Petition updateWort halten!Gerade uns als junge Studentinnen und Studenten an der Universität Leipzig muss es wachrütteln, ...
Bürgerinitiativkreis "Wort halten"
Nov 13, 2020

Der Bürgerinitiativkreis „WORT HALTEN!“ setzt seine im Mai 2020 begonnene Serie regelmäßiger, persönlicher Wortmeldungen aus dem breiten, prominenten Kreis von Mitunterzeichnern der Onlinepetition fort. Nach den letzten „Wort halten!“-Statements von Bernd-Lutz Lange, und Thomaskantor Professor Gotthold Schwarz meldet sich diesmal Benedikt Bierbaum zu Wort!

Benedikt Bierbaum ist gewählter studentischer Vertreter im Akademischen Senat der Universität Leipzig. Seine Amtsperiode begann im Oktober vergangenen Jahres, d.h. einen Monat nach jener Sitzung, zu der dem damaligen Sächsischen Finanzminister Dr. Matthias Haß die Chance genommen wurde, als Bauherr der Aula und Universitätskirche Vorschläge für eine qualifizierte Fortführung des Klimamonitorings mit der probeweisen Anbringung des Kanzelkorbes zu unterbreiten. Auch dem Universitätsprediger war verwehrt, zur Sache zu sprechen. Benedikt Bierbaum gebührt der Respekt, dass er gleich bei seiner allerersten Sitzungsteilnahme den Senatskollegen mit einem Beschlussantrag verdeutlichte, welchen Verfahrensmängeln und ausgelassenen Chancen sie aufgesessen waren.

Der Bürgerinitiativkreis „Wort halten!“ sieht in dem nachfolgenden eindringlichen Plädoyer von Benedikt Bierbaum ein starkes Signal derer, die aus der Mitte der Universität heraus weiter mit guten Argumenten für die längst versprochene und notwendige Rückkehr der historischen Kanzel eintreten, bis ihr Tag gekommen sein wird.

 

Gerade uns als junge Studentinnen und Studenten an der Universität Leipzig muss es wachrütteln,….

Vor wenigen Wochen besuchte ich das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig. In dem Museumsteil, der gewissermaßen den Übergang zwischen DDR-Zeit und Wiedervereinigung zeigt, stand in einer Ecke eine Kanzel. Aus altem Holz, ganz schlicht und einfach gehalten. Daneben war eine Aufschrift angebracht: „Die Kanzel aus Güldengossa bei Leipzig steht stellvertretend für die Bedeutung der Kirche als geschützter Raum in der DDR. Vielerorts dienten Gotteshäuser als Sammlungsorte unterschiedlicher Subkulturen und Aktivisten.“ In dem Moment, als ich an dieser Kanzel vorbeilief, die unscheinbar und unauffällig in einer Ecke steht, wurde mir wieder einmal die Bedeutungstiefe der Rückkehr der historischen Barockkanzel der Universitätskirche an ihren angestammten Platz bewusst. Es geht um ein rechtmäßiges und notwendiges Zeichen für Freiheit und Demokratie.

Die heutige Aula und Universitätskirche St. Pauli steht am Ort der Paulinerkirche von vor 1968. Mit den Epitaphien, die in diesem Jahr mit dem Preis der Europäischen Union für das Kulturerbe „Europa Nostra“ ausgezeichnet wurden, sind wichtige und wunderbare Schätze wieder zurück an ihren rechtmäßigen Ort gekommen. Auch das Andenken an die verbrecherische und ideologisch motivierte Sprengung der Kirche als stellvertretendes Zeichen für das Unrecht in der DDR ist an vielen Stellen gut sichtbar. Es wurde also schon viel für die Erinnerungskultur getan. Dennoch fehlt dort noch ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste Symbol - die historische Kanzel!

