Psychotherapie vor dem Aus bewahren!

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Das Problem

Die ambulante Psychotherapie steht vor einem massiven flächendeckenden Abbau - noch gibt es eine Chance das zu verhindern! 

Die Streichung der Angemessenheitsprüfung der Psychotherapeutenhonorare wurde kurz vor Verabschiedung in das GKV-Gesetz aufgenommen. Zusammen mit der beschlossenen Budgetierung droht in der Folge nun ein flächendeckender Versorgungsrückgang!

Die Absenkung der Honorare um 4,5% im April war ein Schlag in die Magengrube der Psychotherapeut*innen. Durch die am 10.7. beschlossene Budgetierung droht nach Berechnungen aus den Berufsverbänden nun ein Rückgang um 25 bis 30% der tatsächlich finanzierten Behandlungskapazitäten. Budgetierung bedeutet: Nur ein gewisses Kontingent an Therapiestunden wird künftig verlässlich vollständig bezahlt. Bei einem halben Kassensitz, der bisher bis 30 Patienten pro Woche versorgen konnte, sind es künftig nur noch 18. Leider wird von CDU und SPD so getan, als sei keinerlei Versorgungsengpass zu erwarten. Aber 18 < 30! Ein X ist kein U.

Das wird die Versorgung entgegen aller politischen Beteuerungen massiv beeinträchtigen. 

Gleichzeitig entfällt die gesetzliche Schutzregelung, die eine angemessene Vergütung psychotherapeutischer Leistungen sichern soll. Dadurch werden Schritt für Schritt in den kommenden Jahren Honorarabsenkungen im Bereich von 20-30% möglich.  Das wird die an der Wirtschaftlichkeitsgrenze arbeitenden Praxen reihenweise in die Knie zwingen. 

Sabine Dittmer (SPD, ehem. gesundheitspolitische Sprecherin) erklärte gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt, warum sie als eine von 8 Koalitionären dem GKV-Gesetz nicht zustimmte, unter anderem so: „Mit Blick auf die psychotherapeutische Versorgung habe ich große Bedenken“. Psychische Erkrankungen gehören „zu den größten gesundheitspolitischen Herausforderungen unserer Zeit“. Alle Überlegungen, die „die ambulante psychotherapeutische Versorgung zusätzlich unter Druck setzen können, halte ich für den falschen Weg“.

Der Psychotherapie, wie wir sie heute kennen, wird – bei bereits dramatischer Unterversorgung – ein schleichendes Ende bereitet! 

Damit wird eines der effizientesten Präventionssysteme des Gesundheitsbereichs kaputtgespart.

Über 40% aller Menschen in Deutschland erkranken im Laufe ihres Lebens psychisch. Das sind keine Lifestyle-Probleme! Psychotherapie schützt Kinder, Familien und Arbeitskraft – alle Bereiche der Gesellschaft profitieren von ihr. Die drohenden massiven Einschnitte in die Versorgung schaden nicht einer Berufsgruppe, sondern allen.

Ja – Deutschland leistet sich heute eine umfassende Psychotherapie, wie kein anderes Land. Aber: auch im internationalen Vergleich zeigt sich, dass sich das volkswirtschaftlich auszahlt. Die OECD schätzt, dass Depression, Angststörungen und Alkoholgebrauchsstörungen allein in EU-Ländern langfristig jährlich etwa 1,7 % des BIP kosten.

Das ist der zentrale Punkt: Psychische Erkrankungen sind nicht primär ein „Kostenproblem der Psychotherapie“, sondern ein Arbeitsfähigkeits-, Teilhabe- und Produktivitätsproblem. Die Behandlung von Depression und Angst rechnet sich makroökonomisch. Eine WHO-/Weltbank-Analyse kam zu dem viel zitierten Befund: Jeder in die Ausweitung evidenzbasierter Behandlung von Depression und Angst investierte US-Dollar bringt etwa 4 US-Dollar an Nutzen durch bessere Gesundheit und Arbeitsfähigkeit zurück.

Diese Fakten und Zahlen sind bekannt. Trotzdem wird hier ein funktionierendes System und eine kosteneffiziente Prävention sehenden Auges vor die Wand gefahren.

