

Urs P. Gasche / 19.01.2023 China muss weniger Einwohner versorgen. Doch diese erfreuliche Nachricht verbreiten grosse Medien als eine Hiobsbotschaft. Zuerst die Fakten:
Ende 2022 lebten in China 850’000 weniger Menschen als noch Ende 2021. Das entspricht einem Rückgang der Bevölkerung um 0,06 Prozent.
Es verbleiben in China 1’411’750’000 Einwohnerinnen und Einwohner (ohne Hongkong und Macao).
Zum Vergleich: Japans Bevölkerung ging im Jahr 2022 viel stärker zurück, nämlich um 0,5 Prozent. Japan hat jetzt noch 123,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner.
Abwertende Sprache
Von der SRF-Tagesschau erwarten viele, dass sie für Nachrichten eine nicht kommentierende, sachlich Sprache verwendet. Doch sie meldete, dass Chinas Bevölkerung «schrumpft». «Schrumpfen» hat einen negativen und abwertenden Beigeschmack. Warum «sinkt» die Bevölkerung nicht oder «geht zurück»?
Sachlich informierte dagegen die ARD-Tagesschau: «Chinas Einwohnerzahl ist erstmals gesunken.»
Der SRF-Meldung folgte ein ebenso kommentierender, ja dramatisierender Bericht von Cornelia Boesch:
«Jedes Baby zählt. Denn es gibt viel zu wenig Babys in China.»
Das «räumt nun auch das staatliche Statistikbüro ein», fuhr Boesch fort. «Einräumen» tut man etwas, das man bisher abstritt. Den Beweis dafür, dass etwas abgestritten wurde, lieferte SRF nicht. Heute seien über zwanzig Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt, fuhr die SRF-Tagesschau fort. Das sei eine «bedrohliche Entwicklung», würden Fachleute sagen. Als einzigen Fachmann zitierte die Tagesschau Yi Fuxian von der US-Universität Wisconsin.
Es fiel auf: Weit und breit war am 18. Januar einzig die Meinung des Gynäkologen und Geburtshelfers Yi Fuxian zu hören und zu lesen: Beim SRF, in den vielen Zeitungen der CH-Medien, in der deutschen Die Welt, der Süddeutschen Zeitung, der Wiener Zeitung oder sogar in der Zeitschrift Schweizer Bauer. Alle zitierten Yi Fuxian. Einige Medien bezeichneten ihn als «Demografen», andere als «Sozialwissenschaftler». In einem Buch von 2013 hatte Yi die Einkind-Politik Chinas kritisiert.
Die Wiener Zeitung nannte den erstmaligen Rückgang von Chinas Bevölkerung sogar eine
«eigentliche Hiobsbotschaft».
Die NZZ titelte auf der Frontseite:
«Die chinesische Bevölkerung schrumpft – mit dramatischen Folgen».
Der jetzt einsetzende Bevölkerungsrückgang «dürfte gravierende Folgen haben für die chinesische, aber auch die globale Wirtschaft». Die demografische Entwicklung Chinas gehöre «zu den hausgemachten Problemen, die das Wachstum bremsen». Im Innern des Blattes warnte der NZZ-Chinakorrespondent, dass immer mehr Paare ihre Energie auf die berufliche Karriere verwenden, statt Nachwuchs in die Welt zu setzen. Darüber der Titel:
«Peking tut nicht genug gegen den gefährlichen Trend»
Eine der Gefahren bestehe darin, dass «die Löhne in arbeitsintensiven Industrien in den nächsten Jahren vermutlich steigen» –namentlich die Löhne bei «einfachen Dienstleistungen wie der Coiffeure».
Die Niedrigverdienenden in China sehen dies wohl aus einer anderen Optik.
Unter dem Titel
«Schrumpfkurs – Chinas Bevölkerung wird kleiner – das hat weltweite Folgen»
verbreiteten die CH-Media-Zeitungen in der ganzen Deutschschweiz den gleichen Artikel (Luzerner Zeitung, Aargauer Zeitung, St. Galler Tagblatt, Zuger Zeitung, Solothurner Zeitung, Nidwalder Zeitung, Wiler Zeitung, Toggenburger Tagblatt, Thurgauer Zeitung, Der Rheintaler, Appenzeller Zeitung, Limmattaler Zeitung, Grenchner Tagblatt und Badener Tagblatt). Die Bevölkerung Chinas sei «geschrumpft» und «könnte in den kommenden Jahrzehnten das Wirtschaftswachstum bremsen, da beispielsweise die Nachfrage nach neuen Häusern sinkt».
Unter dem Zwischentitel
«Nur 9,6 Millionen Babys»
informierte auch der Tages-Anzeiger, die Bevölkerung Chinas sei «geschrumpft», und fuhr fort:
«Der Bevölkerungsrückgang kam viel schneller als erwartet und könnte in den kommenden Jahrzehnten das Wirtschaftswachstum bremsen, da beispielsweise die Nachfrage nach neuen Häusern sinkt. Das bringt auch Chinas langfristigen Aufstieg in Gefahr: Aufgrund des Rückgangs könnte die chinesische Wirtschaft Schwierigkeiten haben, die USA zu überholen, und das Land könnte in diesem Jahr seinen Status als bevölkerungsreichstes Land der Welt an Indien verlieren.»
