
Liebe Unterstützer*innen,
da hierzulande nur wenige Medien über die aktuelle Protestwelle im Iran berichten, möchte ich euch über die aktuellen Geschehnisse auf dem Laufenden halten:
Seit mehreren Monaten herrscht in der Provinz Khuzestan (Iran) eine schlimme Dürre. Die Trinkwasserversorgung ist zusammengebrochen. Daher protestieren seit Mitte Juli Tausende Iraner gegen die verheerende Wasserknappheit (sogen. „Wasserproteste“). Dem iranischen Regime sind diese Proteste ein Dorn im Auge. Sie lassen daher auf die verzweifelten Demonstranten schießen.
Die Lage ist dramatisch: Bei Temperaturen von teilweise über 50 Grad Celsius, verenden Nutztiere der Provinz Khuzestan und Umgebung elendig, die Menschen trinken aus Pfützen am Straßenrand. Das Trinkwasserproblem wurde bewusst herbeigeführt. Ein Grund dafür ist der Bau zahlreicher Staudämme, die die Revolutionsgarde, als mächtigste und korrupteste Wirtschaftskraft errichten ließen, um eigene Profite zu machen. Sie wurden ohne jegliche Berücksichtigung fachlicher Einschätzungen durch iranischen Umweltforscher, die rechtzeitig davor gewarnt hatten, errichtet. Das Ziel war u.a. die Zugänge zu den Flüssen der, auf Landwirtschaft angewiesenen, Bevölkerung zu verhindern und diese austrocknen zu lassen, damit das Erdöl billiger aus der Erde geholt und verkauft werden kann.
Diese verheerenden Zustände haben eine neue Protestwelle mit dem Slogan „Ich habe Durst!“ ausgelöst, durch die die verzweifelten Menschen auf sich aufmerksam machen wollen. Die Mullahs haben daraufhin ihre Schergen, unter Einsatz scharfer Munition, auf die Demonstranten – überwiegend junge Menschen im Alter von 17 bis 30 – schießen lassen. Amnesty International berichtet darüber und hat einige Namen von getöteten Jugendlichen (rechts mittig abgebildet) veröffentlicht. Viele Demonstranten wurden verhaftet.
Die Proteste sind mittlerweile auch auf andere iranische Provinzen sowie die Hauptstadt Teheran übergeschwappt. Viele junge Menschen gehen aus Solidität auf die Straße mit Slogans wie „Nieder mit Khamenei“ und protestieren gegen das islamische Regime.
Um die Vernetzung der Demonstranten und Proteste zu unterbinden, hat das Regime das Internet kurzzeitig abgeschaltet und mittlerweile den Entwurf eines neuen einschränkenden Internetgesetztes in die Wege geleitet. Eine Internetzensur nach nordkoreanischem Vorbild wäre für die Mullahs vorstellbar.
Neben der Wasserproblematik und Internetzensur heizt auch die hohe Zahl von Corona-Infektionen – ein Ergebnis des Verbots zulässiger ausländischer Impfungen und desaströser Krankenversorgung – die Proteststimmung an. Besonders der neue, höchst umstrittene Präsident Raisi, der zuständig war für Massenhinrichtungen politischer Gefangener im 1988, sorgt in der Bevölkerung für Unmut und Ablehnung, was die Iraner bereits durch ihre sehr niedrige Wahlbeteiligung* dieses Jahr zum Ausdruck gebracht haben. Die landesweiten Arbeiterstreiks und Proteste knüpfen daran an und machen Hoffnung.
Ich halte euch auf dem Laufenden.
Eure
Saideh
* Die Wahlbeteiligung ist geringer als die offiziellen (geschönten) Zahlen aus dem Iran behaupten.