Von der "Kontrollgesellschaft" zur aktiven, selbstverantwortlichen Zivilgesellschaft


Von der "Kontrollgesellschaft" zur aktiven, selbstverantwortlichen Zivilgesellschaft
Das Problem

English title: How the control society can become a civil society of entrepreneurs (you find an English summary at the end)
Wie wir von der derzeitigen "Kontrollgesellschaft" (Gilles Deleuze) zu einer aktiven und selbstverantwortlichen Zivilgesellschaft gelangen können
(Vorbemerkung: Diese Initiative versteht sich als gesellschaftspoltische Langzeit-Intervention, ich rechne mit zehn Jahren, bis der Politik-Betrieb so weit ist, sich auf die hier entworfenen Dinge einzulassen. Es geht mir nicht um das schnelle Einsammeln von Unterschriften, nicht um das Mobilisieren von Emotionen, nicht um schnelles Agitieren, für oder gegen etwas zu sein. Denke gerne lange nach, bevor Du unterschreibst, und unterschreibe nur, wenn Du ein gutes Gefühl dabei hast. Es geht mir auch nicht darum, einen schnellen Aktivismus zu entfalten. Ich werde diese Liste nicht eilig nach A, B oder C senden. Nachhaltige Veränderungen brauchen ihre Zeit, aber ich sehe im Moment in Politik und Gesellschaft zu wenig Denken in diesen wichtigen Feldern, so werde ich eben aktiv. Es geht mir darum Impulse zu geben, Nachdenken anzuregen, komplexes Denken, Bewusstsein zu schaffen und hoffentlich gute und nachhaltige Entscheidungen für die Zukunft dieser Gesellschaft zu unterstützen... und die Unterschriften, die dann hier erfolgen, und seien es erst einmal sehr wenige, haben dann einen ganz besonderen Wert, jede einzelne..., ich denke, dass wird sich im historischen Rückblick auch zeigen...)
Das Schulsystem steuert weiter in die Krise
Immer mehr Kinder und Jugendliche fügen sich nicht mehr ins Schulsystem ein und reagieren mit Verhaltensweisen, die als problematisch gelten, und eine größer werdende Gruppe lernt dort nicht einmal mehr die basics. Das inklusive Schulleben wird an mehr und mehr Schulen für alle Beteiligten zur nervlichen Belastungsprobe. Der Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung, so wird geschlussfolgert, würde immer größer, doch ich werde gleich zeigen, dass sich andere Schlussfolgerungen ziehen lassen als diese. Zugleich sehen wir die sinkende Bereitschaft junger Menschen, ins Lehramt zu gehen. Kaum eine Landesregierung, die keine dualen Schnellstudiengänge an den Start bringt oder Quereinsteiger_innen ohne Lehramtsstudium einstellt. Doch wie lange werden diese fachlich kaum solide vorbereiteten Menschen das durchhalten? Und wie lange wird das gesamte Schulsystem in der jetzigen Form und unter diesen Bedingungen noch funktionsfähig sein? Und welche Folgekosten hat all das für die Gesellschaft und wieviel Unglück entsteht im Leben von so vielen jungen Menschen und Familien?
Wir müssen für eine bessere soziale Einbettung sorgen
Als Lehrer und Schulleiter im Feld der Sonderpädagogik der emotionalen und sozialen Entwicklungsförderung habe ich mit vielen jungen Menschen gearbeitet, die es sehr schwer hatten, ihren Weg zu gehen. Nach etlichen Jahrzehnten in der pädagogischen Praxis und dann in der Wissenschaft, d.h. der Lehrer_innenbildung, komme ich zu dem Ergebnis, dass wir für andere und bessere Bedingungen des Aufwachsens, für eine bessere soziale Einbettung der jungen Menschen sorgen müssen, denn jede noch so ausgefeilte Schulpädagogik, Sonderpädagogik und Sozialpädagogik ist immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es kommt nicht darauf an, immer präzisere diagnostische Instrumente und pädagogische Interventionen zu entwickeln, um diese Menschen doch noch auf den Weg zu bringen, es kommt darauf an, dass sie anders und besser aufwachsen, von Anfang an. Für sehr viel Geld werden aber derzeit noch aufwändig Handlungsmodelle entwickelt, die auch nur eine sehr begrenzte Wirksamkeit haben, und Buchseiten mit Theoretisierungen gefüllt, um dann Probleme damit anzugehen, die wir bei einem besseren Aufwachsen der jungen Menschen gar nicht hätten. Wie nachhaltig ist das?
Entfremdungs- und Fragmentierungserfahrungen in der Breite der Gesellschaft
Doch das Problem ist noch ein wenig verzweigter. In weiten Teilen der pädagogischen Institutionen, von den Kindertagesstätten, über die Schulen bis hin zu den Universitäten wie auch in der Arbeitswelt machen mehr und mehr Menschen Entfremdungs- und Desintegrationserfahrungen, und auch im persönlichen Leben zeigt sich vielfach Fragmentierung, Vereinzelung, ein Verlust an Zusammenhalt, an Sinn, an Bedeutung im Leben. Der Philosoph und Soziologe Herbert Marcuse hat dies alles herausgearbeitet in seiner kritischen Analyse Der eindimensionale Mensch. Der französische Philosoph Gilles Deleuze kam schon in den 1990er Jahren zu der Einschätzung, dass wir es zunehmend mit einer Kontrollgesellschaft zu tun haben, in der Steuerungssysteme eine dominante Rolle einnehmen und die Freiheit des Individuums immer geringer wird. Es gibt keine Story, die diese unsere nunmehr in erster Linie funktionalistische Gesellschaft noch wirksam zusammenhält, kein sinnstiftendes Narrativ, keine motivierende Erzählung. Das wird nun mehr und mehr zum Problem. Immer mehr Menschen fehlt einfach die Identifikation mit dieser Gesellschaft. Viele junge Menschen suchen sich solche Erzählungen dann in Filmen, Serien oder in Games. Durch immer mehr staatliche Regulierung und Steuerung lassen sich aber die Entfremdungs- und Desintegrationserfahrungen nicht aufheben.
