
Berliner Zeitung Nr. 4 - 06. Januar 2022 - Seite 15
Kassel ächtet als erste Stadt nicht nur das N-Wort, sondern auch das M-Wort. Die Ehefrau unseres Autors hat das erkämpft.
THOMAS HUNSTOCK
Die Würde des Menschen ist unantastbar. Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Denkt man über diese beiden Sätze nach, muss man konstatieren, dass weder das Grundgesetz noch die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte für Schwarze Menschen in Deutschland gelten.
Zu Beginn des Jahres 2017 kam ein Expertenteam der Vereinten Nationen zu der Feststellung, dass unser Grundgesetz zwar die Menschenwürde für unantastbar erklärt, Gleichheit für alle Menschen garantiert und rassistische Diskriminierung verbietet – diese Rechte für Schwarze Menschen aber nicht durchgesetzt werden. Die jetzt vorliegende Auswertung des Afrozensus zeigt, dass sich auch seit 2017 nichts daran geändert hat. Der Bericht erfasst die Lebensumstände und die Erfahrungen mit Diskriminierungen von Schwarzen und Menschen afrikanischer Abstammung in Deutschland.
In Fulda scheiterte ein Antrag
Die UN-Dekade gegen Rassismus
und Diskriminierung läuft seit 2015. Vor allem die Diskriminierung von Menschen afrikanischer Abstammung sollte zehn Jahre lang bekämpft werden. Das Deutsche Institut für Menschenrechte e.V. in Berlin ist in Deutschland für die Umsetzung verantwortlich, aber meiner Wahrnehmung nach glänzt es bisher eher mit Zurückhaltung. Drei der zehn Jahre bleiben noch. Bei der Diskriminierung Schwarzer Menschen geht es natürlich nicht nur um Sprache. Aber es geht auch um Sprache. Um die Verwendung von Begriffen, die Menschen verletzen. Meine Ehefrau, die Schwarze Aktivistin Ruth Hunstock, hat durch zwei Anträge erreicht, dass Kassel als einzige Stadt in Deutschland nicht nur die Verwendung des N-Wortes,
sondern auch die des M-Wortes als rassistisch anerkannt hat.
Andere Kommunen haben immerhin das N-Wort geächtet, München, Nürnberg und Jena wollen im Jahr 2022 folgen. In Fulda scheiterte ein Antrag der Linken zur Ächtung des N-Wortes kläglich, in Frankfurt liegt ein Antrag von „Die Fraktion“ im Römer vor. Viele Leser:innen werden an dieser Stelle vermutlich entgegnen, dass solche Diskussionen über den
Sprachgebrauch wenig zielführend
sind. Wer sich durch ein Schimpfwort beleidigt fühlt, hat nur ein zu schwaches Selbstbewusstsein oder ist übertrieben empfindlich. Einfach drüber stehen! Das wird gern geraten. Man solle der Sprache nicht zu viel Bedeutung zumessen, heißt es.
Ist es wirklich so einfach? Sind
verbale rassistische Übergriffe
wirklich „nur“ Beleidigungen und
rassistische Fremdbezeichnungen „nur“ Schimpfwörter? Vor allem Menschen, die selbst nicht von Rassismus betroffen sind, scheinen von letzterem überzeugt. Dieselben Menschen glauben allerdings schnell, Opfer von Rassismus geworden zu sein, wenn sie im Urlaub als „Weißbrot“ bezeichnet wurden. Oft ist auch zu hören, die Betroffenen Menschen müssten sich einfach nur „besser“ integrieren. Dahinter scheint die Annahme zu stecken, dass bei hundertprozentiger Integration auch zwangsläufig eine hundertprozentige Akzeptanz „unserer“ Sprache erfolgen würde. Unserer Sprache? Auch solche
Aussagen offenbaren rassistische
Denkweisen, denn sie unterstellen, dass Schwarzsein und Deutschsein
unvereinbar sind. Die Muttersprache eines Schwarzen Menschen kann demnach niemals Deutsch sein, egal in welcher Generation sie oder er hier schon lebt. Bemängelt wird die ungenügende Integrationsbereitschaft – gemeint ist aber die fehlende Bereitschaft der Betroffenen, rassistische Herabwürdigungen zu erdulden, sich damit abzufinden und sich zu fügen.
