StraßenbahnausbauB88-Sperrung in Jena: "Schleichwege" über Dörfer verursachen Ärger
03. März 2026, 09:06 Uhr
Wegen des Straßenbahnbaus ist die B88 in Jenas Norden monatelang gesperrt. Der Verkehr weicht in umliegende Dörfer aus. Dort fürchten Bürgermeister und Anwohner Engstellen, Gefahren für Schulkinder und steigende Schäden an Gemeindestraßen. Das Problem könnte sich noch verschärfen.
von Olaf Nenninger, MDR THÜRINGEN
Am Montag, direkt nach dem morgendlichen Berufsverkehr, kam die Vollsperrung: Die Bundesstraße 88 in Jenas Norden ist wegen der Bauarbeiten für die Straßenbahnverlängerung ins Himmelreich auf lange Sicht dicht.
Die B88 ist eine zentrale Nord-Süd-Verbindung zwischen Jena, dem Saale-Holzland-Kreis und dem Raum Dornburg/Naumburg. Die offizielle Umleitung bis November ist weiträumig ausgeschildert und führt über mehr als 30 Kilometer.
Doch viele Pendler dürften praktischere Ausweichrouten wählen. Sie führen durch umliegende Dörfer wie Golmsdorf, Nerkewitz oder Lehesten. Dort wächst der Unmut.
Golmsdorf: 400 Fahrzeuge pro Stunde
In Golmsdorf registriert der parteilose Bürgermeister Benjamin Zollmann eine deutliche Zunahme des Verkehrs. 400 Fahrzeuge in der Stunde seien es am Montagnachmittag gewesen, achtmal so viele wie sonst.
Schon kurz nach Beginn der Sperrung seien die ersten "Umfahrer" ins Dorf eingebogen. Die Strecke ist eng, Lkw müssen in Kurven weit ausholen. Am Ortseingang ist eine Hausecke beschädigt. Ein 40-Tonnen-Lkw hatte dort vor einiger Zeit bereits Schäden verursacht, berichtet Zollmann.
"Sie müssen damit leben, dass auch öfter mal die Ecke weggefahren wird", sei ihm von der Stadtverwaltung Jena mit Blick auf die aktuelle Umfahrung gesagt worden.
Hier hat schon einmal ein LKW die Hausecke gestreift. Die Sorge ist groß, dass es wieder passiert.Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk
Sorge vor Schäden und zusätzlichen Kosten
Die Gemeinde Golmsdorf fürchtet zusätzliche Kosten. Teile der Strecke sind Gemeindestraßen. Schäden müssten vor Ort getragen werden. Geplant sind temporäre Maßnahmen wie Tempo 30, fünf Ampeln, eine (unechte) Einbahnregelung in der Untergasse und eine Beschränkung auf 3,5 Tonnen für den Durchgangsverkehr. Ob und wie konsequent kontrolliert werde, sei offen, so Zollmann.
Ob und wie konsequent kontrolliert wird, ist offen.
Am Ortseingang von Golmsdorf registrierte Bürgermeister Benjamin Zollmann am Montagnachmittag rund 400 Fahrzeuge, die sich durchs Dorf schlängelten.Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger
Risiken für Schulwege und Brandschutz
Auch in Nerkewitz und Lehesten wurden mehrere hundert Fahrzeuge in den Spitzenzeiten gezählt. Bürgermeister Michael Döring (CDU), zuständig unter anderem für Nerkewitz und Lehesten, sieht Risiken für Schulkinder und den Brandschutz.
Engstellen, Bushaltestellen und fehlende Gehwege verschärften die Lage. Staus könnten die Ausfahrt der Freiwilligen Feuerwehr blockieren.
Auch in Nerkewitz geht es eng zu. Bürgermeister Michael Döring sorgt sich vor allem um Kinder, die zum Schulbus müssen.Bildrechte: MDR/Olaf Nenninger
In der Vergangenheit habe man bei ähnlichen Situationen mit Warnposten gearbeitet, um Schulbusse passieren zu lassen. "Wer ist wo zuständig?", fragt Döring mit Blick auf die Stadt Jena und den Saale-Holzland-Kreis. Die Abstimmung ist aus seiner Sicht unklar.
Weitere Baustelle in Altengönna
Parallel verschärft eine weitere Baustelle die Situation: In Altengönna beginnt ein Bauabschnitt mit halbseitiger Sperrung; großräumige Umleitungen führen ebenfalls über die Region. In Lehesten rechnet man daher ab der kommenden Woche mit zusätzlichem Verkehr, der sich an Engstellen und Bushaltestellen bündelt.
Hintergrund: Straßenbahnverlängerung ins Himmelreich
Die Sperrung steht im Zusammenhang mit dem Weiterbau der Straßenbahn von Jena-Nord ins Wohngebiet Himmelreich. Der Ausbau ist Teil eines Gesamtprojekts, dessen Kosten aktuell mit rund 54 Millionen Euro beziffert werden; der städtische Eigenanteil liegt bei etwa 20 Millionen Euro.
Ein erster Abschnitt wurde zwischen 2017 und 2020 realisiert. Die Stadt verweist darauf, dass Fördermittel von Bund und Land an das Gesamtvorhaben gebunden sind und ein Abbruch finanzielle Nachteile nach sich ziehen würde.
Kritik an Planung und fehlende Entlastung
Für die Dörfer bleibt jedoch die Frage, wie die Belastungen während der Bauzeit abgefedert werden. Sie fühlen sich in die Planungen nicht ausreichend eingebunden und sehen die Lasten ungleich verteilt.
Auch mehrere Einwohnerversammlungen im Vorfeld der Bauarbeiten, in denen die Stadt die umliegenden Gemeinden von ihren Plänen überzeugen wollte, verfehlten ihre Absicht. Die nächsten Tage dürften zeigen, wie sich die Verkehrsströme weiter entwickeln.
Der Saale-Holzland-Kreis will dann entscheiden, ob und wie er die Orte nördlich der Baustelle unterstützen kann. Denn dort gibt es bislang weder temporäre Ampeln noch Tempo-30-Zonen.
