Prof. Philipp OswaltKassel/ Berlin, Germany
Sep 15, 2019

Liebe Unterzeichner des offenen Briefs zur Garnisonkirche Potsdam,

in den letzten 8 Tagen ist viel in Bewegung gekommen bzgl. des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, zum Teil in Folge unseres Brief, zum Teil unabhängig davon. Gegenwärtig berät der Bundestag darüber, ob ihm Bundeshauhalt 2020 weitere 6 Mio. für das Projekt zu Verfügung gestellt werden sollen. Daher ist es wichtig, dass wir uns weiter engagieren. Bitte ermuntert weitere Menschen, sich unserem Brief anzuschließen, schreibt Leserbriefe und Artikel, wendet euch an die Bundestagsabgeordneten, vor allem die Mitglieder der SPD im Kultur- und Haushaltausschuss (MdB Katrin Budde/ Johannes Kahrs/ Helge Lindh/ Martin Rabanus/ Marianne Schieder/ Doris Barnett/ Martin Gerster/ Michael Groß/ Bettina Hagedorn/ Thomas Jurk/ Johannes Kahrs/ Dennis Rohde/ Swen Schulz/ Andreas Schwarz/ Sonja Steffen, alle Deutscher Bundestag, Platz der Republik 1, 11011 Berlin).

Und das sind die Neuigkeiten aus Potsdam:

(1)

Garnisonkirchenbefürworter verharmlosen rechtsradikale Widmungen des Glockenspiels

Die Potsdamer Initiative „Mitteschön!“, seit Anbeginn Unterstützerin des Wiederaufbaus der Garnisonkirche Potsdam, Kirchenmitglieder wie Harald Geywitz (Mitglied der 12. Synode der EKD) und die Potsdamer AFD protestieren gegen die vom Oberbürgermeisters der Stadt Potsdam, Mike Schubert (SPD), verfügte Abschaltung des nachgebauten Glockenspiels der ehemaligen Garnisonkirche. Mit der Abschaltung würde – so Harald Geywitz - die Religion aus dem öffentlichen Raum gedrängt. Die Initiative Mitteschön hat aufgerufen, jeden Sonntag mit christlichen Gesängen gegen das Abschalten des Glockenspiels zu protestieren. Heute schlossen sich führende Mitgleider der CDU und AFD Postdam sowie mehrere Mitglieder der Nikolaikirche Potsdam dem Protest an. Die Initiative muss sich – so meinen wir - fragen lassen, ob sie mit diesem Verhalten bei der Garnisonkirche nicht genau jene erinnerungspolitische Wende vollzieht, wie sie Björn Höcke in seiner Dresdner Rede 2017 gefordert hat. Schon in der Vergangenheit hat Mitteschön zu geschichtspolitischen und städtebaulichen Themen ähnliche Positionen eingenommen wie die AFD.

Die Initiative Mitteschön! hat zur Begründung ihres Protests eine kommentierte Liste der Glockenwidmungen veröffentlicht, um deren vermeintliche Harmlosigkeit zu demonstrieren. Dabei hat sie aber deren rechtsradikalen Hintergründe verschwiegen. Zu den mit Widmungen geehrten gehört der „Verband Deutscher Soldaten“, bei Mitteschön einfach als „Spender“ benannt.  Dieser setzte sich bis zu seiner Auflösung für die Rehabilitierung von verurteilten Kriegsverbrechern der Wehrmacht ein und zu ihm gehörte eine Veteranenvereinigung der Waffen-SS. Wegen seiner extremistischen Haltung wurde er zeitweilig vom Verfassungsschutz beobachtet, ab 2004 bestand Kontaktverbot für Mitglieder der Bundeswehr. Mit dem Kyffhäuserbund ehrt eine weitere Glocke den antidemokratischen, nationalistischen, militaristischen und monarchistische ausgerichteten Soldatenverein, der in den Weimarer Zeit zahlreiche Gedenkfeiern in der Garnisonkirche abhielt. Nach Alliiertem Verbot von 1945 wurde der Kyffhäuserbund von Wehrmachtsgeneral Wilhelm Reinhard, NSDAP-Mitglied seit 1927, Mitglied des Reichstags 1936-1945 und SS-Obergruppenführer wiederbegründet.

