Message aux signatairesBruch mit den rechtslastigen und militaristischen Traditionen der Garnisonkirche Potsdam

Neuer Themenschwerpunkt Nationalprotestantismus

Prof. Philipp OswaltKassel/ Berlin, Deutschland
08.06.2021

Symposion, Buch und Neue Beiträge auf dem Internerportal des Lernorts Garnisonkirche

Die Betreiber des Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam behaupten, diese Kirche stände „für christlich verantwortetes Handeln für die Gemeinschaft, für die Verbindung von christlichem Glauben und ‚preußischen Tugenden‘“. De facto aber ist die Garnisonkirche Potsdam spätestens seit Mitte des 19. Jahrhunderts bitteres Beispiel für das Wirken des deutschen Nationalprotestantismus, der Antisemitismus, Frankophobie, Polenhass, völkisches Denken, Rassismus, Militarismus, Demokratiefeindlichkeit und Obrigkeitsgehorsam propagierte. Spätestens seit der Berufung von Bernhard Rogge im Jahre 1862 zum Hof- und Garnisonprediger der Garnisonkirche Potsdam haben nahezu alle dort wirkenden Pfarrer solche Haltungen gepredigt und Völkermord, Angriffskriege, Kriegsverbrechen und Völkerhass als Vertreter der evangelischen Kirche religiös legitimiert und gesegnet. Unter dem heute noch in rechtsradikalen Kreisen verwendeten Slogan „Gott mit uns!“ wurde ein bedingungsloser Gehorsam gegenüber dem Kaiser, dem Führer und Gott gepredigt und Krieg, Nation und Heldentod verherrlicht.
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Es ist unerklärlich und unverantwortlich, dass die Evangelische Kirche trotz einer dreißigjährigen Kontroverse über den von ihr betriebenen Wiederaufbau nicht bereit war, sich ihrer eigenen Geschichte an diesem Ort zu stellen und diese kritisch zu erforschen und aufzuklären. Die Initiative "Lernort Garnisonkirche" und ihr wissenschaftlicher Beirat haben sich daher seit einem Jahr diesem Thema intensiv gewidmet, Forschungen initiiert und mehrere Projekte zu diesem Themenschwerpunkt auf den Weg gebracht. Damit soll diese Fehlstelle adressiert und über die Geschichte des Orte aufgeklärt werden. Folgende Bausteine gehören zu diesem aktuellen Schwerpunktthema des Lernorts Garnisonkirche:

Eine zweitägige Tagung „Gott mit uns! - Das schwierige Erbe des Nationalprotestantismus“ am 1./2. Oktober 2021 im Dietrich-Bonhoeffer-Haus Berlin mit Unterstützung der Bundeszentrale für politische Bildung; u.a. mit Tillmann Bendikowski, Micha Brumlik, Gabriele Dolff-Bonekämper, Eckart Conze, Hajo Funke, Wolfgang Huber, Karsten Krampitz, Dagmar Pöpping.

Ein Projekt in Kooperation mit dem Projekt „Dekoloniale Erinnerungskultur in der Stadt“ (https://www.dekoloniale.de zur Verstrickung der Garnisonkirche in die Kolonialkriege des Deutschen Reichs am Herero-Tag am 23. August 2021

Das Buch „Der preußische Adler in der deutschen Herrschaftsgeschichte. Eine Vogelkunde aus religionspolitischer Sicht“ des Religionswissenschaftlers Horst Junginger, welches anhand des Adlermotivs, das auch den Turm der Garnisonkirche krönte, das Verhältnis zwischen preußisch-deutschem Machtstreben und Nationalprotestantismus von seinen Anfängen bis heute skizziert und im September 2021 im Verlag Spector Books erscheint.

Als Ergebnis der Forschungen eine Sammlung von Originaltexten und Analysen zum Nationalprotestantismus auf der Internetplattform http://www.lernort-garnisonkirche.de/. Diese zeigen u.a. die Verstrickung der Garnisonkirche in die Kolonialkriege und den Völkermord an den Herero und Nama, die Verherrlichung von Gewalt und Heldentod seitens der dort tätigen Pfarrer im Ersten Weltkrieg, ihre Polenfeindlichkeit und ihre Begeisterung für die nationalsozialistische Machtergreifung 1933.

Im Juli 2021 werden auf der Website zudem über ein Dutzend weiterer neuer Texte veröffentlich, die sich mit Themen wie dem Bauhauherr Friedrich Wilhelm I., dem Kapp-Putsch, der Nacht von Potsdam und zeitgenössischer Kunst zur Geschichte des Ortes befassen.

 

 

 

 

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