Kitas sicher und zügig öffnen

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Sehr geehrte Frau Bundesministerin Dr. Giffey,

die Kinder liegen im Bett, die Spülmaschine ist angemacht, die Wäsche in den Trockner gelegt. Eigentlich wäre jetzt Feierabend. Doch nicht in Zeiten von Corona. Die berufliche Tätigkeit geht am Abend weiter: Ein volles E-Mail-Postfach wartet, Projekte müssen bearbeitet werden. Der Arbeitgeber hat zwar Verständnis für die besonderen Umstände – und zeigt sich oftmals flexibler als noch vor wenigen Wochen gedacht. Dennoch wird annähernd gleiche Leistung erwartet.

Seit dem 17. März 2020 sind in Berlin die Kindertagesstätten geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Wir haben das begrüßt. Wir, das sind rund 1200 Mütter und Väter (Stand: 20.04.20, 10 Uhr) mit unterschiedlichem Hintergrund. Uns eint, dass wir berufstätig sind und Kinder haben, die in Kitas oder Kindergärten betreut werden. Wir wissen, dass Millionen von Eltern im Land unsere Probleme teilen. Sie haben in den letzten Wochen ihr Bestes gegeben und mit den Kindern gespielt, gebastelt, gekocht. Sie haben die Zimmer aufgeräumt, sind mit dem Nachwuchs Fahrrad gefahren und spazieren gegangen. So gut wie alles, was man als Eltern mit den Kindern machen kann, haben wir alle initiiert. Und – so ganz nebenbei – haben wir unsere Jobs so gut wie möglich erledigt.

Die Wissenschaftler der Leopoldina haben in ihrer dritten Ad-hoc-Stellungnahme zur Coronavirus-Pandemie vom 14. April 2020 empfohlen, dass „Kitas für die jüngeren Jahrgänge bis zu den Sommerferien weiterhin im Notbetrieb bleiben sollen, da kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutzmaßnahmen halten, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können“. Das Land Berlin hat am 16. April 2020 mitgeteilt, dass zwar die Notbetreuung ausgeweitet werden soll, ein Regelbetrieb von Kitas aber erst ab dem 1. August 2020 angestrebt wird.

Wir Eltern empfinden die Empfehlung der Leopoldina sowie den vom Berliner Senat gesetzten Zeitpunkt der Kita-Öffnungen als inakzeptabel. Fünf Wochen war es uns einigermaßen möglich, Job und Kinder zuhause zu vereinbaren. Weitere 3,5 Monate aber – also insgesamt 5 Monate – ist die Betreuung zuhause bei gleichzeitiger Berufstätigkeit aus unserer Sicht nicht möglich. Wir bitten Sie deshalb um eine Öffnung der Kitas – so sicher wie nötig und so rasch wie möglich.

Dafür sehen wir z. B. folgende Möglichkeiten:

  • Betreuung von kleineren Gruppen in der empfohlenen Größe in einem abwechselnden Rhythmus (Vormittag/Nachmittag, bestimmte Tage oder gerade/ungerade Kalenderwochen
  • Sukzessiver Wiedereinstieg der Kinder in den Kita-Alltag nach transparenten, sozial begründeten Kriterien. Vorstellbar ist etwa ein Fahrplan, der folgende Stufen beinhaltet:
    • Öffnung für Kinder, bei denen (mind.) ein Elternteil in systemrelevanten Berufen tätig ist
    • Öffnung für die Kinder von Alleinerziehenden
    • Öffnung für Kinder, bei denen beide Elternteil in Vollzeit oder vollzeitnah arbeiten
    • Öffnung für alle Kinder

Ein derartiger Fahrplan sollte nach pädagogischen und epidemiologischen Gesichtspunkten gestaltet sein und könnte etwa durch regelmäßige Tests auf das Virus abgesichert werden. Im Interesse der Erzieher müssten Fragen der Hygieneversorgung und der Arbeitssicherheit geklärt sein.

