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AUFRUF: Frauenfeindliche Berichterstattung stoppen!

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Den Medien entnehmen wir, dass die Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin wahrscheinlich Opfer einer Vergewaltigung wurde. Die Staatsanwaltschaft untersucht den Fall, es handelt sich um ein Offizialdelikt. Eigentlich ist sich die Gesellschaft einig, dass Sexualdelikte scharf zu verurteilen sind. Einmal mehr findet nun aber eine mediale Hetzjagd im Zusammenhang mit sexualisierter Gewalt statt.

Die aktuelle Berichterstattung über Frau Spiess-Hegglin sprengt jeden Rahmen. Anstatt sensibel mit dem Vorgefallenen umzugehen und die persönliche Integrität einer Frau, die möglicherweise Opfer eine Vergewaltigung geworden ist, zu respektieren, bieten JournalistInnen zweifelhafte, anonyme ‘ZeugInnen’ auf, erfinden Geschichten über Frau Spiess-Hegglins Verhalten gegenüber Männern und etablieren so, Stück für Stück, die grüne Kantonsrätin als Täterin.

Diese Umdrehung der Verantwortung wurzelt in einem sexistischen Weltbild, in welchem Männer ihrem zügellosen Sexualtrieb ausgeliefert sind und Frauen aufgrund ihres Verhaltens (oder ihres Kleidungsstils) Übergriffe provozieren und demnach Mitverantwortung tragen. Gewalt wird mit Sexualität und Zwang mit freier Entscheidung verwechselt. Die Forschung verwendet für diese Mechanismen den Begriff der Rape Culture: Sexualisierte Gewalt und Vergewaltigung sind weit verbreitet – in medialen Darstellungen werden sie normalisiert. Konsequenz daraus ist auch die gesellschaftliche Verharmlosung von Taten und die Beschuldigung der Opfer. Werden diese in Presseberichterstattungen der Lächerlichkeit preisgegeben, fördert dies das Potential für weitere Übergriffe.

In der Schweizer Presse ist bisher eine Diskussion zur Verantwortung der Medienschaffenden hinsichtlich der Verharmlosung von sexualisierter Gewalt ausgeblieben. Vergewaltigung oder sexuelle Nötigung sind Verbrechen mit traumatischen, oft langfristigen Folgen für die Opfer. Berichterstattungen unter dem Titel "Sexaffäre" anstelle von Vergewaltigung bekräftigen die Mechanismen der Normalisierung der Gewalt gegen Frauen und suggerieren einvernehmlichen Sex zwischen den beiden Personen. Es ist beschämend, dass die Schweizer Presse sexistische Bilder und Vorstellungen abruft. Was sie damit auslöst, lässt sich in den Kommentarspalten der Zeitungen nachlesen.

Jede dritte Frau in der Schweiz wird in ihrem Leben Opfer sexualisierter Gewalt. Ein grosser Teil der Übergriffe wird nicht geahndet. Verharmlosung, auch unter dem Deckmantel der Ironie, ist verantwortungslos. So entblödet sich das Humorfestival Arosa nicht, Frau Spiess-Hegglin und Herrn Hürlimann gemeinsam für ihren Humorpreis 2015 für "so viel Unterhaltung zum Jahresstart" zu nominieren.

Wir, die Unterzeichnenden, rufen die Journalistinnen und Journalisten der Schweiz dazu auf, ihre sexistischen Scheuklappen abzulegen und entweder sachlich und respektvoll über ein laufendes Strafverfahren zu berichten oder auch mal auf eine Berichterstattung zu verzichten, wenn damit Menschen verletzt werden.

Erstunterzeichnende:

Aebischer, Matthias. Nationalrat SP, Bern.
Amacker, Michèle. Soziologin, Bern.
Brantschen, Christian. Musiker und Komponist, Bern.
Fischer, Jeannette. Psychoanalytikerin, Zürich.
Frank, Lena. Co-Präsidentin Junge Gruene Schweiz, Biel.
Gavilanes, Amanda. Genderexpertin, Vorstand SP Genf, Genf.
Hug, Andi. Musiker, Bern.
Ivanov, Petra. Autorin, Zürich.
Joris, Elisabeth. Historikerin, Zürich.
Kämpf, Matto. Autor, Filmer, Theatermacher, Bern.
Koepfli, Virginia. Geschäftsleitung JUSO Schweiz, Hünenberg.
Lenz, Pedro. Schriftsteller, Olten.
Molina, Fabian. Präsident JUSO Schweiz, Illnau.
Parini, Lorena. Maître d'enseignement et de recherche, Institut des Etudes genre Université Genève, Genf.
Rhyner, Muriel. Musikerin, Zug.
Rietmann, Tanja. Historikerin, Bern.
Roten, Michèle. Autorin, Zürich.
Roth, David. Kantonsrat SP, Luzern.
Ryter, Elisabeth. Historikerin, Bern.
Schärer, Corinne. Mitglied Geschäftsleitung Unia, Bern.
Schmidhauser, Schmidi. Musiker, Bern.
Steiner, Pascal. Musiker, Bern.
Trede, Aline. Nationalrätin Grüne, Bern.
Wicki, Maja. Philosophin/Psychoanalytikerin, Zürich.
Widmer, Fabienne. Studentin, Vorstand Junge Alternative Zug, Rotkreuz.
Wizorek, Anne. Autorin, Netzfeministin, Berlin.

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Die Petition in den Medien:

NZZ, 5.2.2015: Aufschrei gegen «mediale Hexenjagd»

Tageswoche, 5.2.2015: «Widerstand gegen sexistische Berichterstattung»

Zentral+, 6.2.2015: «Heftige Kritik an den Medien»

Radio Rabe, 6.2.2015: Beitrag im Rabe Info: Link

Tagesanzeiger, 6.2.2015: «Wir wollen keinen Profit aus einem sexuellen Übergriff ziehen»

 



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