Petition update

GegenArgumente

Ruth und Thomas Hunstock
Germany

Aug 15, 2020 — 

Als Ehepaar haben wir diese Petition gemeinsam verfasst, aber diese GegenArgumente habe ich (Thomas Hunstock) als weißer Deutscher erstellt. Ich bin oft sehr irritiert über die spürbare Ignoranz aus Teilen der Dominanzgesellschaft und da ich dieser auch angehöre, war es mir ein Bedürfnis diese Gegenargumente zu erstellen. Sie sollen nicht nur der Gegenargumentation dienen, sondern auch ein eindringliches Signal an die Mehrheitsgesellschaft transportieren, sich endlich von diesen verkrusteten Scheinargumenten zu befreien.                

Immer und immer wieder lese ich die gleichen Argumente von Umbenennungsgegner*innen, sobald ein Artikel/Beitrag/Post über rassismuskritischen Sprachgebrauch online geht. Die Kommentarspalten quillen über und die Umbenennungsgegner*innen kommen dabei scheinbar aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten und allen Bereichen des täglichen Lebens. 

Ich frage mich dann immer: Warum wollen diese Menschen unbedingt Begriffe/Namen/Fremdbezeichnungen verwenden, die viele unserer Mitmenschen zutiefst beleidigen und verletzen? Warum hängen sie so verzweifelt an diesen Fremdbezeichnungen? Wieso verwenden sie nicht einfach Selbstbezeichnungen? Warum halten einige Leute daran fest und als Grund diese Begrifflichkeiten zukünftig nicht mehr zu verwenden reicht ihnen die Aussage vieler Betroffener nicht, dass diese Worte rassistisch und abwertend sind?

All das hat mich dazu motiviert diese GegenArgumente zu erstellen, die sich auch besonders gut zum teilen eignen. Auf 99% aller Argumente von Umbenennungsgegner*innen kann man einfach mit diesem Link antworten.

(Schein)Argumente:

  1. Habt ihr nichts besseres zu tun?
  2. Der Begriff war/ist positiv besetzt.
  3. Niemand würde seiner Apotheke einen rassistischen Namen gegeben.
  4. Rassismus ist "menschlich" 
  5. Als Weiße*r erlebe ich auch Rassismus.
  6. Ich kenne viele Schwarze Menschen die darüber lachen.
  7. Wir lassen uns Worte nicht verbieten. Sollen die Geschichtsbücher umgeschrieben werden?
  8. Ich kenne einen Herrn Mohr, soll der jetzt seinen Nachnamen ändern?
  9. Das haben wir immer so gesagt, warum soll es jetzt falsch sein, das gehört zu unserer Tradition.
  10. Man darf bald nichts mehr sagen, was darf man überhaupt noch sagen?
  11. Unsere Kund*innen, auch Schwarze Kund*innen, haben nichts gegen den Namen unserer M*Apotheke, es hat sich auch noch nie jemand beschwert. 
  12. Ein Schwarzer Restaurantbetreiber hat sein Lokal "Zum M*Kopf" benannt, also kann diese Fremdbezeichnung nicht rassistisch sein.
  13. Schwarze Menschen verwenden z.B. im HipHop das N-Wort, also kann weder das N-Wort noch das M-Wort rassistisch sein.
  14. Wenn die Bezeichnung z.B. aus dem Namen der M*Apotheken verschwindet, dann verschwindet doch nicht der Rassismus.   