Das Gesetz in seiner jetzigen Form ist destruktiv! Für Patient*innen, die noch länger warten oder überhaupt keine ausreichende Behandlung mehr bekommen.  Für Psychotherapeut*innen, deren Lebensentwürfe, wirtschaftliche Grundlage und Zukunftsaussichten zerstört werden. Für die Gesellschaft, die mehr Krankheitstage, Frühverrentungen und stationäre Aufenthalte tragen muss. Für Familien, die Angehörige in die Sucht, Depression und durch Suizid verlieren.

Die politische Entscheidung scheint noch nicht abgeschlossen zu sein: Bundesgesundheitsministerin Nina Warken erklärte in der Bundestagsdebatte am 10.7., das Spargesetz löse die strukturellen Probleme der psychotherapeutischen Versorgung nicht. Sie verwies dabei auf eine Verständigung der Koalition, den Bereich nach der Sommerpause Anfang September grundlegend zu überarbeiten.

Damit steht noch eine wichtige Tür offen. Bisher sind für die Zeit nach der Sommerpause vor allem extrabudgetäre Ausnahmen für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie, Komplexbehandlungen und dringliche Fälle sowie ein Bestandsschutz für begonnene Therapien angekündigt.

Die Idee: Psychotherapie auf dringliche Fälle konzentrieren. Klingt erstmal sinnvoll - es droht sich hier jedoch die Sicht durchzusetzen, ein erheblicher Teil der bisherigen Psychotherapie bestehe aus verzichtbaren Bagatellbehandlungen. Das entspricht weder den Rückmeldungen aus der Versorgungspraxis noch der gesundheitlichen und volkswirtschaftlichen Datenlage.  Die aktuellen Versorgungsengpässe sind in erster Linie ein Ergebnis der gesellschaftlichen Multikrisen und der erhöhten Bereitschaft der Bevölkerung, Psychotherapie als wichtiges Präventionssystem zu nutzen. Psychotherapie ist eine Behandlung krankheitswertiger Störungen, keine Lifestyle-Veranstaltung!  

Die angekündigte Überarbeitung darf sich deshalb nicht auf einzelne Ausnahmen beschränken!

Wir fordern die Abgeordneten der schwarz-roten Koalition dringend auf:  Wenden Sie die drohenden massiven Verschlechterungen in Versorgung und Honorierung für die Psychotherapie ab! 

  • Setzen Sie die Entbudgetierung psychotherapeutischer Leistungen und die Angemessenheitsprüfung wieder ein, oder sichern Sie das Honorarvolumen und die ungekürzte Vergütung für die Fortführung der Praxiskapazität im jetzigen Umfang! Außerdem muss gesichert sein, dass eine Ausweitung des Umfangs entlang der Versorgungssituation ohne Honorareinbußen erfolgen kann!
  • Es darf keine Honorar- und keine Versorgungskürzung geben!
  • Bauen Sie die bereits bestehenden fachlichen Instrumente zur Einschätzung von Behandlungsdringlichkeit wie Akutsprechstunden und Akuttherapie aus, setzen Sie die Förderung von Kurzzeittherapien wieder ein - als Reform, die auf Vertrauen in die Kompetenz der Handelnden baut, statt neue bürokratische Kontrollverfahren und starre Dringlichkeitskriterien einzuführen!
  • Führen Sie eine Debatte, die psychische Erkrankungen nicht länger unter dem Gesichtspunkt vermeintlicher - und nachweislich falsch angenommener - Kosteneinsparungen betrachtet.

Der schnelle Zugang zu professioneller und fair vergüteter Hilfe muss gesichert und ausgebaut werden – statt abgebaut.

Deutschland leistet sich eines der besten Psychotherapiesysteme – und das aus gutem Grund. Wir sind stolz auf diese gewachsene kulturelle Errungenschaft!  Was funktioniert und sich nachweislich auszahlt, sollte man nicht kaputtsparen, sondern sichern und ausbauen: als Investition in die Gesundheit und eine Gesellschaft, in der wir füreinander einstehen.

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Wanja KunstlebenPetitionsstarter*inPsychologischer Psychotherapeut

Die Entscheidungsträger*innen

Bundesgesundheitsministerin Warken
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SPD Bundestagsfraktion
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CDU Bundestagsfraktion
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