Offener Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz

Aktuelle Unterzeichner*innen:
Michael Mager und 19 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

seit Tagen bewegt mich Ihre Äußerung im Bundestag zum Thema Gewalt an Frauen. Ich habe lange gezögert, mich zu äußern. Es fühlt sich naiv an, Ihnen einen offenen Brief zu schreiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ihn lesen, halte ich für gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich davon berühren lassen, für noch geringer.

Und trotzdem muss ich meiner Mischung aus Wut, Ratlosigkeit und Traurigkeit Ausdruck verleihen. Ich schäme mich für diesen so typischen Ausdruck männlicher Arroganz und Ignoranz. Und ich bedaure zutiefst die vertane Chance, in einem aufgewühlten, bedeutsamen Moment unserer Geschichte ein starkes, leuchtendes Zeichen zu setzen.

Ich habe weder Sie noch Ihre Partei gewählt. Doch ich erwarte von einem Bundeskanzler, dass er die Größe aufbringt, für das gesamte Volk zu sprechen. Dass er sich in Stunden der Erschütterung darum bemüht, Worte zu finden, die Hoffnung machen und die uns vereinen.

Was Sie stattdessen getan haben, war das traurige Gegenteil.

Eine junge Abgeordnete stellt Ihnen eine konkrete, berechtigte Frage: Was tun Sie gegen digitale sexualisierte Gewalt an Frauen? Eine Frage, die Millionen Frauen in diesem Land betrifft und just in diesen Tagen besonders bewegt, weil der Fall Collien Fernandes ein Schlaglicht auf ein gigantisches, strukturelles Problem wirft.

Und was tun Sie?

Sie lenken ab. Sie reden über Zuwanderung. In einer Debatte über Deepfakes, Rachepornografie und digitale Gewalt – allesamt Phänomene, die mit Migration nichts zu tun haben – lenken Sie, ich fürchte leider bewusst, die angestaute Spannung in Richtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Sie wissen sehr genau: Der Fall, der diese Debatte ausgelöst hat, betrifft einen deutschen Mann.  Die BKA-Zahlen zeigen: Bei Sexualstraftaten liegt der Anteil von Zuwanderer:innen je nach Deliktskategorie zwischen acht und zwölf Prozent, also unter dem Durchschnitt. Ich gehe davon aus, dass Sie das besser wissen als ich. Das heißt, ich muss vermuten, dass Sie bewusst versuchen, falsche Narrative zu schaffen.

Ich bin niemand, der die Probleme, die durch Immigration entstehen, herunterspielen möchte. Auch darüber müssen wir reden. Aber das war in diesem Augenblick nicht das Thema. Und genau das empfinde ich als so krass polarisierend – die aufgewühlten Gefühle der Menschen, die gerade ganz woanders sind, die gerade fassungslos auf das schauen, was Frauen in diesem Land angetan wird, durch so eine Bemerkung in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Auf eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe. Das ist Ablenkung. Es gibt allen Männern, die eh keinen Bock auf Arbeit an sich selbst haben, eine willkommene Ausrede. Und es ist brandgefährlich.

Und als wenn das alles nicht peinlich und falsch genug wäre, entgegnen Sie der 33-jährigen Abgeordneten Gumnior auch noch: „Ich weiß nicht, wie lange Sie dem Deutschen Bundestag schon angehören."

Ist Ihnen wirklich nicht klar, was Sie da vor den Augen der gesamten Bevölkerung tun? In einer Debatte über die Herabsetzung und Gewalt gegen Frauen setzen Sie eine Frau herab. Sie setzen sich nicht konstruktiv-kritisch mit ihrem Argument auseinander – Sie werten sie als Person ab. Ihr Alter, ihre Erfahrung, ihre vermeintlich fehlende Autorität. Ich war mal so blauäugig zu denken, Ihnen würden manchmal einfach nur rhetorische Ausrutscher passieren. Mittlerweile sehe ich das Muster. Patriarchal, arrogant und so überholt.

