
Bei „Anne Will“ ging es um den Niedriglohnsektor, unzureichende Renten und die Post-Agenda-2010-Konzepte der SPD. Doch die Politiker hatten dazu offenbar nur wenig zu sagen. Dafür sorgten zwei Gäste aus dem „echten Leben“ für frischen Wind
Vier Millionen Menschen sind im Niedriglohnsektor tätig und verdienen weniger als zwei Drittel des mittleren Lohns, fast jeder fünfte Rentner lebt in Altersarmut, immer mehr Menschen in urbanen Räumen können sich trotz Vollbeschäftigung keine Wohnung leisten – dass das kein Zustand ist, müsste in einer sozialen Marktwirtschaft Minimalkonsens sein. Was also ist schief gelaufen? Unter dem Titel „Niedriger Lohn, magere Renten – was ist uns Arbeit wert?“ diskutierte Anne Will in ihrer Sendung ebenjenen Zustand und eingeladen waren Politiker, genau, der SPD, der Grünen und der CDU, also jener Parteien, die den Zustand mitzuverantworten haben. Zur Runde gehörten Malu Dreyer (SPD), Mike Mohring (CDU), Talkshow-Stammgast Katrin-Göring-Eckardt (Grüne), Reinhold von Eben-Worlée, Präsident des Verbandes „Die Familienunternehmer“ und Quoten-Agenda-2010-Befürworter des Abends. Zu ihnen gesellte sich die Reinigungskraft Petra Vogel aus Bochum.
Eine leibhaftige „Stimme von unten“ also, und nicht bloß eine abstrakte Phrase in den Profilierungsreden sozialdemokratischer und grüner Politiker. Sie war zwar keine Friseurin, um deren Belange sich die SPD während ihres traditionelles „Linksschwenks“ kurz vor wichtigen Wahlen so besorgt zeigt. Doch immerhin gehört Vogel, Mitglied der Gewerkschaft IG Bau, zur eigentlichen Kernklientel linker Parteien.
Löhne gehen an der sozialen Realität vorbei
Egal, ob nun die SPD oder die CDU das bessere Konzept für eine Grundrente hat, es scheint alles nicht zu helfen. Natürlich wollte jeder Petra Vogel gefallen, die zumindest in dieser Gesprächsrunde eine gewisse moralische Diskurshoheit hatte. Doch die Reinigungskraft, die 2004 aus Wut über die rot-grüne Agenda-Politik der Linkspartei beigetreten ist, ließ sich nicht umgarnen. Auf die Frage, ob sie glaube, eine Grundrente bekommen zu müssen, antwortete sie mit ja, doch diese werde nicht reichen. Sie warf den Parteien vor, wirkungslos herumzudoktern, dabei müsse das gesamte Rentensystem verändert werden: „Es müssen Beamte, es müssen Abgeordnete und es müssen auch Selbständige mit in die Kassen einzahlen“, sagte sie.
Eine weitere Stimme aus dem „echten Leben“ kam aus den Zuschauern im Studio. Guido Fahrendholz, der, wie er sagte, die ganze Zeit auf seinem Sitz nervös hin und her gerutscht war und innerlich sichtlich kochte, als er den Anwesenden endlich seine Meinung geigen durfte. Fahrendholz arbeitet als Koordinator einer Notunterkunft in Berlin. Dorthin kämen Menschen mit Niedriglohnjobs, die von der Wirtschaft als Kollateralschaden in Kauf genommen würden: „Wie eben Reinigungskräfte, wo die Menschen mit Löhnen auskommen müssen, die an einer sozialen Realität vor allem in urbanen Ballungsräumen völlig vorbeigehen.“
4. März 2019
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