GegenArgumente:

1. Habt ihr nichts Besseres zu tun?

Es leben immer mehr Menschen unterschiedlichster Kulturen und auch Hautfarben in unserer Gesellschaft, dies macht eine Debatte über Rassismus und unseren Umgang miteinander wichtiger denn je. Dazu gehört auch Sprache in Wort und Schrift, aber auch Bildersprache durch Symbole wie beispielsweise in Form von Firmenlogos. Weiterhin handelt es sich um eine Debatte, der man sich in Deutschland über kurz oder lang stellen werden muss, andere Länder sind schon viel weiter als wir hierzulande. Die rationale Fokussierung auf die scheinbar wichtigeren Probleme unserer Zeit, ist in Wahrheit ein Scheinargument, mit dem jede Art von Diskussion über kulturelle und soziale Veränderungen zurückgehalten wird. Das gleiche Argument lässt sich historisch ebenso bei Themen wie Frauenwahlrecht, Sozialversicherungen oder Umweltschutz wiederfinden. Errungenschaften also, die heutzutage keiner von uns mehr missen möchte.

2. Der Begriff war (früher) positiv besetzt und ist deswegen auch heute noch ok.

Dieses Scheinargument ist schon auf den ersten Blick als solches erkennbar, weil es unterstellt, dass jedes Wort im Laufe seiner Geschichte die gleiche Bedeutung beibehält. Niemand würde aber heutzutage einen Privatmann als Idiot bezeichnen oder eine junge Frau als Dirne. Damit hat sich dieses Scheinargument eigentlich schon ad absurdum geführt, aber beim M-Wort ist diese Gegenargumentation insofern nicht anwendbar, weil diese Aussage bezüglich des M-Wortes von vorneherein falsch ist! 

Das M-Wort hat zwar durchaus auch eine Bedeutungsverschlechterung in seiner Geschichte erfahren, war aber schon von Beginn an negativ belastet. M*Apotheker*innen die heute argumentieren, niemand hätte seine Apotheke mit einem negativ belasteten Begriff benannt berücksichtigen nicht, dass es – freundlich ausgedrückt – zu dieser Zeit in Deutschland eine große Unwissenheit über Menschen afrikanischer Abstammung gab.

Immer wieder wehren sich M*Apotheker*innen gegen eine Umbenennung ihrer M*Apotheke mit den (Schein)Argumenten, man wolle die Mauren und deren Medizin ehren oder man hätte den Heiligen Mauritius bei der Namensgebung im Sinn gehabt.

Aus diesem Grunde widme ich diesem Punkt eine detailliertere Gegenargumentation. Bei der etymologischen Betrachtung des M-Wortes habe ich verschiedene Ausführungen von u.a. Prof. Dr. Susan Arndt, Dr. Ulrike Hamann und Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch herangezogen.

Das M-Wort ist die älteste deutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen. Es geht auf das lateinische Wort “maurus“ (schwarz, dunkel, afrikanisch) und den altgriechischen Begriff “moros“ (“µωρός“: töricht, einfältig, dumm, gottlos) zurück. Sein ursprünglicher Entstehungskontext ist die spanische Reconquista, wo alle Muslim*innen auf der iberischen Halbinsel als “moros“ bezeichnet wurden. In Deutschland wurde zwischen dem Wort “Maure“, konnotiert mit “Heidnisch-sein“, als Bezeichnung für muslimische Bewohner*innen Spaniens und Nordafrikas, und dem M-Wort, welches vom 16. bis ins 18. Jahrhundert als allgemeine Bezeichnung für Menschen afrikanischer Herkunft und Menschen of Color diente.

Im Zuge des transatlantischen Handels mit versklavten Menschen wurde das N-Wort in den deutschen Sprachgebrauch aufgenommen. Dieses diente spätestens mit dem Aufkommen des verwissenschaftlichten Rassismus im 18. Jahrhundert in Verbindung mit dem M-Wort dazu, eine rassifizierte Nord-Süd-Teilung Afrikas an Hand einer “imaginäre[n] Hell-Dunkel-Trennlinie“ entlang der Sahara vorzunehmen. Die Bewohner*innen des afrikanischen Kontinents nördlich der Sahara wurden mit dem M-Wort, jene südlich derselben mit dem N-Wort betitelt. Die Historikerin Fatima El-Tayeb verweist hinsichtlich der Abspaltung eines “uneigentlichen“ nördlichen Afrikas entlang der Sahara vom restlichen Kontinent auf den Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Frantz Fanon als einer der bedeutendsten Wegbereiter dekolonialen Denkens spricht von einer anhaltenden dichotomen Unterscheidung Afrikas in eine “weiße Region und eine schwarze Region“. Letztere, gemeinhin als “Subsahara Afrika“ beschriebene, werde als “vermeintlich wilde, unzivilisierte und leblose Region dem weißen Afrika“ gegenübergestellt – letzteres verstanden als am Mittelmeer gelegener Fortsatz Europas graeco-romanischer Zivilisation.

