
Wo anfangen und wo enden, frage ich mich. Meine Mutter hatte einen Schlaganfall und ist jetzt im Krankenhaus. Was war passiert? Nach mehreren Jahren des Wartens war vergangene Woche "mein großer Termin" vor dem LSG in Celle. Es ging buchstäblich um alles für mich. Meine Mutter macht sich seit vielen Jahren große Sorgen um meine Zukunft. Wer mich kennt, weiß davon, dass ich aufgrund von verschiedenen zum Teil schweren Gewalttaten in meiner Kindheit um meine Gesundheit gebracht wurde. Während meine Klassenkameradinnen und -kameraden ihr Leben in die Hand nehmen konnten, ist seit der Grundschulzeit mein Sicherheitsgefühl dauerhaft zerstört. Ich spüre unterschwellig immer die abstrakte Bedrohung, dass plötzlich jemand kommt, und mich würgt. Nicht von meinem Verstand her, das ist klar. Ich weiß auch, dass das unwahrscheinlich ist. Doch ich fühle mich nirgendwo mehr wirklich sicher. Wohl nur wer mal plötzlich und ohne Grund bis zur Bewußtlosigkeit gewürgt worden ist, kann verstehen, dass ein solcher Mensch niemals mehr wirklich vertrauen zu anderen Menschen aufbauen kann, selbst wenn er es noch so will. Mich hat dieser Vorfall gemeinsam mit den anderen Übergriffen um meine Erwerbsfähigkeit gebracht. Und diese Problematik war an jenem Tag vor Gericht in Celle ausführlich erörtert worden. Eine Fachärztin war extra über mehrere Hundert Kilometer weit angereist, um dem Gericht das klarzumachen. Und alles schien auch klar zu sein. Der Richter hatte keine Gegenfragen, auch nicht die Vertreter des beklagten Landes Niedersachsen. Als der Richter erkannte, dass die Gutachterin ihr Urteil nicht in seinem Sinne traf, sondern sehr detailliert meine gesundheitlichen Folgen auf die Überfälle durch die Jugendlichen herausgearbeitet hatte, schien erst mal alles okay zu sein. Der Richter hatte keine Fragen an die Gutachterin, und auch nicht die beklagte Gegenseite, das Land Niedersachsen. Eigentlich seltsam, wo die Gegenseite doch anschließend daran festhielt, dass meine Klage abgewiesen werden soll. Die Gutachterin wurde entlassen, und das Gericht zog sich zur Beratung zurück.
Dann kam eine halbe Stunde später das Urteil: der Richter entschied einfach, dass die Übergriffe durch die Jugendlichen aus dem Verfahren herausgenommen werden und nicht verfahrensrelevant seien. Ergebnis: Die Gutachterin hätte gar nicht einbestellt zu werden brauchen, und so haben wir über zwei Stunden lang über die Jugendlichen und die Traumafolgen gesprochen, und jetzt hieß es einfach nur: April, April. Für das Land Niedersachsen gab es nur Vorteile: das Gericht konnte seine Reputation wiederherstellen, nachdem meine Anwältin Wochen zuvor erfolgreich die vorherige Richterin wegen Befangenheit abgelehnt hatte (diese hatte sich jahrelang geweigert, die Gutachterin einzubestellen und ernsthafte Amtsermittlungen zu betreiben, auch Zeugenbefragungen hatte es nie gegeben, obwohl ein paar Namen noch bekannt waren). Also änderte das Gericht die Strategie komplett, indem es einfach die Übergriffe der Jugendlichen aus dem Verfahren nahm. Einfach so.
So wurden meine Anwältin und ich einfach eiskalt von hinten vor vollendete Tatsachen gestellt, und zur Krönung sass die einige Wochen zuvor als befangen abgelehnte Richterin plötzlich in der Kammer und hatte meiner Klageabweisung ebenfalls mit zustimmen können. Der Vorsitzende Richter versäumte es natürlich nicht, gleich darauf hinzuweisen, dass eine Revision nicht zugelassen werde. Auf meine erstaunte Frage, dass die Unterlagen zu den Jugendlichen doch in der Mappe waren, äußerte der Richter kaltschnäuzig, "Jetzt rede ich, Herr Didillon!". Dabei hatte ich in dem ganzen Prozess zuvor nicht ein Wort gesagt. Ich war nämlich die meiste Zeit über erstarrt und angetriggert, so dass ich es auch gar nicht konnte. Darauf nahm der Richter keinerlei Rücksicht, obwohl selbst das Opferschutzrecht der EU zwingend vorschriebt, mit Gewaltopfern und deren Angehörigen aufgrund der Gefahr von Retraumatisierungen (Körperverletzung!) besonders verantwortungsvoll und behutsam umzugehen. Aber ich war ja schon vor dem Prozess gewarnt worden, dass der ganze Prozess nur ein "Kuhhandel" zwischen der Beklagten (Land Niedersachsen) und dem Gericht (Land Niedersachsen) sei, und ich "kein gerechtes Verfahren bekommen" würde (mehr hierzu siehe unten rechts auf https://www.anstageslicht.de/home/ ). Und genauso sollte es dann ja auch kommen:
verglichen mit einem Fußballspiel verlief mein Prozess ungefähr so, als wenn der Schiedsrichter (Richter) zugleich Angehöriger der einen Mannschaft wäre und (nach der für die Mannschaft des Gegners bzw. Klägers so erfolgreich verlaufenen 2. Halbzeit) entscheiden würde, dass die komplette 2. Halbzeit nicht gewertet würde mit der Begründung, der Kläger habe vor Beginn der 2. Halbzeit schließlich nicht beantragt, in der 2. Halbzeit überhaupt mitzuspielen. Deshalb würden nur die Ergebnisse der 1. Halbzeit gewertet...
