Petition updateBruch mit den rechtslastigen und militaristischen Traditionen der Garnisonkirche Potsdam

Garnisonkirche Postdam: Bitte um Mitzeichung neuer Petition

Prof. Philipp OswaltKassel/ Berlin, Germany
Mar 6, 2021

Lieber Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Petititon zur Garnisonkirche Potsdam von August 2019,

der von Ihnen mitgezeichnete offene Brief zur Garnisonkirche von August 2019 hat in Potsdam einiges in Bewegung gebracht, u.a. die Abschaltung des Glockenspiels, zu dessen weiteren Verbleib sich der Kulturausschuss der Stadt bald beraten wird. Die Dinge sind im Fluss, bedürfen aber weiterer Interventionen. Der letztes Jahr gegründete Lernort Garnisonkirche und sein wissenschaftlicher Beirat (www.lernort-garnisonkirche.de haben sich auf einen neuen offenen Brief verständigt, der nun den – mindestens vorläufigen -  Verzicht auf die Turmhaube einfordert. Die Argumente hierzu sind dem unterstehenden Brief am besten selbst zu entnehmen.

Wir wären sehr dankbar, wenn Sie auch diesmal den Brief mitzeichnen könnten. Hierfür müssen Sie nur eine kurze Antwortmail schreiben an:
Info@lernort-garnisonkirche.de

Herzliche Grüße

Philipp Oswalt

 

Entwurf Offener Brief,

Garnisonkirche Potsdam: Keine Kirchturmhaube jetzt – Priorität für einen Lernort!

Sehr geehrtes Kuratorium und sehr geehrter wissenschaftlicher Beirat der Stiftung Garnisonkirche Potsdam,
sehr geehrter Herr Bundespräsident Dr. Frank Walter Steinmeier,
sehr geehrte Frau Kulturstaatsministerin Prof. Monika Grütters,


der von Ihnen verfolgte Wiederaufbau der Garnisonkirche Potsdam ist eine offene Baustelle. Nicht nur, weil sich dafür die Baukräne in Potsdams Innenstadt drehen. Die Stadt Potsdam hat einen zweijährigen Diskussionsprozess initiiert, um die bislang ungeklärten Fragen des Kirchenschiffs und der Zukunft des Rechenzentrums zu adressieren. Auch mit den in Aussicht gestellten neuen Bundesmitteln fehlen nach wie vor Millionen Euro für den Bau des Kirchturms. Die seit April 2020 stattfindende Prüfung des Bundesrechnungshofes, ob die bisherige Bundesförderung rechtmäßig war, ist noch nicht abgeschlossen. Über den zukünftigen Umgang mit dem aufgrund seiner rechtsradikalen Inschriften in Verruf geratenen Glockenspiel ist noch nicht entschieden. Die interreligiösen und internationalen Positionen sind aus dem Beirat der Stiftung Garnisonkirche ausgeschieden.
Doch das wichtigste: Für die vorgebliche Funktion des Wiederaufbaus – ein Lernort deutscher Geschichte zu sein – fehlt es noch an allem. Nach 20 Jahren gibt es immer noch keine Konzeption. Für den zukünftigen Betrieb des Lernorts gibt es weder gesicherte Einnahmen noch Fachpersonal. Und trotz inzwischen 44 Mio. € Baukosten gibt es für den Lernort bislang nur eine Ausstellungsfläche von 230 qm in einer Zwischenetage. Dieses Problem hat die Stiftung Garnisonkirche inzwischen anscheinend auch selbst erkannt, denn sie bemüht sich nun um die Anmietung von Ausstellungsflächen im benachbarten, neu entstehenden Kreativquartier, für die sie aber bislang über gar keine Gelder verfügt.

Während also viele Probleme ungelöst sind, hält die Stiftung an ihrem Kurs fest, die originalgetreue Nachbildung des verlorenen Baus um jeden Preis voranzutreiben und darüber alle konzeptuellen und inhaltlichen Fragen dieses angeblichen „Lernorts“ zu vernachlässigen. Im September letzten Jahres hat sie beim Bund beantragt, anders als bislang geplant, die überwiegend öffentlich finanzierte Grundvariante um die Kirchturmhaube zu erweitern. Die Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat angekündigt, diesem Wunsch Folge zu leisten.

