Reaktionen auf die Stellungnahme zum aktuellen Positionspapier Waldbesitzerverbände Bayern und BW

Auf unsere Stellungnahme zum Positionspapier Stellungnahme zum Positionspapier des Bayerischen Waldbesitzerverbands und der Forstkammer Baden-Württemberg: „Walderhalt als oberste Maxime - Kehrtwende in der Waldpolitik gefordert“ https://www.bayer-waldbesitzerverband.de/news/59.html haben wir u.a. unten stehende Antwort erhalten, mit der wir gerne eine Diskussion eröffnen wollen. Es ist an der Zeit, Positionen nicht nur vorzustellen, sondern irreführende Interpretationen direkt zu beantworten. Daher veröffentlichen wir den Beitrag, sowie unsere Reaktion darauf:
Antwort in den Sozialen Medien an die BBIWS:
"Waldschutz ohne Waldbewirtschaftung? So einfach ist es nicht.
Die BundesBürgerInitiative WaldSchutz zeichnet ein Bild der Forstwirtschaft, das mit der Realität moderner Waldbewirtschaftung wenig zu tun hat: Holzernte wird zur „Ressourcenplünderung“, Waldumbau zur „Fehlleistung der Forstpolitik“, aktive Bewirtschaftung zur „Übernutzung“ und Waldbesitzer werden zum Problem für den Wald erklärt.
Das ist keine sachgerechte Debatte über die Zukunft unserer Wälder. Schade!
Natürlich ist der Klimawandel menschengemacht. Natürlich leiden unsere Wälder unter Hitze, Dürre und Extremwetter. Aber daraus folgt keineswegs, dass Bewirtschaftung die Ursache der Waldschäden ist oder Nichtbewirtschaftung automatisch zu resilienteren Wäldern führt.
Im Gegenteil: Wer einen klimafitten Wald will, muss Waldentwicklung aktiv gestalten. Dazu gehören standortgerechte Baumarten, Mischbestände, Naturverjüngung, Pflege, angepasste Bestandesdichten und – wo erforderlich – die Entnahme gefährdeter oder nicht standortgerechter Bäume.
Besonders absurd wird es bei der Behauptung, der Abbau hoher Holzvorräte sei grundsätzlich ökologisch schädlich. Ein hoher Vorrat ist nicht automatisch ein stabiler Wald. Entscheidend sind Standort, Baumarten, Altersstruktur, Dichte und Wasserversorgung.
Und nein: Holz ist kein „Raubbau“. Nachhaltig erzeugtes Holz ist ein nachwachsender Rohstoff, speichert Kohlenstoff in langlebigen Produkten und kann fossile und energieintensive Rohstoffe ersetzen.
Wer Forstwirtschaft pauschal als Ursache der Waldkrise bezeichnet, ignoriert zudem die Verantwortung, die Waldbesitzer seit Generationen übernehmen – für Klimaschutz, Biodiversität, Erholung, Rohstoffversorgung und stabile Waldökosysteme.
Auch die Forderung nach „Bürokratieabbau“ als Angriff auf den Naturschutz darzustellen, ist schlicht falsch. Wir wollen keinen schwächeren Waldschutz. Wir wollen besseren Waldschutz. Dafür braucht es praxistaugliches Recht statt immer neuer Dokumentations-, Berichts- und Genehmigungspflichten.
Unser Ziel ist klar:
Klimafeste Wälder. Aktive Anpassung. Nachhaltige Holznutzung. Starke Waldbesitzer. Und Naturschutz, der tatsächlich funktioniert.
Wer dagegen die Bewirtschaftung möglichst weit zurückdrängen will, sollte ehrlich sagen, was er will: weniger Nutzung – nicht automatisch mehr Waldschutz."
Antwort der BBIWS:
Ihre Erwiderung bestätigt leider den Kern unseres Einwands: Sie ersetzt die notwendige Auseinandersetzung mit konkreten forstlichen Eingriffen durch das pauschale Leitbild einer angeblich alternativlosen „aktiven Waldbewirtschaftung“.
Die BundesBürgerInitiative WaldSchutz behauptet weder, der Klimawandel sei nicht die zentrale Ursache der gegenwärtigen Waldschäden, noch, dass jede Form forstlichen Handelns schädlich sei oder dass jeder sich selbst überlassene Bestand automatisch resilient werde. Eine solche Unterstellung ist ein Strohmannargument. Unsere Kritik richtet sich gegen eine Waldpolitik, die Holznutzung, Vorratsabbau, Auflichtung, technische Erschließung und die Einbringung neuer Baumarten als Regelfall darstellt, ohne die standörtlichen Risiken, die Schäden an Boden und Mikroklima sowie die Grenzen der Steuerbarkeit von Waldökosystemen ausreichend zu berücksichtigen.
