Offener Brief an Carsten Linnemann

Aktuelle Unterzeichner*innen:
Jan Christoph Herrmann und 19 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrter Herr Linnemann, 

am 30. Dezember 2024 haben Sie im Deutschlandfunk ein Interview gegeben, in dem Sie darlegen, welche Lehren Sie aus dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ziehen. Darin fordern Sie „einen Austausch der Behörden untereinander, der Sicherheitsbehörden auch mit der Psychiatrie, mit Psychotherapeuten und vielen mehr“ sowie die Erstellung eines Registers nicht nur für Rechtsextremisten und Islamisten, sondern „auch für psychisch Kranke“.

 

Als Ärztinnen und Therapeuten, die psychisch kranke Menschen behandeln, machen uns Ihre Äußerungen fassungslos. Wir sind entsetzt, dass Sie als Generalsekretär einer großen demokratischen Partei psychisch Kranke in eine Reihe mit politischen Extremisten stellen und dadurch suggerieren, psychisch kranke Menschen seien potenziell ebenso gefährlich. Ihr Ruf nach einem Register für psychisch Kranke stellt alle Menschen mit psychischen Erkrankungen unter Generalverdacht und leistet so der ohnehin schon starken Stigmatisierung psychisch Kranker in unserer Gesellschaft weiter Vorschub. Dass Sie sich in diesem Zusammenhang außerdem dafür aussprechen, die ärztliche Schweigepflicht aufzuheben – und nichts anderes bedeutet es, wenn Sie „einen Austausch (..) der Sicherheitsbehörden auch mit der Psychiatrie, mit Psychotherapeuten“ verlangen – ist ungeheuerlich. Mit diesem Vorschlag legen Sie die Axt an die Wurzel des Therapeuten-Patienten-Verhältnisses: das vertrauensvolle Gespräch im geschützten Raum.

 

Sowohl Ihre Forderung nach einer Aushebelung der Schweigepflicht als auch Ihre Forderung nach einer systematischen Erfassung psychisch kranker Menschen weisen wir deshalb aufs Schärfste zurück. Sie widersprechen nicht nur fundamental den humanitären Werten, wie sie in unserer Verfassung verankert sind, sondern sie würden auch zu einer völlig unangemessenen staatlichen Überwachung psychisch Kranker führen – und zwar in einem Ausmaß, das eher an autoritäre als an demokratische Vorstellungen anknüpft. Unsere Geschichte sollte hier Mahnung genug sein: Es sind in diesem Land zwischen 1933 und 1945 schon einmal Menschen mit psychischen Erkrankungen vom Staat registriert (und inhaftiert) worden; viele von ihnen habe das in letzter Konsequenz nicht überlebt.

 

Was psychische Erkrankungen sowohl für die betroffenen Menschen als auch für deren persönliches Umfeld bedeuten, kann sich ein großer Teil unserer Gesellschaft nach wie vor schwer vorstellen. Scham und die Sorge vor Ausgrenzung führen schon jetzt dazu, dass sich viele Menschen mit psychischen Erkrankungen erst nach langem Zögern eine bedarfsgerechte Behandlung suchen, oft sogar erst mit jahrelanger Verzögerung. Aktuell befindet sich lediglich jede fünfte Person mit einer psychischen Erkrankung in Behandlung. Anstatt zusätzlich Ängste in der Bevölkerung und bei den Betroffenen zu schüren, sollte viel mehr dafür getan werden, Vorurteile gegenüber psychisch kranken Menschen abzubauen. Nicht zuletzt angesichts der Häufigkeit psychischer Erkrankungen sollten wir alle gemeinsam für ein weniger stigmatisierendes und offenes gesellschaftliches Klima sorgen.

 

Menschen mit psychischen Erkrankungen werden häufiger Opfer von Gewalt als dass sie eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen. Ihnen wird am besten geholfen, indem genügend Therapieplätze geschaffen und niedrigschwellige Beratungsangebote ausgebaut werden. Vor allem durch deutlich mehr präventive Maßnahmen ließe sich die psychiatrische Versorgung erheblich verbessern. Den Präventionsgedanken verkehren Sie mit Ihrem Vorschlag eines Registers für psychisch kranke Menschen indes geradezu ins Gegenteil. 

 

Als hochrangiger Politiker einer großen Partei kommt Ihnen, Herr Linnemann, ein hohes Maß an Verantwortung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu. Ihre Äußerungen haben Gewicht. Dessen sollten Sie sich bewusst sein – zumal in einer Zeit, in der unsere Werte und demokratischen Prinzipien durch Verfassungsfeinde von Innen infrage gestellt und angegriffen werden. Eine vielgestaltige, offene und tolerante Gesellschaft lässt sich unserer Ansicht nach mit den von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen nicht vereinbaren. Stattdessen spielen Ihre Forderungen denjenigen in die Hände, die Ausgrenzung und Spaltung als politisches Geschäft betreiben.