Warum tun Sie das?

Sind Sie wirklich nur ein älterer Mann, der es schlicht nicht mehr schafft, sein eigenes Denken infrage zu stellen? Oder sind Sie der Rassist, als den Ihre Worte Sie wieder und wieder erscheinen lassen? Oder tun Sie es mit Kalkül? Weil Sie hoffen, mit migrationskritischer Rhetorik Menschen einzufangen, die sonst AfD wählen würden? Falls das Ihre Strategie ist – sie wird nicht aufgehen. Denn die Menschen, die Sie damit einzufangen versuchen, werden am Ende nicht die CDU, sondern das Original wählen. Das Einzige, was Sie wirklich erreichen, ist, dass der Diskurs weiter nach rechts rutscht. Dass Frauen ein weiteres Mal erleben, dass ihre Anliegen instrumentalisiert statt in der Tiefe gehört werden.

Sie haben gesagt: „Auch viele Männer sprechen darüber. Und ich gehöre dazu." Wie wäre es gewesen, Sie hätten die Größe aufgebracht, in diesem Augenblick richtig zuzuhören? Und so ein Vorbild für viele Männer zu sein. In dem Moment, in dem uns eine Frau eine schmerzhafte Frage stellt, nicht in den Verteidigungsmodus zu schalten, sondern innezuhalten. Mitzufühlen. Nachzufragen. Und ein unmissverständliches Signal zu senden: Ich sehe dich. Ich höre euch. Ich lasse mich berühren.

Unser Land geht durch eine schwierige, sehr schwierige Phase. Wir alle brauchen Klarheit, Licht, Hoffnung. Diese kurze Gesprächssequenz hätte gute Geschichte schreiben können. Stattdessen – sorry – so ein trauriger, aber leider auch noch gefährlicher Rohrkrepierer.

Ich schreibe Ihnen das als Mann, der sich für diese platte, undifferenzierte und empathielose Reaktion schämt. Ich will mich nicht über Sie erheben – ich habe selbst noch eine Menge Arbeit zu tun. Doch ich will und kann nicht mehr schweigen, wenn wir Männer so einen Bullshit labern.

Ich schreibe auch als Bürger dieses Landes, der viele Kontakte zu Menschen mit Migrationshintergrund hat. Und ich schäme mich auch für sie für diese platten, ausgrenzenden Verallgemeinerungen.

Und dann stehe ich da und sehe den Bundeskanzler meines Landes live demonstrieren, wie man es nicht macht.

Ich mache mir als Bürger dieses Landes große Sorgen um die Zukunftsfähigkeit von Deutschland. Ich habe das Gefühl, dass wir den Anschluss verlieren. Nicht nur technologisch und wirtschaftlich, sondern auch geistig. In Zeiten wie diesen wäre es so wichtig, von aufrechten, integren Staatsfrauen und -männern echte, frische Visionen zu hören, die uns vereinen und einen Weg durch diese Stürme in eine gute Zukunft zeigen.

Was ich stattdessen sehe und höre, macht mich traurig. Denn ein Verhalten wie das Ihre in dieser Bundestagsdebatte spaltet die Bevölkerung weiter. Es regt keine kollektiven Lern- und Heilungsprozesse an. Es spielt den rechten Tendenzen in unserem Land zu. Es fördert Rückschritt, den wir uns nicht mehr leisten können.

Was ist so verdammt schwer daran, die Verantwortung, die Sie haben, nicht nur zu verwalten oder strategisch zu missbrauchen, sondern voll anzunehmen und über Ihren eigenen Schatten hinauszuwachsen?

Sie werden gebraucht. In Ihrer kühnsten und weisesten und demütigsten Version.

Nicht morgen. Jetzt.

Mit nachdenklichem Gruß, Veit Lindau

 

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Veit LindauPetitionsstarter*in

5.900

Aktuelle Unterzeichner*innen:
Michael Mager und 19 andere Personen haben kürzlich unterschrieben.