Die wissenschaftlich sachgerechte Position ist differenzierter: Waldentwicklung kann in Einzelfällen unterstützende Maßnahmen erfordern. Das gilt etwa bei stark degradierten, naturfernen Nadelreinbeständen, bei fehlender natürlicher Verjüngung infolge überhöhter Wildbestände oder bei akuten Gefährdungen von Menschen und Infrastruktur. Daraus folgt jedoch nicht, dass häufige Eingriffe, pauschaler Vorratsabbau oder verstärkte Holznutzung zu einem klimastabilen Wald führen. Gerade in einer Phase zunehmender Hitze und Dürre müssen Waldinnenklima, Bodenstruktur, Wasserspeicherung, alte Bäume, Totholz und natürliche Entwicklungsprozesse besonders geschützt werden.
Ein hoher Holzvorrat ist tatsächlich nicht allein schon ein Qualitätsmerkmal. Ebenso wenig ist er jedoch, wie von Ihnen nahegelegt, ein ökologisches Problem, das grundsätzlich „abgebaut“ werden müsse. Entscheidend sind Struktur, Baumartenmischung, Alters- und Zerfallsphasen, Standorteignung, Bodenzustand und Kontinuität. Naturnahe, strukturreiche Wälder benötigen gerade auch alte und starke Bäume sowie stehendes und liegendes Totholz. Diese Elemente sind keine „Übervorräte“, sondern Voraussetzungen für zahlreiche Arten, für Nährstoffkreisläufe, Wasserrückhalt, Temperaturpufferung und langfristige Kohlenstoffspeicherung.
Besonders problematisch ist deshalb die Forderung nach einem allgemeinen „Abbau von Übervorräten“. Sie bleibt fachlich unbestimmt: Welche Vorräte sind auf welchem Standort „überhöht“? Nach welchem ökologischen Maßstab? Welche Mindestanteile an Alt- und Biotopbäumen, Habitatstrukturen, Totholz und geschlossenen Kronendächern bleiben verbindlich erhalten? Und wie werden die Folgen für Bodenfeuchte, Verdunstung, Naturverjüngung und Artenvielfalt vor, während und nach dem Eingriff gemessen? Ohne solche Kriterien wird der Begriff zum Einfallstor für Nutzungssteigerung.
Die Praxis zeigt, warum diese Fragen nicht theoretisch sind. Im Münsterland wurde über Jahre dokumentiert, wie größere Buchen aus Beständen entnommen, Bestände stark aufgelichtet und Böden durch schwere Technik sowie dichte Befahrung belastet wurden. Die dort geschilderten Vorgänge sind zunächst eine dokumentierte Beobachtung und keine rechtskräftige Bewertung eines Einzelfalls. Sie verdeutlichen aber exemplarisch, dass sich die Formel „nachhaltige Nutzung“ nicht selbst legitimiert. Wo alte Bäume entfernt, Kronendächer geöffnet und Böden verdichtet werden, können lokale Kühlungs-, Wasserhalte- und Lebensraumfunktionen erheblich beeinträchtigt werden. Eine verantwortliche Waldpolitik muss solche Eingriffe transparent machen, unabhängiger Kontrolle zugänglich machen und ihre ökologischen Folgen ernsthaft prüfen.
Ihre Aussage, Holz sei ein nachwachsender Rohstoff und könne fossile oder energieintensive Materialien ersetzen, ist nur teilweise zutreffend. Entscheidend sind die konkrete Verwendung, die Dauer der Kohlenstoffspeicherung, die Herkunft des Holzes, die Nutzungsintensität und die zeitliche Bilanz. Langlebige Holzprodukte können unter bestimmten Bedingungen Klimavorteile gegenüber emissionsintensiveren Materialien haben.
Daraus folgt aber nicht, dass jede zusätzliche Holzernte oder insbesondere die energetische Nutzung ökologisch und klimatisch vorteilhaft ist. Die EU selbst verlangt bei Förderregelungen die Beachtung einer Nutzungskaskade: Holz soll vorrangig stofflich und möglichst langlebig genutzt, wiederverwendet und recycelt werden; Bioenergie steht in dieser Reihenfolge erst nach Holzprodukten, Lebensdauerverlängerung, Wiederverwendung und Recycling. Zudem sollen nationale Förderungen Waldkohlenstoffsenken und Ökosysteme berücksichtigen.
