

Liebe UnterstützerInnen für den Erhalt des SEZ,
nach der Räumung gab es weitere Berichterstattung rund ums SEZ.
Alexander Reich hat einen Kommentar in der Berliner Zeitung verfasst, der insbesondere in den sozialen Medien für kontroverse Diskussionen gesorgt hat: "Das SEZ in Berlin-Friedrichshain kann weg!"
Herr Reich behauptet, das SEZ sei eine "Ruine" und "Schrottimmobilie". Solch eine Behauptung kann man nur aufstellen, wenn man das Gebäude nicht im aktuellen Zustand kennt, sondern sich nur vom äußeren Anblick leiten lässt. Wir waren als Bürgerinitiative in den zurückliegenden Wochen mehrfach im Gebäude. Und wie man an unseren Fotos (u.a. auf https://www.instagram.com/susanne.lorenz.1974) sehen kann, ist das Gebäude sehr gut erhalten, insbesondere die Grundsubstanz / Tragstruktur, was auch versierte Bauingenieure so einschätzen. Unbestritten besteht aber ein Sanierungsbedarf, wie auch bei anderen Gebäuden dieses Alters.
Auch die Aussage "erbaut nach Plänen schwedischer Architekten" zeigt, wie wenig informiert Herr Reich ist. Die Planung hat die westdeutsche Hochtief AG erstellt, federführend durch Architekt Günter Reiß, der zuvor aus der DDR geflohen war, wie die Berliner Zeitung selbst berichtet hat. Günter Reiß hat auch Aktiven von Architects4Future, die Teil unserer Bürgerinitiative "SEZ für alle" sind, die Originalpläne zum Bau des SEZ gezeigt.
Den UnterstützerInnen für den Erhalt "Ostalgie" zu unterstellen, zeugt ebenso von Unwissen. Unsere Bürgeriniative "SEZ für alle" besteht beispielsweise etwa ausgeglichen aus Menschen mit früherer Ost- und Westbiografie sowie Menschen, die erst nach dem Mauerfall geboren wurden. Manche von uns waren bereits in der Kindheit im SEZ, andere erst nach dem Mauerfall und wieder andere hatten erst jetzt die Gelegenheit. Es treibt uns also keine verklärte Nostalgie an, sondern gewichtige Gründe für den Erhalt, wie z.B. der große Bedarf an Sport- und Erholungsflächen, die Multifunktionalität und der besondere architektonische Wert des Gebäudes sowie die perfekte Einpassung in den Volkspark Friedrichshain.
Weiterhin behauptet Herr Reich, das SEZ hätte länger leergestanden, als es betrieben wurde. Auch dies ist nicht korrekt. Zwar hat der "Investor" den Badebetrieb nicht wie vereinbart wieder ausreichend in Betrieb genommen, aber das SEZ wurde all die Jahre genutzt (u.a. Außenpool, Sauna, Fitnessgeräte, Bowlingbahn, Badminton, Tischtennis, Beachvolleyball, Basketball, Fußball, Filmlocation, Messen, weitere Veranstaltungen, zuletzt Technoclub und Yoga-Sessions) und entsprechend beheizt und teilweise instandgehalten.