Wir brauchen wieder sinnstiftende Erzählungen, die diese Gesellschaft zusammenhalten und mit denen sich die Menschen identifizieren können
Stattdessen wird es in der Zukunft auf eine aktive Zivilgesellschaft ankommen, die Verantwortung übernimmt und die zugleich über mehr Entscheidungsspielräume und mehr finanzielle und materielle Ressourcen verfügt im Rahmen der transformativen Community-Projekte, um deren Etablierung es mir geht. Und hier können sich nach und nach auch sinnstiftende, identifikationsfördernde Erzählungen entwickeln. Zur theoretischen Grundierung der transformativen Community-Projekte lassen sich neben Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie (strong democracy) insbesondere die soziologischen und philosophischen Texte von Taylor, Sandel, Walzer oder MacIntyre heranziehen, die wir heute mit Kommunitarismus überschreiben. Entscheidend ist hier die Betonung der sozialen Gemeinschaft, die gleichwohl die Entfaltung des Individuums unterstützt und fördert. Weitere Anregungen lassen sich aus dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Feld der Commons und des Commoning (deutsch: Gemeinschaffen) beziehen (Bollier und Helfrich, Baldauf und Gruber, Kirwan et al., Gruber und Ngo u.a.), womit schon seit dem Mittelalter bestehende Formen gemeint sind, Ressourcen gemeinsam zu bewirtschaften und mehr miteinander zu teilen als in Konkurrenz gegeneinander zu arbeiten. Janet Painter und ich haben diesen theoretischen Rahmen kürzlich in einem Artikel ausgearbeitet, in der Zeitschrift Frontiers in Sociology, weiter unten befindet sich der Link zu dem Open Access Artikel mit detaillierten Literaturangaben.
Umwandlung der Schulpflicht in eine selbstgestaltete Bildungspflicht
Eine wichtige Stellschraube bei dem hier visualierten Transformationsprozess ist, dass wir die Schulpflicht in eine selbst gestaltete Bildungspflicht umwandeln. In vielen anderen Ländern, etwa in den USA, ist dies schon lange selbstverständlich. Wer unter den derzeit herrschenden engen curricularen, kompetenzorientierten Bedingungen nicht lernen kann, der/die muss an andere Orte gehen können, während die ja weiterbestehenden Schulen, sich schrittweise verändern werden. Die Schulen werden sich auch in dem Moment ändern, wenn ihr Besuch freiwillig geworden ist. Dazu braucht Deutschland in Zukunft tausende, ja zehntausende von außerschulischen Projekten, ich nenne sie vorläufig transformative Community-Projekte, in denen junge Menschen lernen, leben, auch arbeiten können, selbstbestimmt und nicht nach vorgegebenen Lernplänen und Lernstandards. Noten und Schulabschlüsse wären Vergangenheit. Berufsbezogene Ausbildungsstätten und Universitäten könnten Aufnahmetests machen und ihre Aufnahmekriterien auf ihren Internetseiten veröffentlichen. Daran können sich alle, die sich in außerschulischen Projekten befinden, orientieren.
Bedingungsloses Grundeinkommen als Anreiz unternehmerisch tätig zu werden und soziale Verantwortung zu übernehmen
Die Einführung einer selbstgestalteten Bildungspflicht sollte mit dem Beziehen eines bedingungslosen Grundeinkommens verbunden werden. Dies wäre die zweite fundamental bedeutsame Stellschraube für den beschriebenen gesellschaftlichen Transformationsprozess. Gleichzeitig würden dann alle anderen sozialen Transferzahlungen eingestellt, außer vielleicht im Fall von Behinderungen, wo noch mehr finanzielle Unterstützung nötig ist. Die enorm teure Sozialbürokratie (Personalkosten, Immobilienkosten, Energiekosten u.a.) würde durch einen solchen Schritt abgewickelt. Die frei werdenden Büros könnten zu dringend benötigten Wohnungen umgebaut werden. Auf der Basis des Grundeinkommens kann und sollte dann, und das ist hier ganz entscheidend, weitere berufliche Initiative entwickelt werden. Menschen können sich dann zusammentun und etwa die leerstehenden Höfe im Osten Deutschlands kaufen und dort gemeinsam etwas entwickeln, Start-Ups gründen, ein Business aufmachen usw., auf dem Land, aber auch in den Städten. Menschen, die selbstbestimmt arbeiten, werden zufriedener und glücklicher sein. Das kapitalistische Gegeneinander der einzelnen Menschen, der diversen Berufsgruppen usw. würde zugunsten des sharing aufgegeben. So wie Erich Fromm es einst beschrieben hat: Sein macht glücklicher als Haben. Aber auch belonging, die soziale (und emotionale) Zugehörigkeit, die heute immer mehr Menschen vermissen, wie es der irische Philosoph John O'Donohue geschrieben hat.
Auch eine nachhaltige Antwort auf den Fachkräftemangel in Kitas, Schulen und in der Altenpflege
In dem Maße wie die transformativen Community-Projekte entstehen, könnten viele Kindertagesstätten und Schulen verkleinert oder sogar geschlossen werden, was dem gravierenden Fachkräftemangel, der hier schon jetzt herrscht, entgegenwirken würde. Das würde wiederum weitere Finanzmittel freisetzen, die in Form des Grundeinkommens in die Hand der Zivilgesellschaft zurückgegeben werden. Auch die Mittelschicht, die ja ebenfalls das Grundeinkommen beziehen würde, wie alle anderen, würde dadurch mehr Spielraum gewinnen, sich wieder selbst um ihre Kinder zu kümmern, in Kombination mit Teilzeitarbeit oder selbstständiger Tätigkeit. In den transformativen Community-Projekten würden also wirtschaftliche und pädagogische Aufgaben geteilt und gemeinsam unternommen.
