#NichtMehrSprachlos - ARD/ZDF wir fordern endlich Expert*innen gegen Rassismus!

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Das Problem

Gestern bei der Sendung “Lanz” konnten Millionen Zuschauer einer Frau zuhören, die über die “genetischen Unterschiede” zwischen weißen und Schwarzen Menschen sprach. Einer Frau, die ähnlich wie Thilo Sarrazin, ein eugenisches Weltbild propagierte, in dem soziokulturelle Unterschiede eine Frage der “Genetik” seien. Als angehender Arzt erinnerten mich diese Sätze an das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte, in dem Mediziner Menschen aufgrund ihrer vermeintlich minderwertigen Genetik abgewertet haben, als entartet bezeichneten und sie in die Gas-Kammern der Konzentrationslager in den Tod schickten. 

In dieser Sendung war keine Person geladen, die dieser Frau vehement, wissenschaftlich fundiert hätte widersprechen können. Lanz war komplett sprachlos - er sagte: “Das überfordert mich emotional”. Wie kann es sein, dass zu solch einem sensiblen Thema keine ExpertInnen geladen waren?

Ersteres hat damit zu tun, dass man Rassist*innen auf öffentlich-rechtlichen Sendern eine Bühne bietet, die wir mit unseren Gebühren zahlen. Letzteres hat damit zu tun, dass keine Expert*innen, noch besser, keine betroffenen Expert*innen in dieser Sendung eingeladen waren.

Deshalb fordere ich, dass bei Sendungen von ARD/ZDF ExpertInnen zugegen sein sollen, die selber von Themen betroffen sind und die Debatte(n) bei Themen wie Rassismus nicht von einer (weißen) Mehrheitsgesellschaft dominiert werden.

Ich bin Nabard Faiz und Medizinstudent an der Philipps-Universität Marburg.
Als Stipendiat der Friedrich-Ebert-Stiftung setze ich mich getreu dem Motto: "Demokratie braucht Demokraten" seit mehreren Jahren für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft ein.  

Ob Sarrazin oder nun Tina Chittom. Dass Rassist*innen statt migrantischer, schwarzer Aktivist*innen und Expert*innen zu Themen von Migration, Politik und Co eingeladen werden, hat schon lange System. Dabei verschärft sich die politische Situation wie auch überall auf der Welt - gerade jetzt können wir es uns nicht erlauben, Rassist*innen und Menschen, die ein rassistisches Weltbild propagieren, erneut eine Bühne zu bieten. Wenn solche sensiblen Themen angesprochen werden, sollte dann ein*e oder mehrere ExpertInnen dabei sein. Das würde ich mir wünschen. 

Wir würden doch auch keinen Augenarzt über Atomphysik dozieren lassen oder?ARD/ZDF - wir wollen nicht mehr sprachlos sein! Setzt bei sensiblen Themen Expert*innen ein, die selbst Betroffene sind!

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Nabard FaizPetitionsstarter*in

