Rainer BrüggemannAm Mellensee, Germany
27 Feb 2020

Noch immer stolzieren Männer in schwarzen, ausladenden Hüten und adretten, schwarzen Pantoffeln hinaus ins sandige Rund, bei dessen Auftritten die Frauen kreischen und Rosen und Kondome in die Arenen werfen. Sie tragen noch immer ihre schweren Umhänge, die außen lila und innen kanariengelb leuchten. Darunter stecken sie in funkelnden Kleidern, die enger an ihren drahtigen Körpern anliegen, als möglich oder empfehlenswert erscheint, und die die Spanier nur „Anzüge aus Licht“ nennen.

In einer Zeit, in der Menschen der Begriff Realität meist nur noch in Anführungszeichnen begegnet, gibt es wenige Spektakel, die so unmittelbar die Gefühle ansprechen wie der Stierkampf. Brutalität und Gewalt mögen vielen auf Bildschirmen begegnen, doch die Stierblut-Orgie kann selbst diejenigen noch schockieren, die durch virtuelle Gräuel abgestumpft sind. Bislang konnte man nur staunen, dass ein Phänomen wie dieses im 21. Jahrhundert immer noch fest im Alltag einer modernen europäischen Nation verankert ist. 

Im Juli 2010 hat Katalonien als erste Region in Spanien ein Gesetz gegen den Stierkampf erlassen. Ab 2012 ist „La Corrida“ in der autonomen Region im Nordosten verboten. Es ist ein Triumph für die spanische Anti-Stierkampf-Bewegung, die langsam in die Mitte einer Gesellschaft vordringt, für die der Gedanke, dass auch Tiere Rechte haben, noch bis vor kurzem eine rätselhafte Idee aus dem Ausland war.

Die Befürworter des Stierkampfs bezeichnen ihn auch als „fiesta nacional“ – als sei der Stierkampf in einem Land, in dem hunderttausende von Festen gefeiert werden, das eine große Fest, auf das sich alle Spanier verständigen können. Und wirklich: Bis zur Jahrtausendwende wurden Stierkampf-Gegner als feige, unpatriotische Gesellen stigmatisiert. Antonio Morena von der Tierschutzorganisation Colectivo Andaluz Contra el Maltrato Animal erinnert sich, dass vor nicht allzu langer Zeit jemand, der sich in einer Kneipe abfällig über Stierkämpfe äußerte, den Rausschmiss riskierte. Kritiker wurden mit einer Verachtung gestraft, in der sowohl Angst vor dem Fremden als auch Sexismus durchklangen: Andrés Amorós etwa, der Doyen unter den Stierkampf-Theoretikern und Autor des „Der-Stier-als-Kulturgut“-Wälzers Toros y Cultura, tat die Antitaurinos als „ängstliche englische Jungfern“ ab.

Heute lassen sich die Gegner nicht mehr so leicht karikieren – im Wesentlichen weil die Ablehnung des Stierkampfs kein Randphänomen mehr ist. Das bekräftigt nicht nur das Gesetz der Katalanen: Umfragen gehen davon aus, dass etwa 80 Prozent der Spanier sich für die Corrida nicht interessieren oder sie ablehnen. Die Gegner haben Dutzende Organisationsformen gefunden: mehrere Tierschutzvereine, politische Parteien, Facebook-Gruppen und auch einige proto-anarchistischen Zellen florieren seit Jahren.

Während der Stierkampf-Saison vergeht kaum ein Wochenende ohne eine Demonstration vor einer der Arenen. Die Protestierer sind mit Blut beschmiert und tragen Transparente mit Slogans wie „Folter. Weder Kunst noch Kultur“. Während die Vertreter der Stierkampf-Industrie mehr oder weniger so weitermachen, als wäre das World Wide Web nie erfunden worden, nutzen die Gegner das Internet, um sich zu organisieren – und sind zugleich bereit, in Mietbussen quer durch Spanien zu fahren, immer auf der Suche nach Fiestas, bei denen sie Präsenz zeigen können.

Regionalisten nutzen den Tierschutz

Unter den autonomen Regionen war Katalonien stets eine Hochburg der Stierkampf-Gegner. Für viele Regionalisten ist der Stierkampf eine politische Angelegenheit: ein „ausländischer“ Brauch, für den auf katalonischem Boden kein Platz sein sollte. Mit dieser Begründung hat etwa die ökosozialistische Regionalpartei Iniciativa per Catalunya Verds das Verbot im Parlament vertreten. Wer jedoch meint, in Katalonien habe es nie eine echte Stierkampf-Tradition gegeben, der irrt. Die „Curses de Braus“ – so der katalanische Name – sind in der Provinz Tarragona immer noch beliebt, ungeachtet dessen, was die Städter in Barcelona denken mögen. Es gab eine Zeit, da war Barcelona mit drei Arenen selbst eines der Stierkampf-Zentren Spaniens – darunter „Las Arenas“, wo heute ein Einkaufszentrum entsteht, und die „Plaza de Toros Monumental“, wo 1967 die Beatles auftraten.

Leonardo Anselmi von der Plataforma Prou, die als wichtigste Kraft hinter dem Verbotsgesetz in Katalonien gilt, erzählt, wie Barcelona den Tag erlebte, als dort die größte Anti-Stierkampf-Demonstration aller Zeiten stattfand: zunächst war unsere Bewegung eine kleine Protestbewegung. Demos, Transparente, das übliche Zeug. Zu unserer ersten Demo in Barcelona waren etwa 300 Leute gekommen. Dann jedoch marschierten 5.000 Menschen zur „Plaza de Toros Monumental“. Bis zu einem Volksbegehren – 180.000 Unterschriften kamen in Katalonien zusammen – war es dann nur noch ein kleiner Schritt. Daraus wurde die Gesetzesvorlage, der am 28. Juli 2010 genau 68 Abgeordnete zustimmten, bei 55 Gegenstimmen und neun Enthaltungen.

Katalonien und die dortige Anti Stierkampf Bewegung hat gezeigt, wie wichtig es ist, sich weiterhin für ein generelles Stierkampfverbot einzusetzen. Deshalb ist jede Stimme für ein Verbot enorm wichtig!

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