

Liebe UnterstützerInnen,
Der letzte US-Soldat verlässt Kabul (Foto: Twitter/New York Times). Einen Tag früher als geplant endet damit die Luftbrücke - wer sich jetzt noch in Sicherheit bringen will, muss es auf dem Landweg tun.
Für einige Menschen gab es ein Happy End:
Was die wenigsten Leute geglaubt haben (ich auch nicht), dass man mit einem Charterflug auf dem militärischen Teil des Kabuler Flughafens landen kann und mit Schutzbedürftigen wieder abheben, das ist gelungen. Leider nur mit einer kleinen Gruppe, da die Kooperation mit den qatarischen - und noch mehr mit den deutschen Behörden nicht geklappt hat.
https://www.kabulluftbruecke.de/
Die SZ schrieb gestern dazu:
Die "Luftbrücke Kabul" hatte ihre Arbeit dennoch nicht eingestellt und im Alleingang noch 189 Personen retten können. Sie hatten dazu nach Angaben der Aktivistin Mattea Weihe "als zivilgesellschaftliches Bündnis die gesamte Schwarmintelligenz eingesetzt, um Dinge möglich zu machen" und gleichzeitig eng mit dem US-Militär zusammengearbeitet. So habe man es schließlich geschafft, den Konvoi der Flüchtlinge erneut zusammenzustellen, bis an das Flughafentor zu bringen und den Amerikanern zu übergeben. (…)
Die Luftbrücken-Aktivistin kritisierte die deutschen Behörden massiv. Diese hätten dem Rettungsunternehmen immer neue bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt: "Nachdem sich die Deutschen aus dem Staub gemacht hatten, ging alles viel einfacher", sagte Weihe der SZ. "Die Amerikaner hingegen haben uns wahnsinnig unterstützt." (…)
SZ, Spiegel und Zeit hatten allerdings auch berichtet, dass ein Bundeswehr-Offizier am Flughafen gesagt hatte, mit dem Charterflug würden ohnehin keine Schutzbedürftigen der Bundesregierung ausreisen dürfen; dies sei eine eindeutige Vorgabe des Auswärtigen Amts. Im AA war zu hören, dass dies nie der Fall gewesen sei. Stattdessen habe man nach mühsamen Gesprächen mit der Vertretung Portugals am Flughafen 18 Afghanen gefunden, die schließlich mit der "Luftbrücke Kabul"-Chartermaschine hatten ausreisen können. Möglicherweise sei der Bundeswehroffizier falsch informiert worden.
Insgesamt entsteht der Eindruck, dass man im AA vor allem die möglichen rechtlichen Konsequenzen der Ausreisen von Personen im Auge hatte, deren Aufenthaltsstatus in Deutschland oder einem anderen EU-Land nicht zuvor geklärt worden sei. Der Ansatz der Aktivisten, in einer Stunde höchster Not erst einmal unbürokratisch möglichst viele Menschen zu retten, passte dazu offensichtlich nicht.
https://www.sueddeutsche.de/politik/afghanistan-in-letzter-minute-zum-flughafen-1.5395424
Der Autor Tomas Avenarius beschreibt in einem weiteren Artikel die Odyssee der 189 Ortskräfte: Der in Kabul lebende australische Filmemacher Jordan B. stellt auf Bitten der deutschen Filemacherin Theresa Breuer einen Konvoi aus fünf Bussen zusammen und lotst ihn mit allen Tricks zum Flughafen. Jordan B.: „Einmal musste ich mit ein paar anderen von uns aussteigen, diesen irren Verkehr anhalten und unsere fünf Busse wenden lassen. Das Ganze sah aus wie ein gigantisches Ballett.“
So etwas würde man keinem Drehbuchautor abnehmen. Es ist einfach großartig! Die beiden Filmschaffenden haben einen Oskar für Courage und Mitmenschlichkeit mehr als verdient.
https://www.tagesschau.de/multimedia/video/video-911497.html
Die Rolle des Auswärtigen Amtes ist mehr als dubios und sollte durch einen Untersuchungsausschuss aufgeklärt werden. Alle Verantwortlichen bis zur obersten Ebene müssen ihren Stuhl räumen!