Eine weitere Glocke ist dem Wehrmacht-Luftwaffenoffizier Joachim Helbig gewidmet, der  im Zweiten Weltkrieg nicht nur Hunderte von Fliegerangriffe in vielen Teilen Europas geflogen ist, sondern noch nach dem Selbstmord Hitlers in den letzten Tagen des Dritten Reichs diesem die Treue hielt. Fünf weitere Glocken sind verschiedenen Truppenverbänden der Wehrmacht gewidmet, welche u.a. an den Überfällen auf Frankreich, Polen und die Sowjetunion beteiligt waren. In diesem Zusammenhang vermittelt die Widmung „Kein Unglück Ewigk – Schlesische  Truppen“ zudem eine revisionistische, die Ostgrenze in Frage stellende Haltung.

(2) Erinnerungspoltische Wende im Sinne der AFD?

Potsdams Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) hat am 10. September vorgeschlagen, zwar den Kirchturm wie geplant zu vollenden, aber auf dem Areal des ehemaligen Kirchenschiffs eine internationale Jugendbegegnungsstätte für Bildung und Demokratie zu errichten, und hierfür eine neue Architektur zu entwickeln, die den Anforderungen des Nutzungszwecks folgt.

Die einflussreiche Potsdamer Initiative Mitteschön hat wie die AFD hiergegen protestiert und die originalgetreue Wiederherstellung des Kirchenschiffs eingefordert. Die Stiftung Garnisonkirche hat sich in den letzten Tagen in dieser Frage bedeckt gehalten, aber in den Vergangenen Jahren die Erwartung einer historischen Nachbaus geweckt, etwa durch die Äußerung des von ihr beauftragten Architekten Thomas Albrecht. Damit wird aber genau jener innerkirchlichen Kompromiss in Frage gestellt, welcher überhaupt erst den Beginn des Wiederaufbaus ermöglicht hatte: Im Januar 2016 hatte die Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin Brandenburg schlesische Oberlausitz ihre Unterstützung des Vorhabens der Rekonstruktion des Turms der Garnisonkirche von folgender Bedingung abhängig gemacht: „Falls zusätzlich zum Turm in einem weiteren Bauabschnitt auch ein Nachfolgebau für das Kirchenschiff errichtet werden soll, darf dieser nicht das historische Kirchenschiff wiederherstellen, sondern es muss durch eine neue architektonische Gestaltung schon äußerlich deutlich werden, dass neben der historischen Kontinuität auch der Bruch mit der Tradition zum Ausdruck kommt. Die Kirchenleitung erwartet diesbezüglich eine verbindliche Erklärung und evtl. erforderliche Satzungsänderung der Stiftung und verbindliche Abstimmung mit der Fördergesellschaft.“ Um dem Rechnung zu tragen, hat der Förderverein der Stiftung Garnisonkirche Potsdam im April 2016 seine Satzung entsprechend geändert. Schon in der Herbstsynode 2015 hatte der Bischof Markus Dröge deutlich gemacht, dass „– wie immer das Gesamtkonzept schließlich aussehen soll – schon durch die architektonische Gestaltung sichtbar werden sollte, dass nicht einfach das Alte wiederhergestellt wird. Das Gesamtkonzept müsste neben der historischen Kontinuität durch den Wiederaufbau des Turmes auch den Bruch mit der Tradition zum Ausdruck bringen. Denn ein neuer Geist braucht auch ein erkennbar neues Haus!“

Das Eintreten von Mitteschön! für ein bruchloses Wieder-aufleben-lassen der Garnisonkirche Potsdam manifestiert genau jene erinnerungspolitische Wende, die Björn Höcke 2017 gefordert hat. Bevor in Potsdam weitere Fakten geschaffen werden, tut es höchste Not, innezuhalten und gesellschaftlich zu klären, welche Geschichtsauffassung mit dem Projekt der Garnisonkirche verfolgt werden soll und welche Schlussfolgerung sich daraus für die architektonische Gestaltung, Nutzungsprogramm und Trägerschaft ergeben. Die seit Jahren von den Aufbaubefürwortern verfolgte Salami-taktik, das Gesamtkonzept und die Gesamtfinanzierung gezielt ungeklärt zu lassen und schrittweise Fakten zu schaffen, führen genau zu den Konflikten, die jetzt aufbrechen und öffnen geschichtsrevisionistischen Tendenzen von Rechts Tür und Tor. Das Projekt ist von zu großer erinnerungspolitischer Brisanz, als das ein solches Durchwurschteln weiter hingenommen werden kann. Dies ist auch keine akzeptable Basis, um weitere Steuergelder für das Projekt einzufordern, wie im aktuellen Haushaltsentwurf des Bundes vorgesehen

Gerd Bauz, Hermann Düringer (Vorstand Martin-Niemöller-Stiftung), Philipp Oswalt (Universität Kassel)

Copy link
WhatsApp
Facebook
Nextdoor
Email
X