
Ich habe nun gestern Nacht die Angabe erhalten und diese auch durch gerechnet.
Ich habe sie durchgerechnet als Mathematikerin, fand die leicht und konnte Sie lösen.
Aber das ist auch mein Job als Mathematikerin - Aufgaben lösen zu können.
Ich habe sie als Lehrerin durchgerechnet und bin der Auffassung (ich habe im Laufe meiner Karriere alle Prüfungen ab ´58 mehrfach durchgerechnet), dass dieses Abitur eines der schwersten der letzten Jahre ist - unabhängig von Covid. Und das ist mein Job als Lehrerin: Didaktische Empathie. Denn das Unterscheidet eine:n Mathematiker:in von einer:m Pädagog:in.
Job des Kultusministeriums ist es, unter Anbetracht der Lehrinhalte, die ein:e Schüler:in im Laufe seines schulischen Werdegangs im Unterricht erworben hat, eine Prüfung zu erstellen, die Schüler:innen auf genau diese Lehrinhalte prüft. So weit, so gut.
Job des Kultusministeriums war es aber auch dieses Jahr, die enormen Missstände im Unterricht - bedingt durch die Pandemie-Situation - bei der Prüfungsgestaltung zu berücksichtigen. Denn genau sowas meine ich mit didaktischer Empathie.
Aufgaben aus der Stochastik und Geometrie sind in dieser Form so bisher noch nie gestellt worden. Weder in älteren Abiturprüfungen, noch in Schulbüchern.
Da sich die Schüler:innen den Großteil des vergangenen Schuljahres die Prüfungsinhalte selbst aneignen mussten, hatten sie keine Chance, sich auf solche außergewöhnlichen Aufgaben vorzubereiten.
Es waren auch Aufgaben dabei, die machbar waren, und das Bestehen sichern konnten.
Aber das ist doch genau der Punkt: sollte das die Maßgabe einer Abitur-Prüfung sein?
Dass es auch Aufgaben gibt, durch die man es schaffen kann, die Prüfung zu bestehen?
"Hauptsache bestehen" sollte nicht die Norm sein - schon gar nicht, wenn viele der Schüler:innen seit Monaten nichts anderes machen, als sich auf diese Prüfung vorzubereiten.
Und schon gar nicht, wenn viele dieser Schüler:innen sich um einen guten Schnitt bemühen, um im Studiengang ihrer Wahl angenommen zu werden.
Und ganz besonders dann nicht, wenn diese Schüler:innen der erste Jahrgang seit Jahrzehnten sind, in dem kein regulärer Unterricht über mehr als ein ganzes Schuljahr stattgefunden hat.
Man hat unseren Absolvent:innen dieses Jahr vieles genommen. Ihre sozialen Kontakte, die Klassenfahrt, der Abi-Ball, der Abschied von ihren Klassenkameraden und von ihren Lehrkräften, welche sie über Jahre hinweg begleitet haben, und, und, und.
Ein traditioneller Abschluss, wie wir ihn alle hatten wird ihnen verwehrt bleiben.
Deswegen kann ich nicht verstehen, wie bei der Gestaltung dieser Prüfung so eine Fehlentscheidung getroffen worden konnte.
Einige (erfreulicher Weise wenige) haben die Petition ins lächerliche gezogen mit dem Argument: „ es gibt doch jedes Jahr eine“.
Das ist doch schon das Problem. Die Tatsache, dass sich in regelmäßigen Abständen eine nicht zu vernachlässigende Anzahl an Schüler:innen, Eltern und Lehr:innen findet, die den Ablauf und die Inhalte kritisieren, zeigen doch, dass wir seit Jahren ein Problem in unserer Bildungspolitik haben.
Ob sich was ändern wird, weiß ich nicht. Aber ich hoffe es für alle Beteiligten. Ebenfalls hoffe ich sehr, dass die Debatte darüber gestartet wird, das Bildungssystem ins 21. Jahrhundert zu bringen - denn mit einer Teilaufgabe zu Photovoltaikanlagen und Gummibärchen ist das definitiv nicht getan.
Und zu euch Schülern kann ich nur folgendes sagen:
Es ist nicht eure Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist.
Es wäre nur eure Schuld, wenn sie so bleibt.
--- --- ---