Corona, wer dankt der Arzthelferin?

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Hallo an alle,

Corona erfaßt uns alle, gedanklich und körperlich. Wer schützt uns, die Bevölkerung? Wer steht da wirklich an erster Stelle?

Die medizinische Fachangestellte (früher: Arzthelferin). Wer dankt ihr? Niemand, bislang!

Wie kommt´s? Alle reden von den Krankenhäusern, den Kliniken. Dort wird das Pflegepersonal hervorgehoben und die Ärztinnen und Ärzte. Das ist auch gut so! Endlich werden diese Berufsgruppen für Ihre Arbeit gewürdigt. Ich komme selbst aus der Pflege und bin der Meinung, daß diese wertvolle Arbeit am Menschen in unserer Gesellschaft keine Würdigung findet.

Aber wie funktioniert unser Gesundheitssystem denn wirklich? Zuerst kommen die Menschen nicht in das Krankenhaus, nein! Sie kommen in die Arztpraxis.

Dort erwarten sie die medizinischen Fachangestellten. Dort verläuft bei Corona die Frontlinie der Erstbehandlung. Die medizinischen Fachangestellten müssen das bewältigen, müssen das aushalten.

Erst danach kommen die Kliniken und Krankenhäuser. Unsere vielen, überall im Land verteilten Arztpraxen bewältigen den ersten Ansturm der Patienten. Das erlebe ich täglich.

Als Facharzt darf ich das sagen, weil wir erst (meist) die zweite Welle abbekommen (wird täglich mehr). Die erste Welle wird von den Hausärzten in Deutschland abgearbeitet. Dorthin wenden sich die Menschen vertrauensvoll zuerst.

Und wer trägt diese unzähligen Hausarztpraxen? Der Mut, die Fachkompetenz und der Fleiß "unserer" medizinischer Fachangestellten. "Unsere" Arzthelferinnen leisten eine großartige Arbeit. Ich persönlich bin stolz darauf, mich auf "mein" tolles Team hundertprozentig verlassen zu können. Ich danke Ihnen dafür!! ... und das wissen die auch.

Vergleichen wir das doch einmal mit den Bäckereien. Stellen Sie sich vor, es gäbe in Deutschland nur 2.500 Bäckereien (so viele, wie es ca. Krankenhäuser gibt).

Es gäbe lange Schlangen und Wartezeiten.

Die Versorgung mit Back- und Teigwaren ist aber flächendeckend in unserem Land gut etabliert und gesichert, eben weil es viel mehr, zig-tausende, von Bäckereien gibt.

So ist das auch mit den Arztpraxen.

Diese unzähligen Hausarzt- und Facharztpraxen sind die Stütze unseres Gesundheitssystems.

In der Rede der Bundeskanzlerin taucht die medizinische Fachangestellte aber leider gar nicht auf, höchstens unter "sonstige". Wie kann das sein? Offensichtlich kennt sie unser Gesundheitssystem nicht wirklich.

Unser Gesundheitssystem wird zunächst einmal getragen von den zahlreichen Hausarztpraxen. Danach kommen die Facharztpraxen. Dann erst kommen die Kliniken und Krankenhäuser. In diesem System ist jede Stufe wichtig. Allerdings empfinde ich ein tiefes Bedauern, daß die ersten Versorgungsstufen konsequent übergangen werden. Und, ... das gilt nicht nur für die Bundeskanzlerin, nein, das gilt auch für den Bundesgesundheitsminister, aber auch gilt das für die öffentlichen Medien. Erst jüngst erschien ein Kommentar in der F.A.Z., und keine Rede von den Menschen, die mit der Hauptarbeit konfrontiert sind, der medizinischen Fachangestellten und den hausärztlichen Kolleginnen und Kollegen. In den öffentlich-rechtlichen Medien (ARD, ZDF) kein Wort dazu!

In der Öffentlichkeit wird von der Verteilung der persönlichen Schutzausrüstungen gesprochen. Seit jetzt 14 Tagen versuche ich Hände-ringend wenigstens auf eine Liste zu gelangen, die uns bei der Verteilung der Schutzausrüstungen mitberücksichtigt, ohne Erfolg. Und, ... die Schutzausrüstungen sind auch noch gar nicht angekommen, noch gar nicht ausgeliefert (Stand 22.03.2020).

Wir schützen uns zur Zeit mit Informationsplakaten (!), Abfragen der Leute, die zu uns kommen und mit einer hohen Plexiglaswand an dem Anmeldetresen.

Aber im Untersuchungsraum steht uns kein Schutz zur Verfügung bei Menschen, die eventuell zur Zeit ein stiller Überträger sind. Sicherlich halten wir uns an alle anderen Maßnahmen, desinfizieren uns regelmäßig die Hände. Aber reicht das?

Wir werden uns jetzt Schutzvisire selber basteln, die ein Krankenhausteam in Görlitz entwickelt und ins Netz gestellt hat. (euch in Görlitz mein Dank dafür :-)

Trotzdem machen wir alle weiter, kümmern wir uns um die Versorgung der Leute. Sollten wir schließen müssen (Unfallpraxis) wäre die benachbarte Krankenhausambulanz mit einem Schlag total überlastet. Das muß unbedingt vermieden werden.

Wenn wir schließen, wenn wir "runter" fahren müssen, wer hilft uns, die Gehälter der Arzthelferinnen weiter zu bezahlen? Die veröffentlichen Hilfs-Programme enden immer mit Abstrichen bei den Angestellten und am Ende auch bei denen, die diese Praxen führen. Pech gehabt. Wieso eigentlich?

Ein Beispiel: Man wäre in einem Modell maximal bereit, für 90% des Ausfalls aufzukommen.

Weshalb eigentlich nur 90% ?

Die Arzthelferinnen und die Ärzte setzen nicht nur 90% ein, sondern sie riskieren ihre persönliche Gesundheit zu 100%.

Aber den Krankenkassen wird schon ein Trick einfallen, das wieder irgendwie herunter zu rechnen.

Nochmal, wir alle setzen uns zu 100 % ein, nicht zu 90 oder 60 oder 50% !

Aber auch die Beschaffung der Händedesinfektionsmittel erinnert mich an die Erzählungen meiner Großmutter, wie die damals nach dem Krieg ihre Sachen besorgt haben. Wenn man dann doch einen Lieferanten / Apotheker gefunden hat, dann kann man kaufen, zu unmoralisch hohen Preisen.

Aber , diese Substanzen werden benötigt zum Schutz unseres Personals, zum Schutz unserer Patienten vor uns und zum Schutz für uns selbst.

Leute, so ist die Realität. Der "kleinen" Arzthelferin sollte für ihre Arbeit durchaus auch einmal namentlich gedankt werden. Die Bundespolitik und die Presse tut es nicht!

Wir haben zur Zeit eine extrem angespannte Situation, da schließe ich mich durchaus mit ein, stark belastend, auch emotional, und die noch weiter eskalieren wird.

Ein Dank von Euch an die medizinischen Fachangestellten, die "Arzthelferinnen" und "Arzthelfer" wäre das Mindeste, was ihr tun könntet. Klatsch für sie mit.

Und, ... bleibt zu Hause bzw. wenn ihr raus geht, dann bitte einzeln, sonst werden wir alle wie bei eine Tsunami-Welle überspült.

Seid fair zu den Arzthelferinnen, beschwert euch nicht und beleidigt sie nicht, sagt lieber einfach mal Danke!

Ulrich Neglein

Facharzt für Chirurgie und Handchirurgie, Hygiene-beauftragter Arzt

Forchheim, Oberfranken