Weniger Krankheitskosten, mehr Klimaschutz und mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt
Durch den entschleunigten Lebensstil und die bessere soziale Einbettung der einzelnen würden Krankheitskosten sinken und insgesamt schrittweise auch mehr Gesundheit und Wohlbefinden vorherrschen. Die oftmals zeitraubende, hektische und klimaschädliche Fahrtätigkeit aller Beteiligten, die wir aber in der Gegenwart noch haben, würde insgesamt in Deutschland deutlich reduziert, weil alle, zumindestens an einigen Tagen, mehr vor Ort in den Projekten bleiben und dort lernen, arbeiten und sich aufhalten. Auch würde die übertriebene Akademisierung, die wir jetzt haben, wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgehen. Universitäten, die teils die Tendenz haben, Dinge zu tun, die mehr am Selbsterhalt und an selbstbezogenen Spielen orientiert sind, als an dem, was die Gesellschaft tatsächlich voranbringt, könnten verkleinert werden. Das eingesparte Geld könnte in die Projekte vor Ort fließen, dort wo es tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden kann. Männer und Frauen könnten sich nun zusammentun und Projekte mit den verschiedensten Profilen gründen. Das können ökologische Landwirtschaft, ein Handwerk aber auch technische oder schöpferische Dinge sein. Das kann auf einem Hof auf dem Lande stattfinden, das kann ein urbanes Projekt sein, wo mehrere Generationen leben, arbeiten und lernen.
Mehr erwachsene Bezugspersonen für die einzelnen Heranwachsenden: höhere Beziehungsqualität beim Aufwachsen
Kindertagestätten und Schulen als bloße Aufbewahrungsorte, zur Absicherung der Erwerbstätigkeit der Eltern, würden dann nicht mehr benötigt, denn es gäbe eine größere Gruppe von Erwachsenen in den Projekten, die sich wechselweise um die Kinder kümmern und auch pädagogisch mit ihnen arbeiten würden. Das wiederum würde der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern sehr zugute kommen, besonders auch von Jungen und jungen Männern, die in einer fragmentierten Situation aufwachsen und die im jetzigen Schulsystem, in der derzeit noch herrschenden Diskurssprache, die die Probleme dem Individuum anlastet, und nicht dem System, vielfach als Bildungsverlierer bezeichnet werden. Wieviele von diesen jungen Menschen suchen dann später nach dem eigentlichen Leben und den nicht mehr nachzuholenden frühen Kindheitserfahrungen im Internet, oftmals eingekleidet in eskapistische und obsessive Dinge, in Filmen, Games oder auf Dating Apps - und finden das Gesuchte dort doch nicht. Ist es nicht Zeit, das gesellschaftliche Ganze von der Basis her anders zu denken und aufzubauen? Die Projekte würden auch ältere Menschen aufnehmen, was zum einen dem Fachkräftemangel in der Pflege gegensteuert, zum anderen können die älteren Menschen aber auch ihre reiche Lebenserfahrung an die Jüngeren in den Projekten weitergeben und sie können sich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, auch in die anfallenden Arbeiten und täglichen Aufgaben einbringen und werden das auch gerne tun, weil es ihnen Sinn und Lebensinhalt gibt - und das Gefühl gebraucht zu werden. Ebenso lebten in den transformativen Community-Projekten Menschen mit Handicaps, sowieso Menschen aller Sprachen und Hautfarben.
Ohne eine Form von staatlicher Aufsicht wird es nicht gehen
Es müsste Stellen geben, die diese Projekte überblicken und die überprüfen, ob sie demokratischen Grundsätzen genügen, ob dort ein pädagogisch wertvolles Konzept entwickelt wurde, ob dort geeignete Erwachsene leben, arbeiten und Verantwortung übernehmen, damit sich Heranwachsende dort hineinbewerben können. Viele werden vielleicht an solch abgründige Dinge wie die Colonia Dignidad denken, daher müssten die Projekte frei zugänglich und transparent sein. Sie müssen sich von außen überprüfen lassen. Es darf dort niemals ideologische Einflussnahmen geben, nicht in religiösen und nicht in politischen Dingen, Menschenrechte und demokratische Rechte müssen gewahrt sein. Es könnten sich dort auch Wissenschaftler_innen verschiedenster Disziplinen einbringen, die es leid sind, beim Monopoly der Academia mitzuspielen und lieber vor Ort an den Themen arbeiten, die sie bewegen und bedeutsam finden, Menschen die zugleich für Kinder und Jugendliche ansprechbar sind, auch dafür könnten Universitäten ja Mittel aus ihren finanziellen Töpfen abgeben. Astronomie auf einem Gehöft in Brandenburg, Biologie und Urban Gardening in Berlin, Ingenieurskunst und Tischlern im Schwarzwald, Kunst, Literatur und Philosophie in einer Mühle in der Lausitz. Wissenschaft, Pädagogik und Handwerk gingen, je nach Profil eines Projektes, Hand in Hand.
Handlungs- und erfahrungsorientiertes Lernen in Kombination mit digitalen Lernformen
An solchen Orten sind dann für die Heranwachsenden, gerade für Jungen und junge Männer, die im jetztigen System Schwierigkeiten haben, sechs Stunden oder länger auf einem Stuhl, an einem Tisch zu sitzen, auch handlungsorientierte Lernformen möglich: körperliche Bewegung, Aktion, mit dem Traktor aufs Feld fahren, Umgang mit Tieren, Pflanzen, Werkzeug, nicht stundenlanges Sitzen an Tischen über Arbeitsblättern, Büchern und Tablets, wie in der Schule. Mit welchen Methoden sollen wir sie auch dazu bringen, sich in die überkommenen Systemstrukturen einzufügen? Natürlich wird in den Projekten auch gerechnet, gelesen, reflektiert und debattiert, natürlich wird dort Frage- und Problemstellungen nachgegangen und sich Wissen angeeignet, aber situativer und selbstbestimmter, als es in Schulen der Fall ist. Auch Künstliche Intelligenz kann dabei eingesetzt werden, wenn es etwa darum geht, sich mit einem virtuellen Tutor oder einer Tutorin gemeinsam ein spezielles Fachwissen anzueignen, wenn die jungen Menschen sich etwa auf ein bestimmtes Studium oder eine Berufsschule eigenständig und selbstbestimmt vorbereiten. Digital aufgerüstete Klassenzimmer allein können die überkommenen Strukturen des Schulsystems nicht ändern. Viele junge Menschen lernen längst autodidaktisch in Datenbanken, virtuellen Communities, mit Apps – jenseits des Schulsystems.