Wenn Herr Reich mit der "örtlichen Bürgerinitiative" unsere Initiative meint, hat er unser Anliegen nicht wirklich verstanden. Wir wollen nicht "unser Spaßbad" haben. Wir kämpfen dafür, dass das multifunktionale SEZ wieder allen Menschen dieser Stadt für Sport- und Erholungszwecke zur Verfügung gestellt werden kann, mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten und als Bildungsort für die Kinder und Jugendlichen dieser Stadt. Das SEZ könnte eine wunderbare Ergänzung zum FEZ in der Wuhlheide sein, welches Kindern und Familien ein außerordentliches Angebot bereitstellt und sehr gut genutzt wird. Ja, ein Erlebnisbad fehlt in der Hauptstadt Berlin komplett und kann im SEZ leicht wieder in Betrieb genommen werden. Auch wenn dahingestellt sei, ob man dafür zwingend Whirlpools braucht, gab es im SEZ immerhin das Strahlenbecken mit Massageeffekten. Und auch eine Rutsche im Außenbereich, wenn auch nicht mit Highspeed-Faktor, wie Herr Reich schreibt. Ein Wellenbecken dagegen ist auch heute eine echte Rarität in Erlebnisbädern. Da es in Friedrichshain aktuell weder Hallenbad noch Freibad gibt, könnte man sicher auch das Außenbecken des SEZ noch erweitern. Zudem wird die Eisbahn wieder benötigt, nicht nur wegen des genialen energetischen Konzepts des SEZ mit Kälte-Wärme-Kopplung, sondern auch, weil es an Flächen zum Schlittschuhlaufen in Berlin mangelt. Aber auch all die sonstigen Sport-, Erholungs- und Veranstaltungsflächen, Gastronomie und Parkbereiche können im SEZ wieder sinnvoll genutzt werden. Und selbstverständlich sollte geprüft werden, welche zeitgemäßen Nutzungen ergänzt werden können - wieso nicht noch Halfpipe und Boulderfläche integrieren? Das riesige Gebäude und Gelände bieten sicher vielfältige Möglichkeiten.
Dass das SEZ trotz hohem Denkmalwert, den die Fachwelt bescheinigt (u.a. Architektenkammer Berlin), bisher nicht unter Schutz gestellt wurde und das Landesdenkmalamt sich auf die Prüfung aus dem Jahre 2013 zurückzieht, anstatt neue Fakten zu würdigen, mutet auch befremdlich an. Inwiefern es fachlich sinnvoll ist, das Landesdenkmalamt der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen zu unterstellen, darf sicher hinterfragt werden.
Zur Erfordernis, auf dem Gelände Wohnungen und Schule zu bauen, habe ich schon ausführlich geschrieben. Ich erinnere hier nur an die Drehscheibenschule auf der Werneuchener Wiese, die nur temporär genutzt und dann wieder abgerissen werden soll, zudem die Planung von Stadtvillen (Visualisierung der Solitärbauten aus S. 37 "Luftschadstoffuntersuchung zum Bebauungsplan 2-43") mit privater Parkanlage gemäß Bebauungsplan. Was Berlin besonders dringend braucht, ist bezahlbarer Wohnraum. Dieser wird bei Neubauprojekten immer nur zu einem gewissen Anteil realisiert. Die restlichen Wohnungen treiben dann wieder die im Mietspiegel ausgewiesenen Durchschnittsmieten in die Höhe. Wenn man sich den B-Plan 2-43 genau anschaut, kann man nur Vermutungen darüber anstellen, welche Wohnungen in den lärmgeschützen Solitärbauten im Park realisiert werden und welche in den Riegelbauten an den mit gesundheitsgefährdendem Lärm belasteten Hauptverkehrsstraßen Landsberger Allee und Danziger Straße. Was noch bezahlbaren Wohnraum schaffen könnte, hatte ich im letzten Update ausführlich dargestellt (konsequentes Vorgehen gegen Leerstand von Wohnungen sowie illegale Dauervermietung als Ferienwohnungen, Umsetzung des Volksentscheids "Deutsche Wohnen und Co. enteignen", Wohnungstausch kommunaler Wohnungen ohne Mieterhöhungen, aber auch Umsetzung der bereits geplanten Wohnungsbauprojekte der städtischen Wohnungsbaugesellschaften auf günstigeren Brachflächen).
Was zur Wohnungsnot nicht so recht passen mag, ist die laufende Imagekampagne Berlins, mit der in anderen bundesdeutschen Städten darum geworben wird, nach Berlin zu ziehen: "Berlin will mehr Schwaben haben: Wie die neue Image-Kampagne ankommt"
Nach der ausführlichen Kommentierung des Artikels von Herrn Reich möchte ich auf den wunderbaren Artikel seiner Kollegin Anne Vorbringer verweisen, der ebenfalls in der Berliner Zeitung erschienen ist: "Berlin braucht diesen Ort: Nein, das SEZ kann nicht einfach weg!"
