Im Jahre 2004 hatten die spanischen Sozialdemokraten (PSOE) unter Führung von José Luis Rodríguez Zapatero erstmals versprochen, für eine Offizialität des Katalanischen in der Europäischen Union einzutreten. Dafür erhielt er damals die Stimmen der katalanischen Sozialdemokraten ERC (Esquerra Republicana). Er löste sein Versprechen nicht ein.
https://elpais.com/diario/2004/04/16/espana/1082066408_850215.html
https://www.elmundo.es/elmundo/2004/04/16/espana/1082114067.html
Im Jahr 2023 spielt die für die staatliche Souveränität Kataloniens eintretende liberale Partei Junts, die dem katalanischen Exilpräsidenten und nach wie vor letztem gewählten legitimen Präsidenten Carles Puigdemont eng verbunden ist, eine besondere Rolle bei der Wahl des spanischen Ministerpräsidenten. Dieser wird vom Abgeordnetenhaus («Congreso de Diputados») gewählt, das aus 350 Abgeordneten besteht. Weder das linke noch das rechte Lager kann derzeit ohne die Unterstützung von Junts die für die Wahl des Ministerpräsidenten erforderliche Mehrheit von 176 Stimmen erreichen. Der politisch deutlich rechts von der deutschen AfD stehende Partido Popular (PP), der einst von Ministern Francos gegründet wurde, würde zwar mit der in Teilen neofaschistischen Partei Vox zusammenarbeiten, aber in diesem Bündnis dennoch nur 170 Stimmen erreichen. Das aus mehreren Parteien bestehende Linksbündnis unter Führung der Sozialdemokraten kann 171 Stimmen auf sich vereinen. Beiden Lagern fehlen somit die sieben Stimmen der katalanischen Partei Junts, um im ersten Wahlgang einen Ministerpräsidenten wählen zu können, der, einmal gewählt, ohne weiteres mit einer parlamentarischen Minderheit regieren könnte, wie es in Spanien schon mehrfach der Fall war.
Es steht kaum zu erwarten, daß die spanischen Sozialdemokraten, die sich mit der spanischen Rechten im Grundsatz immer einig waren, wenn es um die Unterdrückung Kataloniens und die Verletzung der Menschenrechte der katalanischen Nation ging — so haben sie im Jahr 2017 zugestimmt, daß erstmals seit Hitler in Westeuropa und unter Bruch organischen Rechts des spanischen Staates ein demokratisch gewähltes Parlament aufgelöst, eine demokratisch gewählte Regierung ohne ausreichende Rechtsgrundlage für abgesetzt erklärt wurde und die Menschenrechte in Katalonien millionenfach verletzt wurden — in wesentlichen Punkten nachgeben oder ihre Versprechen halten werden. Dies ist dem katalanischen Volk und seinen politischen Vertretern seit langem leidvoll bekannt.
Nun hat der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez in seiner Not nicht nur versprochen, daß Spanien dafür eintreten wird, daß die in der Europäischen Union bisher nur als ‘halbamtliche Sprachen’ geltenden Sprachen Katalanisch, Baskisch und Galicisch, die nicht nur in Spanien gesprochen werden, in die Liste der offiziellen Amtssprachen der Europäischen Union aufgenommen werden sollen, sondern hat tatsächlich veranlaßt, daß Spanien durch den spanischen Außenminister José Manuel Albares am 17. August 2023 einen diesbezüglichen offiziellen Antrag an den dafür zuständigen Europa-Rat stellte und darum bat, diesen auf die Tagesordnung der Sitzung vom 19. September 2023 aufzunehmen. Ob dieser Antrag von spanischer Seite ernst gemeint ist, wird man abwarten müssen. Nur bei Einstimmigkeit aller Staaten der Europäischen Union würde er angenommen werden. Es wäre ausreichend, daß Spanien mit ein oder zwei Staaten insgeheim verabredet, daß diese am 19. September 2023 im Europa-Rat gegen Spaniens Antrag stimmen sollen, damit er abgelehnt wird, um so mit Krokodilstränen verkünden zu können, daß Spanien ja alles in seiner Macht stehende getan habe, um die Partei Junts zufriedenzustellen und deren Stimmen zu erhalten, der Antrag aber leider am Veto anderer Staaten gescheitert sei.
Es stünde der Europäischen Union freilich gut an, die relativ große Sprache Katalanisch und die beiden kleineren Sprachen Baskisch und Galicisch in die Reihe ihrer Amtssprachen aufzunehmen. Katalanisch wird von mehr als zehn Millionen Menschen im Prinzipat von Katalonien, auf den Balearen, im Land València, in Andorra, im französischen Teil Kataloniens und auf Sardinien gesprochen. Nach der 2006 veröffentlichten Eurostat-Studie «Die Europäer und ihre Sprachen» (https://europa.eu/eurobarometer/api/deliverable/download/file?deliverableId=37733 wurde Katalanisch damals von rund 2 Prozent der Bevölkerung der damaligen Europäischen Union gesprochen und ist somit in der EU Sprachen wie Portugiesisch, Ungarisch oder Slovakisch vergleichbar.