Das Problem

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,

seit Tagen bewegt mich Ihre Äußerung im Bundestag zum Thema Gewalt an Frauen. Ich habe lange gezögert, mich zu äußern. Es fühlt sich naiv an, Ihnen einen offenen Brief zu schreiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie ihn lesen, halte ich für gering. Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich davon berühren lassen, für noch geringer.

Und trotzdem muss ich meiner Mischung aus Wut, Ratlosigkeit und Traurigkeit Ausdruck verleihen. Ich schäme mich für diesen so typischen Ausdruck männlicher Arroganz und Ignoranz. Und ich bedaure zutiefst die vertane Chance, in einem aufgewühlten, bedeutsamen Moment unserer Geschichte ein starkes, leuchtendes Zeichen zu setzen.

Ich habe weder Sie noch Ihre Partei gewählt. Doch ich erwarte von einem Bundeskanzler, dass er die Größe aufbringt, für das gesamte Volk zu sprechen. Dass er sich in Stunden der Erschütterung darum bemüht, Worte zu finden, die Hoffnung machen und die uns vereinen.

Was Sie stattdessen getan haben, war das traurige Gegenteil.

Eine junge Abgeordnete stellt Ihnen eine konkrete, berechtigte Frage: Was tun Sie gegen digitale sexualisierte Gewalt an Frauen? Eine Frage, die Millionen Frauen in diesem Land betrifft und just in diesen Tagen besonders bewegt, weil der Fall Collien Fernandes ein Schlaglicht auf ein gigantisches, strukturelles Problem wirft.

Und was tun Sie?

Sie lenken ab. Sie reden über Zuwanderung. In einer Debatte über Deepfakes, Rachepornografie und digitale Gewalt – allesamt Phänomene, die mit Migration nichts zu tun haben – lenken Sie, ich fürchte leider bewusst, die angestaute Spannung in Richtung einer bestimmten Bevölkerungsgruppe. Sie wissen sehr genau: Der Fall, der diese Debatte ausgelöst hat, betrifft einen deutschen Mann.  Die BKA-Zahlen zeigen: Bei Sexualstraftaten liegt der Anteil von Zuwanderer:innen je nach Deliktskategorie zwischen acht und zwölf Prozent, also unter dem Durchschnitt. Ich gehe davon aus, dass Sie das besser wissen als ich. Das heißt, ich muss vermuten, dass Sie bewusst versuchen, falsche Narrative zu schaffen.

Ich bin niemand, der die Probleme, die durch Immigration entstehen, herunterspielen möchte. Auch darüber müssen wir reden. Aber das war in diesem Augenblick nicht das Thema. Und genau das empfinde ich als so krass polarisierend – die aufgewühlten Gefühle der Menschen, die gerade ganz woanders sind, die gerade fassungslos auf das schauen, was Frauen in diesem Land angetan wird, durch so eine Bemerkung in eine ganz bestimmte Richtung zu lenken. Auf eine ganz bestimmte Bevölkerungsgruppe. Das ist Ablenkung. Es gibt allen Männern, die eh keinen Bock auf Arbeit an sich selbst haben, eine willkommene Ausrede. Und es ist brandgefährlich.

Und als wenn das alles nicht peinlich und falsch genug wäre, entgegnen Sie der 33-jährigen Abgeordneten Gumnior auch noch: „Ich weiß nicht, wie lange Sie dem Deutschen Bundestag schon angehören."

Ist Ihnen wirklich nicht klar, was Sie da vor den Augen der gesamten Bevölkerung tun? In einer Debatte über die Herabsetzung und Gewalt gegen Frauen setzen Sie eine Frau herab. Sie setzen sich nicht konstruktiv-kritisch mit ihrem Argument auseinander – Sie werten sie als Person ab. Ihr Alter, ihre Erfahrung, ihre vermeintlich fehlende Autorität. Ich war mal so blauäugig zu denken, Ihnen würden manchmal einfach nur rhetorische Ausrutscher passieren. Mittlerweile sehe ich das Muster. Patriarchal, arrogant und so überholt.