Angesichts dieses Hintergrundes der Differenzierung zwischen N-Wort und M-Wort scheinen Argumente verfehlt, die dem M-Wort insbesondere in Abgrenzung zum N-Wort eine “durchweg positive Bedeutung“ zuschreiben. Auch in einer verhältnismäßigen Höherstellung von mit dem M-Wort bezeichneten Menschen steht dieses in einer rassistischen Tradition der Abwertung Schwarzer Menschen. Diese Unterscheidung zwischen dem N-Wort und dem M-Wort im deutschen Sprachgebrauch hielt sich nicht, da heute beide Worte Schwarze Menschen bezeichnen, wobei das M-Wort als zunehmend veraltet gilt und als Vorreiter des N-Wortes anzusehen ist.  

Wie die Etymologie des M-Wortes zeigt, ist das Wort als Fremdbezeichnung aus einer weißen historisch dominanten Position heraus geprägt. Es diente dabei stets der Beschreibung von und Abgrenzung zu Gruppen von Menschen, die aus dieser Position heraus als nicht-zugehörig, anders, fremd wahrgenommen wurden. Seien es die muslimischen Eroberer der iberischen Halbinsel, Bewohner*innen der nicht-westlichen Welt oder Schwarze Menschen in Deutschland. Viele Schwarze Selbstorganisationen und Schwarze Aktivist*innen sowie auch viele Wissenschaftler*innen, z.B. Prof. Dr. Susan Arndt, Dr. Ulrike Hamann oder Prof. Dr. Anatol Stefanowitsch sind sich einig in der Tatsache, dass das M-Wort heutzutage hauptsächlich negative Assoziationen weckt. Dies wird auch in einer Befragung deutlich, die Studierende der Europäischen Ethnologie an der FU Berlin 2006 mit deutschsprachigen Passant*innen der M-Straße in Berlin durchführten.

Desweiteren handelt es sich um eine Fremdbezeichnung denn Schwarze Menschen haben sich selbst nie so genannt. Warum spielt es eine so große Rolle, ob es sich um eine Fremd- oder Selbstbezeichnung handelt? Beispielerklärung: Einen aus Bayern stammenden Menschen als Bayer zu bezeichnen ist unproblematisch, solange diese Person sich selber auch so sieht. So mancher Franke, Schwabe oder Oberpfälzer würde dieser Fremdbezeichnung wohl empört widersprechen. Wenn wir nun eine über 500 Jahre lange Geschichte von Sklaverei, Kolonialismus und Rassismus als Hintergrund eines Begriffes haben, so ist wohl verständlich, wenn sich Betroffene gegen diese Bezeichnung wehren.

