Petition update

FREISPRUCH

Alexander Schiebel
Austria

May 30, 2021 — 

Auf dem Bild seht ihr mich am Tag nach dem Prozess in einem Filmatelier in Meran. Diesmal nicht hinter der Kamera, sondern davor. Durch eine Konstruktion von halbtransparenten Spiegeln hindurch werde ich gleich mit unserem Kameramann sprechen. Und gleichzeitig direkt in die Kamera hinein und auf diese Weise mit euch. 

Ich erzähle vom „kurzen Prozess“ im großen Schwurgerichtsaal in Bozen. Links von mir sitzt Nicola Canestrini aus Rovereto, mein Anwalt. Rechts von mir meine Anwältin, Francesca Cancellaro aus Bologna. Auf der anderen Seite des Saals: die Staatsanwältin und der Anwalt der beiden Obstbauern, die ihre Anzeigen gegen mich nicht zurückziehen wollten. 

Der Richter beginnt damit einige Formalitäten zu erledigen. Er möchte mein Buch als Beweismittel zu den Akten legen. Leider hat niemand mein Buch dabei. „Es genügt jene Stelle, durch die sich die Obstbauern diffamiert fühlten“, sagt der Richter. Ich frage Nicola Canestrini ganz leise, ob wir denn verlangen dürfen, dass zumindest das ganze Kapitel zu den Akten genommen wird. „Literatur müsse im Kontext gelesen werden“, sage ich. Nicola lächelt und bedeutet mir zu schweigen. Der Anwalt der beiden Obstbauern steht nun auf. Er lässt sich als Nebenkläger in den Prozess ein. (Seht ihr, ein bisschen Fachjargon beherrsche ich schon.) Mein Anwalt schiebt mir eine lange Zeugenliste zu, die diese beiden Nebenkläger vor Gericht laden wollen. Ich überfliege die Liste. Es ist ein „Who ist Who“ der Südtiroler Obstwirtschaft. 

Als der Richter das Verfahren endlich eröffnet, leider nicht mit einem Hammer (wie im Spielfilm), blicke ich von den Papieren auf. Jetzt sagt er zwei kurze Sätze, die ich zuerst gar nicht verstehe. Er spricht nicht allzu laut. Dazu trägt er eine Maske. Den Wortlaut weiß ich nicht mehr. Den Inhalt schon: „Es gibt hier keinen Fall, kein Delikt, das Gericht werde daher das Verfahren sofort mit einem Freispruch beenden.“ Nicola Canestrini scheint völlig überrascht. Er rempelt mich lachend mit dem Ellenbogen in die Seite und flüstert: „Freispruch. Du kannst gehen, Alexander. Es ist vorbei.“ Er scheint es selbst kaum glauben zu können. „Das ist mir in meiner ganzen Laufbahn nur ganz, ganz selten passiert“, sagt er. „Dass ein Verfahren bereits vor der Beweisaufnahme endet. Keine Beweise notwendig.“

Nicht nur ich, sondern auch die anwesenden Filmteams, Journalisten und Prozessbeobachter aus Deuschland scheinen die Bedeutung der Worte des Richters nicht verstanden zu haben. Denn es geht jetzt noch einige Minuten lang weiter. Die Staatsanwältin darf noch einmal das Wort ergreifen. (Sogar sie scheint keine Lust mehr auf dieses Verfahren zu haben.) Danach legt sich der Anwalt der beiden Obstbauern ins Zeug. Dann Nicola. Dann Francesca. Ob ich auch etwas sagen wolle, fragt mich mein Anwalt. „Warum nicht“, denke ich: „Wir müssen die unterschätzten Gefahren der intensiven Landwirtschaft endlich erkennen. Sie nicht länger ignorieren. Gerne werde ich auch in Zukunft dazu meinen Beitrag leisten.“

Der Richter zieht sich nun zur Urteilsfindung zurück. 
„Ist es wirklich schon vorbei“, frage ich Nicola. 
„Ja.“
„Was macht dann der Richter jetzt?“ 
"Vielleicht raucht er eine Zigarette“, sagt Nicola scherzend. 
„Im Ernst“, fügt er hinzu, „ich denke, der Richter hat sein Urteil längst gefällt. Auf Basis der von uns vorbereiteten Schriftsätze. Und weil in den Reden der Staatsanwältin und des Nebenklägers keine spektakulären neuen Dinge aufgetaucht sind,  wie zum Beispiel die Tatwaffe, ist die Sache erledigt“, sagt er lachend,
„Die Tatwaffe liegt ja bei den Akten“, denke ich. „Es ist die Textstelle aus meinem Buch.“ 

Der Richter kommt zurück. Er beendet das Verfahren mit einem Freispruch. Ich stehe auf und werde von zwei Fernsehteams von RAI und ORF bedrängt. Die Prozessbeobachter scheinen erleichtert, ja beinahe euphorisch.

Später werden mich fremde Leute auf der Straße ansprechen, mir gratulieren, sich freuen. „Ja, freut euch ruhig“, denke ich, „auch in Südtirol dürft ihr nach diesem Freispruch wieder frei sprechen.“

Einer von diesen fremden Menschen will wissen wie es nun mit meinem Filmprojekt weitergehe. „Wird das nun ein Kurzfilm“, fragt er lachend.

Ich lache mit. „Nein, nein! Wir haben bereits vier Drehtage investiert. Im Gericht und vor dem Gericht. Und so werden wir unsere Zuseher in den Gerichtsaal mitnehmen können“, sage ich.
„Über den Sommer werden wir dann Karl Bär begleiten, dessen Prozess ja noch nicht beendet wurde. Er wird in diesem Sommer die Spritzbücher auswerten, die uns im Verfahren in die Hände fielen, und im Oktober wieder vor Gericht stehen. Ich mit ihm. (Hinter der Kamera.)“

„Und natürlich interessiert uns auch brennend“, füge ich hinzu, „was unsere Zeugen sagen werden. Experten aus ganz Europa. Diese Zeugen werden wir ‚einvernehmen‘. Im Gerichtsaal und davor. Werden ihnen eine Reihe ganz einfacher Fragen stellen.“

  • Sind Pestizide die Hauptursache des Artensterbens?
  • Finden sie den Weg auch zum Menschen? (Über die Luft, über das Trinkwasser und über die Lebensmittel, die wir zu uns nehmen …)
  • Welche Krankheiten lösen Pestizide aus und welche Studien gibt es dazu?
  • Wie konnten diese Gifte dann überhaupt zugelassen werden?

Durch euren bisherigen Beitrag zum Crowdfunding bei GoFundMe, habt ihr diese ersten Drehtage ermöglicht. Ich habe jetzt die Anzahl der Drehtage, die wir finanzieren wollen, auf 15 erhöht. Vielleicht wollt ihr die Crowdfunding-Seite aufrufen, um mehr über den Film zu erfahren oder um ihn zu unterstützen!

Alle Informationen zum Film findet ihr hier: https://gofund.me/12e41a21

Ohne eure Solidarität wäre ich in diesem Verfahren sang- und klanglos untergegangen. Ich werde mich mit einem Film und Buch bei euch bedanken.

Alle Informationen zum Buch findet ihr hier: https://alexanderschiebel.com/prozess/

In Wirklichkeit ist dieser Freispruch kein Ende, sondern ein Anfang. Denn wir stehen ja erst ganz am Anfang unseres Einsatzes für die Abschaffung von chemisch-synthetischen Pestiziden in Europa und weltweit.

Gemeinsam werden wir alle Hürden auf dem Weg dorthin nehmen. 

Alles Liebe! 

Alexander Schiebel


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