Frau Vorbringer weist darauf hin, dass die Stadt nicht nur Wohnungen, sondern auch Sport- und Freizeitstätten braucht, u.a. damit Kinder schwimmen lernen können, was aufgrund der geringen Schwimmbad- und Kurskapazitäten immer weniger möglich ist. Frau Vorbringer konnte sich vor einigen Monaten selbst vom guten Zustand des SEZ überzeugen. Auch weiß sie um die hochwertigen Materialien und damals sehr fortschrittliche Technik (u.a. Kälte-Wärme-Kopplung), die ins SEZ einflossen. Ihr Artikel scheint deutlich fundierter als der ihres Kollegen Herrn Reich.
Hinweisen möchte ich auch auf folgenden Artikel im Berliner Kurier: "Vor Jahnstadion-Abriss: Auch DIESE DDR-Bauten machte man in Berlin platt"
Herr Koch-Klaucke berichtet zum geplanten morgigen Beginn des Abrisses des Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadions. Auch hier favorisiert der Senat Abriss und Neubau anstelle einer Sanierung resp. eines Umbaus - trotz vieler Bürgerproteste und einer ebenfalls stark unterstützten Petition. Wenn diese Entscheidung des Senats ab morgen tatsächlich umgesetzt wird, wird nicht nur ein bedeutendes Bauwerk und wichtige graue Energie vernichtet, sondern ein Vielfaches an Kosten verursacht. Alternativplanungen, die einen behindertengerechten Umbau berücksichtigen, Kosten und Emmissionen sparen, wurden abgelehnt.
Dass SEZ und Jahn-Stadion nicht die einzigen bedeutenden Bauwerke der Ostmoderne sind, die dem Abrisswahn des Senats seit dem Mauerfall zum Opfer fielen resp. fallen sollen, arbeitet Herr Koch-Klaucke an wichtigen Beispielen (u.a. Palast der Republik, Ahornblatt, Palasthotel, Stadion der Weltjugend) heraus. Herr Koch-Klaucke weist aber auch darauf hin, dass in der DDR ebenso symbolträchtige Bauten der Vorkriegszeit abgerissen wurden. Ich vermute, städtebaulicher Revanchismus könnte jeweils eine Rolle gespielt haben.
Weiterhin berichtet der Berliner Kurier zu den geplanten Zwischennutzungen des SEZ: "SEZ-Mieter sollen bleiben, sonst reißen Vandalen das DDR-Spaßbad ab"
Aktuell sollen unseres Wissens nach weiterhin mindestens Green Yoga und der Recede-Club Mieter der BIM zur Zwischennutzung bleiben resp. werden. Wir hoffen, dass sich aus den Zwischennutzungen auch Perspektiven zur dauerhaften Nutzung des SEZ ergeben.
Weitere Presseartikel:
- junge Welt "SEZ für Abriss vorbereitet" inkl. Statement von Carl Waßmuth
- taz "Nach der Räumung ist vor dem Abriss"
- MAZ "DDR-Erlebnisbad SEZ geräumt: 60 Polizisten im Einsatz"
Eine Kooperation mit Green Yoga ermöglicht uns künftig auch Treffen im SEZ, worüber wir sehr dankbar sind. Unser erstes Treffen dort fand heute statt - mit einigen neuen Gesichtern. Hoffentlich bleiben alle dabei und werden wir auch noch mehr. Wir können noch viel Unterstützung gebrauchen und hoffen auf Sie alle.
Bitte unterschreiben und teilen Sie die Petitionen, senden uns historische Materialien, Ihre Ideen und Hinweise, helfen uns bei der Vernetzung mit wichtigen Akteuren und nehmen Sie an unseren Treffen und Veranstaltungen teil. Jede und jeder ist herzlich willkommen mitzuhelfen, das wunderbare Sport- und Erholungszentrum vor dem Abriss zu bewahren und eine Sanierung und Wiedereröffnung für alle zu ermöglichen. Danke.
Wenn Sie Termine und Orte unserer Treffen erfahren möchten, schreiben Sie an info@sez-fuer-alle.de, um sich in den E-Mail-Verteiler eintragen zu lassen.
Herzlichst, Susanne Lorenz