Durchschnittsabitur 2020 im Saarland

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Schüler des Abiturjahrgangs 2020                                           Saarlouis, 23.04.2020

des Max-Planck-Gymnasium Saarlouis

des Gymnasium am Rotenbühl Saarbrücken

des Albert-Einstein Gymnasium Völklingen

des Gymnasium am Stadtgarten Saarlouis

des Ludwigsgymnasium Saarbrücken

des Robert-Schuman-Gymnasium Saarlouis

der Schule am Römerkastell Dillingen

der Gemeinschaftsschule Rastbachtal Saarbrücken

die Willi-Graf-Schulen Saarbrücken

des Wirtschaftswissenschaftlichen Gymnasium

und Saarland-Kolleg Saarbrücken

 

 

Sehr geehrte Frau Streichert-Clivot,

in der am 20.4.2020 veröffentlichten Pressemitteilung des Ministeriums für Bildung und Kultur stehen einige Punkte, die von großen Teilen unseres Jahrgangs als unhaltbar empfunden werden und so für uns als betroffene Abiturienten nicht tragbar sind.

Sie betonen in oben erwähnter Pressemitteilung vom 20.04.2020, wie schon in Ihrem Schreiben an alle Eltern, Erziehungsberechtigten sowie Schülerinnen und Schüler
im Saarland vom 09.04.2020, dass die Gesundheit aller, die am Schulleben beteiligt sind, für Sie an erster Stelle steht.

Allerdings ist es in Anbetracht der aktuellen Pandemie und nach Auswertung der Faktenlage in der nationalen und internationalen Fachpresse nicht möglich, die Abiturprüfungen wie geplant durchzuführen und dabei gleichzeitig eine Garantie für die Gesundheit aller Beteiligten auszusprechen.

Neueste wissenschaftliche Studien haben ergeben, dass es „nicht ausgeschlossen ist, dass sich kleinere Tröpfchen - Aerosole genannt - über die Luft weiter ausbreiten: beim Husten fast fünf Meter, beim Niesen sogar fast acht Meter weit. (Jama: Bourouib, 2020)

Auch beim Sprechen und Atmen werden Aerosole frei: je länger das Gespräch, desto mehr. In geschlossenen, schlecht belüfteten Räumen [wie die Klassenräume und Turnhallen, in denen das Abitur laut Ministeriumsbeschluss geschrieben werden soll (ergänzt durch den Verfasser)] verteilen sie sich optimal. (Journal of Fluid Mechanics: Bourouiba et al.,2014)“ (ZEIT ONLINE, Ist das jetzt der klügste Ausweg? Eine Analyse von Linda Fischer, Lisa Hegemann, Dagny Lüdemann und Maria Mast).

Diesbezüglich stellt jegliche Prüfungssituation ein erhebliches Risiko für die Gesundheit und das Leben, sowohl der Schüler als auch ihrer Angehörigen sowie allen Beteiligten, dar.

Wir bitten Sie, dieses Risiko nicht außer Acht zu lassen, da die Mortalitätsrate von an Covid-19 Erkrankten im Saarland bei 4,77% liegt, Tendenz steigend.  (https://corona.saarland.de  / Stand: 22.4.2020, 18:00 Uhr).

 

Damit befindet sich das Saarland in der Tat in einer gesonderten Position, da die Sterblichkeitsrate mehr als doppelt so hoch ist wie beispielsweise in Rheinland-Pfalz (2,08%; Wikipedia; Stand: 20.4.2020, 18:00 Uhr) oder gar Berlin (1,85%; Wikipedia; Stand. 20.4.2020, 18:00 Uhr).

Diese belastenden Zahlen und Fakten, die nach einem sehr umfassenden 4-wöchigen Lockdown stehen, machen eine Durchführung der Abiturprüfungen nach den aktuell geplanten Auflagen und einem stufenweisen Lockdown-Exit somit zu einer Gefahr für das Leben aller direkt und indirekt Beteiligten, vor allem wenn man bedenkt, dass der von Ihnen angekündigte, mit den Gesundheitsbehörden abgestimmte Hygieneplan ebenso den Weg ohne Gesundheitsrisiken zum und vom Prüfungsort nach Hause inkludieren muss.

 

Ebenso betont die Pressemitteilung des Ministeriums für Bildung und Kultur vom 20.04.2020, 17:30 dass ein Durchschnittsabitur dem Anspruch auf eine bundesweit und international anerkannte Hochschulzugangsberechtigung nicht gerecht werden würde. Allerdings ist anzumerken, dass selbst auf bundesweiter Ebene keineswegs auch nur annähernd gleiche Bedingungen für die Schüler in der Abiturvorbereitung und dem Ablegen ihrer Prüfungen gegeben waren.  

