Der Bürgerinitiativkreis nimmt das zum 3. Mai 2020 erfolgte Ausscheiden von Professor Dr. Peter Zimmerling aus dem langjährig bekleideten Amt des Ersten Universitätspredigers in Leipzig zum Anlass, eine Reihe von höchstpersönlichen Statements aus dem namhaften Unterstützerkreis der Petition „Wort halten“ zu starten. Über die nächsten Monate und Jahre hinweg sollen unter dem Motto „Wort halten – warum ich mich weiterhin für die Wiederaufstellung der Kanzel der Universitätskirche St. Pauli einsetze!“ in unregelmäßigen Abständen Kurzplädoyers veröffentlicht werden. Dies ist Ausdruck der festen Gewissheit des Bürgerinitiativkreises, dass die Wunde der kanzellosen Universitätskirche auf Dauer nach Heilung ruft.
Der Wortbruch, den die Universitätsleitung begeht, indem sie die im Dezember 2008 schriftlich durch Vermittlung der damaligen Generalbundesanwältin Prof. Harms getroffene Vereinbarung zur Rückkehr der geretteten Ausstattungsstücke an ihren Ursprungsort weiter beharrlich ignoriert, wird nicht das letzte Wort sein! Die Kanzel als das Symbol des freien Wortes aus dunklen Zeiten deutscher Geschichte kann nicht weggesperrt bleiben in den Depots der Kustodie! Jenseits aller liturgischen Funktionen wird die Zeit kommen, in der sich die Universität ihres Schatzes bewusst sein wird und ihn selbstverständlich und mit Stolz dort präsentiert, wo er einzig hingehört: An den Ort, an dem Steinmetze sie kurz vor der Kirchensprengung im Mai 1968 in einer Notbergung retteten!
Der Bürgerinitiativkreis fordert mit jedem einzelnen der künftigen Plädoyers die Staatsregierung des Freistaates Sachsen auf, der Universität Leipzig jede erforderliche Unterstützung bei der Schaffung der notwendigen Voraussetzungen für die Kanzelanbringung anzubieten. Der Bürgerinitiativkreis drückt ferner mit jedem künftigen Plädoyer die Erwartung aus, dass sich Nachfolger im Amt des Ersten Universitätspredigers in einer historischen Reihe mit all ihren Vorgängern und mit den vergangenen Sächsischen Landesbischöfen dafür engagieren, dass am Ort der Predigt der Universitätskirche Heilung der letzten heilbaren Wunde geschieht!
Das erste Plädoyer in dieser Reihe gebührt dem bisherigen Ersten Universitätsprediger höchstpersönlich. Dass seine 2014 mit einstimmiger Unterstützung des Predigerkonvents erfolgte Bedarfsanmeldung für den Ort seiner Predigt von der Universitätsleitung unterminiert wurde, bleibt nach den Geschehnissen von 1968 ein schweres geschichtliches Erbe für die Universität. Professor Dr. Peter Zimmerling hinterlässt der nachfolgenden Generation nunmehr die Aufgabe, diesem Erbe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen! Der Bürgerinitiativkreis „Wort halten“ hat sich 2019 als Unterstützerkreis für den Ersten Universitätsprediger gegründet und wird voller Respekt für die von ihm geleistete Arbeit und im Geiste seines Plädoyers weiterarbeiten!
„Wort halten“ – warum ich mich weiterhin für die Wiederaufstellung der Kanzel der Universitätskirche St. Pauli einsetze
Dies sind meine letzten Tage im Amt des Universitätspredigers. Beim Einsatz für die Wiederaufstellung der geretteten Kanzel ging es mir wahrlich nicht darum, den kirchlichen Machtanspruch über den Gesamtraum von Aula und Universitätskirche durchzusetzen. Mein Ziel war auch nicht, die historische Raumanmutung der alten Universitätskirche möglichst originalgetreu wiederherzustellen. Erst recht wollte ich die Kanzel nicht fahrlässig einer konservatorischen Gefährdung aussetzen. Warum dann das riskante Unternehmen, mit meinem Plädoyer den mühsam errungenen Frieden rund um den Neubau von Aula und Universitätskirche St. Pauli aufs Spiel zu setzen?