Wir fordern das Kuratorium der Stiftung, ihren Schirmherren Bundespräsident Frank Walter Steinmeier und den wissenschaftlichen Beirat und das Kulturstaatsministerium als Hauptgeldgeber auf, von diesem Schritt zum jetzigen Zeitpunkt Abstand zu nehmen und keine neuen Festlegungen zu treffen, bevor nicht die Fragen von Konzeption und Finanzierung des Lernorts einschließlich einer veränderten Form seiner Trägerschaft, der Perspektive für das Gesamtareal und damit der Zukunft des Rechenzentrums geklärt sind. Der originalgetreue Wiederaufbau der Kirchturmhaube zum jetzigen Zeitpunkt wäre nicht nur eine falsche Priorisierung bei den anstehenden Aufgaben. Wir bezweifeln auch, dass diese Maßnahme für den angekündigten Lernort deutscher Geschichte das richtige Zeichen ist. Wir fordern hierzu eine ergebnisoffene fachliche und gesellschaftliche Debatte.

Die Kirchturmhaube fiel nicht der geschichtsvergessenen und kulturlosen Abrissentscheidung in der DDR zum Opfer, sie wurde durch die Fliegerangriffe am 14. April 1945 zerstört. Über mehr als zwei Jahrzehnte war ihr Fehlen sichtbares Zeichen der Zerstörung durch einen Krieg und eines zivilisatorischen Bruches, dessen destruktive Kraft nach fünf Jahren und über 60 Millionen Toten hier nun auch einen seiner Ausgangspunkte heimgesucht hatte. Wieso soll heute der Zustand von 1939 einschließlich der im NS-Regime ergänzten Schwingglocken wiederhergestellt werden? An vielen Orten in Ost und West hatte man sich nach 1945 auch bei Wiederaufbauprojekten bewusst entschieden, Zeichen der Kriegszerstörungen zu bewahren, sei es die Paulskirche in Frankfurt am Main, die Kreuzkirche in Dresden, die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin oder auch die Kathedrale von Coventry.

Hinzu kommt: Eine originalgetreue Turmhaube wäre ein besonders fragwürdiges Symbol des Wiederaufbauprojekts. Sie stand im Fokus des Engagements ihres rechtsradikalen Initiators, des ehemaligen Bundeswehroffiziers Max Klaar. Er begann seine Aktivitäten mit dem Nachbau des Glockenspiels der Kirchturmhaube. Und in seinen Verhandlungen setzte er gegenüber der evangelischen Kirche - entgegen deren ursprünglicher Absicht - durch, dass die Turmhaube incl. Wetterfahne völlig originalgetreu wiederhergestellt werden soll. Das war ein Wortbruch gegenüber innerkirchlichen Kritikern. Denn der Kirchenkreis Potsdam hatte im Oktober 2001 nur unter „der unabdingbaren Voraussetzung“ einer Veränderung der Gestalt der Kirchturmhaube als sichtbarem Bruch in der äußeren Erscheinung des Turms dem Projekt zugestimmt. Dies hatten damals auch Bischof Wolfgang Huber, Superintendent Bertram Althausen, der Öffentlichkeitsbeauftragte der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg Markus Bräuer und der Autor des Nutzungskonzepts Martin Vogel so vertreten und unterstützt.
Gerade die Kirchturmhaube ist zu einem Symbol des problematischen Nationalprotestantismus geworden, der in dieser Kirche gepredigt wurde und der Obrigkeitshörigkeit, Nationalismus, Militarismus und den Hass auf fremde Völker christlich legitimierte. Ein Verzicht auf dieses Symbol würde auch sicherstellen, dass das Vorhaben nicht mehr Applaus und Unterstützung von der falschen Seite bekommt – von Rechtsradikalen.

Das Projekt – angeblich ein Ort der Versöhnung – hat in Stadtgesellschaft und Kirche nachhaltigen Unfrieden gestiftet und diese unversöhnlich gespalten. Grund hierfür war nicht zuletzt, dass im Lauf der Projektentwicklung die Betreiber des Vorhabens mehrfach ihr Wort gebrochen haben, einen Bürgerentscheid ausgetrickst, sich Gesprächen verweigert und ihre Kritiker diffamiert haben. Ein Verzicht auf den umstrittensten Teil des Kirchturms wäre eine Geste der Versöhnung und könnte dazu beitragen, die aufgerissenen Gräben zu überbrücken.

