Petition update

Offener Ärztebrief für #sichereGeburt @GKV_Sprecher @rbbabendschau @heutejournal @sternde

Mother Hood
Germany

Sep 24, 2015 — Damit sich Vorstellungen darüber, was Qualität und Sicherheit in der klinischen und außerklinischen Geburtshilfe ausmachen, verändern, verfassten ärztliche Mitglieder des Vereins Mother Hood e.V. einen offenen Brief an die Vorsitzende des GKV-Spitzenverbandes, Frau Dr. Pfeiffer. Unsere Ärzte sehen die Versorgung der werdenden Familien in Deutschland bereits heute auseinanderbrechen und wollen eine weitere Zunahme der Kaiserschnittrate, den Verlust der freiberuflichen Hebammen, mangelhaft versorgte Frauen in der Schwangerschaft, während der Geburt im Kreißsaal und in der Wochenbettzeit und die immer länger werdenden Anfahrtswege zu geburtshilflichen Einrichtungen nicht mehr hinnehmen. Zudem hat für sie das Selbstbestimmungs- und Patientenrecht der schwangeren Frau die höchster Priorität.

Hier der Brief:

"Sehr geehrte Frau Dr. Pfeiffer,

als MedizinerInnen und Eltern möchten wir gerne Stellung beziehen zu Ihren Plänen, die außerklinischen Geburten nur bis zum errechneten Termin zu bezahlen und darüber hinaus nur nach fachärztlicher Zustimmung. Sie begründen dies in den Verhandlungen mit dem Deutschen Hebammenverband – und vor allem in der Öffentlichkeit – mit dem Argument der Sicherheit für Mutter und Kind.
Wir werden auch darauf eingehen, was nach internationaler Studienlage eine Geburt sicher macht.

Fachliche Anmerkungen zum sogenannten „Errechneten Termin“:
Die normale Schwangerschaftsdauer variiert stark. Eine aktuelle Studie zeigte auf, dass die Unterschiede bis zu 37 Tage betragen können. Einflussfaktoren sind das Lebensalter der Frau, die Dauer vorangegangener Schwangerschaften, das eigene Geburtsgewicht (1) sowie ein hoher maternaler Body-Mass-Index vor und eine große Gewichtszunahme in der Schwangerschaft. (2)
Zusätzlich unterliegt auch der sonografisch errechnete Termin – nach dem Sie sich nun richten wollen – diversen Einflussgrößen. Zum einen ist das Ergebnis von der Erfahrung der UntersucherIn abhängig. Bei unendlich vielen Messungen am gleichen Foetus ergäbe sich eine Gauß´sche Normalverteilung. Zu diesen Messfehlern addiert sich der systematische, gerätebedingte Messfehler. Zusätzlich kommt es bei der softwarebedingten Berechnung des Termins zu einem Fehler, der auf dem Berechnungsmodell aus statistischen Untersuchungen beruht. In der Summe ergibt sich ein errechneter Termin, der, je nach Gerät und UntersucherIn, um mehrere Tage variieren kann. (3, 4)
Fazit: Ein Facharztkonsil ist nicht gerechtfertigt bei einfacher Überschreitung des „Errechneten Termins“. Hier kann man von einer Überversorgung sprechen, die eine Interventionskaskade in Gang setzen kann. Die Behandlung Schwangerer bei Terminüberschreitung wird deutschlandweit sehr unterschiedlich gehandhabt. Manche GynäkologInnen empfehlen eine Einleitung ab ET +3, andere warten bis ET+7 oder länger, bis eingeleitet wird. Da es keine S3-Leitlinien zur Geburtseinleitung gibt, werden Facharztkonsile ohne weitere Indikation bei ET+3 keine Verbesserung der Qualität darstellen, zumal es sich bei geplanten Hausgeburten um Frauen mit niedrigem Schwangerschaftsrisiko handelt.
Im Gegenteil: es ist zu erwarten, dass die Zahl der Geburtseinleitungen – mit allen Folgen – weiter steigen wird.