Hier finden Sie unsere Begründung:

  1. Die Kita ist – wie die Schule – ein Ort der Förderung und Bildung: Die Aufgaben, die die Kita übernimmt (Kinderbetreuung, Förderung der Entwicklung des Kindes, Förderung von Sozialkontakten, Versorgung der Kinder mit Mahlzeiten) fallen nun komplett den Eltern zu, die gleichzeitig weiterhin die vertraglich mit dem Arbeitgeber vereinbarte Arbeit leisten müssen. Ständige Unterbrechungen während der unveränderten vollen Arbeitszeit sind aber derzeit der Normalfall. Das ist für die Eltern psychisch belastend und führt zu schlechteren Arbeitsergebnissen. Um Telefonate und Team-Meetings einigermaßen in Ruhe durchführen zu können, bleibt oft nur die Option, Kinder mit Medien wie Filmen oder Hörspielen „ruhigzustellen“. Die tägliche Zeit, die Kinder derzeit so verbringen, liegt weit über den empfohlenen 30 Minuten.
  2. Neben der Aufmerksamkeit ihrer Eltern brauchen Kita-Kinder nicht viel, um glücklich zu sein: Sie brauchen Freunde, Bezugspersonen und Spielplätze. All das ist gegenwärtig nicht gegeben.
  3. Alleinerziehende können sich bei der Kinderbetreuung nicht abwechseln und stehen vor existenziellen Fragen.
  4. Familien, die an der Existenzgrenze leben, müssen zusätzliche Kosten für das Mittagessen aufbringen. Denn: Das (zumeist gesunde und vollwertige) Mittagessen in der Kita fällt weg.
  5. Kinder, die ohnehin in prekären und konfliktträchtigen sozialen Strukturen leben, sind durch die Schließungen möglicher Gewalt täglich ausgeliefert. Bei diesen Kindern entfällt die Kontroll-Instanz „Erzieher“ – für das Kind häufig der einzige Halt.
  6. Ja, Kita-Kinder können das Virus übertragen. Doch hat sich das neuartige Corona-Virus vor der Kontaktsperre eher in Après-Ski-Kneipen, Diskotheken oder bei sportlichen Großveranstaltungen verbreitet. Kita-Kinder dagegen halten sich zumeist diszipliniert an eingeübte Hygiene-Rituale (z. B. Händewaschen nach der Toilette, nach dem Reinkommen, nach dem Essen) und nehmen dem Virus damit Möglichkeiten zur Verbreitung.
  7. Zum Zeitpunkt der angestrebten Öffnung der Kitas in Berlin am 1. August 2020 werden prozentual mehr Menschen die Infektion durchgemacht haben. Es werden aber noch viel zu wenige sein, um von einer sogenannten Herdenimmunität zu sprechen. Gleichzeitig werden im August vermutlich weiterhin keine Medikamente oder Impfstoffe zur Verfügung stehen. Das Datum der angestrebten Öffnung erscheint damit aus der Luft gegriffen und fühlt sich wenig fundiert an.

Zusammenfassend: Die gegenwärtige Situation – Kita-Kinderbetreuung zuhause ohne Unterstützung U N D Berufstätigkeit – ist sehr belastend. Beides ist weitere drei Monate nicht möglich. Wir stehen vor der Wahl: Job kündigen? Stunden reduzieren? Miet- oder Kreditzahlungen aussetzen? In alte Rollenbilder verfallen und den Mehrverdiener unterstützen? Oder doch – entgegen der aktuellen Empfehlungen der Fachleute – die Großeltern einspannen?

Wir möchten dazu beitragen, die Ausbreitung des Virus zu verzögern. Gleichzeitig sind wir davon überzeugt, dass es mit klaren Regelungen möglich ist, die Kitas schneller als bislang geplant zu öffnen und damit die Kinder sowie berufstätige Eltern im Land zu unterstützen.

Wir appellieren daher mit Nachdruck: Bitte erarbeiten Sie zügig ein Konzept zur schnellen und gleichzeitig verantwortungsvollen Öffnung von Kitas und Kindergärten. Und: Bitte setzen Sie dieses Konzept anschließend zeitnah um.

Mit freundlichen Grüßen

Die Initiatoren: Dr. Simone K. Frey, Dr. Björn Maack, Safije Stöhr, Justina Loos, Sonja Tolsdorff, Dr. Tim Tolsdorff, Dr. Alexander Borais