Die Abiturienten in Rheinland-Pfalz haben ihre Abiturprüfungen bereits ohne jegliche Belastungen der Corona-Pandemie im Januar 2020 geschrieben, den bayrischen  Abiturienten wird in der Form sehr weit entgegengekommen, dass sie die noch ausstehenden zeugnis- und zulassungsrelevanten Klausuren vor dem geplanten Abitur nicht schreiben müssen (Merkur.de, Bayrische Schüler gehen wegen Abiturplänen auf die Barrikaden- Piazolo reagiert), welche für Schüler in anderen Bundesländern unabdingbar für das Zulassungsverfahren waren. Zudem hat Ihre Parteigenossin, die Bildungssenatorin Frau Sandra Scheeres, entgegen des im nächsten Abschnitt genannten KMK-Beschlusses die schriftlichen Prüfungen des Mittleren Bildungsabschlusses in Berlin abgesagt.

 

Allein diese hier als Beispiel genannten gravierenden Unterschiede in der Vorbereitung und der Durchführung der Abiturprüfungen, dürfen und werden ebenso wenig zu einem gegenseitigen Nichtanerkennen der Abiturprüfungen führen, wie ein Durchschnittsabitur in einem oder mehreren Bundesländern dazu führen würde, denn dies geht eindeutig aus dem Beschluss hervor, der von der KMK am 12.03.20 beschlossen und am 25.03.20 nochmal bestätigt wurde, der wörtlich besagt:

„Die Kultusministerkonferenz hat heute folgenden Beschluss gefasst:

1. Die Kultusministerkonferenz bestärkt ihren Beschluss vom 12. März 2020, wonach die Länder die erreichten Abschlüsse des Schuljahres 2019/20 auf der Basis gemeinsamer Regelungen gegenseitig anerkennen werden. [...]“ (https://www.kmk.org/presse/pressearchiv/mitteilung/kmk-pruefungen-finden-wie-geplant-statt.html

 

 

 

Italien lässt nach aktuellem Stand alle Schulen bis September geschlossen, mehrere westliche Länder, u.a. die Niederlande, haben sich für ein Durchschnittsabitur entschieden und sowohl Großbritannien als auch Frankreich haben die Prüfungen für die A-Levels bzw. das Baccalauréat abgesagt und durch Durchschnittsabiture ersetzt, die selbstverständlich international von allen Ausbildungsbetrieben, Fachhochschulen und Universitäten anerkannt werden.

Der von Ihnen formulierte Satz in der Pressemitteilung vom 20.04.20: „Gleiches gilt für Anerkennungsverfahren der in den Ländern erworbenen Abschlüsse im internationalen Kontext.“ ist folglich weder nachvollziehbar, noch belegbar, denn alle deutschen Abiturienten, die ein Durchschnittsabitur erlangen würden, könnten  selbstverständlich ebenso wie die Abiturienten der anderen Länder, deren Bildungspolitiker sich angesichts der prekären Lage für diesen Weg ohne Risiken für Leib und Leben ihrer Schützlinge zur Erlangung der Hochschulreife entschieden haben, mit diesem international anerkannten Abschluss weltweit studieren.

 

Die Pressemitteilung des Ministeriums für Bildung und Kultur vom 20.3.2020, 17:00 beinhaltete weiterhin Ihre folgende Aussage:

Wir wollen Planungssicherheit für alle Schülerinnen und Schüler sowie alle am Prüfungsverfahren beteiligten Lehrkräften geben.

(zit. nach der Pressemitteilung vom 20.03.2020 – 17:00)

Im Zuge dessen und mit Hinblick auf die angesprochene Planungssicherheit wurde der Beginn der schriftlichen Abiturprüfungen auf den Zeitraum ab dem 25. Mai 2020 verlegt.

Dies wurde in der aktuellen Pressemitteilung revidiert und die schriftliche Abiturprüfung im Fach Deutsch fast eine Woche vor dem angekündigten Termin, nämlich auf den 20. Mai 2020, festgelegt. Diese Entscheidung ist widersprüchlich zu den am 20. März 2020 veröffentlichten Aussagen, weshalb von der uns zugesicherten Planungssicherheit keinesfalls die Rede sein kann. 

Weiterhin verkünden Sie, dass den Schülerinnen und Schülern durch diese besondere Situation kein Nachteil entstehen wird.

