Liebe Freund*innen von Sea-Eye,
heute müssen wir von einer dramatischen Rettung berichten: von einem überfüllten, zweistöckigen Holzboot mit 59 Menschen an Bord. Von giftigen Kraftstoffdämpfen unter Deck, von 4 Notevakuierungen und von 2 Menschen, die all das nicht überlebten. Unser Einsatzjahr startete mit einer tragischen Rettungsmission.
Am Dienstagnachmittag erreichte unsere Crew ein Notruf durch die Organisation Alarmphone: Ein Boot mit 59 Menschen rief in der maltesischen Such- und Rettungszone um Hilfe. Ganze 5 Stunden hielt unsere Crew Ausschau nach dem Seenotfall: Bis sie in den Wellen ein überfülltes, zweistöckiges Holzboot entdeckte. Die Besatzung des Rettungsbootes MOCHARA musste vor Ort Schlimmes feststellen: Vier Personen unter Deck waren bereits bewusstlos. Person nach Person musste jetzt zügig aus dem Holzboot gerettet werden - zunächst vom Oberdeck, um dann zu den vier Bewusstlosen durchdringen zu können. Es folgte eine weitere, traurige Erkenntnis: Zwei Menschen haben die Flucht in diesem Boot nicht überlebt - sie konnten nur noch tot geborgen werden. Woran genau sie verstorben sind, konnte das medizinische Team an Bord nicht eindeutig feststellen.
Auch der Gesundheitszustand der Schwerverletzten verschlechterte sich drastisch: Sie zeigten Symptome schwerer Kraftstoffvergiftungen. Die Betroffenen saßen unter Deck im Boot fest - konnten sich den giftigen Kraftstoffdämpfen nicht entziehen und hatten dadurch das Bewusstsein verloren. Die Zeit drängte: Einsatzleiterin Julie Schweickert bat in den Rettungsleitstellen von Rom und Valletta um die Evakuierung von vier Überlebenden. Gegen 2 Uhr nachts flogen die maltesischen Streitkräfte einen Schwerverletzten nach Malta aus. Um die Leben der verbliebenen drei Notfallpatient*innen kämpfte das medizinische Team von German Doctors und Sea-Eye die ganze Nacht im Bordhospital. Währenddessen folgte die SEA-EYE 4 einem Schiff der italienischen Küstenwache nach Lampedusa, um dort die drei Personen in den Morgenstunden zu evakuieren.
Dann endlich die erleichternde Nachricht: Unsere Crew kann die verbliebenen 53 Überlebenden und die zwei Toten in den sizilianischen Hafen von Porto Empedocle bringen. Dorthin war die SEA-EYE 4 in den letzten Stunden unterwegs: Um den Überlebenden und den Verstorbenen ein würdevolles Geleit von Bord zu ermöglichen. Um die Menschen zu betrauern, die ihr Leben verloren: weil es für sie keinen anderen Fluchtweg gab als den in einem zweistöckigen Holzboot übers gefährliche Mittelmeer. Was hätten wir nicht alles getan, um auch ihr Leben zu retten in diesem dramatischen ersten Einsatz des Jahres.
Herzliche Grüße
Gorden Isler
- Vorsitzender von Sea-Eye e. V.
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