Große Teile der Mehrheitsgesellschaft halten es für unzumutbar, in ihrem Sprachgebrauch auf rassistische Bezeichnungen für Menschen zu verzichten. Sie benutzen die Begriffe einfach weiter. Weil sie es schon immer so gemacht haben. Bezeichnet man das als rassistisch, ist ihre Empörung grenzenlos. Die Verletzungen, die Schwarze Menschen durch die Konfrontation mit diesen Bezeichnungen erleiden, sind ihnen egal.
Selbstverständlich kann Sprache rassistisch sein.
Als die politische Unterdrückung und Ausbeutung des afrikanischen Kontinents, einhergehend mit der Versklavung Schwarzer Menschen, legitimiert werden musste, formierte sich der Rassismus als Rechtfertigungsinstrument. Sprache war das wichtigste Instrument, um den Legitimationsmythos zu vermitteln. Durch abwertende Bezeichnungen wurden Schwarze Menschen als minderwertig konstruiert. Als Beispiel sei hier der Begriff „Häuptling“ für Anführer genannt. Der Suffix „-ling“ steht für eine Verkleinerung wie etwa beim „Lehrling“ oder erinnert an die Abwertung beim „Feigling“. Da das Wort zudem nur mit Männern assoziiert wird, bleibt die Machtausübung von Frauen im
Kontext afrikanischer Gesellschaften ausgeblendet. Oft werden durch
solche Sprachschöpfungen gesellschaftliche Wirklichkeiten negiert. Ein zentraler Baustein der Konstruktion von Afrika als unterlegenen Gegenpol zu Europa durch sprachliche Neuschöpfungen war die begriffliche Herstellung eines hierarchischen Gegensatzes zwischen
„Natur“ und „Kultur“. So wurden afrikanische Männer als „Buschmänner“ bezeichnet. In Europa sprach man von den „Völkern“ des Kontinents, in Afrika von „Naturvölkern“. Fremdbezeichnungen, die es gab und die negativ besetzt waren, wie das M-Wort, wurden übernommen und einer weiteren Bedeutungsverschlechterung unterzogen. Das wirkte unterschwellig und nachhaltig. Es entstand der Eindruck, Afrika sei das homogene und unterlegenen „Andere“, eine Welt, die der „Zivilisierung“ durch Europa bedürfe. In Deutschland ist die Geschichte des Kolonialismus bis heute kaum aufgearbeitet. Auch mit kolonial belasteten Begriffen in unserer Sprache hat man sich bisher kaum auseinandergesetzt.
Insbesondere beim M-Wort setzen sich große Teile der Mehrheitsgesellschaft vehement für den Erhalt ein. Die Namen aller
M-Apotheken und M-Straßen
sollen bleiben, fordern sie. Und
natürlich sollen auch die leckeren
Schaumküsse ihren vertrauten
Namen behalten. Die können doch gar nicht rassistisch sein! Es scheint eine geradezu romantische Beziehung vieler Menschen zu diesem Wort zu geben. Rassistische Begriffe mit angenehmen Dingen zu verbinden, gehört zur Unsichtbarmachung von
Rassismus. Man denke an Schnitzel
und Saucen, die mit dem Z-Wort benannt wurden. In einer Welt, die von Antiziganismus, also der Diskriminierung und Ausgrenzung von Roma und Sinti, geprägt war und ist.
Das M-Wort steht in der Tradition, Schwarze Menschen über die Sprache abzuwerten. Wie das N-Wort diente es dazu, Menschen rassistisch zu kategorisieren. Weiße Menschen wurden dabei als überlegene Herrenrasse konstruiert. Am M-Wort scheinen auch viele Politiker:innen zu hängen. Selbst von einem Schwarzen Politiker war vor kurzem zu lesen, dass er sich nicht am Namen der M-Apotheke seines Wohnortes störe.
Wie Beweismittel
Schwarze Menschen, die öffentlich
bekunden, sich an bestimmten Begriffen nicht zu stören, werden gern
als Beispiele gelungener Integration
gefeiert und ins Fernsehen eingeladen. Ihre Sätze werden wie Beweismittel für die Unbedenklichkeit des M-Wortes verwendet.
Ein Schwarzer Koch schaffte es
beispielsweise bis zu Frank Plasberg
in die Talkshow „Hart aber fair“. Er
erklärte, dass M-Wort nicht nur für
den Namen seines Restaurants,
sondern sogar für sich selbst zu benutzen und keinerlei Probleme damit zu haben. Sprachwissenschaftler:innen, die fundierte Aufklärung hätten beitragen können, waren nicht in der Sendung.
Der Autor ist mit der Kasseler Blackaktivistin Ruth Hunstock verheiratet und unterstützt die Initiative SIDE BY SIDE