Ruth SchumacherBerlin, Germany
Jan 15, 2025

Zu aller erst möchte ich mich bei allen bedanken, die die Petition bislang unterstützt haben. Diese Woche möchte ich mit euch beleuchten, inwieweit die fehlende Präsenz im Internet zu einem Problem werden kann.

Es beginnt oft unscheinbar: Ein Schüler schreibt einen Essay über ein gesellschaftlich relevantes Thema und möchte ihn online teilen. Eine junge Berufseinsteigerin hat eine App entwickelt, die den Alltag erleichtern könnte und die sie kostenfrei zur Verfügung stellen möchte. Ein erfahrener Facharbeiter engagiert sich in einem gemeinnützigen Projekt und will anderen zeigen, was möglich ist. Diese Projekte könnten Türen öffnen, Netzwerke schaffen, Karrieren verändern. Doch was, wenn genau diese Schritte ins Ungewisse führen – nicht, weil die Qualität fehlt, sondern weil rechtliche Unsicherheiten jede Initiative ausbremsen?

Das Internet ist voller Potenziale, aber auch voller Risiken, insbesondere für diejenigen, die nicht wissen, wie sie sich rechtlich absichern können. Meine Tochter hat das auf schmerzliche Weise erfahren: Sie hatte die Qualifikationen, sie hatte die Erfahrung, sie hatte die Motivation – und dennoch verlor sie eine Jobmöglichkeit, weil sie keine digitale Präsenz hatte, die ihre Fähigkeiten sichtbar machte. Kein Portfolio, kein Blog, keine Projekte, die online abrufbar waren. Was einst als Vorteil galt – ein klarer Fokus auf den Beruf – wurde plötzlich zur Schwäche. Ihr fehlte etwas, das heute fast selbstverständlich erwartet wird.

Warum digitale Projekte mehr sind als nur „Online-Inhalte“

Digitale Projekte sind heute ein Spiegel der eigenen Kompetenzen. Wer einen Blog führt, zeigt analytisches Denken und Kommunikationsfähigkeit. Wer einen YouTube-Kanal betreibt, beweist Kreativität, technisches Wissen und Durchhaltevermögen. Wer eine App entwickelt, zeigt Problemlösungsfähigkeit und Innovationskraft. Doch es geht nicht nur darum, Fachwissen zu präsentieren. Es geht auch darum, Persönlichkeit zu zeigen, Engagement sichtbar zu machen, sich von anderen abzuheben.

Für Schüler*innen und Studierende bedeutet eine digitale Präsenz oft den ersten Schritt in die berufliche Welt. Sie können zeigen, dass sie über das hinausgehen, was in der Schule oder im Studium gefordert wird. Für Berufseinsteiger*innen ist sie ein Werkzeug, um in einem überfüllten Arbeitsmarkt hervorzustechen. Und für erfahrene Fachkräfte kann sie entscheidend sein, um neue Netzwerke zu knüpfen, sich in ihrer Branche zu positionieren oder sogar einen Branchenwechsel vorzubereiten.

Doch trotz all dieser Vorteile bleibt eine Frage: Wer kann sich das leisten? Wer traut sich, diesen Schritt zu gehen, wenn er oder sie nicht nur die technische Herausforderung meistern muss, sondern auch rechtliche Risiken eingeht? Wer gibt schon seine Privatadresse preis, wenn jede Veröffentlichung zur Bedrohung werden kann?

Wenn Kreativität zur Falle wird

Besonders alarmierend ist, dass viele junge Menschen, die ihre Inhalte online teilen, sich der rechtlichen Risiken gar nicht bewusst sind. Kinder und Jugendliche wachsen mit dem Internet auf. Für sie ist es selbstverständlich, Videos, Musik oder Texte zu veröffentlichen, ohne darüber nachzudenken, ob sie ein Impressum brauchen oder ob Behörden ihre Projekte als Gewerbe einstufen könnten. Was für sie ein kreatives Hobby ist, könnte schnell in rechtlichen Problemen enden – selbst für Minderjährige.

Das Risiko ist real: Schon bei kleinen Projekten ohne große Reichweite können Abmahnungen oder behördliche Prüfungen drohen. Der Glaube, dass dies nur „große“ Accounts betrifft, ist falsch. Mein eigener Lipödem-Blog hatte kaum 20 Aufrufe pro Monat, doch die Behörden stuften ihn trotzdem als Gewerbe ein. Ohne jegliche Einnahmen oder Werbung stand ich plötzlich vor einer bürokratischen Hürde, die mich dazu zwang, das Projekt einzustellen.

Viele Schüler*innen und Berufseinsteiger*innen befinden sich in einer ähnlichen Situation. Sie teilen ihre Talente online, ohne die rechtlichen Folgen zu kennen, und riskieren damit, sich unwissentlich in einem illegalen Rahmen zu bewegen. Abmahnungen und rechtliche Konsequenzen können existenzbedrohend sein, besonders für Minderjährige oder Menschen, die ohnehin mit finanziellen Unsicherheiten zu kämpfen haben.

Ein Drama, das vermeidbar ist

Es ist nicht schwer, sich vorzustellen, wie viele Menschen durch diese Hürden zurückgehalten werden. Wie viele Schüler*innen nie den Mut fassen, ihre Essays oder Projekte zu teilen. Wie viele Berufseinsteiger*innen Bewerbungen verschicken, ohne ihre Fähigkeiten sichtbar zu machen. Wie viele erfahrene Fachkräfte ihre Erfahrungen und ihr Wissen nicht mit anderen teilen, weil die rechtlichen Risiken zu groß sind.

Das Drama besteht nicht nur darin, dass Menschen Chancen verpassen. Es liegt darin, dass diese Chancen existieren und doch unerreichbar bleiben – für Menschen, die nichts falsch machen, außer, dass sie sich rechtlich nicht absichern können.

Der erste Schritt zur Veränderung

Dieses Problem ist nicht individuell. Es betrifft uns alle. Und es ist lösbar. Unterstütze die Petition, um rechtliche Klarheit zu schaffen und den digitalen Raum für alle zugänglich zu machen. Damit Sichtbarkeit kein Luxus bleibt – sondern ein Recht.

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