
Der ärgste oder zweitärgste (!) Feind der Antikorruptionsbehörden im Land war Selenskyjs rechte Hand. Überraschung? Ein ukrainischer Politologe sieht die beiden "fast" als "siamesische Zwillinge". Ich gebe den vollständigen Wortlaut zweier Online-Zeitungsartikel wieder. Mein Gott, wie lange soll das Schmierentheater denn noch weitergehen bitte?
Zuerst der vollständige Text des t-online-Artikels "Selenskyj schützt Kiews "graue Eminenz" von S. Cleven vom 22. November 2025:
SELENSKYJ SCHÜTZT KIEWS "GRAUE EMINENZ"
Artikel von Simon Cleven • 7 Std. • 6 Minuten Lesezeit
Ein Korruptionsskandal erschüttert die Ukraine. In Kiew fordern angesichts dessen immer mehr Politiker den Rücktritt des wichtigsten Vertrauten Selenskyjs. Doch der Präsident nimmt ihn in Schutz.
[ Bild ]
Andrij Jermak (Archivbild): Der Chef von Selenskyjs Präsidialamt hat in den vergangenen Jahren viel Macht aufgebaut. (Quelle: IMAGO/Pool /Ukrainian Presidentia/imago)
Die Ukraine gerät dieser Tage gleich an zwei Fronten politisch unter Druck. In den vergangenen Wochen haben Vertreter der US-Regierung und des Kreml einen sogenannten Friedensplan für den Ukraine-Krieg erarbeitet. Doch erst am Donnerstag konfrontierten die Vereinigten Staaten offiziell Kiew mit dem Dokument. Für Präsident Wolodymyr Selenskyj und sein Team kommt das zur Unzeit.
Denn schon seit Tagen läuft die zweite politische Front heiß: Ein Korruptionsskandal erschüttert den engsten Kreis von Selenskyj. Vergangene Woche hatten veröffentlichte Gesprächsmitschnitte zu Schmiergeldgeschäften um den staatlichen Atomkonzern Energoatom eine politische Krise in dem von Russland angegriffenen Land ausgelöst. Mehr als 85 Millionen Euro an staatlichen Geldern sollen den Ermittlungen nach unterschlagen worden sein. Bisher sind zwei Minister aufgrund der Anschuldigungen zurückgetreten.
Mit Tymur Minditsch floh zudem ein Vertrauter von Selenskyj aus dem Land. Unter Korruptionsverdacht steht in einem anderen Fall auch der dem Präsidenten nahestehende Ex-Vizeregierungschef Olexij Tschernyschow. Und damit ist noch nicht Schluss: Auch Selenskyjs engster Berater und Chef seines Präsidialbüros, Andrij Jermak, gerät zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit.
[ Bild ]
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (r.) und sein Präsidialamtschef Andrij Jermak (l.) bei Verhandlungen in Rom. (Archivbild) (Quelle: IMAGO/Ukraine Presidency via Bestimage)
So wurden zuletzt immer mehr Rufe laut, dass Jermak sein Amt räumen müsse. Es ist nicht das erste Mal, dass er Ziel von Kritik wird. Vielmehr wurde Jermak in beinahe jedem Skandal rund um die ukrainische Regierung der vergangenen Jahre eine teils zentrale Rolle zugeschrieben. Stichhaltige Beweise gab es jedoch nie. So auch jetzt. Und Selenskyj stellt sich einmal mehr vor seinen engsten Vertrauten – vermutlich aus Selbstschutz.
Selenskyjs Fraktion fordert Jermaks Rücktritt
Anfang der Woche wurde bekannt, dass nicht nur die Opposition im ukrainischen Parlament Jermaks Rücktritt fordert, sondern auch eine Reihe von Abgeordneten von Selenskyjs Partei "Diener des Volkes". Angesichts dessen stellte sich der Präsident am Donnerstag seiner Fraktion – und teilte ihr laut übereinstimmenden Medienberichten zur Enttäuschung der Jermak-kritischen Abgeordneten mit, dass der Chef des Präsidialbüros weiterhin im Amt bleiben soll. Zudem soll Selenskyj gesagt haben, dass er "keine Ahnung habe, was hinter seinem Rücken vor sich ging", erklärte ein Abgeordneter dem Sender Hromadske.