Unsere Mutter war bei dem Prozess ja mit anwesend gewesen, und das begleitende so herablassende wie überheblich-süffisante Verhalten des Vorsitzenden Richters ging weit über die körperlichen Kräfte meiner Mutter. Insbesondere, dass das Gericht uns im Grunde überhaupt nicht ernst genommen hat, hat unsere Mutter über die ganzen Tage nach dem Prozess sehr mitgenommen, zumal sie sich sehr um meine Zukunft sorgt und erhofft hat, dass endlich alles gut würde. Sie wird im nächsten Jahr 75 Jahre alt und versteht nicht, was das Gericht da eigentlich geritten hat bzw. wie es sich das einfach so herausnehmen konnte. Auch meine Schwester ist zutiefst erschüttert.
Für unsere Mutter war all dies zu viel: ihr ging es nach dem Gerichtstermin sehr schlecht, und ich musste meine Mutter gestern vormittag ins Krankenhaus bringen, wo sie für einige Tage stationär bleiben wird. Es stellte sich bei der Untersuchung heraus, dass sie nach dem Gerichtstermin einen Schlaganfall hatte.
Mein Fazit: dieses Land und seine Repräsentanten haben in punkto Rechtsstaatlichkeit noch einiges zu lernen. Die hohe Politik schaut leider vornehm weg, ist ja Nutzniesser davon, wenn der Haushalt nicht für die Belange der Menschen "belastet" wird. Aber darf der Rechtsstaat so mit den Menschen umgehen? Ich habe einmal an die Integrität des Rechtsstaates und der Bundesrepublik Deutschland geglaubt. Doch momentan sind wir einfach nur völlig entsetzt und enttäuscht. Ich kann noch nicht einmal sagen, dass ich besonders wütend wäre - dazu fehlt mir wohl momentan die Kraft. Nein, es ist einfach nur ein leeres Gefühl von Enttäuschung und Ohnmächtigkeit. Ich fühle mich gegenüber dem Staat, der dies alles billigt, wieder so vogelfrei wie der Neunjährige, der seine Klassenkameradin vor den halbstarken Jugendlichen beschützen wollte und als Zehnjähriger bis zur Bewußtlosigkeit gewürgt wurde - im Wartezimmer einer staatlichen Behörde. Und heute tut der gleiche Staat so, als wenn ich noch immer keine Rechte habe. Nein, das kann doch alles nicht richtig sein so. Nun ist meine Mutter durch das Ganze gesundheitlich angegriffen worden, und das geht einfach zu weit. Nun geht es nicht mehr nur um bzw. gegen mich, sondern gegen meine Mutter, Schwester und mich als kleine Familie.
Für mich bedeutet das Ergebnis einige weitere Jahre des Kampfes, ohne festen Boden unter den Füßen, und durch die Art und Weise, wie das Gericht mit meinen grundgesetzlich verbrieften Rechten umgegangen ist, ist ein weiteres Mal mein Vertrauen in den Rechtsstaat und die Menschen an sich verloren gegangen. Ich war als Kind vogelfrei, und das bin ich vor dem deutschen Recht bis heute geblieben. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen. Denn damit könnte ich nicht leben. Ich lebe hier wunderschön in Norden, aber ich weiß auch, dass genau die gleichen Leute, die mich heute um mein Recht betrügen (wollen), mich schon übermorgen aus dem Haus setzen könnten.... Meine Anwältin hat in Berlin über die Jahre schon so manches erlebt, doch was sie in Niedersachsen erlebte, ist auch ihrer Meinung nach einfach nur absurd. Was ich aber in Niedersachsen erlebte, passiert anderen unverschuldeten Gewaltüberlebenden Tag für Tag auch. Es hat Methode. Der Mensch zählt nicht mehr. An solchen Details erkennt man, dass unsere selbstverliebte Bundesrepublik Deutschland, welche so gerne die Menschenrechtslage in anderen Ländern verurteilt, auch nichts anderes ist als der Nachfolgestaat des Deutschen Reiches (man könnte es noch schonungsloser ausdrücken). Übrigens hat die Witwe des NS-Blutrichters Roland Freisler noch in den 80er Jahren einen Berufsschadensausgleich in Höhe eines Richtergehaltes anerkannt bekommen - laut Urteilsbegründung, da "im Falle Freisler unterstellt werden müsste, dass er, wenn er den Krieg überlebt hätte, als Rechtsanwalt oder Beamter des höheren Dienstes hohe Einkommen erzielt hätte."
Armes Deutschland! Was soll es- das Leben geht weiter. Der Kampf geht weiter...
Liebe Grüße von Christophe