Die Entscheidungsträger*innen

Birand Bingül
Leiter ARD Kommunikation
Beantwortet
Sehr geehrter Herr Faiz, vielen Dank für Ihre Mail und den Hinweis auf Ihre Petition, die Sie, obwohl Sie eine Sendung im ZDF zum Anlass nehmen, vollkommen zurecht auch an uns, an die ARD, schicken. Erlauben Sie mir, dass ich für die ARD antworte. Die Besetzung von Talkshows ist in der ARD ein viel diskutiertes Thema. Und auch Ihr Hinweis auf eine Besetzung mit Betroffenen - vor allem bei sensiblen Themen - ist wichtig und vollkommen richtig. Die Sendung „Anne Will“ im Ersten beispielsweise ist eine politische Gesprächssendung. Das Konzept zielt darauf ab, politische Entscheiderinnen und Entscheider sowie Expertinnen und Experten miteinander in einen öffentlichen Diskurs zu bringen. Daraus ergeben sich die journalistischen Kriterien für die Gästeauswahl. Anspruch ist dabei auch, die gesellschaftliche Vielfalt abzubilden. Im Umgang mit den Gästen ist es den Redaktionen der ARD zudem wichtig, sie nicht (nur) als persönlich Betroffene anzusprechen, sondern wegen ihrer fachlichen Expertise - dies gilt grundsätzlich für alle Themen. Was das von Ihnen angesprochene Thema Rassismus angeht, wurde darüber zum Beispiel am 7.Juni diesen Jahres debattiert („Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus - wie viel Verantwortung trägt Präsident Trump für die Eskalation?“). In der Runde bei Anne Will saßen unter anderem die Buchautorin Alice Hasters, die Kolumnistin und Autorin Samira El Ouassil sowie der Bundestagsabgeordnete Cem Özdemir. Mit ihnen wurde nicht nur über die Geschehnisse in den USA, sondern auch über Rassismus und Diskriminierung in Deutschland gesprochen. Auch die Sendung „maischberger“ behandelte das Thema Rassismus bereits auf verschiedenen Ebenen. Zum einen wurde das Thema direkt z.B. mit Charles M. Huber am 14.08.2019 und Priscilla Layne am 03.06.2020 diskutiert, aktuell gerade im Zusammenhang mit der US-Wahl am 30.09.2020 mit Ron Williams oder am 04.11.2020 mit Kenton E. Barnes. Gerade im neuen Format von „maischberger. die woche“ liegt der Fokus auf den wichtigsten Themen der Woche. Hier ist es der Redaktion außerdem wichtig Menschen mit Migrationshintergrund gerade nicht ausschließlich zu Migrations- oder Rassismusthemen einzuladen. Pinar Atalay, Tagesthemenmoderatorin, Ferdos Forudastan, in ihrer Funktion als Chefin der Inlandspolitik der Süddeutschen Zeitung oder der Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar waren z.B. Gäste, nicht weil sie einen Migrationshintergrund haben, sondern wegen ihrer Fachkompetenz. Nicht nur deshalb möchte ich Ihrer Petition daher an folgendem Punkt aber auch entschieden widersprechen. Sie schreiben: „Dass Rassist*innen statt migrantischer, schwarzer Aktivist*innen und Expert*innen zu Themen von Migration, Politik und Co eingeladen werden, hat schon lange System.“ Dieser Vorwurf ist inhaltlich absolut nicht haltbar und im Ton unnötig scharf. Trotzdem bleibt der breite Blick auf die Gesellschaft und das ständige Hinterfragen desselben eine tägliche Aufgabe. Um die Vielfalt in Deutschland und ihre Geschichten und Perspektiven angemessen abbilden zu können, fördert die ARD auch die Diversität und Chancengleichheit in ihren eigenen Reihen. Einstellung und Karrierechancen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ARD sollen dabei unabhängig von Geschlecht, kultureller, ethnischer oder sozialer Herkunft, Religion, Weltanschauung, Alter, sexueller Orientierung, geschlechtlicher Identität oder Behinderung erfolgen. Auch daher haben alle Rundfunkanstalten der ARD die „Charta der Vielfalt“ unterzeichnet. Die ARD zielt darauf ab, die interkulturelle Vielfalt als wesentlichen Baustein des Personalmanagements der ARD zu etablieren bzw. kontinuierlich weiterzuentwickeln. Dafür setzt sie konkrete Maßnahmen im Bereich der Personalrekrutierung und der Personalentwicklung um. Der Anspruch, die Diversität in den Landesrundfunkanstalten zu erhöhen, spielt auch in der Auswahl der jährlich mehr als 3.000 Auszubildenden und der zahlreichen Volontärinnen und Volontären eine wesentliche Rolle. So legt die ARD in ihrem Engagement für die Weiterbildung angehender Journalistinnen und Journalisten einen Fokus auf Vielfalt: Interkulturelle Sensibilität oder eine Einwanderungsbiografie sind beispielsweise wesentliche Schwerpunkte bei der Auswahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmern der rbb Sommerakademie, die einen kompakten Einblick in die Praxis des öffentlich-rechtlichen Journalismus ermöglicht und dem rbb immer wieder wertvolle Anregungen und Kritik in puncto Diversität des Senders und seiner Programme liefert. Die Reihe „WDR Grenzenlos“ hat ebenfalls junge Medienmacher mit interkulturellem Hintergrund im Blick. Auch diese Teams – geprägt von verschiedenen kulturellen Einflüssen und ausgestattet mit unterschiedlichen Talenten – entwickeln und produzieren unter anderem neue Ideen für den WDR. Mit freundlichen Grüßen Birand Bingül Leiter ARD Kommunikation ARD-Geschäftsführung Westdeutscher Rundfunk
Stefan Unglaube
HA Kommunikation ZDF
Beantwortet
Sehr geehrter Herr Faiz, das ZDF setzt sich mit seinen Programmen im Sinne des Rundfunkstaatsvertrags für eine plurale und weltoffene Gesellschaft ein. Die Gäste für die Sendung "Markus Lanz" werden stets nach redaktionellen Gesichtspunkten passend zum jeweiligen Thema ausgewählt. Zum redaktionellen Selbstverständnis gehört es, ein umfassendes Bild der Gesellschaft abzubilden. Dazu gehören auch Vertreter*innen von politischen Richtungen und Meinungen, die nicht mehrheitstauglich sind. Tina Chittom wurde explizit als Vertreterin der "Republican Overseas" und als bekennende Wählerin von Donald Trump eingeladen. Ihre Thesen blieben keinesfalls unwidersprochen. Vielmehr haben Markus Lanz und auch die andere Gäste der Runde sie augenblicklich und eindeutig kommentiert und eingeordnet. Viele Grüße Stefan Unglaube ZDF HA Kommunikation Presse und Information

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