Die gesellschaftliche Transformation läuft bereits
Die Beschwörung des Präsenzunterrichts durch schulische Interessensvertreter_innen während der Coronakrise zeigte, dass diese Institution begonnen hat, um ihre gesellschaftliche Rolle und ihre Kontrollmacht zu kämpfen. Sicher, die Schule wurde in Zeiten der Pandemie von vielen Kindern und Jugendlichen als sozialer Ort vermisst, aber weil es auch keine Alternativen gab. Dass die Schule aber als Ort genormten, standardisierten Lernens vermisst wurde, darf bezweifelt werden. Zeit also, jetzt neue Formen des Lernens, Arbeitens und Lebens zu entwickeln. Kaum ein Land hält so massiv an der Schulpflicht fest wie Deutschland es noch tut. Dadurch bleibt die Gesellschaft aber insgesamt unter ihren Möglichkeiten. Die Menschen sind zu mehr Freiheit fähig, als es derzeit in Politik und Verwaltung vorausgesetzt wird.
Wieder Wanderjahre für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland
Während Kinder in den Projekten aufwachsen und lernen, in denen sich auch die Eltern engagieren, könnten Jugendliche die Projekte nach einer gewissen Zeit wechseln. Sie gingen dann auf Wanderschaft und zögen etwa von einer Mühle in der Lausitz oder einem Gehöft im Harz zu einem urbanen Projekt in Berlin oder Köln. Deutschlands Jugend hätte wieder Wanderjahre, selbstbestimmt. Konzepte für eine solch andere Gesellschaft liefert etwa der irische Philosoph John O’Donohue: belonging, im Sinne der Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften oder threshold, im Sinne der Schwellen, die wir, uns weiter entwickelnd, in unserem Leben überschreiten. Die neue gesellschaftliche Welt entsteht jedoch nicht am Reißbrett von Politik und Verwaltung, sondern von unten, durch ein Design der kreativen Unordnung, wie der Soziologe Richard Sennett es nennt. Das werden emotional und sozial stabile, verantwortungsbewusste Menschen sein, die so aufwachsen und ihr Leben selbstständig in die Hand nehmen. Was für eine Zukunft für uns alle!
Erste Schritte auf einem Dreiseitenhof in Anhalt und Etablierung einer Denkfabrik
Erste Schritte in Richtung eines solchen Projektes werden derzeit in Anhalt, Ostdeutschland gemacht, auf einem Dreiseitenhof aus dem 19. Jahrhundert. Unser Projekt versteht sich, neben all den praktischen Arbeiten, die derzeit laufen, auch als Denkfabrik, diese Petition ist Teil dieser Arbeit. Es geht nicht darum, schnell ein paar Unterschriften zu bekommen. Jede und jeder kann und soll erst mal in Ruhe nachdenken, bevor hier unterschrieben wird, es geht um das Anstoßen einer gesellschaftlichen Debatte, um einen Beitrag zu einer mittel- und langfristigen Transformation, im Sinne nachhaltiger Veränderung, denn das Ganze ist eine komplexe Angelegenheit, alles hängt zusammen, das Lernen, das Arbeiten und das Leben, und wir können nicht das eine verbessern wollen, ohne zugleich in einem anderen Bereich etwas zu verändern. Wenn diese Gedanken Dich erreichen und wenn Du zu dem Ergebnis kommst, dass eine gesellschaftliche Debatte sinnvoll oder sogar notwendig wäre, dann wäre es gut, diese Initiative durch Deine Unterschrift zu unterstützen und nach Möglichkeit auch mit anderen zu teilen, damit das Ganze an Reichweite gewinnt.
Anerkennung für all diejenigen, die im jetzigen Schulsystem sehr gute Arbeit leisten
Wichtig ist auch anerzuerkennen, dass es zahlreiche sehr engagierte Lehrkräfte im jetzigen System gibt, die auch viel für die Kinder und Jugendlichen bewirken, mit denen sie arbeiten, und dass es auch etliche sehr richtungsweisende Schulen mit sehr guten Philosophien und Schulkulturen gibt. Sie sollen natürlich weiterbestehen und sich weiter entwickeln können. Mir geht es hier um das Schaffen von zusätzlichen Alternativen, um das Öffnen von neuen Räumen für all diejenigen, die sich unter den jetzigen Systembedingungen nicht entfalten können.
Weitere Lektüremöglichkeiten
Falls Du noch mehr lesen und auch Bildmaterial über unser Projekt in Anhalt sehen möchtest, vor ein paar Tagen ist in Frontiers in Sociology ein Artikel erschienen, den ich gemeinsam mit Janet Painter verfasst habe. Wenn Du den Link Supplementary Material anklickst, findest Du dort noch weitere Fotos mit kurzen Beschreibungen:
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fsoc.2023.1164293/full
Summary in English:
Increasingly people experience alienation in educational institutions, in work life, and fragmentation in their personal life. This study explores more self-determined, healthy, and sustainable forms of working, learning, and living through a dynamic process that began in 2020 with the purchase of an old homestead in Eastern Germany. Through the remodeling of the buildings and grounds, the first social and cultural references emerged. Along with practical uses, the farm project sees itself as a future workshop or think tank. The resulting consideration includes ideas of compulsory schooling woven into a self-designed format and the introduction of an unconditional basic income. These components could lead to thousands of such projects in rural and urban areas. Drawing from communitarianism, the belief is that an active civil society must take on social, economic, and educational responsibilities and offer children and young people improved conditions in which to grow up. Theory development on the individual components exists, such as entrepreneurship, transformation, community-building, basic income, or self-directed learning but not on the interaction of these variables in the overall context. We tentatively call this integrated design a transformative community project.
