Petition updateUnterstützen Sie die Aufarbeitung der Misshandlungen der „Verschickungskinder“Brief wegen Übergabetermin der Unterschriften und Bitte um Anhörung im Bundestag
Anja RöhlBerlin, Germany
Aug 11, 2022

Liebe Unterstützende dieser PETITION, nochmals Danke für Eure Hilfe! In einem persönlichen Schreiben an Lisa Paus mit der Bitte um einen Übergabetermin der Unterschriften und einer aktuellen Anhörung im Bundestag habe ich das Anliegen der Verschickungskinder jetzt nochmal der Familienministerin gegenüber präzisiert. Ich würde mich über weitere Unterstützung freuen! Eine offizielle Übergabe wird erfolgen, nachdem wir 50.000 Unterschriften zusammen haben. Teilt die Petition weiter, alles hilft, danke!

 

Liebe Lisa Paus                                                                                             11.8.22

Ich möchte mich nochmal mit einem Brief persönlich an Sie wenden. Nachdem uns aus Ihrem Hause in einem Gespräch, das als Gedankenaustausch geplant war, vorab gleich als erstes gesagt wurde, dass der Bund nicht für die Verschickungen in den 50-80er Jahren zuständig war, da es allein eine Sache der Bundesländer gewesen sei, habe ich die Ihnen hier angehängte Petition öffentlich ausgeschrieben, die wir Ihnen gern so bald als möglich auch öffentlich übergeben möchten. In ihr widerspreche ich dieser Auffassung im Namen der Verschickungskinder.

Schon nach kurzer Zeit haben sich über 39.000 Unterstützende meiner Auffassung gefunden, viele davon Menschen, denen es ähnlich erging, wie sie in eigenen Kommentaren zufügend schildern. Viele beschreiben spontan die damals erlittenen Quälereien, aus denen sich unschwer herauslesen lässt, wie wichtig es ist, das Thema gründlich, professionell und zügig aufzuarbeiten. Es ist, nach bisherigen Recherchen, ein historisch vergessenes gesellschaftliches Problem, es sind keine individuellen Einzelschicksale.

Desto wichtiger, dass eine politische Lösung gefunden werden muss. Der Bund ist nach unseren Recherchen durch die Bahnzuschüsse und die damalige Sozial-Gesetzgebung mitverantwortlich an diesem vergessenen historischen Skandal. Und so muss eine Gesamtlösung gefunden werden.

Unser Vorschlag ist der, dass der Bund, wie die Länder und die Träger zu je einem Drittel an den Kosten der Aufarbeitung beteiligt werden. Vor allem aber müssen die Betroffenen von Kinderverschickung anderen Opfern institutioneller Gewalt, wie den Fürsorgeheimkindern und den Psychiatrie- und Behinderteneinrichtungs-Betroffenen gleichgesetzt werden.  

Es wäre uns lieb, dazu einen Termin im Bundestag zu einer Anhörung zu bekommen.

Immerhin ist das Phänomen der Gewalt in den Verschickungsheimen bis 2019 historisch vollkommen vergessen gewesen, niemals beforscht worden und erstmalig durch Betroffene 2019 mit 2000 öffentlichen Zeugnissen aufgedeckt und in drei Jahren mit immerhin 8 Büchern, zahllosen Recherchen von Betroffenengruppen, mehreren wissenschaftlichen Aufsätzen und inzwischen einem Wissenschaftsverein mit 20 Professoren von 10 Universitäten untermauert worden. Eine Aufdeckung und Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels tut dringend Not und muss vom Bund in Form einer Stiftung o.ä. dringend professionell unterstützt werden.

Wir als bundesweite Betroffenenorganisationen (Bundesinitiative Verschickungskinder) sind bisher rein ehrenamtlich tätig und haben weit über 200 Betroffene pro Woche neu zu vernetzen und zu beraten. Das ist ehrenamtlich nicht mehr zu bewältigen und die abschlägige Antwort des Familienministeriums hat zu großem Unmut, zu Verzweiflung und Ohnmachtsgefühlen bei unseren Betroffenen geführt. Damals hat man den kleinen Kindern nicht geglaubt und heute werden wir wieder behandelt, als seien wir nicht ernst zu nehmen, das ist bitter, so das Fazit der meisten.

Ich bitte Sie inständig, uns zu einer Anhörung in dieser Sache zu verhelfen, so dass wir die Abgeordneten des Bundestags eventuell von unserem Anliegen einer Unterstützung unserer Aufarbeitungsbemühungen in Form von Bürgerrecherche überzeugen können. Die Aufarbeitung braucht Vernetzung der Betroffenen und Hilfe von Historikern bei der Recherche. Viele haben nur wenige Erinnerungen, oft auch keinerlei Nachweise ihrer Aufenthalte, sie müssen sich mit anderen aus ihrem Heimort im Chat treffen, um die Puzzelsteine der Erinnerungen zusammenzufügen. Das hat einen starken Heilungseffekt, da dann den Betreffenden erstmalig klar wird, dass sie nicht allein mit ihrem Problem waren, wie über 5 Jahrzehnte angenommen. Herzzerreissende Szenen spielen sich da ab, die Menschen weinen und danken uns. Alle bedrängt ein starkes Bedürfnis alles über die Verschickungen herauszufinden, in welchem Heim sie waren, wie ihre Peinigerinnen hießen, was die für Vorgeschichten hatten, was es für ein Heim war, was da sonst noch vorgekommen ist, wieviel ökonomischen Gewinn es gemacht hat, welche Beschwerden es seitens Mitarbeiterinnen, Praktikantinnen, Eltern und der Heimaufsicht gab, wer verhindert hat, dass denen stattgegeben wurde, usw. All das ist den Betroffenen wichtiger als jede Entschädigung, sie brauchen nichts als gesellschaftliche Anerkennung ihres Leids und dessen gründliche Aufarbeitung. Und die Erfahrungen der letzten zwei Jahre zeigen, dass noch viele Akten vorhanden sind. Täglich finden sich in Archiven neue Akten zu diesem Thema.

Bitte überdenken Sie daher nochmals Ihren Beschluss, dass hier keine Verantwortungsübernahme seitens des Bundes nötig ist.

Eine Bundes-Verantwortungsübernahme ist uE absolut nötig, um eine wirkungsvolle Unterstützung möglich zu machen. Nur eine Bundesstiftung/Kommission o.ä., in Art der „Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs“ oder der „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ kann hier den zahllosen Betroffenen wirksam und professionell helfen.  

 

Mit freundlichen Grüßen

Anja Röhl

www.verschickungsheime.de

www.anjaroehl.de

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