Eine öffentliche Förderung der Turmhaube würde zudem im Widerspruch zu den früher gemachten Versprechen und dem Förderrecht stehen. Und selbst mit diesen Mitteln würde das Geld für den Bau und Betrieb des Kirchturms als Lernort bei weitem nicht reichen. Daher läge es nur nahe, zu der von den Projektbefürwortern bereits 1992 aufgebrachten Idee einer stufenweisen Realisierung des Kirchturms zurückzukehren, und sich zunächst mit der Erstellung des Turms bis zur Aussichtsplattform und ohne den hölzernen Aufbau zufrieden zu geben, jedenfalls so lange bis alle offenen konzeptuellen und finanziellen Fragen geklärt, die Prüfung des Rechnungshofs sowie der von der Stadt Potsdam initiierte Prozess der Konzeptfindung abgeschlossen sind. Die verfügbaren Gelder sollten in den erstmal zu konzipierenden Lernort investiert werden.


Erstunterzeichner (Stand 6.3.2021)

Gerd Bauz, Vorstand der Martin-Niemöller Stiftung Frankfurt am Main
Prof. Dr. Hanne-Margret Birckenbach, Friedens- und Konfliktforscherin, Hamburg.
Heinrich und Petra von Beerenberg, Verleger, Berlin
Prof. Micha Brumlik, Goethe-Universität Frankfurt Main/ Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg
Uta Brux, Referentin Brot für die Welt/ Sprecherin „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, Berlin
Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“
Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Daxner, Prof. für Soziologie und Jüdische Studien a.D., Potsdam
Prof. em. Dr. Peter Euler, Pädagogik der Natur- und Umweltwissenschaften, Technische Universität Darmstadt
Dr. Thomas Flierl, Senator für Wissenschaft, Forschung und Kultur a.D. Berlin
Ulrich Frey, Vorstand der Martin-Niemöller-Stiftung e.V.
Prof. Dr. Manfred Gailus, Historiker, Berlin
Adrienne Goehler, Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur a.D. Berlin
Prof. Thomas Heise, Akademie der bildenden Künste Wien/ Filmuniversität „Konrad Wolf“, Potsdam/ Direktor der Sektion Film und Medienkunst der Akademie der Künste, Berlin
Prof. Dr. Horst Junginger, Religionswissenschaftler an der Universität Leipzig
Anetta Kahane, Vorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung
Michael Karg, Vorsitzender der Martin-Niemöller-Stiftung e.V., Wiesbaden
Dr. Linda v. Keyserlingk-Rehbein, Kuratorin Militärhistorisches Museum Dresden
Anne König, Verlegerin Spector Books, Leipzig
Prof. Dr. h.c. Kasper König, freier Ausstellungsmacher
Dr. Annette Leo, Historikerin, Berlin
Carsten Linke, Vorstand Förderverein für antimilitaristische Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.
Christine Madelung, Organisationsberaterin, Frankfurt am Main
Dr. Hans Misselwitz, Mitglied der Grundwertekommission der SPD / Sprecher „Christen brauchen keine Garnisonkirche“, Berlin
Franz Nadler, Vorsitzender von Connection e.V., Internationale Arbeit für Kriegsdienstverweigerer und Deserteure. Offenbach
Prof. Philipp Oswalt, Professor für Architekturtheorie und Entwerfen, Universität Kassel
Prof. Dr. Andreas Pangritz, evangelischer Theologe an der Universität Bonn
Annette Paul, Profilgemeinde Die Nächsten, Potsdam
Stefan Pietryga, Künstler, Potsdam
Eva Quistorp, MdEP a.D.,Theologin und Mitgründerin der Grünen und der Frauen für den Frieden
Prof. Matthias Sauerbruch, Architekt, Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste, Berlin
Friedrich Schorlemmer, Pfarrer und Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt a.D., Lutherstadt-Wittenberg
Dr. Helga Trüpel, Kultursenatorin a.D., MdEP a.D.
Jan Wenzel, Verleger Spector Books Leipzig
Prof. Dr. Wolfram Wette, Militärhistoriker und Friedensforscher Universität Freiburg


Rückmeldung zur Mitzeichnung als Erstunterzeichner bitte an:
Info@lernort-garnisonkirche.de

 

 

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