Die Kanzel stellte von Beginn meiner Zeit im Senat an einen Streitpunkt dar - der Grund dafür ist mir nicht einleuchtend. In dem 2008 erzielten sogenannten Harms-Kompromiss zwischen Universitätsleitung und Vertretern der Stadt Leipzig, des Freistaates Sachsen und der Landeskirche  wurde festgehalten: „Es besteht schließlich Einigkeit darüber, die vor der Sprengung 1968 geretteten Teile der Universitätskirche St. Pauli nach ihrer Restaurierung an den historischen Ort zurückzubringen, um sie dort auch der Öffentlichkeit in einem würdigen Rahmen zugänglich zu machen. Sie sind untrennbar mit der langen Universitätsgeschichte verbunden und sollen auch in ihrer kultur-historischen Bedeutung gewürdigt werden.“ Wenn dies der geltende Konsens ist, so ist es unehrlich und unredlich, die Rückkehr der geretteten Kanzel nun aus fadenscheinigen Gründen zu verhindern. Gerade als Student an dieser Universität und als Mitglied des Akademischen Senats finde ich es nicht gut, wenn das Wort der Universität nicht gehalten wird. Zumal es inhaltlich überzeugende Gründe für die Rückkehr der Kanzel gibt!

Die Kanzel steht für mich als ein Symbol der Meinungsfreiheit und verfassungsmäßiger Freiheitsrechte. Über den geschichtlichen Kontext hinausgehend hätte sie die Ausstrahlung, das hohe Gut der Freiheit auch in der heutigen Zeit in das Bewusstsein der Menschen zu rufen. Der Einsatz für Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und für die Freiheit von Weltanschauungen, ohne die auch keine Wissenschaftsfreiheit denkbar ist, ist heutzutage ebenso relevant wie damals im Aufbegehren gegen das SED-Unrecht. Gerade uns als junge Studentinnen und Studenten an der Universität Leipzig muss es wachrütteln, wenn solch ein geschichtsträchtiges Andenken nicht bewahrt werden soll! An einer Universität, die sich als weltoffen, tolerant und als Ort der freien Meinungsäußerung in voller Gesamtheit („universitas“) versteht, ist solch ein Vorgang inkonsequent und gar rufschädigend.

Wo sonst hätte die Kanzel ihre Aussagekraft und Wirkung, wenn nicht an jenem Ort, an dem sie für Jahrhunderte stand, bevor sie der Diktatur zum Opfer fiel? Darum sollte die Kanzel nicht wie jene aus Güldengossa in eine Museumsecke gestellt werden, sondern muss die Aufmerksamkeit zu dem Ort richten, an dem Unrecht geschah und an dem Grundrechte, die für uns heute selbstverständlich sind, verwehrt wurden. Es ist an der Zeit und es ist wichtig, dass die Kanzel mit ihrer Bedeutung bei jedem Betreten der Aula und Universitätskirche St. Pauli als zentraler Ort unserer Universität und im Sinne unseres Anspruchs als Stätte gesamtheitlicher Bildung in Freiheit und Verantwortung vor Gott und den Menschen erfahren werden kann.

Benedikt Bierbaum

Mitglied des Akademischen Senats der Universität Leipzig

 

 

ÜBER UNS:

„WORT HALTEN!“ hat sich im Herbst 2019 in Unterstützung des Offenen Briefes des damaligen Ersten Universitätspredigers Professor Dr. Peter Zimmerling an das Rektorat der Universität Leipzig als Bürgerinitiativkreis gegründet, dem sich jeder mit Unterstützung unser Petition anschließen kann. Der Bürgerinitiativkreis „WORT HALTEN!“ tritt weiter beharrlich dafür ein,

* dass "Wort halten" gilt! Konkret: Die Regelungen des sog. Harms-Kompromisses, zu denen sich die Universitätsleitung im Dezember 2008 schriftlich verpflichtet hatte, sind in Hinblick auf die gerettete Kanzel der Universitätskirche umzusetzen,