Für den Tages-Anzeiger wäre dies offensichtlich ein Rückschlag. Er geht davon aus, dass der «Status», das bevölkerungsreichste Land zu sein, ein erstrebenswertes Ziel sei. Vor allem sorgte sich der Tages-Anzeiger um einen «Rückgang» der chinesischen Wirtschaft. Die Zeitung zitierte die Weltbank, die ein Wachstum von 4,3 Prozent für realistisch halte. Eine Expertin meine, es sei sogar «besser» für die Weltwirtschaft, wenn sich China nicht sprunghaft [von der Pandemie] erhole. Denn es würde sonst zu Engpässen kommen, und eine grosse Nachfrage würde «Öl und Gas weltweit teurer machen und die Inflation überall ankurbeln».
Was der Tages-Anzeiger nicht erwähnte: Falls die Bevölkerung Chinas weiter zunähme, käme es in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ebenfalls zu einer grösseren Nachfrage, was Öl und Gas teurer machen würde.
Überlastetes Ökosystem
Es fällt auf, dass keines der zitierten Medien darauf hinwies, dass eine wachsende Weltbevölkerung das Verteilen der Ressourcen erschwert und die Umwelt überlastet. Falls die vier, bald fünf Milliarden Menschen in Afrika, Indien und China nur annähernd so leben möchten wie die Menschen in den USA oder in Europa, brauchte es im Jahr 2050 – selbst bei grossen technologischen Fortschritten – mindestens zwei Planeten wie die Erde. Auch Netto-Null-Ziele würden endgültig zur Makulatur.
«Konsum könnte sinken»
Nochmals zur NZZ: Unter dem Zwischentitel «Konsum könnte sinken» warnte die Zeitung vor «gravierenden Folgen für die chinesische, aber auch die globale Wirtschaft». Denn die «jungen konsumfreudigen Chinesinnen und Chinesen waren in den vergangenen Jahrzehnten zuverlässige Abnehmer ausländischer Produkte». Im Klartext: Die Bevölkerung in China soll gefälligst weiter zunehmen, damit Schweizer und deutsche Exportfirmen mehr Produkte dorthin verkaufen können.
Auch die chinesische Immobilienwirtschaft werde die demografische Entwicklung zu spüren bekommen, meinte die NZZ weiter: «Künftig dürfte es immer weniger Käufer von Häusern und Wohnungen in China geben.» China bleibe nichts anderes übrig, als die Produktivität deutlich zu steigern. Das Pekinger Regime müsse noch stärker in Bildung und Ausbildung und die Wirtschaft in Automatisierung investieren.
Der deutsche China-Korrespondent der vielen Zeitungen von CH-Media behauptete dazu:
«Mit steigenden Pensionisten und sinkenden Arbeitern bricht schliesslich unweigerlich auch die wirtschaftliche Produktivität des Landes ein.»
Diese Aussage trifft nicht zu, denn Produktivität wird stets pro Arbeitsplatz gemessen. Fehlen Arbeitskräfte, muss stärker automatisiert werden. Und das erhöht die Produktivität der einzelnen Beschäftigten.
Unternehmen, welche in erster Linie von Arbeitskräften mit schäbigen Löhnen und Sozialleistungen profitieren möchten, verlegen ihre Produktionsstätten schon seit etlichen Jahren von China nach Vietnam, Myanmar oder Bangladesh. Die chinesische Wirtschaft wandelt sich von einem Billiglohnland zu einem Schwellenland, das in sämtlichen Bereichen auch die kapitalintensive Produktion und die Spitzentechnologie fördert.
China verfügt auch über eine Reserve an Arbeitskräften, falls es das heute niedrige Pensionsalter von 60 Jahren erhöhen würde. Das ändert allerdings nichts daran, dass die Pensionierten in Chinas Bevölkerung während rund dreissig Jahren einen noch grösseren Anteil ausmachen als etwa in Deutschland oder der Schweiz. Doch dieses zeitlich begrenzte Problem lösen zu wollen, indem man Geburten fördert oder jüngere Menschen aus dem Ausland ins Land immigrieren lässt – was in China ohnehin nicht realistisch ist –, wäre eine kurzsichtige Politik.
Eine stabile oder in den kommenden Jahren leicht sinkende Bevölkerung in China schmälert zwar das Wachstum des gesamten Bruttoinlandprodukts des Landes, jedoch nicht in gleichem Mass das entscheidende Bruttoinlandprodukt pro Kopf. Ein Mehr an Produkten und Dienstleistungen einfach auf mehr Köpfe zu verteilen, bringt den Einzelnen nichts.
Quelle: https://www.infosperber.ch/wirtschaft/wachstum/china-schrumpft-gefaehrlich-dramatisch-bedrohlich/