Projekt Lernort Garnisonkirche startet mit Internetplatform und wissenschaftlichem Beirat
Der 2017 begonnene Wiederaufbau der Garnisonkirche in Potsdam soll nicht zuletzt dazu dienen, hier einen Lernort deutscher Geschichte zu schaffen. Doch bislang wurde dieses Versprechen nicht eingelöst, im Gegenteil: Die Befürworter und Träger des Vorhaben zeichnen bis heute ein geschöntes und teils verfälschtes Bild von der Geschichte des Ortes. Um dem entgegentreten und über die Historie des Ortes aufklären, hat die Martin-Niemöller-Stiftung in Kooperation mit der Universität Kassel das Projekt „Lernort Garnisonkirche“ initiiert.
Als erster Schritt wurde hierzu die Internetplattform http://lernort-garnisonkirche.de/ geschaffen, die heute mit den ersten 37 Beiträgen Online ging. Das Projekt wird von einem zehnköpfigen wissenschaftlichen Beirat begleitet und unterstützt. Als weitere Bausteine des Projektes Lernort Garnisonkirche sind ein analoger Ausstellungs- und Vermittlungsort im Rechenzentrum Kunst und Kreativhaus Potsdam, welches sich unmittelbar neben der Baustelle des Garnisonkirchenturm befindet, sowie die Fortsetzung der Veranstaltungsreihe der Martin-Niemöller-Stiftung geplant.
Zum wissenschaftliche Beirat
Der <<wissenschaftliche Beirat>> hat sich am 12. Juni 2020 konstituiert. Ihm gehören an: Prof. Dr. Micha Brumlik, Berlin; Prof. em. Dr. Michael Daxner, Potsdam; Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper, Berlin; Prof. Dr. phil. Geoff Eley, Ann Arbor (USA); Prof. Dr. Manfred Gailus, Berlin; Dr. des. Matthias Grünzig, Berlin; Prof. Dr. Horst Junginger, Leipzig; Dr. Annette Leo, Berlin; Prof. Dr.phil. Andreas Pangritz, Bonn und Prof. em. Dr. Wolfram Wette, Waldkirch-Kollnau angehören.
Zur Internetplattform
Ein Schwerpunkt liegt hierbei auf der Geschichte des historischen Baus und seiner Gemeinde. Uns geht es hierbei nicht um die illustre Abfolge prominenter Besucher– von Bach über Napoleon und bis Mussolini- , sondern um das Alltagsgeschehen der Kirche: Was wurde hier den Menschen gepredigt, wie erfolgte die Kirchenarbeit? Wofür wurde die Kirche tagein-tagaus genutzt? Und hier zeigt sich wenig, auf das wir heute stolz sein können, sondern eine unselige Traditionslinie von Herrscherhaus, Militär und Kirche, die – auch ganz ohne den Tag von Potsdam – zu den dunkelsten Seiten Preußens, Deutschlands und des Christentums gehören. Zu den erfreulicheren Facetten der Geschichte gehört die meist wenig gewürdigte Arbeit der Zivilgemeinde nach 1945, welche den Abriss überdauerte, die aber nach 1990 marginalisiert 2018 ihre Eigenständigkeit verlor.
Die Bemühungen um den Wiederaufbau reichen inzwischen fast vier Jahrzehnte zurück und sind selbst zu einer eigenen Geschichte geworden, die in einem eigene Menüpunkt dokumentiert, analysiert und reflektiert wird. Den Gegenpol hierzu bildet das Rechenzentrum: Einst quasi wie ein Gegenbau zur Garnisonkirche errichtet, zwischenzeitlich für den Abriss bestimmt und seit einigen Jahren zu einem Kunst- und Kreativzentrum entwickelt. Selten stehen sich zwei entgegengesetzte Geisteshaltungen und Milieus auf so engerem Raum gegenüber und ergänzen sich zu einem Gesamtbild, welche nicht nur das Spannungsfeld des heutigen Potsdams, sondern auch einer nationalen Kontroverse aufzeigt.
Die Intensität der Auseinandersetzung um das Wiederaufbauprojekt läßt sich nur verstehen, weil es sich um einen Symbolbau handelt, der weit über das Lokale hinausreicht. In dem Für und Wider spiegeln sich grundlegendes Fragen unseres gesellschaftlichen Selbstverständnisses. Im Menüpunkt „Kontexte“ haben daher Beiträgen Raum, die nicht den Ort fokussieren, sondern sich diese größeren Fragen und Zusammenhängen widmen. Zum Auftakt gehören Texten zur preußischen Staatsidee, zur Kirche und den Hohenzollern im Nationalsozialismus sowie zur Potsdamer Stadtentwicklung seit 1990.
Der Menüpunkt „Debatte“ ist meinungsfreudigen Beiträgen gewidmet und Kontroversen im Sinne von Rede und Gegenrede. Leider konnte der Wunsch nach Meinungsvielfalt noch nicht wie gewünscht umgesetzt werden, weil Autoren wie Wolfgang Huber und Paul Nolte bislang nicht bereit waren, eigene Texte für eine Veröffentlichung auf dieser Seite zur Verfügung zu stellen.
Einige Beiträge sind Erstveröffentlichungen, ein guter Teil aber – wie stets ausgewiesen – bereits zuvor anderswo publiziert. Alle Beiträge können von den Lesern kommentiert werden. Die Webplattform soll kontinuierlich weiterentwickelt werden. Im viertel- bis halbjährigem Zyklus wollen wir die Seite mit einer Reihe neuer Beiträge ausbauen.
Gerd Bauz, Vorstand Martin-Niemöller-Stiftung, Träger des Projektes Lernort Garnisonkirche
Philipp Oswalt, Universität Kassel, Redaktion Website Lernort Garnisonkirche
Carsten Linke, Vorstand des Fördervereins für antimilitaristische Traditionen in der Stadt Potsdam e.V.; Redaktion Website Lernort Garnisonkirche