In diesem Monat vor genau 15 Jahren wurde ich Professor an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig. Damals waren die wesentlichen Entscheidungen im Hinblick auf den Neubau bereits gefallen. Dazu gehörte der erklärte Wille aller Beteiligten, zusammen mit den anderen bedeutenden Kunstwerken aus der alten Universitätskirche, auch die barocke Kanzel wiederaufzustellen. Dahinter standen nicht zuletzt der Respekt davor und die Freude darüber, dass diese Kunstwerke gegen mancherlei Widerstände buchstäblich unmittelbar vor der Sprengung geborgen werden konnten. Als ich dann vor bald einem Jahrzehnt Erster Universitätsprediger wurde, war es für mich selbstverständlich, das von meinen beiden Amtsvorgängern Martin Petzoldt und Rüdiger Lux Angefangene zu Ende zu bringen. Anders als ich hatten sie die Kanzel in Kirchen als einzig verbliebenen Ort der freien Rede zu DDR-Zeiten selbst erlebt – und um deren Erhalt manche persönlichen Nachteile auf sich genommen. Aus dem Westen gekommen, wollte ich nicht hinter ihrem Mut zurückstehen. Dazu kam, dass mir anlässlich von Vorträgen außerhalb Leipzigs – gerade auch von Nicht-Christen – immer wieder etwas irritiert die Frage gestellt wurde, was denn bei uns los sei: Sie beneideten uns als Universität um unsere Kunstschätze und konnten partout nicht verstehen, wieso die gerettete Kanzel nicht aufgestellt werden sollte. Man müsse doch alles nur Denkbare unternehmen, damit die Kultur-Barbarei der SED-Diktatur nicht das letzte Wort behalte. Recht haben sie, dachte ich. Schließlich hat mich die gottesdienstliche Nutzung von Aula und Universitätskirche in den vergangenen Jahren seit ihrer Wiedereinweihung am 1. Advent 2017 noch einmal in meinem Einsatz für die Wiederaufstellung der geretteten Kanzel bestärkt. Die große, ja überwältigende Resonanz, die die Universitätsgottesdienste an jedem Sonn- und Feiertag um 11 Uhr seitdem fanden, und die Entstehung einer großen Universitätsgemeinde von Menschen aller Altersgruppen machen eine Kanzel schlicht notwendig. Sie wird als Predigtpult dringend gebraucht. Die Aufstellung entspricht der vom Haushaltsgesetzgeber festgelegten Mischnutzung, den Raum in gleichen Teilen sowohl als Aula als auch als Kirche zu verwenden!
Die Regierung des Freistaats zeigte sich in den vergangenen Monaten offen dafür, eine Klimatisierung des Gesamtraumes von Aula und Universitätskirche finanziell mitzutragen. Was kann uns als Universität Besseres passieren? Damit wären sämtliche drängenden konservatorischen Probleme auf einmal gelöst: nicht nur im Hinblick auf die Kanzel, sondern auch die große Jehmlich-Orgel auf der Westempore und die Epitaphien im Altarbereich, die durch die regelmäßige Öffnung der Glaswand gefährdet sind.
Ein Letztes: auch ästhetisch würden Aula und Universitätskirche enorm gewinnen. Sie würden wieder als Gesamtraum in ihrer besonderen Prägung erfahrbar werden. Die Kanzel spielte nämlich als Bindeglied zwischen Altarraum und Hauptraum eine entscheidende Rolle. Selbst in DDR-Zeiten wurden Kanzeln in zu Konzertsälen umgestalteten Kirchenräumen erhalten…
Leipzig, den 1. Mai 2020
Prof. Dr. Peter Zimmerling
veröffentlicht im Namen des Bürgerinitiativkreises „Wort halten“
Christine Clauß Jost Brüggenwirth
Mitunterzeichner der Onlinepetition des Bürgerinitiativkreises "Wort halten":
Steffen Berlich
Stephan Bickardt, Direktor der Evangelischen Akademie Meißen
Prof.Georg Christoph Biller, Thomaskantor a.D.
Benedikt Bierbaum, Senator der Universität Leipzig
Prof. Dr. Herbert Blomstedt, Gewandhauskapellmeister a.D.
Jochen Bohl, Bischof i.R.
Heidi Bohley
Prof. Dr. Peter Borneleit
Georg-Ludwig von Breitenbuch, MdL, stellv. Vorsitzender der CDU Fraktion
Dr.-Ing. E.h. Eberhard Burger, Baudirektor i.R. und Sprecher der Geschäftsführung i.R. der Stiftung Frauenkirche Dresden
Prof. Dr. Alexander Deeg, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Rainer Eckert, Direktor bei Zeitgeschichtliches Forum Leipzig i.R.
Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Leiter a.D. des Fraunhofer Instituts für Zelltherapie und Immunologie
Dr. Thomas Feist, ehem. MdB, Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Stadt Leipzig
Sebastian Führer, Pfarrer an der Nathanaelkirche zu Leipzig
Hans Geisler, Staatsminister a.D.
Sebastian Gemkow, MdL
Gregor Giele, Propst der Kath. Propstei St. Trinitatis Leipzig
Dr. Roman Götze, Rechtsanwalt
RA Wolfram Günther, MdL
Prof. Ludwig Güttler, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Monika Harms, Generalbundesanwältin a.D.
Helga Hassenrück, Vorstandsmitglied des Paulinervereins e.V.
Dr. Martin Helmstedt, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Martin Henker, Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig
Prof. Dr. Jens Herzer, Vorstand der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Martin Hundertmark, Pfarrer an der Thomaskirche zu Leipzig
Dr. Christian Jonas, stellv. Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins e.V.
Prof. Dr. Eberhard Keller
Dr. Johannes Kimme, Präsident a.D. des Landeskirchenamtes der Ev.-Luth.Landeskirche Sachsen
Dr. Klaus Knödel, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Michael Korn
Prof. Dr. Peter Krumbiegel und Cornelia Krumbiegel
Frank Kupfer, Staatsminister a.D.
Johannes Lehnert, Pfarrer
Bernd-Lutz Lange, Kabarettist
Prof. Dr. Rüdiger Lux, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Heinrich Magirius, Landeskonservator a.D.
Rainer Manertz, Sprecher Verbund Zerstörter Kirchen (VZK)
Prof. Kurt Ulrich Mayer, Rechtsanwalt
Dr. Robert Moore, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Gerd Mucke, stellv. Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins e.V.
Jochen Müller-Berndorff, Notar i.R:
Günter Neubert, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Mareth Oldiges
Prof. Siegfried Pank, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Birgit und Michael Pommer, Pommer Spezialbetonbau GmbH
Ulrike Poppe, Bürgerrechtlerin
Silke Rahn, Vorstandsmitglied des Paulinervereins e.V.
Prof. Dr. Wolfgang Ratzmann
Thorsten Reich, Vorstandsmitglied des Paulinervereins e.V.
Wilfried Richard, Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins e.V.
Claus-Uwe Rothkegel, Rothkegel Baufachhandel, stellv. CDU-Fraktionsvorsitzender Stadtrat Leipzig
Prof. Dr. Uwe Schirmer, Dechant und Domherr des Domkapitels Meißen
Friedrich Schorlemmer, Pfarrer a.D. Schlosskirche Lutherstadt Wittenberg
Thomaskantor Gotthold Schwarz, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Arnd Schulheiß, Maler und Grafiker
Werner Schulz, ehem. MdEP
Prof. Dr. Matthias Schwarz, Vorstandsvorsitzender der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. med. habil. Christian Schwokowski
Bernhard Stief, Pfarrer St. Nikolaikirche zu Leipzig
Dr. Ulrich Stötzner, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Jürgen Stückrad
Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche zu Leipzig
Dr. Wolfgang Thierse, MdB und Bundestagspräsident a.D.
Gabriele Tiefensee
Prof. David Timm, Universitätsmusikdirektor, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Heinrich Timmerevers, Bischof Bistum Dresden Meissen
Katharina Turre
Prof. Ulrich Urban und Elke Urban, Kuratorin der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Arnold Vaatz, stellv. Vorsitzender der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion
Prof. Martin Christian Vogel, Hochschule f. Musik Detmold, Vorstand Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung
Dr. Natalie K. Watson
Dr. Annette Weidhas, stellv. Vorstandsvorsitzende der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Gunter Weißgerber, ehem. MdB
Karin Wieckhorst, Fotografin
Prof. Dr. Peter Zimmerling, Universitätsprediger, Kurator Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann
und insgesamt über 1400 Personen, die sich bis dato schon der Change.org Petition „Wort halten“ angeschlossen haben.
https://www.change.org/p/rektorat-der-universität-leipzig-wort-halten
Kontakt:
Bürgerinitiativkreis "Wort halten"
c/o Stiftung "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig"
Burgstr. 5
04109 Leipzig
info@stiftung-universitaetskirche.de
weiterführende Dokumentationen:
Offener Brief des Universitätspredigers im Original vom 29.09.2019
Schreiben des Bürgerinitiativkreises an die Universitätsleitung und Senatoren vom 10.09.2019
Auszug aus rechtswissenschaftlicher Abhandlung Goerlich/Schmidt zum Amt des Universitätspredigers