Prof. Dr. habil. Joachim Bröcher, Europa-Universität Flensburg, Abteilung emotionales und soziales Lernen
Wenn du noch mehr Information willst:
https://bröcher.de/
https://bröcher.de/Transformation-Publications.pdf
https://www.youtube.com/channel/UCsNIXx1MDinYVUDupUoU8fg/videos?view=0&sort=da
If you want to have more information:
https://broecher-research.de/Transformation-Publications.pdf

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Das Problem

English title: How the control society can become a civil society of entrepreneurs (you find an English summary at the end)
Wie wir von der derzeitigen "Kontrollgesellschaft" (Gilles Deleuze) zu einer aktiven und selbstverantwortlichen Zivilgesellschaft gelangen können
(Vorbemerkung: Diese Initiative versteht sich als gesellschaftspoltische Langzeit-Intervention, ich rechne mit zehn Jahren, bis der Politik-Betrieb so weit ist, sich auf die hier entworfenen Dinge einzulassen. Es geht mir nicht um das schnelle Einsammeln von Unterschriften, nicht um das Mobilisieren von Emotionen, nicht um schnelles Agitieren, für oder gegen etwas zu sein. Denke gerne lange nach, bevor Du unterschreibst, und unterschreibe nur, wenn Du ein gutes Gefühl dabei hast. Es geht mir auch nicht darum, einen schnellen Aktivismus zu entfalten. Ich werde diese Liste nicht eilig nach A, B oder C senden. Nachhaltige Veränderungen brauchen ihre Zeit, aber ich sehe im Moment in Politik und Gesellschaft zu wenig Denken in diesen wichtigen Feldern, so werde ich eben aktiv. Es geht mir darum Impulse zu geben, Nachdenken anzuregen, komplexes Denken, Bewusstsein zu schaffen und hoffentlich gute und nachhaltige Entscheidungen für die Zukunft dieser Gesellschaft zu unterstützen... und die Unterschriften, die dann hier erfolgen, und seien es erst einmal sehr wenige, haben dann einen ganz besonderen Wert, jede einzelne..., ich denke, dass wird sich im historischen Rückblick auch zeigen...)
Das Schulsystem steuert weiter in die Krise
Immer mehr Kinder und Jugendliche fügen sich nicht mehr ins Schulsystem ein und reagieren mit Verhaltensweisen, die als problematisch gelten, und eine größer werdende Gruppe lernt dort nicht einmal mehr die basics. Das inklusive Schulleben wird an mehr und mehr Schulen für alle Beteiligten zur nervlichen Belastungsprobe. Der Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung, so wird geschlussfolgert, würde immer größer, doch ich werde gleich zeigen, dass sich andere Schlussfolgerungen ziehen lassen als diese. Zugleich sehen wir die sinkende Bereitschaft junger Menschen, ins Lehramt zu gehen. Kaum eine Landesregierung, die keine dualen Schnellstudiengänge an den Start bringt oder Quereinsteiger_innen ohne Lehramtsstudium einstellt. Doch wie lange werden diese fachlich kaum solide vorbereiteten Menschen das durchhalten? Und wie lange wird das gesamte Schulsystem in der jetzigen Form und unter diesen Bedingungen noch funktionsfähig sein? Und welche Folgekosten hat all das für die Gesellschaft und wieviel Unglück entsteht im Leben von so vielen jungen Menschen und Familien?
Wir müssen für eine bessere soziale Einbettung sorgen
Als Lehrer und Schulleiter im Feld der Sonderpädagogik der emotionalen und sozialen Entwicklungsförderung habe ich mit vielen jungen Menschen gearbeitet, die es sehr schwer hatten, ihren Weg zu gehen. Nach etlichen Jahrzehnten in der pädagogischen Praxis und dann in der Wissenschaft, d.h. der Lehrer_innenbildung, komme ich zu dem Ergebnis, dass wir für andere und bessere Bedingungen des Aufwachsens, für eine bessere soziale Einbettung der jungen Menschen sorgen müssen, denn jede noch so ausgefeilte Schulpädagogik, Sonderpädagogik und Sozialpädagogik ist immer nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Es kommt nicht darauf an, immer präzisere diagnostische Instrumente und pädagogische Interventionen zu entwickeln, um diese Menschen doch noch auf den Weg zu bringen, es kommt darauf an, dass sie anders und besser aufwachsen, von Anfang an. Für sehr viel Geld werden aber derzeit noch aufwändig Handlungsmodelle entwickelt, die auch nur eine sehr begrenzte Wirksamkeit haben, und Buchseiten mit Theoretisierungen gefüllt, um dann Probleme damit anzugehen, die wir bei einem besseren Aufwachsen der jungen Menschen gar nicht hätten. Wie nachhaltig ist das?
Entfremdungs- und Fragmentierungserfahrungen in der Breite der Gesellschaft
Doch das Problem ist noch ein wenig verzweigter. In weiten Teilen der pädagogischen Institutionen, von den Kindertagesstätten, über die Schulen bis hin zu den Universitäten wie auch in der Arbeitswelt machen mehr und mehr Menschen Entfremdungs- und Desintegrationserfahrungen, und auch im persönlichen Leben zeigt sich vielfach Fragmentierung, Vereinzelung, ein Verlust an Zusammenhalt, an Sinn, an Bedeutung im Leben. Der Philosoph und Soziologe Herbert Marcuse hat dies alles herausgearbeitet in seiner kritischen Analyse Der eindimensionale Mensch. Der französische Philosoph Gilles Deleuze kam schon in den 1990er Jahren zu der Einschätzung, dass wir es zunehmend mit einer Kontrollgesellschaft zu tun haben, in der Steuerungssysteme eine dominante Rolle einnehmen und die Freiheit des Individuums immer geringer wird. Es gibt keine Story, die diese unsere nunmehr in erster Linie funktionalistische Gesellschaft noch wirksam zusammenhält, kein sinnstiftendes Narrativ, keine motivierende Erzählung. Das wird nun mehr und mehr zum Problem. Immer mehr Menschen fehlt einfach die Identifikation mit dieser Gesellschaft. Viele junge Menschen suchen sich solche Erzählungen dann in Filmen, Serien oder in Games. Durch immer mehr staatliche Regulierung und Steuerung lassen sich aber die Entfremdungs- und Desintegrationserfahrungen nicht aufheben.