Auch die Darstellung, die BBIWS wolle Eigentümer pauschal zum „Problem für den Wald“ erklären, verfehlt unsere Position. Waldeigentum ist selbstverständlich legitim und viele Waldbesitzende bewirtschaften ihre Flächen engagiert und verantwortungsvoll. Doch Eigentum verpflichtet. Bei Wäldern gilt dies in besonderer Weise, weil sie weit über ihre Holzproduktion hinaus Gemeinwohlleistungen erbringen: Trinkwasserschutz, Bodenschutz, Hochwasser- und Hitzeminderung, Klimaschutz, Artenvielfalt, Erholung und Gesundheit. Deshalb ist es legitim und notwendig, Mindeststandards für den Schutz dieser Leistungen festzulegen, deren Einhaltung nachvollziehbar zu kontrollieren und Eigentümer bei weitergehenden Naturschutzleistungen fair zu honorieren.
Die EU-Wiederherstellungsverordnung ist dabei kein Angriff auf den Waldschutz, sondern ein verbindlicher Rahmen, um den ökologischen Zustand geschädigter Ökosysteme zu verbessern. Für Waldökosysteme sieht sie Maßnahmen zur Stärkung der Biodiversität und eine positive Entwicklung zentraler Indikatoren vor, darunter Totholz, ungleichaltrige Bestandsstrukturen, Waldvernetzung, organischer Kohlenstoff, Anteile heimischer Baumarten und Baumartenvielfalt. Diese Ziele widersprechen einer klimagerechten Waldpolitik nicht; sie konkretisieren sie.
Es ist daher irreführend, notwendiges Monitoring, Transparenz und Berichtspflichten pauschal als „Bürokratie“ abzutun. Gute Regelungen müssen zweifellos praxistauglich sein und kleine Betriebe dürfen nicht unverhältnismäßig belastet werden. Aber ohne nachvollziehbare Daten und unabhängige Kontrolle bleibt „nachhaltige Waldbewirtschaftung“ eine bloße Behauptung. Wer ökologische Leistungen finanziell honorieren will, muss auch belastbar erfassen können, ob sie tatsächlich erbracht werden.
Unsere Forderung lautet nicht: „weniger Nutzung um jeden Preis“. Sie lautet: Vorrang für die ökologischen Belastungsgrenzen des Waldes. Wo Nutzung stattfindet, muss sie naturverträglich, standortbezogen, bodenschonend, transparent und an messbaren Schutzstandards ausgerichtet sein. Sie darf nicht zur weiteren Entnahme gerade jener alten und strukturreichen Waldelemente führen, die der Wald im Klimawandel besonders braucht.
Wir plädieren deshalb für:
- Den Schutz und die dauerhafte Sicherung alter, strukturreicher und möglichst naturnaher Waldbestände.
- Eine deutliche Ausweitung nutzungsfreier Waldentwicklungsflächen, damit natürliche Prozesse, Alters- und Zerfallsphasen sowie Referenzflächen ausreichend vertreten sind.
- Den Verzicht auf pauschalen Vorratsabbau; Eingriffe müssen standortbezogen begründet und ökologisch bilanziert werden.
- Verbindliche Mindeststandards für Alt- und Biotopbäume, starkes stehendes und liegendes Totholz, Habitatkontinuität und Waldinnenklima.
- Konsequente Vermeidung von Bodenschäden durch technisch minimierte Befahrung, permanente Rückegassenbegrenzung und wirksame Kontrolle.
- Eine Förderung, die Waldbesitzende für nachweisbare Gemeinwohlleistungen honoriert, statt hauptsächlich Holzmobilisierung zu subventionieren.
- Transparente Forstbetriebsplanung und eine unabhängige Kontrolle der ökologischen Wirkungen forstlicher Maßnahmen.
Wer die Bewirtschaftung nicht als Selbstzweck, sondern als Eingriff in ein hochkomplexes Ökosystem versteht, muss diese Maßstäbe akzeptieren. Nicht „aktive Bewirtschaftung“ ist das Ziel, sondern ökologisch funktionsfähige, klimaangepasste und artenreiche Wälder. Nutzung kann darin einen begrenzten Platz haben. Sie darf aber weder zum Leitprinzip noch zur Rechtfertigung für den Abbau der natürlichen Widerstandskraft unserer Wälder werden.