Heute umfaßt die Europäische Union 27 Staaten mit rund 446,8 Millionen Menschen und 24 Amtssprachen. Immer noch Amtssprache ist das Englische, obgleich es seit dem Austritt Großbritanniens von keinem Staat als Amtssprache hinterlegt ist, da Irland das Irische, Malta das Maltesische als Amtssprache hinterlegt haben. Englisch wird in Irland, wenn man die Zahl der Irischsprecher vernachlässigt, und Malta von etwa 5,67 Millionen Menschen (5,15 Millionen Iren, ca. 519.560 Malteser) gesprochen und kommt somit in den einzigen Staaten, in denen es offizielle Amtssprache ist, nur noch auf einen Anteil von ca. 1,27 % der Bürger der Europäischen Union, Katalanisch mit seinen heutzutage mindestens 11,5 Millionen Sprechern dagegen auf rund 2,6 % der Bürger der EU, die bis heute gegenüber den Europäischen Institutionen sprachlos bleiben müssen und sprachlich in vielfältiger Weise ausgegrenzt werden.
Falls am 19. September Spaniens Antrag mit dem Argument abgelehnt werden sollte, daß die Übersetzungskosten im Falle der Ausweitung der Zahl der Amtssprachen von 24 auf 27 zu hoch ausfielen, so würden der Europäischen Union durch die Fortsetzung der sprachlichen Ausgrenzung von 2,6 % seiner Unionsbürger weitaus höhere politische Kosten sowie ein Glaubwürdigkeitsdefizit entstehen. Das Englische, hinter dem kein Staat Europas mehr steht und das in der Europäischen Union nur noch wenige Mutterspacher zählt, soll dagegen nicht nur Amtssprache, sondern auch Arbeitssprache bleiben, und Sprachen wie beispielsweise das Schwedische mit seinen 8,5 Millionen muttersprachlicher Sprecher, die weniger Sprecher als das Katalanische zählen, wären in einem solchen Fall weiterhin Amtssprachen, das von mehr Menschen gesprochene Katalanisch hingegen nicht.
Der Pakt, den die spanische Partei PSOE und die katalanische Partei Junts schlossen und in dessen Rahmen sie am 17. August 2023 für die Wahl der mallorquinischen Sozialdemokratin Francina Armengol zur Parlamentspräsidentin stimmten, die am Ende ihrer ersten Rede als Parlamentspräsidentin zum Verdruß der spanischen Rechten den großen katalanischen Nationaldichter Salvador Espriu auf katalanisch zitierte, sieht für die Unterstützung von Junts bei den Wahlen des Parlamentspräsidium vier Punkte vor:
1. Spanien soll dafür eintreten, daß Katalanisch, Baskisch und Galicisch als Amtssprachen der Europäischen Union anerkannt werden.
2. Der Gebrauch der katalanischen, baskischen und galicischen Sprache im spanischen Kongreß soll zugelassen werden.
3. Es soll eine parlamentarische Untersuchungskommission zu den islamistischen Attentaten vom 17. August 2017 in Barcelona eingesetzt werden, die mutmaßlich mit Wissen von Schaltstellen des spanischen Staates erfolgten.
4. Es soll eine parlamentarische Untersuchungskommission zu den mutmaßlich illegalen Abhörpraktiken des spanischen Staates mittels Spionageprogrammen wie Pegasus und Candiru eingesetzt werden.
Das mag zunächst wenig erscheinen, doch betrifft diese Abmachung ja erst einmal nur die Wahlen zum Parlamentspräsidium, keineswegs die für das Amt des Ministerpräsidenten, für die Spaniens Linke wohl einen deutlich höheren Preis zahlen müssen wird. Denn Carles Puigdemont und Míriam Nogueras werden dafür sorgen, daß katalanische Interessen nicht zu kurz kommen, falls sie die erneute Wahl des Pedro Sánchez unterstützen sollten, der sich seit 2017 eher als Feind denn als Freund Kataloniens erwiesen hat. Mag er auch angesichts der Alternative, der Rechtsaußenpartei Partido Popular und der in Teilen neofaschistischen Partei Vox, als das kleinere Übel erscheinen, so sind doch aus katalanischer Sicht auch Neuwahlen durchaus eine Option. Die Kosten, die Spanien trägt und zu tragen haben wird, weil es der katalanischen Nation die Ausübung des Menschenrechts auf Selbstbestimmung strikt verweigert, werden ständig steigen und zu einer politischen Polarisierung in Spanien führen, die das ganze Land ins Abseits führen könnte.
«Junts per Catalunya no dóna, ni donarà mai, els seus vots a canvi de res ni amb l’objectiu d’estabilitzar l’estat. L’objectiu de Junts és la independència de Catalunya i tots els acords que subscriu serveixen per avançar en aquesta direcció.»
«Junts per Catalunya verschenkt seine Stimmen nicht für nichts oder das Ziel, den Staat zu stabilisieren, und wird sie nicht dafür verschenken. Das Ziel von Junts ist die Unabhängigkeit Kataloniens, und alle Übereinkünfte, die es unterschreibt, dienen dazu, in dieser Richtung voranzukommen.»
https://www.vilaweb.cat/noticies/detalls-acord-junts-psoe/
https://www.vilaweb.cat/noticies/puigdemont-oficialitat-catala-unio-europea/
https://www.vilaweb.cat/noticies/govern-espanyol-notifica-ue-catala-llengua-oficial/