KBV-VV
„Es wird höchste Zeit, das schöne digitale Wolkenkuckucksheim zu verlassen“
Heftige Ohrfeige für die Gematik: Der Vorstandschef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Dr. Andreas Gassen, hat am Montag auf der Vertreterversammlung in Bremen massive Kritik an der Betreibergesellschaft der Telematikinfrastruktur geäußert – und mit einem Ende der Zusammenarbeit gedroht.
Gassen: "Die KBV ist es leid, durch die gematik immer nur vor die Wahl zwischen Pest und Cholera gestellt zu werden."©änd
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach habe versprochen, dass alle elektronischen Prozesse, die in die Praxen kommen, vorher ausreichend getestet würden. Ziel müsse sein, nicht nur bisher analoge Prozesse zu digitalisieren, sondern eine spürbare Verbesserung der medizinischen Versorgung. „Da kann ich nur sagen: Die frohe Botschaft hört man gern. Einer scheint diese Botschaft allerdings nicht gehört zu haben, oder es ist ihm schlicht egal: Gematik-Chef Leyck Dieken“, kritisierte Gassen.
Jüngster Beweis dafür sei das Ansinnen, den Rollout des eRezepts am 1. September dieses Jahres zu beginnen und zwar flächendeckend in den KV-Regionen Bayern und Schleswig-Holstein. „Wohl gemerkt ohne zuvor mit diesen Kassenärztlichen Vereinigungen darüber gesprochen zu haben. Und das Ganze in einer Phase, in der viele Praxen schon das Ärgernis eines Konnektoraustauschs bewältigen müssen – eine weitere völlige Fehlplanung, die die Gematik zu verantworten hat“, monierte Gassen.
Die KBV sei es leid, durch die Gematik immer nur „vor die Wahl zwischen Pest und Cholera“ gestellt zu werden – ganz zu schweigen davon, dass sie mit sieben Prozent Stimmenanteil in der Gesellschafterversammlung ohnehin nichts wirklich entscheiden könne. „Und hinterher wird uns durch dieselbe Gematik auch noch scheinheilig öffentlich vorgehalten, es hätte ja noch eine andere Option gegeben, wie jüngst in der Frage des Konnektortauschs. So lange der Mehrheitsgesellschafter BMG dieses Treiben fördert oder zumindest duldet, wird sich daran nichts ändern. Immer wieder versucht die Gematik, Praxen und KVen vor ihren Karren zu spannen, der längst knietief im Sumpf steckt.“
eRezept und eAU als „Potemkinsche Dörfer“
Bei der geplanten Einführung des eRezepts in Bayern und Schleswig-Holstein wolle sie den KVen sogar vorschreiben, positiv und motivierend auf die Ärzte einzuwirken, damit sie den Rollout wohlwollend umsetzten. Gassen: „Das erinnert mich an das Vorgehen in gewissen politischen Systemen, wo sonntags zur Parade der Jubeltross zum Fähnchenschwingen zwangsrekrutiert wird, wenn die Obrigkeit ihr angebliches Leistungsvermögen zur Schau stellt.“
Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU) seien – noch – Potemkinsche Dörfer: schöne Kulissen und dahinter wackele und krache es. „Dessen ungeachtet tut die Gematik so, als müsse man die Praxen nur ein bisschen zu ihrem Glück zwingen, damit sie endlich den Segen der Telematikinfrastruktur (TI) begreifen. Umgekehrt wird ein Schuh draus, lieber Herr Leyck Dieken: Es wird höchste Zeit, das schöne digitale Wolkenkuckucksheim zu verlassen, das Sie der staunenden Öffentlichkeit mit jeder neuen Presseverlautbarung vorgaukeln, und endlich das Rendezvous mit der Realität zu wagen. Nämlich der Realität, die in den Praxen, aber auch den Apotheken, den Software-Häusern und bei allen anderen Beteiligten angesichts der real existierenden Digitalisierung herrscht“, sagte Gassen.
Wenn Lauterbach seine Aussage ernst meine, dass es bei der Digitalisierung erstens um Versorgungsverbesserungen gehen müsse, zweitens, dass Funktionalität wichtiger sei als ein Stichtag und drittens, dass Betroffene zu Beteiligten gemacht werden sollten, dann bedürfe es einer kompletten Neuausrichtung dieses Prozesses – und eines Machtwortes des BMG in Richtung Gematik. „Es darf hier nicht länger der Schwanz mit dem Hund wedeln“, betonte Gassen.
Quelle: ÄND 23.05.2022, 10:48, Autor: js
Die Gematik hat versagt! Ich habe kein Vertrauen in diese Technik. Der Zwang zur Telematikinfrastruktur mit unausgereiften Überlegungen, funktioniert nicht und ist zum Scheitern verurteilt. Wann sieht dies die Führung der Gematik und die Bundesregierung endlich ein. Will man den Fortschritt wagen, muss man sich die Bedürfnisse an der Basis anschauen. Zwischen 1 und 0 liegen auch noch Bereiche, die die Informatik nicht abbilden kann. Zudem muss die ärztliche Schweigepflicht erhalten bleiben! Die angepriesenen Vorteile dieses Verfahrens für eine sichere und fortschrittliche Medizin sehe ich nicht in dieser Technologie, beim Ausfall der Telematik steht die Versorgung still!
Wir müssen einen neuen Weg beschreiten, die Telematik ist der falsche!