Die Kritik an Jermak war zuletzt wegen Gesprächsmitschnitten laut geworden, die die ukrainische Antikorruptionsbehörde Nabu im Rahmen des Skandals im Energiesektor veröffentlicht hatten. Darin taucht eine Person mit dem Decknamen "Ali Baba" auf, die wohl Strafverfolgungsbehörden den Auftrag gibt, gegen die Korruptionsbekämpfer vorzugehen. Seitdem hält sich hartnäckig das Gerücht, dass es sich bei "Ali Baba" um Jermak handelt.
Es ist bereits das zweite Mal, dass ihm nachgesagt wird, die Antikorruptionsbehörden ins Visier zu nehmen. Erst im Juli steckte die ukrainische Regierung in einer tiefen Krise, nachdem Selenskyj ein Gesetz unterzeichnet hatte, das Nabu und die Sonderstaatsanwaltschaft zur Korruptionsbekämpfung (Sapo) in ihrer Unabhängigkeit beschneiden sollte. Daraufhin gab es Massenproteste und Selenskyj zog das Gesetz wenig später zurück. Urheber des Gesetzes soll Jermak gewesen sein.
[ Bild ]
Demonstranten in Kiew (Archivbild): In einigen Städten waren Tausende wegen der ursprünglichen Reform zur Beschneidung der Antikorruptionsbehörden auf die Straße gegangen. (Quelle: Yuliia Ovsiannikova/imago-images-bilder)
Jermak weist Vorwürfe zurück
Er selbst streitet solche Vorwürfe ab. In einem Interview mit der Tageszeitung "Welt" erklärte er vergangene Woche: "Die Leute erwähnen mich und versuchen – manchmal völlig ohne Beweise – mir irgendetwas anzuhängen, von dem ich gar nichts weiß." Dazu forderte er in dem Gespräch selbst, dass Menschen, die in den Skandal verwickelt seien, "nicht an der Macht bleiben". Zudem erklärte er, "einige politische Kräfte" würden den Skandal ausnutzen – insbesondere Russland.
Für Selenskyjs Fraktion geht es bei den Rücktrittsforderungen jedoch offenbar um mehr. Ein anonymer Beteiligter erklärte Hromadske, dass die "überwiegende Mehrheit der Bevölkerung" einen Neustart des Verwaltungsapparats befürworten würde. Und niemand in Kiew verkörpert diesen Apparat so sehr wie Jermak.
Jermaks Aufstieg an die Macht
Ohnehin gehört er zu den ungewöhnlichsten Machtfiguren der Ukraine. Der frühere Anwalt und Filmproduzent rückte ab 2010 ins Umfeld von Wolodymyr Selenskyj und wurde nach dessen Wahlsieg 2019 rasch zu dessen engstem Vertrauten. Als Chefunterhändler mit Russland und Kontaktmann zu Washington gewann er früh Einfluss; 2020 machte Selenskyj ihn zum Chef des Präsidentenbüros – dem Posten, aus dem Jermak ein beispielloses Machtzentrum formte.
Unter Kriegsrecht und gestützt auf die Parlamentsmehrheit der Präsidentenpartei kontrolliert Jermak heute weite Teile der Exekutive: Ihm wird nachgesagt, über Personal zu entscheiden, Ministerien insgeheim zu lenken, Ermittlungsbehörden zu beeinflussen und das Außenministerium aus zentralen Gesprächen mit internationalen Partnern zu verdrängen. Beobachter beschreiben ihn als "de-facto Vizepräsidenten", "graue Eminenz" und Torwächter, ohne dessen Zustimmung niemand zu Selenskyj gelangt.