Wie bereits in diesem Schreiben erläutert wurde, sind schon erhebliche Nachteile entstanden. Sowohl der, durch die Pandemie bedingte, psychische Stress für die Abiturienten, als auch die, durch widerrufene Aussagen des Ministeriums, fehlende Planungssicherheit und der hierdurch entstandene Vertrauensverlust sind erhebliche Nachteile in der Abiturvorbereitung, die so kein Jahrgang vor uns jemals hatte und wodurch der Gleichheitsgrundsatz, der jedem Abitur zugrunde liegen muss, nicht gegeben ist.

Ein weiterer großer Nachteil ist, dass bei planmäßigem, trotz des erheblichen Gesundheitsrisikos, Stattfinden der regulären schriftlichen Abiturprüfungen die Sprechprüfungen in den Fächern Englisch und Französisch nicht stattfinden sollen. Diese sind jedoch ein maßgeblicher Teil der Abiturprüfungen und als solcher von ebenso großer Relevanz wie alle anderen Prüfungsbereiche. Ein sehr großer Teil der Unterrichtszeit wurde auf die Vorbereitung dieser Sprechprüfungen verwandt.

 

 

 

Sollte das Abitur trotz diesen Umständen, die seine Durchführung eigentlich unmöglich machen, stattfinden, wäre es notwendig für die Sprechprüfungen ähnliche Maßnahmen zu treffen, wie für die mündlichen Abiturprüfungen. Als Begründung für den Entfall der Sprechprüfung wurde Folgendes angegeben:

Die Sprechprüfungen in den Fächern Englisch und Französisch entfallen; da die Prüfungsdurchführung aufgrund der Sondersituation (die Prüflinge tauschen sich dialogisch aus) eine Risikoquelle darstellen würde, die es nach Maßgabe der Gesundheitsbehörden auszuschließen gilt.

(zit. nach der Pressemitteilung vom 20.04.2020 – 17:30)

Allerdings wurde in der Pressemitteilung auch veröffentlicht, dass die mündlichen Abiturprüfungen schulintern abgenommen werden sollen, da dieses Verfahren angeblich „aus Infektionsschutzgründen geboten [ist] und (…) zugleich den KMK-Regelungen [entspricht].“ (Pressemitteilung vom 20.04.2020 – 17:30) Hierbei zu bedenken ist, dass die Dialogsituation bei den mündlichen Abiturprüfungen beinahe identisch zu der der Sprechprüfungen ist. Beide Situationen stellen daher ein erhebliches Risiko für Gesundheit und Leben aller Beteiligten dar.

Nach all diesen Fakten nun noch ein Grund der sicherlich für jeden Schüler subjektiv ist, aber von sehr vielen geäußert wurde.

 

Wir haben Angst!

Angst vor diesem Virus,

Angst vor Ansteckung,

Angst um unsere Eltern, Großeltern und andere Angehörigen der Risikogruppe,

Angst davor, durch die enormen Belastungen denen wir in der Pandemie ausgesetzt sind, in den Abiturprüfungen, auf die wir uns größtenteils schon seit Jahren vorbereitet und auch als Abschluss eines Lebensabschnittes gefreut haben, nicht zu genügen,

Angst davor, dass wir uns durch die zur Zeit herrschende, allgegenwärtige Verunsicherung, dem psychisch sehr belastenden Lockdown mit geschlossenen Bibliotheken und Bildungseinrichtungen, sowie ausfallenden Lerntreffen und Vorbereitungskursen und dem daraus resultierenden Stress nicht adäquat auf unser Abitur vorbereiten konnten,

Angst davor, dass die erschreckenden Bilder aus England, Italien, Spanien und anderen Ländern auch hier in Deutschland zur Realität werden könnten, weil wir Schüler zu Spreadern des Virus werden, da man uns gegen unseren Willen in diese Prüfungssituation zwingt, zu der wir, dadurch, dass wir auf unseren Abschluss angewiesen sind, keine Alternative haben.    

Sehr geehrte Frau Streicher-Clivot, wir bitten Sie, das von uns vorgebrachte Anliegen ernst zu nehmen, Ihr Wort zu halten, dass Sie dafür Sorge tragen werden, dass keinem Schüler ein Nachteil aus dieser Krise entstehen wird und ein gerechtes Durchschnittsabitur ohne Gefahr für Gesundheit und Leben aller Beteiligen zu beschließen.

 

 

Pascal Kinsinger, Schüler der gymnasialen Oberstufe des Max-Planck-Gymnasium Saarlouis