Die Rolle der Hebammen

Hebammen sind in Deutschland bestens ausgebildete Fachfrauen für die normale Schwangerschaft und Geburt. Ein wichtiger Bestandteil der Hebammenarbeit ist das Erkennen von möglichen Pathologien in der Schwangerschaft. Hierzu sind sie befähigt, gerade bei Schwangeren in der Low-Risk-Gruppe, zu der Frauen mit geplanter Hausgeburt gehören. Wenn nötig, überweisen Hebammen die Schwangere an eine Fachärztin. (5)
Außerklinische, von Hebammen betreute Geburten, haben ein niedrigeres Morbiditätsrisiko für Mutter und Kind, bei gleicher perinataler Mortalitätsrate im Vergleich mit Geburten im Krankenhaus. (6) Danach richten sich auch die NICE-Guidelines des NHS in Großbritannien (7), welche für Mehrgebärende ohne Risiken außerklinische Geburten empfehlen. Um die Qualität der Versorgung zu verbessern, empfiehlt sich eine bessere Zusammenarbeit der klinischen und außerklinischen GeburtshelferInnen, z.B. nach dem Vorbild der Niederlande.

Die Rolle der Frau

Die Entscheidung darüber, wo eine Frau ihr Kind zur Welt bringt, liegt letzten Endes immer bei ihr selbst. Medizinisches Fachpersonal kann und soll ihr dabei mit Rat und Fachwissen zur Seite stehen, aber nicht mehr. Schon heute besteht eine wirkliche Wahlfreiheit in vielen Gebieten Deutschlands nicht mehr. Durch Ihren Vorstoß würde sich nicht nur die Zahl an außerklinischen Geburten, sondern auch die Zahl an Hebammen, welche solche begleiten, weiter verringern. Eine weiter zunehmende Zentralisierung der Geburtshilfe mit immer längeren Anfahrtswegen unter der Geburt sowie eine Beschneidung des Rechtes auf freie Wahl des Geburtsortes wären die Folge.

Was erwarten wir von einer sicheren Geburtshilfe in Deutschland?

Eine 1:1-Betreuung unter der Geburt durch eine Fachkraft (8), sowie möglichst kurze Anfahrtswege zum Entbindungsort (9) spielen für die Sicherheit von Mutter und Kind eine große Rolle. Die derzeitige Entwicklung in der Deutschen Geburtshilfe geht leider in die entgegengesetzte Richtung. Die jetzt schon bestehenden Versorgungslücken im ländlichen Raum führen zu längeren Anfahrtswegen und ungeplanten außerklinischen Geburten ohne qualifiziertes Fachpersonal.
Auch die steigende Zahl an Kaiserschnitten (10) bereitet uns Sorge. Eine finanzielle Entlohnung für Kliniken, die einen hohen Prozentsatz an interventionsfreien (oder zumindest -armen) Geburten vorweisen können, würde, in Verbindung mit anderen Maßnahmen, diese Entwicklung zumindest bremsen, wenn nicht aufhalten können. Durch die hohe Zahl an Sectiones ergibt sich nicht nur aktuell eine steigende finanzielle Belastung für die Krankenkassen, sondern eine nicht absehbare Belastung für die Zukunft. (11, 12, 13)
Wir brauchen in Deutschland nicht weniger, sondern mehr gut ausgebildete Hebammen, die in der Geburtshilfe tätig sind.
Wenn Sie tatsächlich an einer hohen Qualität in der Geburtshilfe interessiert sind, dann setzen Sie die 1:1-Betreuung als Standard in den Kliniken um. In der außerklinischen Geburtshilfe ist sie selbstverständlich.

Wir bitten Sie, Ihre Positionen in den Verhandlungen mit dem DHV zu überdenken und Ihre Verantwortung für die Zukunft der Geburtshilfe in Deutschland wahrzunehmen!