Warum tun Sie das?

Sind Sie wirklich nur ein älterer Mann, der es schlicht nicht mehr schafft, sein eigenes Denken infrage zu stellen? Oder sind Sie der Rassist, als den Ihre Worte Sie wieder und wieder erscheinen lassen? Oder tun Sie es mit Kalkül? Weil Sie hoffen, mit migrationskritischer Rhetorik Menschen einzufangen, die sonst AfD wählen würden? Falls das Ihre Strategie ist – sie wird nicht aufgehen. Denn die Menschen, die Sie damit einzufangen versuchen, werden am Ende nicht die CDU, sondern das Original wählen. Das Einzige, was Sie wirklich erreichen, ist, dass der Diskurs weiter nach rechts rutscht. Dass Frauen ein weiteres Mal erleben, dass ihre Anliegen instrumentalisiert statt in der Tiefe gehört werden.

Sie haben gesagt: „Auch viele Männer sprechen darüber. Und ich gehöre dazu." Wie wäre es gewesen, Sie hätten die Größe aufgebracht, in diesem Augenblick richtig zuzuhören? Und so ein Vorbild für viele Männer zu sein. In dem Moment, in dem uns eine Frau eine schmerzhafte Frage stellt, nicht in den Verteidigungsmodus zu schalten, sondern innezuhalten. Mitzufühlen. Nachzufragen. Und ein unmissverständliches Signal zu senden: Ich sehe dich. Ich höre euch. Ich lasse mich berühren.

Unser Land geht durch eine schwierige, sehr schwierige Phase. Wir alle brauchen Klarheit, Licht, Hoffnung. Diese kurze Gesprächssequenz hätte gute Geschichte schreiben können. Stattdessen – sorry – so ein trauriger, aber leider auch noch gefährlicher Rohrkrepierer.

Ich schreibe Ihnen das als Mann, der sich für diese platte, undifferenzierte und empathielose Reaktion schämt. Ich will mich nicht über Sie erheben – ich habe selbst noch eine Menge Arbeit zu tun. Doch ich will und kann nicht mehr schweigen, wenn wir Männer so einen Bullshit labern.

Ich schreibe auch als Bürger dieses Landes, der viele Kontakte zu Menschen mit Migrationshintergrund hat. Und ich schäme mich auch für sie für diese platten, ausgrenzenden Verallgemeinerungen.

Und dann stehe ich da und sehe den Bundeskanzler meines Landes live demonstrieren, wie man es nicht macht.

Ich mache mir als Bürger dieses Landes große Sorgen um die Zukunftsfähigkeit von Deutschland. Ich habe das Gefühl, dass wir den Anschluss verlieren. Nicht nur technologisch und wirtschaftlich, sondern auch geistig. In Zeiten wie diesen wäre es so wichtig, von aufrechten, integren Staatsfrauen und -männern echte, frische Visionen zu hören, die uns vereinen und einen Weg durch diese Stürme in eine gute Zukunft zeigen.

Was ich stattdessen sehe und höre, macht mich traurig. Denn ein Verhalten wie das Ihre in dieser Bundestagsdebatte spaltet die Bevölkerung weiter. Es regt keine kollektiven Lern- und Heilungsprozesse an. Es spielt den rechten Tendenzen in unserem Land zu. Es fördert Rückschritt, den wir uns nicht mehr leisten können.

Was ist so verdammt schwer daran, die Verantwortung, die Sie haben, nicht nur zu verwalten oder strategisch zu missbrauchen, sondern voll anzunehmen und über Ihren eigenen Schatten hinauszuwachsen?

Sie werden gebraucht. In Ihrer kühnsten und weisesten und demütigsten Version.

Nicht morgen. Jetzt.

Mit nachdenklichem Gruß, Veit Lindau

 

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Veit LindauPetitionsstarter*in
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Petition am 28. März 2026 erstellt