Dem Rechtfertigungsscheinargument man wolle mit dieser Fremdbezeichnung Schwarze Menschen “ehren“ stehen auch viele herabwürdigende Darstellungen Schwarzer Menschen in Firmenlogos widersprüchlich entgegen. Als Beispiel sei hier die Darstellung des damaligen “Sarotti-M*“ zu erwähnen, wie man sie heute nicht nur bei Apotheken, sondern auch bei Hotels, Stadtwappen und Restaurants finden kann. Diese Logos haben gemein, dass sie von mehrheitlich weißen Entscheidungsträgern erschaffen wurden und koloniale Fantasien der Europäer*innen von den unzivilisierten Anderen reproduzieren, z.B. Schwarze Menschen sehen alle gleich aus, oder seien nur für niedere Tätigkeiten einsetzbar. Wie sonst könnten diese Logos anders interpretiert werden, auf denen Schwarze Menschen mit Turban und Pumphose im Topos des Schwarzen Dieners abgebildet werden? Mit diesen “Uniformen“ wurden damals sogenannte Kammerm* und Hofm* eingekleidet, weil man ihr “exotisches“ Aussehen nach den eigenen Vorstellungen zur Schau stellen wollte. Diese Logos, die dieses Bild aus längst vergangenen Zeiten noch heute abbilden, frieren diese Vorstellungen über Schwarze Menschen bei dem Betrachter ein und rauben den Betroffenen dadurch dauerhaft ihre Identität. Diese Darstellungen sind entindividualisierend und herabwürdigend.

3. Niemand würde seiner Apotheke einen rassistischen Namen gegeben.

Diesbezüglich eine kurze Geschichte aus Kassel, aus dem Jahre 1746, um zu verdeutlichen auf welcher Grundlage wohl diese "positive" Assoziation herrührt: Ein 13-jähriger Schwarzer Junge diente dem späteren Landgrafen Wilhelm VIII als Leibm*, weil dieser seine unmittelbare Umgebung mit einem "exotischen Knaben" schmücken wollte.

Diese Geschichte zeigt, daß ein M* zu dieser Zeit als eine Art Statussymbol oder Prestigeobjekt und nicht als Mensch angesehen wurde. Dieses Verständnis zu einem "exotischen M*" als Objekt und nicht als Mensch scheint hier einen "positiven Bezug" zu dieser Fremdbezeichnung geschaffen zu haben.
Umso unverständlicher ist es an dieser rassistischen Fremdbezeichnung weiterhin festzuhalten.

Dieser 13-jährige Junge ist traurigerweise wenige Wochen nach seiner Ankunft in Kassel verstorben. Todesursache ist unbekannt.  

Auch später, zu den Zeiten der deutschen Kolonien, war die Benennung von Firmen (z.B. Apotheken) und Süßigkeiten (z.B. Sarotti-M* im Jahre 1918) eine beliebte Werbestrategie. Viele weiße deutsche Menschen erfreuten sich an den Darstellungen und Beschreibungen afrikanischer Menschen als "exotische und minderwertige Wilde", weil dies die deutsche Bevölkerung mit Stolz an ihre damaligen Kolonien erinnerte.

Auch vor diesem Hintergrund lässt sich nachvollziehen, warum Apotheker*innen damals diese Bezeichnung für ihre Apotheke wählten. Umso unverständlicher ist es an dieser rassistischen Fremdbezeichnung weiterhin festzuhalten.

4. Rassismus gehört halt zum Menschsein dazu, das ist halt so.

Was genau Rassismus ist, bzw. wie er genau zu definieren sei und wann er seinen Ursprung fand, darüber streiten sich verschiedene Expert*innen. So denken einige Rassismus gehöre zur Geschichte der Menschheit, man denke an die Sklaverei im alten Ägypten oder im antiken Griechenland. Ich folge da der Meinung von Prof. Dr. Christian Geulen – Zitat:

Ich bin da etwas skeptisch, weil man in Gefahr gerät, dadurch den Begriff des Rassismus zu einer tatsächlichen anthropologischen Formel zu erklären. Letztlich bleibt dann als Konsequenz nichts anderes übrig als zu sagen: Gab's immer schon, wird's immer geben, kann man nix machen! Das halte ich schon aus diesem Grund für etwas problematisch.  Zitat Ende.

