

Heiliger Zorn, von Ilka Maria Enger
Wenn ich das alles Revue passieren lasse, was ich in den letzten Wochen bezüglich der Telematik-Infrastruktur gelesen, erfahren und erlebt habe, dann färbt der heilige Zorn meine Wangen flammend rot.
Da stellt jemand fest, dass die Anschlüsse der Praxen vermutlich zu einem großen Teil unsicher sind und damit die gesamte Struktur der TI angreifbar und löchrig wie ein Schweizer Käse ist.
Der Mensch schreibt - um größeren Schaden zu verhindern - die entsprechenden Institutionen an, um für Abhilfe zu sorgen und es passiert nichts, nada, niente, niggesse!
Dann versucht man als Verband Öffentlichkeit herzustellen, damit die Kollegen wenigstens informiert werden und die Patienten erfahren, wie fahrlässig mit ihren Daten umgegangen wird. Und was passiert? Alle ducken sich weg und schieben den Ärzten, die noch nicht einmal wissen, welche Zeitbombe sie sich in ihre Praxen geholt haben, den schwarzen Peter zu.
Die Presse??? Null Interesse, keine Nachfragen oder gar eigene Recherchen. So lange bis eben das Kind schreiend im Brunnen zappelt, aber dann vermutlich einen auf Empörung machen.
Unsere sog. Standesvertreter der KVen - die haben seit Dienstag die Forderung von der IG Med auf dem Tisch, dass sie ihre Mitglieder informieren sollen und bitte dafür sorgen, dass die TI vom Netz geht bis die Fehler behoben sind.
Von null Reaktion bis wüsste Beleidigung war inzwischen alles dabei bis auf eine adäquate Reaktion. Mit anderen Worten diese Truppe ist inzwischen so weit von uns und unseren Praxen entfernt wie der Mann im Mond.
Und jetzt noch dieser Bundesdatenschutzbeauftragte:
Seine Vorgängerin hat die Gematik zu einerRisikofolgeabschätzung aufgefordert, weil die "Verantwortung des Arztes ja angeblich nur bis zum Konnektor geht". Seit einem Jahr hat die Gematik diesen Brief bei sich auf dem Schreibtisch liegen. Der Datenschutzbeauftragte fragt anscheinend nicht einmal nach und hat kein Interesse daran - oder wird er politisch mundtot gemacht - die sensibelsten Daten der Patienten zu schützen.
Wie man hört hat er allerdings seine Leute nach Schwerte geschickt, um die Aussagen des Systemadministrators zu prüfen. Er habe sich das alles angeschaut, war aber nicht zu einer Aussage zu bewegen, will aber nun auch stichprobenartig andere Praxen aufsuchen, um sich die Installationen anzuschauen und zu überprüfen, ob das wohl Einzelfälle sind.
Derweil gibt es keine Lösung für das eigentliche Problem und man versucht nicht einmal ansatzweise, den möglichen Datenverlust zu verhindern. Tolle Wurst, Herr Bundesdatenschützer!
Dann das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie - das ist wirklich ganz besonders charmant, was die so von sich geben:
Nein, natürlich macht die TI nicht das, was wir zertifiziert haben, denn die TI insgesamt haben wir ja nie zertifiziert. Wir haben immer nur die einzelnen Bestandteile der Infrastruktur zertifiziert. Mit anderen Worten: Wir haben uns die einzelnen Schrauben und Bauteile angeschaut, aber ob die Gematik daraus einen Ikea-Schrank oder eine Kalaschnikow baut, das ist uns doch egal!
Die Krankenhäuser haben gottseidank noch keine anschlussfähigen Konnektoren, sonst wären die vermutlich längst gehackt. Aber - was für ein Trauerspiel, was die IT-Hersteller da wieder abliefern!
Wenn man sich diese Stümperei anschaut, dann ist das Projekt TI wirklich nicht mit dem BER zu vergleichen - denn dort hat man vor der Katastrophe noch die Reißleine gezogen. Bei der TI allerdings lässt man die Flugzeuge ohne Tower-unterstützung in die Luft, nachdem man ihnen TNT in den Laderaum gepackt hat.
Wenn es nicht wieder an uns Ärzten ausgehen würde, könnte man sich eigentlich entspannt zurücklehnen und warten bis die fliegende Bombe mit lautem Knall und viel Feuerwerk platzt.