Offener Brief zur Einstellungssituation an Gymnasien in Baden-Württemberg

Aktuelle Unterzeichner*innen:
Christine Jurtz und 10 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, die unterzeichnenden Referendar:innen und lehrbefähigten Lehrkräfte für Gymnasien in Baden-Württemberg sowie unsere Unterstützer:innen, wenden uns mit diesem Schreiben an Sie, um auf unsere aktuelle berufliche Situation aufmerksam zu machen. Unser Anliegen ist es, auf konstruktive Weise bestehende Missstände zu benennen und zugleich um eine transparente, zukunftsorientierte und sozial gerechte Verbesserung der Rahmenbedingungen zu bitten.

Obwohl seit Jahren öffentlich von gravierendem Lehrkräftemangel gesprochen wird, spiegelt sich diese Einschätzung nicht in der tatsächlichen Einstellungspraxis wider. Aus internem Austausch sowie Anfragen an verschiedene Regierungspräsidien ergibt sich ein Bild der aktuellen Einstellungssituation, nach welchem über das Listenverfahren nur verhältnismäßig wenige Stellen vergeben worden sind, nachdem zuvor auch nur wenige Stellen ausgeschrieben worden waren. In Anlehnung an die Resolution des Philologenverbandes vom 27. Juni weisen wir außerdem mit Nachdruck auf den durch “G9 Neu” zustande kommenden Lehrkräfteüberhang der kommenden Jahre hin. Bereits jetzt kursieren zynisch klingende, an uns herangetragene Empfehlungen, man solle bis 2032/33 warten, dann werde sich die Situation bessern. Frust, Perspektivlosigkeit und Unmut über diese Aussichten nehmen bei den betroffenen Personen zu – auch und vor allem, da wir nach jahrelanger Ausbildung und aufgrund unserer geteilten Leidenschaft für den Beruf diesen gerne motiviert ausüben würden. Sollte sich die Einstellungspolitik nicht ändern, sehen wir die Gefahr, dass ein nicht unerheblicher Teil von uns sich beruflich umorientiert, da die unsichere berufliche Perspektive nicht vereinbar ist mit den Verpflichtungen des Lebens. Diese Punkte widersprechen dem erklärten Ziel, den Lehrerberuf attraktiv zu machen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Besonders prekär ist die Situation für Lehrkräfte in befristeten Beschäftigungsverhältnissen (KVs), oft über mehrere Jahre hinweg. Die Zusage für eine Stelle erfolgt meist erst wenige Wochen vor Schuljahresbeginn – ein Zustand, der nicht nur existenzielle Unsicherheiten auslöst, sondern auch die Lebensplanung massiv erschwert. Trotz gleicher Arbeit erfahren KVs finanzielle Nachteile gegenüber verbeamteten Kolleg:innen. Ihre Berufserfahrung wird bei späteren Bewerbungen nicht anerkannt, was zu einem jährlichen Wettbewerb mit neuen Absolvent:innen führt. Diese Praxis vermittelt ein Gefühl mangelnder Anerkennung und Demotivation.

Auch soziale und persönliche Lebensumstände finden im Einstellungsverfahren kaum Berücksichtigung. Alleinerziehende, Personen mit Pflegeverantwortung oder ohne finanzielles Polster sehen sich mit besonderen Herausforderungen konfrontiert – insbesondere angesichts fehlender finanzieller Übergangsregelungen zwischen Referendariat und Anstellung sowie verspäteter Gehaltszahlungen. Die Kombination aus finanzieller Unsicherheit, fehlender Planbarkeit und mangelnder Perspektive hat für viele erhebliche psychische Belastungen zur Folge. Zukunftsängste und Überforderung bis hin zu Burnout sind bereits im Vorbereitungsdienst spürbar.

Diese Erfahrungen führen zu dem Eindruck, dass gut ausgebildete, engagierte Lehrkräfte in der aktuellen Einstellungspolitik nicht ausreichend wertgeschätzt werden. Kampagnen wie #lieberlehramt und der wiederholte Verweis auf Lehrkräftemangel wirken angesichts der Realität widersprüchlich. Dabei stehen viele von uns bereit, mit Engagement und Verantwortungsbewusstsein in den Schuldienst einzutreten.

Wir möchten mit diesem Schreiben keine Schuldzuweisungen aussprechen, sondern unsere Erfahrungen bündeln, um einen offenen Dialog anzustoßen. Wir sind überzeugt, dass eine lösungsorientierte Auseinandersetzung im Interesse aller Beteiligten ist – nicht zuletzt auch im Sinne der Bildung unserer Schüler:innen. 