 

Mit freundlichen Grüßen 

 

Simon Kurzhals, Klinikum Essen Mitte, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik & Suchtmedizin

 

Prof. Dr. Helge Frieling, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), Professor für Molekulare Psychiatrie und Stellv. Klinikdirektor der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie

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Helge FrielingPetitionsstarter*in

17.637

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Jan Christoph Herrmann und 19 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrter Herr Linnemann, 

am 30. Dezember 2024 haben Sie im Deutschlandfunk ein Interview gegeben, in dem Sie darlegen, welche Lehren Sie aus dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt ziehen. Darin fordern Sie „einen Austausch der Behörden untereinander, der Sicherheitsbehörden auch mit der Psychiatrie, mit Psychotherapeuten und vielen mehr“ sowie die Erstellung eines Registers nicht nur für Rechtsextremisten und Islamisten, sondern „auch für psychisch Kranke“.

 

Als Ärztinnen und Therapeuten, die psychisch kranke Menschen behandeln, machen uns Ihre Äußerungen fassungslos. Wir sind entsetzt, dass Sie als Generalsekretär einer großen demokratischen Partei psychisch Kranke in eine Reihe mit politischen Extremisten stellen und dadurch suggerieren, psychisch kranke Menschen seien potenziell ebenso gefährlich. Ihr Ruf nach einem Register für psychisch Kranke stellt alle Menschen mit psychischen Erkrankungen unter Generalverdacht und leistet so der ohnehin schon starken Stigmatisierung psychisch Kranker in unserer Gesellschaft weiter Vorschub. Dass Sie sich in diesem Zusammenhang außerdem dafür aussprechen, die ärztliche Schweigepflicht aufzuheben – und nichts anderes bedeutet es, wenn Sie „einen Austausch (..) der Sicherheitsbehörden auch mit der Psychiatrie, mit Psychotherapeuten“ verlangen – ist ungeheuerlich. Mit diesem Vorschlag legen Sie die Axt an die Wurzel des Therapeuten-Patienten-Verhältnisses: das vertrauensvolle Gespräch im geschützten Raum.

 

Sowohl Ihre Forderung nach einer Aushebelung der Schweigepflicht als auch Ihre Forderung nach einer systematischen Erfassung psychisch kranker Menschen weisen wir deshalb aufs Schärfste zurück. Sie widersprechen nicht nur fundamental den humanitären Werten, wie sie in unserer Verfassung verankert sind, sondern sie würden auch zu einer völlig unangemessenen staatlichen Überwachung psychisch Kranker führen – und zwar in einem Ausmaß, das eher an autoritäre als an demokratische Vorstellungen anknüpft. Unsere Geschichte sollte hier Mahnung genug sein: Es sind in diesem Land zwischen 1933 und 1945 schon einmal Menschen mit psychischen Erkrankungen vom Staat registriert (und inhaftiert) worden; viele von ihnen habe das in letzter Konsequenz nicht überlebt.

 

Was psychische Erkrankungen sowohl für die betroffenen Menschen als auch für deren persönliches Umfeld bedeuten, kann sich ein großer Teil unserer Gesellschaft nach wie vor schwer vorstellen. Scham und die Sorge vor Ausgrenzung führen schon jetzt dazu, dass sich viele Menschen mit psychischen Erkrankungen erst nach langem Zögern eine bedarfsgerechte Behandlung suchen, oft sogar erst mit jahrelanger Verzögerung. Aktuell befindet sich lediglich jede fünfte Person mit einer psychischen Erkrankung in Behandlung. Anstatt zusätzlich Ängste in der Bevölkerung und bei den Betroffenen zu schüren, sollte viel mehr dafür getan werden, Vorurteile gegenüber psychisch kranken Menschen abzubauen. Nicht zuletzt angesichts der Häufigkeit psychischer Erkrankungen sollten wir alle gemeinsam für ein weniger stigmatisierendes und offenes gesellschaftliches Klima sorgen.

 

Menschen mit psychischen Erkrankungen werden häufiger Opfer von Gewalt als dass sie eine Gefahr für ihre Mitmenschen darstellen. Ihnen wird am besten geholfen, indem genügend Therapieplätze geschaffen und niedrigschwellige Beratungsangebote ausgebaut werden. Vor allem durch deutlich mehr präventive Maßnahmen ließe sich die psychiatrische Versorgung erheblich verbessern. Den Präventionsgedanken verkehren Sie mit Ihrem Vorschlag eines Registers für psychisch kranke Menschen indes geradezu ins Gegenteil. 

 

Als hochrangiger Politiker einer großen Partei kommt Ihnen, Herr Linnemann, ein hohes Maß an Verantwortung für den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft zu. Ihre Äußerungen haben Gewicht. Dessen sollten Sie sich bewusst sein – zumal in einer Zeit, in der unsere Werte und demokratischen Prinzipien durch Verfassungsfeinde von Innen infrage gestellt und angegriffen werden. Eine vielgestaltige, offene und tolerante Gesellschaft lässt sich unserer Ansicht nach mit den von Ihnen vorgeschlagenen Maßnahmen nicht vereinbaren. Stattdessen spielen Ihre Forderungen denjenigen in die Hände, die Ausgrenzung und Spaltung als politisches Geschäft betreiben.

 

Mit freundlichen Grüßen 

 

Simon Kurzhals, Klinikum Essen Mitte, Oberarzt der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik & Suchtmedizin

 

Prof. Dr. Helge Frieling, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), Professor für Molekulare Psychiatrie und Stellv. Klinikdirektor der Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie

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Petition am 8. Januar 2025 erstellt