Chancengleichheit für junge Psychotherapeut*innen! Für eine fairere Kassensitzvergabe

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Hallo, wir sind Elena, Michelle, Felix und Niklas und hoffen auf euren Einsatz für mehr Generationengerechtigkeit im Gesundheitssystem! Wir sind Psychotherapeuten (oder werden es gerade) aus Köln und stehen nun nach einer langen und kostspieligen Berufsausbildung vor dem Eintritt ins Berufsleben. Dabei sind wir von der zunehmenden Ökonomisierung des Gesundheitssystems entsetzt.  Was wir vorfinden ist ein System, in dem sich Einzelne auf unkollegiale Weise an anderen bereichern und ihnen die Chancen nehmen!

Hintergrund ist dabei der Erwerb einer Abrechnungserlaubnis mit den Krankenkassen (sog. Kassensitz), den Therapeut*innen brauchen um gesetzlich versicherte Patient*innen zu behandeln. Die Preise für diese Kassensitze erleben gerade eine regelrechte Preisexplosion, die es Berufseinsteiger*innen fast unmöglich macht, einen solchen zu ergattern. Ein Grund dafür ist der Umstand, dass einzelne Therapeut*innen mehrere der wenigen Kassensitze besitzen und das System möglichst gewinnbringend für sich ausnutzen. Gleichzeitig fehlt es an rechtlichen Maßnahmen, die der Preisbildung entgegenwirken. Dabei sind Therapeut*innen mit niedrigem sozio-ökonomischen Status am stärksten betroffen.

Bevor wir diesen komplizierten Sachverhalt weiter aufklären wollen, stellen wir euch hier erstmal unsere Forderungen vor:

  • Beschränkung der Anzahl von Kassensitzen pro Psychotherapeut*in auf einen Sitz
  • Deckelung der Preise für einen Kassensitz


Für die psychotherapeutische Behandlung von gesetzlich versicherten Patient*innen braucht man neben der Approbation als Psychotherapeut*innen die Genehmigung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV), den sogenannten Vertragstherapeutensitz. Dieses System wurde 1999 eingeführt und die Anzahl der Sitze auf die Anzahl der damals existierenden Psychotherapeut*innen begrenzt. Jeder Psychotherapeut erhielt kostenfrei einen Sitz. Noch heute gilt, wenn alle Sitze in einem Gebiet vergeben sind, besteht Vollversorgung. Zu beachten ist also, dass diese Versorgung sich nicht an dem Bedarf im Sinne der Anzahl von Patient*innen in einem Gebiet orientiert, sondern an der Anzahl von Therapeut*innen, die es vor 20 Jahren in diesem Gebiet gab.

 Ist die Vollversorgung, wie es in den meisten Ballungsräumen in Deutschland der Fall ist, erreicht, können Vertragstherapeutensitze nur dann übernommen werden, wenn es Therapeut*innen gibt, die ihren Sitz abgeben. An diese bezahlen die übernehmenden Psychotherapeut*innen einen immer größeren Betrag, welcher überwiegend von Angebot und Nachfrage beeinflusst wird. Dabei können die abgebenden Therapeut*innen maßgeblich mitentscheiden, wer ihren Sitz übernimmt. Die KV steckt hierbei den Rahmen ab, ermittelt eine Liste mit geeigneten Bewerbern und der sogenannte Zulassungsausschuss trifft die endgültige Entscheidung. Jedoch können abgebende Therapeut*innen einen Favoriten vorschlagen. In der Praxis wird dieser Vorschlag auch meistens angenommen. Ein zusätzliches Mittel zur Einflussnahme ist, dass die Sitzinhaber*innen selbst mit möglichen Mitbewerbern in Kontakt treten können. In der Auswahl der Empfehlungen ist oft die Zahlungsfähigkeit der Kandidat*innen der ausschlaggebende Faktor. Die Konsequenz sind steigende Preise. So ist in Köln die Übernahme eines halben (!) Sitzes für 85.000 Euro mittlerweile als gutes Angebot anzusehen. Selbst außerhalb, 30 Min von Köln entfernt, reichen 70000 Euro für einen halben Kassensitz nicht aus.

Dabei ist es aus Sicht der übernehmenden Therapeut*innen oft gar nicht nachvollziehbar, wodurch sich dieser Betrag rechtfertigt. In der Regel werden weder Gerätschaften, noch Praxisräume oder ein Patientenstamm übernommen. Auf Grund des hohen Bedarfs an Psychotherapie in Deutschland fällt die Patientenakquise auch ohne Unterstützung des Vorgängers nicht schwer. Inwiefern Praxisinhabende einen Gegenwert erschaffen haben, der einen so hohen Kaufpreis rechtfertigt, ist nicht ersichtlich.

Diese Preise werden weiter durch den Umstand in die Höhe getrieben, dass es immer mehr Therapeut*innen gibt, die im Besitz mehrerer Kassensitze sind. Zwar können Therapeut*innen offiziell nur einen Sitz halten, sich jedoch bis zu vier Sitze kaufen, solange sie auf den übrigen Sitzen approbierte Psychotherapeut*innen anstellen. Des Weiteren können auch Medizinische Versorgungszentren (MVZs) gegründet werden, wodurch noch mehr Sitze erworben werden können. In der Realität entstehen so immer mehr einzelne „Big Player“, die eine hohe Anzahl von Therapeut*innen beschäftigen. Auf diesen Angestellten lastet häufig der Druck, möglichst viel Umsatz zu generieren und dies oft auch auf Kosten der Patient*innen. Patient*innen werden oft als reine Finanzobjekte gesehen, es gibt häufig Anweisungen, Erstgespräche so kurz wie möglich zu halten und Testungen möglichst oft abzurechnen, auch wenn es gar keine Aussichten auf einen Therapieplatz gibt. Teilweise arbeiten die Inhaber*innen dieser Praxen nicht mehr als Therapeuten*innen sondern allein als Manager der Praxen.

Vor allem frisch approbierte Therapeut*innen leiden unter den aktuellen Regelungen, da sie nach einer langjährigen und kostspieligen Ausbildung oft nicht die Mittel haben, in diesem Bieterwettbewerb gegen die Etablierten der Branche zu bestehen. Zudem schaden die die hohen finanziellen Hürden auf dem Weg zum Kassensitz der Diversität unter den Therapeut*innen. Dabei wäre genau diese Diversität unter den Behandlern für Patient*innen sinnvoll. Anstatt weitere Hürden aufzustellen, ist es dringend notwendig diesen Entwicklungen entgegenzuarbeiten!

Insgesamt empfinden wir das aktuelle System als strukturell unfair und nicht nachvollziehbar. Nicht erst seit Ausbruch der Corona-Epidemie verschärft sich die Debatte darüber, ob ein wettbewerbs- und profitorientiertes Gesundheitssystem das ist, was unserer Gesellschaft gerecht wird. Neben dem Sparen an Personalkosten, dem „Aktienhandel“ mit Kassensitzen, sind es oft auch die Patient*innen und Kassen selbst, die darunter leiden, dass oft das Maximum an Abrechnungsmöglichkeiten ausgeschöpft wird. Praktisch gesehen wäre die Abschaffung des Kassensitzsystems die fairste Lösung um behandlungsbedürftigen Patient*innen sowie Therapeut*innen gerecht zu werden. Da dieses Ziel schon seit Jahren ein stark umstrittenes Thema- und die Lösung nicht absehbar ist, wollen wir zunächst die oben genannten Ziele erreichen.