Auf ein anderes Happy End muss noch eine Weile gewartet werden: Der zuletzt in Regensburg lebende Said war auf dem letzten Abschiebeflug nach Kabul. Jetzt ist er in Sicherheit, ihm glückte die Flucht nach Pakistan. Dass er dazu die Hilfe von Schleppern benötigte, ist eine Schande für Deutschland! Nun kann Said ein Visum zur Hochzeit mit seiner Verlobten beantragen.
Bessere Chancen haben durch ein Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin einige Ortskräfte, denen das Auswärtige Amt keinen Aufenthalt in Deutschland zugestehen wollte – allerdings müssen auch sie dazu erst mal die Flucht über Land schaffen.
Bessere Chancen haben auch viele Afghanen, deren Asylantrag in Deutschland abgelehnt wurde und die von einem Arbeits- und Ausbildungsverbot betroffen waren: Selbst in Bayern geht das jetzt nicht mehr. Wer jetzt in eine Ausbildung kommt, könnte doch auf eine langfristige Perspektive in Deutschland hoffen. Aktuelle Infos hier:
https://www.fluechtlingsrat-bayern.de/https-www-fluechtlingsrat-bayern-de-update-afghanistan/
Pressemitteilung des Bayerischen Flüchtlingsrats vom 31.08.2021
Aus Dank ins ANKER-Zentrum
Ortskräfte aus Afghanistan und ihre Angehörigen werden in Bayern erst mal ins ANKER-Zentrum gesteckt
Die sogenannten Ortskräfte haben während des Afghanistan-Einsatzes der Bundeswehr und Entwicklungsorganisationen den Kopf hingehalten und sind durch die Machtübernahme der Taliban nun hochgefährdet. Einige dieser Ortskräfte sind jetzt auch in Bayern angekommen, sofern das Wort ‚ankommen‘ überhaupt verwendet werden kann.
Zunächst einmal wurden sie nämlich ins ANKER-Zentrum nach Bamberg gebracht. ANKER-Zentren sind die großen geschlossenen Lager, die eingerichtet wurden, um jede Form der Integration zu verhindern, solange nicht klar ist, ob eine Person bleiben darf oder wieder gehen muss. In Bayern werden seit August 2018 alle neu ankommenden Geflüchteten einem ANKER-Zentrum zugewiesen. ANKER-Zentren, gerade die Einrichtung in Bamberg, sind Orte der Gewalt und der systematischen Übergriffigkeit von Security, der sehr reduzierten medizinischen Versorgung, der Ausgrenzung durch Kontrollen, Zäune, Stahltore sowie Orte der Abschreckung ehrenamtlichen Engagements. Hilfsbereitschaft soll an den Stacheldrahtzäunen der ANKER-Zentren Halt machen.
Innen- und Integrationsminister Joachim Herrmann scheint zu denken, ANKER-Zentren seien der richtige Ort, um die aus Afghanistan ausgeflogenen Ortskräfte an die ‚bayerische Art‘ zu gewöhnen. Denn: nicht alle haben eine Aufnahmezusage erhalten. Einige müssen ins Asylverfahren. Und alle dürfen sich wohl schon mal daran gewöhnen, dass sie von diesem Lager dann in andere Lager kommen. Dass dies nach den schrecklichen Ereignissen der letzten Wochen nicht zur Erholung, sondern eher zur weiteren Traumatisierung der Menschen führt, ist hier leider zu erwarten.
„So wie es in den letzten Wochen keine bayerische Initiative für bedrohte Afghan:innen gab, so geht die Linie der Ignoranz nun weiter. Danke für nichts, Herr Integrationsminister Herrmann,“ meint Stephan Dünnwald, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrats. „Es sind zwar Ortskräfte und der Innenminister spricht ihnen gern seinen Dank aus. Aber es sind auch Afghan:innen, die bekanntermaßen in Bayern nicht gern gesehen sind. Lieber sollen sie in den Anrainerstaaten Afghanistans mit einer warmen Suppe des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen von der Weiterflucht abgehalten werden. Dank ja, aber nicht zu freundlich. Das ist gelebte bayerische Flüchtlingspolitik.“
Ein Anlass, wieder einmal die Abschaffung der ANKER-Zentren zu fordern!
„Das Ende“, heißt dieses Update, bezogen auf das Ende der US-Präsenz in Afghanistan. Natürlich ist in Afghanistan nichts zu Ende– die Menschen dort brauchen weiter unsere Unterstützung. Aktuelle Informationen wie immer bei Thomas Ruttig:
Mit besten Grüßen
Tom Nowotny