Wir brauchen wieder sinnstiftende Erzählungen, die diese Gesellschaft zusammenhalten und mit denen sich die Menschen identifizieren können
Stattdessen wird es in der Zukunft auf eine aktive Zivilgesellschaft ankommen, die Verantwortung übernimmt und die zugleich über mehr Entscheidungsspielräume und mehr finanzielle und materielle Ressourcen verfügt im Rahmen der transformativen Community-Projekte, um deren Etablierung es mir geht. Und hier können sich nach und nach auch sinnstiftende, identifikationsfördernde Erzählungen entwickeln. Zur theoretischen Grundierung der transformativen Community-Projekte lassen sich neben Benjamin Barbers Konzept der starken Demokratie (strong democracy) insbesondere die soziologischen und philosophischen Texte von Taylor, Sandel, Walzer oder MacIntyre heranziehen, die wir heute mit Kommunitarismus überschreiben. Entscheidend ist hier die Betonung der sozialen Gemeinschaft, die gleichwohl die Entfaltung des Individuums unterstützt und fördert. Weitere Anregungen lassen sich aus dem zunehmend an Bedeutung gewinnenden Feld der Commons und des Commoning (deutsch: Gemeinschaffen) beziehen (Bollier und Helfrich, Baldauf und Gruber, Kirwan et al., Gruber und Ngo u.a.), womit schon seit dem Mittelalter bestehende Formen gemeint sind, Ressourcen gemeinsam zu bewirtschaften und mehr miteinander zu teilen als in Konkurrenz gegeneinander zu arbeiten. Janet Painter und ich haben diesen theoretischen Rahmen kürzlich in einem Artikel ausgearbeitet, in der Zeitschrift Frontiers in Sociology, weiter unten befindet sich der Link zu dem Open Access Artikel mit detaillierten Literaturangaben.
Umwandlung der Schulpflicht in eine selbstgestaltete Bildungspflicht
Eine wichtige Stellschraube bei dem hier visualierten Transformationsprozess ist, dass wir die Schulpflicht in eine selbst gestaltete Bildungspflicht umwandeln. In vielen anderen Ländern, etwa in den USA, ist dies schon lange selbstverständlich. Wer unter den derzeit herrschenden engen curricularen, kompetenzorientierten Bedingungen nicht lernen kann, der/die muss an andere Orte gehen können, während die ja weiterbestehenden Schulen, sich schrittweise verändern werden. Die Schulen werden sich auch in dem Moment ändern, wenn ihr Besuch freiwillig geworden ist. Dazu braucht Deutschland in Zukunft tausende, ja zehntausende von außerschulischen Projekten, ich nenne sie vorläufig transformative Community-Projekte, in denen junge Menschen lernen, leben, auch arbeiten können, selbstbestimmt und nicht nach vorgegebenen Lernplänen und Lernstandards. Noten und Schulabschlüsse wären Vergangenheit. Berufsbezogene Ausbildungsstätten und Universitäten könnten Aufnahmetests machen und ihre Aufnahmekriterien auf ihren Internetseiten veröffentlichen. Daran können sich alle, die sich in außerschulischen Projekten befinden, orientieren.
Bedingungsloses Grundeinkommen als Anreiz unternehmerisch tätig zu werden und soziale Verantwortung zu übernehmen
Die Einführung einer selbstgestalteten Bildungspflicht sollte mit dem Beziehen eines bedingungslosen Grundeinkommens verbunden werden. Dies wäre die zweite fundamental bedeutsame Stellschraube für den beschriebenen gesellschaftlichen Transformationsprozess. Gleichzeitig würden dann alle anderen sozialen Transferzahlungen eingestellt, außer vielleicht im Fall von Behinderungen, wo noch mehr finanzielle Unterstützung nötig ist. Die enorm teure Sozialbürokratie (Personalkosten, Immobilienkosten, Energiekosten u.a.) würde durch einen solchen Schritt abgewickelt. Die frei werdenden Büros könnten zu dringend benötigten Wohnungen umgebaut werden. Auf der Basis des Grundeinkommens kann und sollte dann, und das ist hier ganz entscheidend, weitere berufliche Initiative entwickelt werden. Menschen können sich dann zusammentun und etwa die leerstehenden Höfe im Osten Deutschlands kaufen und dort gemeinsam etwas entwickeln, Start-Ups gründen, ein Business aufmachen usw., auf dem Land, aber auch in den Städten. Menschen, die selbstbestimmt arbeiten, werden zufriedener und glücklicher sein. Das kapitalistische Gegeneinander der einzelnen Menschen, der diversen Berufsgruppen usw. würde zugunsten des sharing aufgegeben. So wie Erich Fromm es einst beschrieben hat: Sein macht glücklicher als Haben. Aber auch belonging, die soziale (und emotionale) Zugehörigkeit, die heute immer mehr Menschen vermissen, wie es der irische Philosoph John O'Donohue geschrieben hat.
Auch eine nachhaltige Antwort auf den Fachkräftemangel in Kitas, Schulen und in der Altenpflege
In dem Maße wie die transformativen Community-Projekte entstehen, könnten viele Kindertagesstätten und Schulen verkleinert oder sogar geschlossen werden, was dem gravierenden Fachkräftemangel, der hier schon jetzt herrscht, entgegenwirken würde. Das würde wiederum weitere Finanzmittel freisetzen, die in Form des Grundeinkommens in die Hand der Zivilgesellschaft zurückgegeben werden. Auch die Mittelschicht, die ja ebenfalls das Grundeinkommen beziehen würde, wie alle anderen, würde dadurch mehr Spielraum gewinnen, sich wieder selbst um ihre Kinder zu kümmern, in Kombination mit Teilzeitarbeit oder selbstständiger Tätigkeit. In den transformativen Community-Projekten würden also wirtschaftliche und pädagogische Aufgaben geteilt und gemeinsam unternommen.