* dass anerkannte Experten für Raumklima & Denkmalschutz im Einvernehmen zwischen Staatsregierung und Universität beauftragt werden, eine wissenschaftlichen Standards genügende Expertise zur Machbarkeit der Kanzelaufstellung anzufertigen,

* dass das bisherige Klimamonitoring jetzt unter probeweiser Anbringung (von Teilen) der im Mai 1968 geretteten historischen Barockkanzel der Universitätskirche St. Pauli weiterqualifiziert wird,

* dass im Sinne der Forderungen des Universitätspredigers in seinem Offenen Brief vom September 2019 amicable Lösungen unter Einbeziehung der hierzu gemäß Staatskirchenvertrag verpflichteten sächsischen Staatsregierung gefunden werden,

* dass der Freistaat Sachsen künftig alle erforderlichen Maßnahmen ergreift, um ein Mindestklima zu gewährleisten, das notwendig ist, um sowohl die Orgeln als auch die Ausstattungsstücke in dem als Universitätskirche und Aula genutzten Gesamtraum hinreichend zu schützen!

 

Mit freundlichen Grüßen

Christine Clauß                        Jost Brüggenwirth

Bürgerinitiativkreis "Wort halten"
c/o Superintendentur des Kirchenbezirks Leipzig
Burgstr. 1-5
04109 Leipzig

 

in Vertretung der Mitunterzeichner der Onlinepetition des Bürgerinitiativkreises "Wort halten!" (Stand November 2020):