Des Weiteren ist Prof. Dr. Geulen der Ansicht, dass der Rassismus, über den wir heute reden, im 18. Jahrhundert zu Zeiten der Französischen Revolution entstand. Zu einer Zeit als das Menschenbild sich veränderte und durch Liberté, Égalité, Fraternité geprägt wurde, brauchte man den Rassismus als Rechtfertigungsinstrument um Schwarze Menschen, wie schon 300 – 400 Jahre zuvor, weiterhin ungestraft versklaven, ausbeuten und töten zu dürfen, wenn dem Kolonialherren eben danach war.

In diesem Zusammenhang wird auch deutlich, dass der Rassismus im 18. Jahrhundert aus rein wirtschaftlichen Gründen weiterentwickelt wurde. Hätte man Schwarze Menschen zu Zeiten der Französischen Revolution auf den Plantagen der Kolonien im Sinne von Fraternité behandelt, hätte dies viel Geld gekostet.

Dieses Geld wollte man offensichtlich sparen und entwickelte zu diesem Zwecke den Rassismus weiter, um Schwarze Menschen als eher dem Tiere gleich, als dem Menschen gleich zu setzen.

So war es möglich diese Menschen weiter wie Tiere zu behandeln, ohne fürchten zu müssen dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Man musste diese Menschen nicht bezahlen, sich nicht um ihre ärztliche Versorgung kümmern und nicht für gute Nahrung sorgen. Wenn sie erkrankten durfte man sie einfach töten und dies war keine Straftat. Zu bedenken ist auch, dass ein Großteil des Fundamentes unseres heutigen Wohlstandes in Europa dadurch gegossen wurde und unser Reichtum, den viele wohl in heutiger Zeit gefährdet sehen, daraus resultiert.

5. Als Weiße*r ist man im Ausland auch Rassismus ausgesetzt, ich werde von Menschen anderer Nationalität z.B. als “Weißbrot“ oder “Kartoffel“ bezeichnet.

Diesem Einwand möchte ich mit einem Zitat von Hannes Soltau begegnen:

Die menschenverachtende Farbenlehre entstand mit der europäischen Unterwerfung der Welt. Eine Ideologie, einzig dafür geschaffen, um die Macht von Weißen über Nichtweiße zu rechtfertigen. Wenn Weiße sich als Opfer von Rassismus stilisieren, betreiben sie Geschichtsrevisionismus.

Die Mär vom „umgekehrten Rassismus“ vertreten nicht nur Nazis und Rechtspopulisten. So forderte die Deutsche Botschaft während der Coronakrise alle Bundesbürger in Kamerun dazu auf, sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zu bewegen – mit dem Hinweis auf „rassistische Ressentiments innerhalb der Bevölkerung, die die Sicherheit unserer Landsleute beeinträchtigen“.

Auch seriöse deutsche Medien sprechen im Bezug auf Südafrika von einem „umgekehrten Rassismus“, der die weiße Minderheitsbevölkerung nun offen diskriminiere.

Sicher, es gibt auch Vorurteile gegenüber Weißen. Feindseligkeit und Übergriffe. Doch Rassismus ist mehr als die Beschimpfung als „deutsche Kartoffel“ oder „Weißbrot“. Weiße können durchaus die Erfahrung machen, als Minderheit benachteiligt zu werden.

Aber es geht nicht um isolierte Handlungen, sondern um die Berücksichtigung der dahinterliegenden Machtstrukturen. Und das bedeutet etwa in Kamerun oder Südafrika, die kolonialistische Vergangenheit und den Apartheidstaat mitzudenken. In den USA und in Deutschland haben BIPoCs  nicht die Macht, die Interessen der weißen, hegemonialen Mehrheitsgesellschaft zu dominieren. Auch weiße Menschen können dort in äußerst schlechte Lebensbedingungen hineingeboren werden. Selbstverständlich können sie unter Mobbing leiden und von struktureller Diskriminierung wie Antisemitismus, Sexismus, Homophobie oder sozialer Ausgrenzung betroffen sein. Aber nicht von Rassismus. Diese Demut sollten Weiße jetzt haben. Privilegien zu besitzen heißt nicht, dass der eigene persönliche Schmerz keine Legitimität hat. Und es heißt nicht, dass das eigene Leben nicht hart sein kann. Aber es bedeutet eben auch, dass dieses Leben wegen der eigenen Hautfarbe nicht noch härter ist. Zitat Ende.