Weniger Krankheitskosten, mehr Klimaschutz und mehr gesellschaftlicher Zusammenhalt
Durch den entschleunigten Lebensstil und die bessere soziale Einbettung der einzelnen würden Krankheitskosten sinken und insgesamt schrittweise auch mehr Gesundheit und Wohlbefinden vorherrschen. Die oftmals zeitraubende, hektische und klimaschädliche Fahrtätigkeit aller Beteiligten, die wir aber in der Gegenwart noch haben, würde insgesamt in Deutschland deutlich reduziert, weil alle, zumindestens an einigen Tagen, mehr vor Ort in den Projekten bleiben und dort lernen, arbeiten und sich aufhalten. Auch würde die übertriebene Akademisierung, die wir jetzt haben, wieder auf ein vernünftiges Maß zurückgehen. Universitäten, die teils die Tendenz haben, Dinge zu tun, die mehr am Selbsterhalt und an selbstbezogenen Spielen orientiert sind, als an dem, was die Gesellschaft tatsächlich voranbringt, könnten verkleinert werden. Das eingesparte Geld könnte in die Projekte vor Ort fließen, dort wo es tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden kann. Männer und Frauen könnten sich nun zusammentun und Projekte mit den verschiedensten Profilen gründen. Das können ökologische Landwirtschaft, ein Handwerk aber auch technische oder schöpferische Dinge sein. Das kann auf einem Hof auf dem Lande stattfinden, das kann ein urbanes Projekt sein, wo mehrere Generationen leben, arbeiten und lernen.
Mehr erwachsene Bezugspersonen für die einzelnen Heranwachsenden: höhere Beziehungsqualität beim Aufwachsen
Kindertagestätten und Schulen als bloße Aufbewahrungsorte, zur Absicherung der Erwerbstätigkeit der Eltern, würden dann nicht mehr benötigt, denn es gäbe eine größere Gruppe von Erwachsenen in den Projekten, die sich wechselweise um die Kinder kümmern und auch pädagogisch mit ihnen arbeiten würden. Das wiederum würde der emotionalen und sozialen Entwicklung von Kindern sehr zugute kommen, besonders auch von Jungen und jungen Männern, die in einer fragmentierten Situation aufwachsen und die im jetzigen Schulsystem, in der derzeit noch herrschenden Diskurssprache, die die Probleme dem Individuum anlastet, und nicht dem System, vielfach als Bildungsverlierer bezeichnet werden. Wieviele von diesen jungen Menschen suchen dann später nach dem eigentlichen Leben und den nicht mehr nachzuholenden frühen Kindheitserfahrungen im Internet, oftmals eingekleidet in eskapistische und obsessive Dinge, in Filmen, Games oder auf Dating Apps - und finden das Gesuchte dort doch nicht. Ist es nicht Zeit, das gesellschaftliche Ganze von der Basis her anders zu denken und aufzubauen? Die Projekte würden auch ältere Menschen aufnehmen, was zum einen dem Fachkräftemangel in der Pflege gegensteuert, zum anderen können die älteren Menschen aber auch ihre reiche Lebenserfahrung an die Jüngeren in den Projekten weitergeben und sie können sich, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, auch in die anfallenden Arbeiten und täglichen Aufgaben einbringen und werden das auch gerne tun, weil es ihnen Sinn und Lebensinhalt gibt - und das Gefühl gebraucht zu werden. Ebenso lebten in den transformativen Community-Projekten Menschen mit Handicaps, sowieso Menschen aller Sprachen und Hautfarben.
Ohne eine Form von staatlicher Aufsicht wird es nicht gehen
Es müsste Stellen geben, die diese Projekte überblicken und die überprüfen, ob sie demokratischen Grundsätzen genügen, ob dort ein pädagogisch wertvolles Konzept entwickelt wurde, ob dort geeignete Erwachsene leben, arbeiten und Verantwortung übernehmen, damit sich Heranwachsende dort hineinbewerben können. Viele werden vielleicht an solch abgründige Dinge wie die Colonia Dignidad denken, daher müssten die Projekte frei zugänglich und transparent sein. Sie müssen sich von außen überprüfen lassen. Es darf dort niemals ideologische Einflussnahmen geben, nicht in religiösen und nicht in politischen Dingen, Menschenrechte und demokratische Rechte müssen gewahrt sein. Es könnten sich dort auch Wissenschaftler_innen verschiedenster Disziplinen einbringen, die es leid sind, beim Monopoly der Academia mitzuspielen und lieber vor Ort an den Themen arbeiten, die sie bewegen und bedeutsam finden, Menschen die zugleich für Kinder und Jugendliche ansprechbar sind, auch dafür könnten Universitäten ja Mittel aus ihren finanziellen Töpfen abgeben. Astronomie auf einem Gehöft in Brandenburg, Biologie und Urban Gardening in Berlin, Ingenieurskunst und Tischlern im Schwarzwald, Kunst, Literatur und Philosophie in einer Mühle in der Lausitz. Wissenschaft, Pädagogik und Handwerk gingen, je nach Profil eines Projektes, Hand in Hand.
Handlungs- und erfahrungsorientiertes Lernen in Kombination mit digitalen Lernformen
An solchen Orten sind dann für die Heranwachsenden, gerade für Jungen und junge Männer, die im jetztigen System Schwierigkeiten haben, sechs Stunden oder länger auf einem Stuhl, an einem Tisch zu sitzen, auch handlungsorientierte Lernformen möglich: körperliche Bewegung, Aktion, mit dem Traktor aufs Feld fahren, Umgang mit Tieren, Pflanzen, Werkzeug, nicht stundenlanges Sitzen an Tischen über Arbeitsblättern, Büchern und Tablets, wie in der Schule. Mit welchen Methoden sollen wir sie auch dazu bringen, sich in die überkommenen Systemstrukturen einzufügen? Natürlich wird in den Projekten auch gerechnet, gelesen, reflektiert und debattiert, natürlich wird dort Frage- und Problemstellungen nachgegangen und sich Wissen angeeignet, aber situativer und selbstbestimmter, als es in Schulen der Fall ist. Auch Künstliche Intelligenz kann dabei eingesetzt werden, wenn es etwa darum geht, sich mit einem virtuellen Tutor oder einer Tutorin gemeinsam ein spezielles Fachwissen anzueignen, wenn die jungen Menschen sich etwa auf ein bestimmtes Studium oder eine Berufsschule eigenständig und selbstbestimmt vorbereiten. Digital aufgerüstete Klassenzimmer allein können die überkommenen Strukturen des Schulsystems nicht ändern. Viele junge Menschen lernen längst autodidaktisch in Datenbanken, virtuellen Communities, mit Apps – jenseits des Schulsystems.