Mit freundlichen Grüßen

Christina Baris
Leitung Team Ärztekommunikation

Dr. phil. Katharina Hartmann
Vorstand / Leitung Wissenschaftsressort

Iris Appel und Lydia Abdallah
Team Ärztekommunikation


Mitzeichner:
Dr. med. Wolf Lütje – Chefarzt für Gynäkologie und Geburtshilfe, Ev. Amalie Sieveking-Krankenhaus Hamburg
Herbert Renz-Polster – Facharzt für Kinderheilkunde, Vogt
Bart Maris – Facharzt für Gynäkologie, Krefeld

1 Length of human pregnancy and contributors to its natural variation. Jukic, A.M. et al., In: Human Reproduction, Vol.0, No.0 pp. 1 –8, 2013.

2 Effect of maternal weight on postterm delivery. Hallloran D. et al., In: Journal of Perinatology 32, 85-90 ( 2012 Feb), doi:10.1038/jp.2011.63

3 Fehlerbetrachtung zur Geburtsterminberechnung per Ultraschall, Wieland, U. (Dipl.-Ing. Biomedizintechnik (FH), Dipl.-Ing. Informationstechnik, Objektleiter Biomedizintechnik/IT am DRK-Krankenhaus Lichtenstein), 2015 Jun, bisher unveröffentlicht. Siehe Anhang.

4 Zum Vergleich der Geräte- und subjektiven Messfehler:
Neue Methoden zur fetalen Gewichtsschätzung mittels Ultraschalls. Hilbert,A., Dissertation an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, 2009, https://opus4.kobv.de/opus4-fau/frontdoor/index/index/year/2010/docId/1011

5 Vgl. Verordnung des Sozialministeriums (des Landes Baden-Württemberg) über die Berufspflichten der Hebammen und Entbindungspfleger (Hebammenberufsordnung) vom 25. November 1992, §1. und §2.

6 Pilotprojekt zum Vergleich klinischer Geburten im Bundesland Hessen mit außerklinischen Geburten in von Hebammen geleiteten Einrichtungen bundesweit., Initiiert vom GKV-Spitzenverband und Verbänden der Hebammen, 2011 Nov., http://www.gkv-spitzenverband.de/media/dokumente/presse/pressemitteilungen/2011/Nov-2011_Pilotprojekt_Vergleich__klin-ausserklin_Geburten_GKV-SV_18221.pdf

7 http://www.nice.org.uk/guidance/cg190/evidence/cg190-intrapartum-care-full-guideline3

8 Midwifery-led continuity model versus other models of care for childbearing women.
Cochrane Review (2013): http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/14651858.CD004667.pub3/abstract.

9 Travel time from home to hospital and adverse perinatal outcomes in women at term in the Netherlands. Ravelli, AC et al., In: International Journal of Obstetrica and Gyneacology, 2011
Mar; 118(4):457-­‐65. (doi:10.1111/j.1471-­‐0528.2010.02816.x. Epub 2010 Dec 8th.)

10 Kaiserschnittgeburten – Entwicklung und regionale Verteilung. https://kaiserschnitt.faktencheck-gesundheit.de/fachinformation/zahlen-daten-fakten/

11 Caesarean section delivery and the risk of allergic disorders in childhood. Renz-Polster, H. et al., In: Clin Exp Allergy. 2005 Nov;35(11):1466-72., http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/16297144

12 Caesarean section is associated with an increased risk of childhood-onset type 1 diabetes mellitus: a meta-analysis of observational studies. Cardwell CR et al., In: Diabetologia. 2008 May;51(5):726-35. doi: 10.1007/s00125-008-0941-z. Epub 2008 Feb 22.

13 A meta-analysis of the association between Caesarean section and childhood asthma., Thayagnanam S. et al., In: Clin Exp Allergy. 2008 Apr;38(4):629-33. doi: 10.1111/j.1365-2222.2007.02780.x."


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