Mit wachsender Macht stiegen auch die Vorwürfe. Manche Medien und Kritiker sehen Jermak im Zentrum eines Systems, das Loyalität belohnt, Gegenstimmen ausschaltet und Sicherheitsbehörden unter Druck setzt. So wurde etwa die Ernennung von Julija Swyrydenko zur Premierministerin kritisiert, weil sie Jermak nahestehen soll. Mehrere seiner engen Vertrauten sind in Korruptionsaffären verwickelt.
[ Bild ]
Andrij jermak (l.) und Wolodymyr Selenskyj sprechen mit der ehemaligen Botschafterin der Ukraine in den USA, Oxana Markarowa, im Präsidialbüro in Kiew. (Quelle: IMAGO/Ukraine Presidency/Ukrainian Pre/imago)
Experten sehen "Machtmonopol" bei Jermak
Laut Josh Rudolph, Olena Prokopenko und Walerija Iwanowa, die Experten der US-Stiftung German Marshall Fund sind, liegt das insbesondere am "Machtmonopol" des Präsidialamts in Kiew. "Da es keine ausreichenden Kontrollmechanismen gibt, ist es zum mächtigsten Teil der ukrainischen Regierung und zur einzigen wirklichen Entscheidungsinstanz im Land geworden, obwohl es in der Verfassung nicht als eigenständiges Staatsorgan verankert ist und lediglich als Unterstützungsstruktur für die Arbeit des Präsidenten geschaffen wurde", schreiben sie in einem Beitrag, in dem sie den Rücktritt Jermaks fordern.
"Obwohl er zu den fünf am wenigsten vertrauenswürdigen ukrainischen Vertretern zählt, hat Jermaks übergroßer Einfluss auf die Regierungsführung der Ukraine ihm einen Platz auf globalen Führungslisten eingebracht", heißt es dort weiter, mit Blick auf Umfrageergebnisse. Im März bescheinigte das Rasumkow Center Jermak nach einer Umfrage Beliebtheitswerte von nur 17,5 Prozent.
Für Selenskyj scheint Jermak unverzichtbar
Doch für viele ist klar: Fällt Jermak, gerät auch das Machtgefüge des Präsidenten ins Wanken. Der ukrainische Politologe Wolodymyr Fesenko erklärte im Gespräch mit "Radio Free Europe/Radio Liberty" die Beziehung Selenskyj und Jermaks wie folgt: "Sie sind wie siamesische Zwillinge miteinander verschmolzen. In den fünf Jahren ihrer Zusammenarbeit sind sie fast zu einer Einheit geworden", so der Leiter des Penta-Zentrums für politische Studien in Kiew.
[ Bild ]
Ukrainische Delegation bei Verhandlungen in der Türkei (Archivbild): Zwischen Ex-Verteidigungsminister Rustem Umerow (r.) und Außenminister Andrij Sybiha sitzt Andrij Jermak. (Quelle: Arda Kucukkaya/Turkish Foreign Ministry)
Selenskyj selbst soll einst über sich und Jermak gesagt haben: "Wir kamen zusammen und wir werden wieder zusammen gehen." Ganz uneigennützig dürfte er diese Aussage nicht getroffen haben. Denn Jermak erfüllt eine Funktion, die ihn wohl für den Präsidenten unverzichtbar macht.
"Wie das Abschneiden seiner rechten Hand"
"Für Selenskyj wäre die Entlassung von Jermak wie das Abschneiden seiner eigenen rechten Hand", erklärte der Politologe Fesenko dies. "Nach der Entlassung von Jermak wäre das Hauptziel der Opposition Selenskyj selbst."
