

Morgen hat Hamburg frei. Hiergegen, einen neuen Feiertag, ist sicherlich rein gar nichts einzuwenden. Ja, es ist sogar Ausdruck ausgleichender Gerechtigkeit, angesichts einer deutlich höheren Zahl von gesetzlichen Feiertagen im Süden des Landes, wie auch im Hinblick darauf, dass in den Neuen Bundesländern der 31. Oktober schon seit geraumer Zeit arbeitsfrei ist. Doch ein wenig Kritik am Hintergrund dieses Feiertages muss schon mal erlaubt oder sogar geboten sein, an diesem, äh ja, was eigentlich? Die meisten würden wohl sagen „Reformationstag“ und so hieß der Tag im letzten Jahr auch noch, als er einmalig bundesweit zum gesetzlichen Feiertag erklärt wurde. Die offizielle Bezeichnung in Hamburg ist „Tag der Reformation“, womit Senat und Bürgerschaft verdeutlichen wollten, dass es sich nicht um einen kirchlichen Feiertag handele, sondern das historische Ereignis der Reformation gefeiert werden soll. Angesichts der Tatsache dass weniger als 30% der Hamburger Bevölkerung noch der Evangelischen Kirche angehören, ein durchaus verständliche Gedanke, auch wenn die Wortklauberei einen schmunzeln lässt.
Dass die Reformation und vor allem die dahinterstehende Person Martin Luther keineswegs unkritisch gesehen werden können, hat sich größtenteils schon herumgesprochen. Über Luthers Antisemitismus und seine feindselige Haltung gegenüber den aufständischen Bauern ist schon viel geschrieben worden. Möglicherweise weniger bekannt ist, dass er sich auch für die Tötung von Behinderten („Teufelsgeschöpfe“) aussprach und deutlich für die Verfolgung und Verbrennung von sog. „Hexen“ plädierte. Am 6. Mai 1526 predigte er:
»Es ist ein überaus gerechtes Gesetz, dass die Zauberinnen getötet werden, denn sie richten viel Schaden an, was bisweilen ignoriert wird, sie können nämlich Milch, Butter und alles aus einem Haus stehlen […] Sie können ein Kind verzaubern […] Auch können sie geheimnisvolle Krankheiten im menschlichen Knie erzeugen, dass der Körper verzehrt wird […] Schaden fügen sie nämlich an Körpern und Seelen zu, sie verabreichen Tränke und Beschwörungen, um Hass hervorzurufen, Liebe, Unwetter, alle Verwüstungen im Haus, auf dem Acker, über eine Entfernung von einer Meile und mehr machen sie mit ihren Zauberpfeilen Hinkende, dass niemand heilen kann […] Die Zauberinnen sollen getötet werden, weil sie Diebe sind, Ehebrecher, Räuber, Mörder […] Sie schaden mannigfaltig. Also sollen sie getötet werden, nicht allein weil sie schaden, sondern auch, weil sie Umgang mit dem Satan haben.«
Von daher ist es nicht als Zufall zu werten, dass die Zeit der Reformation mit der Hochphase der Hexenverfolgung zusammenfällt. Dies betraf dann protestantische wie katholische Gebiete, da sich die katholische Kirche ja nicht vorwerfen lassen wollte, nichts gegen den Hexenzauber zu unternehmen und im Rahmen der Gegenreformation auch die Hexenverfolgung intensiviert wurde. Es lässt sich hierbei aber nicht behaupten, zur Zeit Luthers hätten alle Menschen so gedacht und gepredigt. Erasmus von Rotterdam etwa gilt als ein dezidierter Gegner der Hexenverfolgung. Doch genau für ihn und seine Theologie hat Luther nichts als Verachtung übrig: „Wer den Erasmus zerdrückt, der würget eine Wanze, und diese stinkt noch tot mehr als lebendig.“
Dies sei zum morgigen „Tag der Reformation“ ein wenig ins Gedächtnis gerufen. Weiterer Anlass zur Sorge besteht wohl eher nicht, denn der Luther-Hype hat seine Grenzen. Ja, oftmals hat es ihn in der heutigen Zeit gar nicht gegeben. Zumindest ein Teil der Hamburger Bevölkerung hat dem neuen Feiertag schon längst den Namen Halloween gegeben, da viele mit diesem Fest schlichtweg mehr anfangen können, als mit der Reformationsabfeierei. Halloween lädt die Menschen ungeachtet ihres konfessionellen oder kulturellen Backgrounds zum ungezwungenen Mitmachen und Mitfeiern ein. Und wer diesen Feiertag nun nutzen möchte, um sich mein Gespräch mit Maik Reif zum Thema Hexenverfolgung in Hamburg vor genau einem halben Jahr anzuhören, der mag auf das Video klicken.