Mit freundlichen Grüßen 

die Unterzeichnenden

 

 

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Offener BriefPetitionsstarter*in

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Das Problem

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir, die unterzeichnenden Referendar:innen und lehrbefähigten Lehrkräfte für Gymnasien in Baden-Württemberg sowie unsere Unterstützer:innen, wenden uns mit diesem Schreiben an Sie, um auf unsere aktuelle berufliche Situation aufmerksam zu machen. Unser Anliegen ist es, auf konstruktive Weise bestehende Missstände zu benennen und zugleich um eine transparente, zukunftsorientierte und sozial gerechte Verbesserung der Rahmenbedingungen zu bitten.

Obwohl seit Jahren öffentlich von gravierendem Lehrkräftemangel gesprochen wird, spiegelt sich diese Einschätzung nicht in der tatsächlichen Einstellungspraxis wider. Aus internem Austausch sowie Anfragen an verschiedene Regierungspräsidien ergibt sich ein Bild der aktuellen Einstellungssituation, nach welchem über das Listenverfahren nur verhältnismäßig wenige Stellen vergeben worden sind, nachdem zuvor auch nur wenige Stellen ausgeschrieben worden waren. In Anlehnung an die Resolution des Philologenverbandes vom 27. Juni weisen wir außerdem mit Nachdruck auf den durch “G9 Neu” zustande kommenden Lehrkräfteüberhang der kommenden Jahre hin. Bereits jetzt kursieren zynisch klingende, an uns herangetragene Empfehlungen, man solle bis 2032/33 warten, dann werde sich die Situation bessern. Frust, Perspektivlosigkeit und Unmut über diese Aussichten nehmen bei den betroffenen Personen zu – auch und vor allem, da wir nach jahrelanger Ausbildung und aufgrund unserer geteilten Leidenschaft für den Beruf diesen gerne motiviert ausüben würden. Sollte sich die Einstellungspolitik nicht ändern, sehen wir die Gefahr, dass ein nicht unerheblicher Teil von uns sich beruflich umorientiert, da die unsichere berufliche Perspektive nicht vereinbar ist mit den Verpflichtungen des Lebens. Diese Punkte widersprechen dem erklärten Ziel, den Lehrerberuf attraktiv zu machen und dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Besonders prekär ist die Situation für Lehrkräfte in befristeten Beschäftigungsverhältnissen (KVs), oft über mehrere Jahre hinweg. Die Zusage für eine Stelle erfolgt meist erst wenige Wochen vor Schuljahresbeginn – ein Zustand, der nicht nur existenzielle Unsicherheiten auslöst, sondern auch die Lebensplanung massiv erschwert. Trotz gleicher Arbeit erfahren KVs finanzielle Nachteile gegenüber verbeamteten Kolleg:innen. Ihre Berufserfahrung wird bei späteren Bewerbungen nicht anerkannt, was zu einem jährlichen Wettbewerb mit neuen Absolvent:innen führt. Diese Praxis vermittelt ein Gefühl mangelnder Anerkennung und Demotivation.

Auch soziale und persönliche Lebensumstände finden im Einstellungsverfahren kaum Berücksichtigung. Alleinerziehende, Personen mit Pflegeverantwortung oder ohne finanzielles Polster sehen sich mit besonderen Herausforderungen konfrontiert – insbesondere angesichts fehlender finanzieller Übergangsregelungen zwischen Referendariat und Anstellung sowie verspäteter Gehaltszahlungen. Die Kombination aus finanzieller Unsicherheit, fehlender Planbarkeit und mangelnder Perspektive hat für viele erhebliche psychische Belastungen zur Folge. Zukunftsängste und Überforderung bis hin zu Burnout sind bereits im Vorbereitungsdienst spürbar.

Diese Erfahrungen führen zu dem Eindruck, dass gut ausgebildete, engagierte Lehrkräfte in der aktuellen Einstellungspolitik nicht ausreichend wertgeschätzt werden. Kampagnen wie #lieberlehramt und der wiederholte Verweis auf Lehrkräftemangel wirken angesichts der Realität widersprüchlich. Dabei stehen viele von uns bereit, mit Engagement und Verantwortungsbewusstsein in den Schuldienst einzutreten.

Wir möchten mit diesem Schreiben keine Schuldzuweisungen aussprechen, sondern unsere Erfahrungen bündeln, um einen offenen Dialog anzustoßen. Wir sind überzeugt, dass eine lösungsorientierte Auseinandersetzung im Interesse aller Beteiligten ist – nicht zuletzt auch im Sinne der Bildung unserer Schüler:innen. 

Mit freundlichen Grüßen 

die Unterzeichnenden

 

 

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