Angesichts des neuesten Korruptionsskandals und des 28-Punkte-Plans dürfte auch das Ausland interessiert auf die Entwicklungen in Kiew blicken. Denn selbst bei Unterstützern gilt Jermak als übermächtig und schwer berechenbar. Westliche Diplomaten beschreiben ihn laut Medienberichten als Mann mit großem Ego, der Entscheidungen überdehnt und klassische Institutionen verdrängt.
In Washington und Brüssel wird er laut der "Financial Times" oft als schlecht vorbereitet, fordernd und politisch ungeschickt wahrgenommen; manche wollten wohl gar nicht mehr mit ihm verhandeln – vor allem US-Vertreter. Vermutlich war es auch deshalb Sicherheitsratschef Rustem Umerow, der zuerst von den neuen russisch-amerikanischen Plänen erfuhr.
Verwendete Quellen:
- kyivindependent.com: "Is Zelensky finally ready to fire his notorious right-hand man, Andriy Yermak?" (englisch)
- rferl.org: "Andriy Yermak, Zelenskyy's Talisman -- Or Albatross?" (englisch)
- ft.com: "The polarising power of Andriy Yermak, Ukraine’s other wartime leader" (englisch)
- welt.de: "'Unser Problem ist nicht der Mangel an Menschen'" (kostenpflichtig)
- gmfus.org: "Yermak Must Go" (englisch)
- hromadske.ua: "Зеленський залишив Єрмака на посаді — джерело" (ukrainisch)
- hromadske.ua: "'Справа Міндіча'. Зеленський сказав 'слугам', що не мав уявлення про те, що робиться за його спиною — Потураєв" (ukrainisch)
- kyivindependent.com: "Zelensky appears to hold on to embattled chief of staff Yermak, faces weakened grip on parliament as a result" (englisch, kostenpflichtig)
- politico.eu: "Zelenskyy faces pressure to fire top aide Yermak amid corruption scandal" (englisch)
_________________________________________________
Und jetzt noch der vollständige Text des RBC Ukraine - Artikels "Zelenskyy makes statement regarding appointment of new Head of Office of President" von K. Shkarlat von gestern:
ZELENSKYY MAKES STATEMENT REGARDING APPOINTMENT OF NEW HEAD OF OFFICE OF PRESIDENT
Story by Kateryna Shkarlat • 12h • 2 min read
[ Bild ]
Photo: Volodymyr Zelenskyy, President of Ukraine (president.gov.ua)
© RBC-Ukraine
Ukrainian President Volodymyr Zelenskyy plans to hold additional consultations on the appointment of a new Head of the Office of the President after returning to Kyiv, the head of state made this statement during a press conference with French President Emmanuel Macron.
"There will be no sensational announcements today. I want to hold additional consultations, which I have planned, and I will do this upon returning to Ukraine. My choice depends on certain factors. We are focusing more on diplomacy or other areas that are very important," the Ukrainian leader said.
Zelenskyy added that Ukraine "has very worthy people."
Yermak’s resignation
On November 28, NABU (National Anti-Corruption Bureau of Ukraine) detectives and SAP (Specialized Anti-Corruption Prosecutor's Office) prosecutors conducted searches at the office of Andriy Yermak, Head of the Office of the President of Ukraine. On the same day, President Volodymyr Zelenskyy announced that Yermak had submitted his resignation. Shortly thereafter, Zelenskyy signed a decree dismissing him.
On the night of November 29, The New York Post reported that Yermak had decided to go to the front lines.
That same day, the former Head of the Office commented to the Financial Times, stating that he holds no grudge against Zelenskyy and adding that Zelenskyy had been his friend before this position and would remain so afterward.
The day after his dismissal, Andriy Yermak visited the Bankova (refers to Bankova Street in Kyiv, Ukraine, where the Office of the President of Ukraine is located - ed.) again to speak with the Ukrainian president.
Sources from RBC-Ukraine reported that Zelenskyy has not yet decided on the next Head of the Office of the President. Meanwhile, six candidates are being considered for the vacant position.