
Unterschriften für Reza
Flüchtlinge Der 22-Jährige lebt seit Mai 2018 im Kirchenasyl in Immenstadt. Ihm droht die Abschiebung. Freunde und Unterstützer wollen per Petition an den Landtag erreichen, dass der Afghane bleiben kann
von Werner Kempf
Immenstadt Die psychischen Schwankungen von Reza Jafari dauern seit Monaten an. "Mal blicke ich zuversichtlich in die Zukunft, aber oft habe ich depressive Phasen", sagt der 22-jährige Afghane. Er sitzt am Tisch seines Zimmers in der evangelischen Erlöserkirche in Immenstadt, wo Reza seit Mai 2018 im Kirchenasyl lebt. Er darf zwar Besucher empfangen, aber das Gelände nicht verlassen. Seine Freundin kommt täglich. "Ohne sie würde ich diese belastende Situation nicht überstehen", sagt der 22-Jährige. Ein paar Meter weiter in der Kirche liegt eine Petition mit einer Unterschriftenliste an den bayerischen Landtag, um Rezas Abschiebung zu verhindern.
Schon einmal hätte Reza das Land verlassen sollen. Am 24. April 2018 standen Polizeibeamte um fünf Uhr in der Früh vor der Tür der Asylunterkunft in Lauben und wollten ihn in einen Flieger nach Afghanistan setzen, nachdem sein Antrag auf Asyl abgelehnt worden war. Doch Reza erfuhr von dem bevorstehenden Einsatz und tauchte unter. Nach Ablehnung des Erstasylverfahrens wurde ein Asylfolgeantrag gestellt. Doch darüber ist noch nicht entschieden worden. Einen Termin für eine Verhandlung gibt es im Moment nicht, da die Gerichte überlastet sind.
Reza sei ein Beispiel dafür, wie sich Flüchtlinge intensiv bemühen, "sich in unserer Gesellschaft zu integrieren", sagt Pfarrerin Marlies Gampert von der Immenstädter Erlöserkirche, die mit am Tisch sitzt. Der Afghane lernte in der Asylunterkunft in Lauben fleißig Deutsch, besuchte zwei Jahre die Berufsschule in Kempten und machte im Februar 2018 den Mittelschulabschluss. In seiner Freizeit spielte er Fußball beim SV Heiligkreuz und dem TSV Heising, wo er seine 24-jährige Freundin kennenlernte. Er hatte mehrere Angebote eine Ausbildung zu beginnen. Doch die Chefs sagten ab, "weil nicht gewährleistet war, ob ich in Deutschland bleiben darf", berichtet Reza. "Wir hoffen, dass das psychologische Gutachten im Folgeantrag den Ausschlag dafür gibt, dass Reza geduldet und nicht abgeschoben wird", sagt Marlies Gampert.
Durch seine Abschiebung nach Afghanistan "wäre Rezas Leben stark gefährdet", sagt die Pfarrerin. Der 22-Jährige ist zwar in Afghanistan geboren, aber im Iran aufgewachsen. Er gehört der schiitischen Minderheit des Volksstammes der Hazara an, der in den vergangenen Monaten immer wieder Opfer brutaler Anschläge gewesen sei. "Auch deshalb haben wir ihm Kirchenasyl gewährt." Dies ist nicht das erste Mal. Marlies Gampert und ihr Ehemann Ulli nahmen vor vier Jahren eine Frau aus Somalia und eine aus Syrien sowie ein Jahr später einen 18-jährigen Afghanen in ihre Obhut, um sie vor einer Abschiebung zu schützen. Marlies Gampert betont ausdrücklich, nicht jedem Kirchenasyl gewähren zu können. Voraussetzung sei, dass ein abgewiesener Asylbewerber eine Chance haben müsse, ein Bleiberecht zu erhalten und im Herkunftsland Gefahr für Leib und Leben bestehe. Die Entscheidung trifft der Kirchenvorstand der Erlöserkirche.
Erste Etappe: Abschiebeverbot
Parallel zur Unterschriftenliste kann die Petition für Reza auch im Internet unterzeichnet werden (www. Helfen Sie Reza change.org ). "Mit der Petition haben wir vielleicht eine Chance, erst einmal ein Abschiebeverbot zu erwirken und das Kirchenasyl zu beenden. Aber wir werden Reza nicht rausschmeißen, wenn es nicht klappt", versichert Marlies Gampert. Doch selbst wenn Reza nicht abgeschoben würde, sei es noch ein langer Weg bis zu einem Bleiberecht. Bis zur endgültigen Anerkennung des Asylverfahrens kann es Jahre dauern. Wenn alles nach Plan läuft, Reza vor dem Verwaltungsgericht Erfolg hat und bleiben kann, möchte er eine Lehre beginnen und seine Freundin heiraten.
(mit freundlicher Genehmigung der Allgäuer Zeitung)