Karsten Albrecht, Stadtrat der Stadt Leipzig
Steffen Berlich
Stephan Bickardt, Direktor der Evangelischen Akademie Meißen
Prof. Georg Christoph Biller, Thomaskantor a.D.
Benedikt Bierbaum, Senator der Universität Leipzig
Prof. Dr. Herbert Blomstedt, Gewandhauskapellmeister a.D.
Gunter und Dr. Reinhild Böhnke
Jochen Bohl, Bischof i.R.
Heidi Bohley
Prof. Dr. Peter Borneleit
Georg-Ludwig von Breitenbuch, MdL, stellv. Vorsitzender der CDU Fraktion
Dr.-Ing. E.h. Eberhard Burger, Baudirektor i.R. und Sprecher der Geschäftsführung i.R. der Stiftung Frauenkirche Dresden
Prof. Dr. Alexander Deeg, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Dr. Michael Diener, Mitglied im Rat der EKD
Prof. Dr. Rainer Eckert, Direktor bei Zeitgeschichtliches Forum Leipzig i.R.
Prof. Dr. med. Frank Emmrich, Leiter a.D. des Fraunhofer Instituts für Zelltherapie und Immunologie
Dr. Thomas Feist, ehem. MdB, Vorsitzender des CDU-Kreisverbands Stadt Leipzig
Jochen Flade, Dipl.-Restaurator
Sebastian Führer, Pfarrer an der Nathanaelkirche zu Leipzig
Hans Geisler, Staatsminister a.D.
Sebastian Gemkow, MdL
Gregor Giele, Propst der Kath. Propstei St. Trinitatis Leipzig
Prof. Eberhard Görner
Dr. Roman Götze, Rechtsanwalt
Dr. Matthias Gretzschel
RA Wolfram Günther, MdL
Prof. Ludwig Güttler, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Monika Harms, Generalbundesanwältin a.D.
Helga Hassenrück, Vorstandsmitglied des Paulinervereins e.V.
Dr. Michael Heckmann
Dr. Martin Helmstedt, Kurator Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Martin Henker, Superintendent des Kirchenbezirks Leipzig i.R.
Prof. Dr. Jens Herzer, Vorstand der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Martin Hundertmark, Pfarrer an der Thomaskirche zu Leipzig
Dr. Christian Jonas, stellv. Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins e.V.
Prof. Dr. Eberhard Keller
Dr. Johannes Kimme, Präsident a.D. des Landeskirchenamtes der Ev.-Luth.Landeskirche Sachsen
Dr. Joachim Klose
Dr. Klaus Knödel, Kurator Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Michael Korn
Prof. Dr. Peter Krumbiegel und Cornelia Krumbiegel
Frank Kupfer, Staatsminister a.D.
Nikolaus Krause, Pfarrer
Johannes Lehnert, Pfarrer
Bernd-Lutz Lange, Autor und Kabarettist
Prof. Dr. Rüdiger Lux, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Heinrich Magirius, Landeskonservator a.D.
Rainer Manertz, Sprecher Verbund Zerstörter Kirchen (VZK)
Prof. Dr. Michael Maul, Intendant des Bachfestes
Prof. Kurt Ulrich Mayer, Rechtsanwalt
Dr. Robert Moore, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Gerd Mucke, stellv. Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins e.V.
Jochen Müller-Berndorff, Notar i.R.
Günter Neubert, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Mareth Oldiges
Prof. Siegfried Pank, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Birgit und Michael Pommer, Pommer Spezialbetonbau GmbH
Ulrike Poppe, Bürgerrechtlerin
Silke Rahn, Vorstandsmitglied des Paulinervereins e.V.
Prof. Dr. Wolfgang Ratzmann
RCDS Landesverband Sachsen
Thorsten Reich, Vorstandsmitglied des Paulinervereins e.V.
Wilfried Richard, Vorstandsvorsitzender des Paulinervereins e.V.
Claus-Uwe Rothkegel, Rothkegel Baufachhandel, stellv. CDU-Fraktionsvorsitzender Stadtrat Leipzig
Prof. Dr. Uwe Schirmer, Dechant und Domherr des Domkapitels Meißen
Friedrich Schorlemmer, Pfarrer a.D. Schlosskirche Lutherstadt Wittenberg
Prof. Arnd Schultheiß, Maler und Grafiker
Prof. Ingrid Schultheiß
Werner Schulz, ehem. MdEP
Thomaskantor Gotthold Schwarz, Kurator Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Matthias Schwarz, Vorstandsvorsitzender Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. med. habil. Christian Schwokowski
Bernhard Stief, Pfarrer St. Nikolaikirche zu Leipzig
Dr. Ulrich Stötzner, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Prof. Dr. Jürgen Stückrad
Britta Taddiken, Pfarrerin an der Thomaskirche zu Leipzig
Dr. Wolfgang Thierse, MdB und Bundestagspräsident a.D.
Gabriele Tiefensee
Prof. David Timm, Universitätsmusikdirektor, Kurator der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Heinrich Timmerevers, Bischof Bistum Dresden Meissen
Katharina Turre
Dr. Jürgen Ulrich
Prof. Ulrich Urban und Elke Urban, Kuratorin der Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Arnold Vaatz, stellv. Vorsitzender der CDU-/CSU-Bundestagsfraktion
Eckart von Vietinghoff, Vorstandsvorsitzender der Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland
Prof. Martin Christian Vogel, Hochschule f. Musik Detmold, Vorstand Liz Mohn Kultur- und Musikstiftung
Dr. Natalie K. Watson
Dr. Annette Weidhas, stellv. Vorstandsvorsitzende Stiftung „Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig“
Gunter Weißgerber, ehem. MdB
Karin Wieckhorst, Fotografin
Roger Wolf, Kurator Stiftung "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig"
Prof. Dr. Peter Zimmerling, Universitätsprediger i.R., Kurator Stiftung "Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig"
Prof. Dr. Hans Dieter Zimmermann 

und mehr als 1800 Personen, die sich bis dato schon der Change.org Petition „Wort halten“ angeschlossen haben.
https://www.change.org/p/rektorat-der-universität-leipzig-wort-halten
 

weiterführende Dokumentationen:
Offener Brief des Universitätspredigers im Original vom 29.09.2019
Schreiben des Bürgerinitiativkreises an die Universitätsleitung und Senatoren vom 10.09.2019
Auszug aus rechtswissenschaftlicher Abhandlung Goerlich/Schmidt zum Amt des Universitätspredigers

 

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