Die gesellschaftliche Transformation läuft bereits
Die Beschwörung des Präsenzunterrichts durch schulische Interessensvertreter_innen während der Coronakrise zeigte, dass diese Institution begonnen hat, um ihre gesellschaftliche Rolle und ihre Kontrollmacht zu kämpfen. Sicher, die Schule wurde in Zeiten der Pandemie von vielen Kindern und Jugendlichen als sozialer Ort vermisst, aber weil es auch keine Alternativen gab. Dass die Schule aber als Ort genormten, standardisierten Lernens vermisst wurde, darf bezweifelt werden. Zeit also, jetzt neue Formen des Lernens, Arbeitens und Lebens zu entwickeln. Kaum ein Land hält so massiv an der Schulpflicht fest wie Deutschland es noch tut. Dadurch bleibt die Gesellschaft aber insgesamt unter ihren Möglichkeiten. Die Menschen sind zu mehr Freiheit fähig, als es derzeit in Politik und Verwaltung vorausgesetzt wird.
Wieder Wanderjahre für die Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Deutschland
Während Kinder in den Projekten aufwachsen und lernen, in denen sich auch die Eltern engagieren, könnten Jugendliche die Projekte nach einer gewissen Zeit wechseln. Sie gingen dann auf Wanderschaft und zögen etwa von einer Mühle in der Lausitz oder einem Gehöft im Harz zu einem urbanen Projekt in Berlin oder Köln. Deutschlands Jugend hätte wieder Wanderjahre, selbstbestimmt. Konzepte für eine solch andere Gesellschaft liefert etwa der irische Philosoph John O’Donohue: belonging, im Sinne der Zugehörigkeit zu sozialen Gemeinschaften oder threshold, im Sinne der Schwellen, die wir, uns weiter entwickelnd, in unserem Leben überschreiten. Die neue gesellschaftliche Welt entsteht jedoch nicht am Reißbrett von Politik und Verwaltung, sondern von unten, durch ein Design der kreativen Unordnung, wie der Soziologe Richard Sennett es nennt. Das werden emotional und sozial stabile, verantwortungsbewusste Menschen sein, die so aufwachsen und ihr Leben selbstständig in die Hand nehmen. Was für eine Zukunft für uns alle!
Erste Schritte auf einem Dreiseitenhof in Anhalt und Etablierung einer Denkfabrik
Erste Schritte in Richtung eines solchen Projektes werden derzeit in Anhalt, Ostdeutschland gemacht, auf einem Dreiseitenhof aus dem 19. Jahrhundert. Unser Projekt versteht sich, neben all den praktischen Arbeiten, die derzeit laufen, auch als Denkfabrik, diese Petition ist Teil dieser Arbeit. Es geht nicht darum, schnell ein paar Unterschriften zu bekommen. Jede und jeder kann und soll erst mal in Ruhe nachdenken, bevor hier unterschrieben wird, es geht um das Anstoßen einer gesellschaftlichen Debatte, um einen Beitrag zu einer mittel- und langfristigen Transformation, im Sinne nachhaltiger Veränderung, denn das Ganze ist eine komplexe Angelegenheit, alles hängt zusammen, das Lernen, das Arbeiten und das Leben, und wir können nicht das eine verbessern wollen, ohne zugleich in einem anderen Bereich etwas zu verändern. Wenn diese Gedanken Dich erreichen und wenn Du zu dem Ergebnis kommst, dass eine gesellschaftliche Debatte sinnvoll oder sogar notwendig wäre, dann wäre es gut, diese Initiative durch Deine Unterschrift zu unterstützen und nach Möglichkeit auch mit anderen zu teilen, damit das Ganze an Reichweite gewinnt.
Anerkennung für all diejenigen, die im jetzigen Schulsystem sehr gute Arbeit leisten
Wichtig ist auch anerzuerkennen, dass es zahlreiche sehr engagierte Lehrkräfte im jetzigen System gibt, die auch viel für die Kinder und Jugendlichen bewirken, mit denen sie arbeiten, und dass es auch etliche sehr richtungsweisende Schulen mit sehr guten Philosophien und Schulkulturen gibt. Sie sollen natürlich weiterbestehen und sich weiter entwickeln können. Mir geht es hier um das Schaffen von zusätzlichen Alternativen, um das Öffnen von neuen Räumen für all diejenigen, die sich unter den jetzigen Systembedingungen nicht entfalten können.
Weitere Lektüremöglichkeiten
Falls Du noch mehr lesen und auch Bildmaterial über unser Projekt in Anhalt sehen möchtest, vor ein paar Tagen ist in Frontiers in Sociology ein Artikel erschienen, den ich gemeinsam mit Janet Painter verfasst habe. Wenn Du den Link Supplementary Material anklickst, findest Du dort noch weitere Fotos mit kurzen Beschreibungen:
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/fsoc.2023.1164293/full
Summary in English:
Increasingly people experience alienation in educational institutions, in work life, and fragmentation in their personal life. This study explores more self-determined, healthy, and sustainable forms of working, learning, and living through a dynamic process that began in 2020 with the purchase of an old homestead in Eastern Germany. Through the remodeling of the buildings and grounds, the first social and cultural references emerged. Along with practical uses, the farm project sees itself as a future workshop or think tank. The resulting consideration includes ideas of compulsory schooling woven into a self-designed format and the introduction of an unconditional basic income. These components could lead to thousands of such projects in rural and urban areas. Drawing from communitarianism, the belief is that an active civil society must take on social, economic, and educational responsibilities and offer children and young people improved conditions in which to grow up. Theory development on the individual components exists, such as entrepreneurship, transformation, community-building, basic income, or self-directed learning but not on the interaction of these variables in the overall context. We tentatively call this integrated design a transformative community project.
Prof. Dr. habil. Joachim Bröcher, Europa-Universität Flensburg, Abteilung emotionales und soziales Lernen
Wenn du noch mehr Information willst:
https://bröcher.de/
https://bröcher.de/Transformation-Publications.pdf
https://www.youtube.com/channel/UCsNIXx1MDinYVUDupUoU8fg/videos?view=0&sort=da
If you want to have more information:
https://broecher-research.de/Transformation-Publications.pdf

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Die Entscheidungsträger*innen
Petition am 28. Mai 2023 erstellt