisch etwas passiert ist. Für uns zählte Kunst, Kunst, Kunst – und erst danach der Cash. Die heutigen Betreiber haben das nicht verstanden. Es gab Bestrebungen von uns, das Haus zu kaufen, was jedoch politisch verhindert wurde. Der Staat hat viel Geld ausgegeben, um uns dort wegzubekommen, weil wir für die Kulturpolitik nicht kontrollierbar waren. Wir waren ein Verein, eine juristische Person, aber wir ließen uns nicht vom Kultursenat gängeln.
Kleine Zeitreise: Wie fing das im Tacheles damals für Sie überhaupt an?
Das war im Februar 1990. Ich war mit der Galerie Unwahr in Kreuzberg und kam über Leo Kondeyne dazu, dessen Band Tacheles hieß. Wir waren Leute, die anpacken konnten – wir haben Strom und Wasser selbst gelegt im Tacheles.
Das klingt nach Abenteuerspielplatz.
Aber mit ernstem Hintergrund: Wir brauchten Platz zum Arbeiten, für Ateliers und Theatergruppen. Wir hatten zuvor im Stuttgarter Hof am Anhalter Bahnhof im Westen geübt. Das Tacheles sollte eigentlich für eine Straßenglättung gesprengt werden; die Sprenglöcher waren schon gebohrt. Wir haben es geschafft, dass der Runde Tisch das Gebäude unter Denkmalschutz gestellt hat.
„Die Auslegung der Emissionsgesetze ist irre“
Wenn wir nun über Clubkrise und Clubsterben sprechen: Braucht Techno nicht das Temporäre und Improvisierte mehr als das Dauerhafte? Aus diesem Geist heraus ist doch die Berliner Clubkultur in den 1990ern so groß geworden, oder nicht?
Die Räume werden aber immer rarer in Berlin. Selbst am Stadtrand gibt es Probleme, wo Nachbarn mit Lärmmessgeräten auf dem Balkon stehen. Die Auslegung der Emissionsgesetze ist irre: Wenn einer ein Problem hat, ist die Party für Tausende Leute vorbei. Die Stadt wird festbetoniert durch Leute mit viel Geld, die nicht mehr weggehen. Das Kapital vernichtet die Szene, wegen der die Menschen eigentlich nach Berlin gekommen sind. Wir werden von Minderbegabten regiert, die kein Verständnis für die Freiheit der Kunst haben.
Sie sind 1987 von München nach Berlin gezogen. Was war damals der Kick? Und konnte Berlin sich etwas davon bewahren?
In Bayern wurde mir signalisiert, dass aus mir nichts wird; ich wurde ständig kontrolliert und bei Demos gefilmt. In West-Berlin gab es dieselben Gesetze, aber sie wurden völlig anders ausgelegt. Ich wollte eine Herausforderung mit mehr Inhalt statt nur einen Job mit BMW. Die heutigen Wohnungsmieten in Berlin finde ich skandalös. Es ist schlimm, dass keine Enteignungen großer Konzerne praktiziert werden.
Was hält Sie trotz allem in Berlin?
Wenn ich in München bin, bin ich dann doch froh, wenn ich wieder nach Berlin kann. Das Beste an München ist die Autobahn nach Berlin. München hat zwar Potenzial, aber alles wird sofort weggebügelt.
Was wäre Ihre Prognose fürs Berlin der Zukunft?
Das Tacheles war ein Beispiel für den Genickbruch durch Immobilienpreise: Grundstücke werden mehrfach verkauft und immer teurer, bis die Wohnungen unbezahlbar sind. Berlin darf nicht zu einem langweiligen Hannover 2.0 werden.