Offener Brief zugunsten der Lehrbeauftragten an den Berliner Hochschulen

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An
den Senator für Wissenschaft und Forschung, Michael Müller
und die Präsidentinnen und Präsidenten sowie Rektorinnen und Rektoren der Berliner Hochschulen

Offener Brief zugunsten der Lehrbeauftragten an den Berliner Hochschulen

                                                                                          21. April 2020
Sehr geehrter Herr Senator Müller, sehr geehrte Damen und Herren,

die Corona-Krise stellt auch die Lehrenden an den Berliner Hochschulen vor große Herausforderungen. Innerhalb kurzer Zeit muss der Präsenz- auf den Online-Unterricht umgestellt werden. An die Stelle der gewohnten mündlichen Face-to-face-Kommunikation mit den Studierenden tritt die schriftliche Kommunikation über Online-Plattformen. Für die Lehrenden bedeutet dies einen hohen zusätzlichen Zeitaufwand, sowohl für die Vorbereitung als auch für die Durchführung der Lehrveranstaltungen: Unterlagen müssen digitalisiert, Inhalte und Methoden angepasst werden; die Studierenden müssen individuell und in Gruppen mittels einer Vielzahl schriftlicher Kommentare und Rückmeldungen durch das Semester begleitet und auf die Prüfungen vorbereitet werden.

Die Lehrenden stellen sich diesen Herausforderungen mit einem hohen Engagement und im Bewusstsein ihrer Verantwortung für die Studierenden, die aufgrund der Corona-Krise selbst mit vielen Schwierigkeiten (etwa Kinderbetreuung oder Jobverlust) konfrontiert sind. Während die Professorinnen und Professoren von den Herausforderungen aber i. d. R. in einer gesicherten beruflichen und finanziellen Situation getroffen werden, stellt sich dies bei den Lehrbeauftragten völlig anders dar.

Ihr Status ist bereits in normalen Zeiten höchst prekär: Lehraufträge begründen kein Arbeitsverhältnis, sondern werden für die Dauer von einem, maximal zwei Semestern auf der Basis von Honorarverträgen vergeben. Lehrbeauftragte haben keine Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall oder bei Urlaub und keinen Kündigungsschutz. Immer wieder kommt es vor, dass langjährige und verdiente Lehrbeauftragte keine neuen Verträge erhalten. Manche Lehrbeauftragte üben ihre Tätigkeit im Nebenberuf aus. Viele sind jedoch Freiberufler*innen, die nur von Lehraufträgen, teilweise an verschiedenen Hochschulen, leben müssen. Ihre Bezahlung ist gemessen an ihrem Arbeitsaufwand und ihrer Qualifikation viel zu niedrig.

Trotz dieser prekären Bedingungen arbeiten die Lehrbeauftragten hoch motiviert. Sie decken einen Gutteil der Lehre an den Berliner Hochschulen ab. Ohne ihr Engagement kämen vor allem an den Fachhochschulen, den künstlerischen Hochschulen und Musikhochschulen sowie den Sprachenzentren der Universitäten weite Teile des Lehrbetriebs zum Erliegen. Viele Lehr¬beauftragte engagieren sich zusätzlich zu ihrer Lehre in den Gremien der akademischen Selbstverwaltung, ohne dafür eine zusätzliche Vergütung zu erhalten. Auch in der aktuellen Situation betrachten sie es als ihre Pflicht gegenüber den Studierenden und den Hochschulen, aktiv an der Umstellung von der Präsenz- auf die Online-Lehre mitzuwirken.

Bislang gibt es keine Berlin-weite Regelung, der zufolge den Lehrbeauftragten der zusätzliche Zeitaufwand, den die Online-Lehre bedeutet, zu vergüten wäre. Zwar hat der Senat, was wir begrüßen, mit dem Sofortprogramm „VirtualCampusBerlin“ auf die veränderte Situation reagiert und den Berliner Hochschulen insgesamt zehn Millionen Euro für den Ausbau digitaler Lehr- und Prüfungsformate zur Verfügung gestellt. Allerdings sollen aus diesen Mitteln ausschließlich Investitionen in zusätzliche IT-Infrastruktur, nicht aber ein erhöhter Arbeitsaufwand finanziert werden.

Als Professorinnen und Professoren der Berliner Hochschulen solidarisieren wir uns mit den Lehrbeauftragten und ihrem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen und für eine – auch finanzielle – Anerkennung ihres Engagements in der Corona-Krise. Konkret plädieren wir dafür,

  • den Zusatzaufwand, der den Lehrbeauftragten durch die Umstellung von Präsenz- auf Online-Lehre entsteht, angemessen zu vergüten (etwa durch eine Aufstockung der Honorarverträge oder durch eine Einmal-Zahlung);
  • die Mindestteilnehmer*innen-Zahl für Lehrveranstaltungen im Sommersemester herab-zusetzen, so dass auch solche Kurse, die aufgrund einer mangelnden Auslastung unter normalen Umständen abgesagt würden, stattfinden können;
  • Lehrveranstaltungen, die trotz allem abgesagt werden müssen, dennoch zu vergüten, um unvorhergesehene Härten zu vermeiden;
  • und perspektivisch Maßnahmen einzuleiten, die – analog etwa zum britischen Lecturer-Modell oder zu der Praxis, wie sie an österreichischen Universitäten üblich ist (längerfristige Lehraufträge im Angestelltenverhältnis) – der Prekarität des Lehrbeauftragten-Status auch über die gegenwärtige Krise hinaus entgegenwirken.

Wir fordern die Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung auf, die Voraussetzungen hierfür zu schaffen. Die Hochschulleitungen fordern wir auf, ihren bereits existierenden Ermessensspielraum auszuschöpfen und in Gesprächen mit dem Senat auf die nötigen Änderungen hinzuwirken.

Eine Initiative von Professorinnen und Professoren
der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin (HWR) und der GEW BERLIN

Erstunterzeichner*innen: Prof. Axel Bauni (UdK), Prof. Dr. Sigrid Betzelt (HWR), Prof. Dr. Regine Buchheim (HTW), Jun.-Prof. Dr. Bettina Engels (FU), Tom Erdmann (Vorsitzender der GEW Berlin), Prof. Dr. Claudia Gather (HWR), Prof. Dr. Anja Grothe (HWR), Prof. Dr. Björn Hacker (HTW), Prof. Dr. Eckhard Hein (HWR), Prof. Dr. Melanie Jaeger-Erben (TU), Prof. Dr. Heike Joebges (HTW), Prof. Dr. Ulf Kadritzke (HWR), Prof. Dr. Michael Kämper-van den Boogaart (HU), Prof. Dr. Julian M. Kawohl (HTW), Dr. Andreas Keller (GEW, Mitglied des Kuratoriums der Humboldt-Universität), Prof. Dr. Stefan Klinski (HWR), Prof. Dr. Bernd Ladwig (FU), Prof. Dr. Andreas Lob-Hüdepohl (KHSB), Prof. Dr. María do Mar Castro Varela (ASH), Prof. Dr. Martina Merker (HTW), Prof. Dr. Martina Metzger (HWR), Prof. Dr. Jennifer Pédussel Wu (HWR), Prof. Dr. Jochen Prümper (HTW), Prof. Dr. Boike Rehbein (HU), Prof. Dr. Yvonne Schoper (HTW), Prof. Dr. Juliane Siegeris (HTW), Prof. Dr. Martina Sproll (HWR), Prof. Dr. Torsten Tristan Straub (HWR), Prof. Dr. Christina Teipen (HWR), Prof. Dr. Markus Wissen (HWR), Prof. Dr. Reingard Zimmer (HWR)