Was bedeutet kolonialistische Vergangenheit mitzudenken?

Schauen wir doch zu diesem Zwecke mal auf die Deutsche kolonialistische Vergangenheit, als die Deutschen 1884 in Namibia ankamen und auch diesem Land einen Namen zuwiesen und es “Deutsch-Südwestafrika“ nannten und dort die “Herrenmenschen“ waren. Siedler ließen sich dort nieder und das führte verständlicherweise zu Konflikten mit den Einheimischen, besonders mit den Herero. 1904 kam es dann zum Aufstand gegen die deutschen Eindringlinge, worauf General Lothar von Trotha den grausamen “Vernichtungsbefehl“ erlässt, es sollen alle Herero erschossen oder in die Wüste getrieben werden.
85.000 Menschen kamen qualvoll ums Leben, es ist der erste offiziell geplante Völkermord der Geschichte. Nach dem Ende des Aufstandes wurden Überlebende willkürlich in Konzentrationslager inhaftiert und Frauen wurden vergewaltigt.

Die Verbrechen der deutschen Kolonialherren werden hierzulande verdrängt und in Namibia leiden viele Menschen noch immer. Sie kämpfen bis heute um eine Aufarbeitung durch den deutschen Staat. Bis heute vergebens. Quellenangabe: ARTE Reportage “Unter Herrenmenschen“ vom Januar 2020 unter der Regie von Christel Fomm.

Interessantes Detail zum Thema Straßenumbenennungen:

Im Jahre 2006 wurde in München die “Von-Trotha-Straße“ in die “Hererostraße“ umbenannt. Was gleichzeitig aber auch bedeutet: Bis 2006 gab es noch eine Straße in Deutschland mit dem Namen dieses Generals!

Auch diese Umbenennung hat damals zu heftigen emotionalen Diskussionen geführt und in der Diskussion zu jener Zeit sprach der damalige CSU Stadtrat Hans Podiuk den Menschen afrikanischer Abstammung die Kompetenz der Mitsprache ab. Er glaube nicht, so sagte er, dass Afrikaner*innen so gut Bescheid wüssten über die deutsche Kolonialgeschichte: "Die dürfte da nicht so bekannt sein." sagte er wörtlich. Des weiteren sagte Podiuk unter Berufung auf von ihm namentlich nicht benannten Wissenschaftler*innen, dass den Herero ebenfalls ein Völkermord an den San, lange vor der Zeit als die Deutschen dort waren, vorgeworfen würde. Auch dies ein extrem unangemessener Gegenvorwurf als Scheinargument vorgetragen. Es bestätigt nur, dass die Entscheidungsträger der Dominanzgesellschaft dazu neigen durch Scheinargumente den Betroffenen ein Mitspracherecht an der Beurteilung was grenzüberschreitend ist komplett absprechen.

6. Im Bekanntenkreis habe ich viele Schwarze Menschen, die alle kein Problem mit dem Begriff haben und sogar darüber lachen.

Wenn wiederholt argumentiert wird, dass man im Bekanntenkreis doch betroffene Menschen habe, die sich nicht an dem Begriff stören oder man sich untereinander sogar mit diesen Begriffen aufzieht, so tut das wenig zur Sache. Sofern es für alle Beteiligten in Ordnung ist, darf man sich im Freundeskreis bezeichnen wie man will. Nur weil mich (Thomas) ein Freund aus Bayern “Saupreiß“ nennt und mich damit im privaten Freundeskreis aufzieht, bedeutet das noch nicht, dass ich mir diese Bezeichnung in der Öffentlichkeit gefallen lasse oder sonderlich schätzen würde.

7. Wir lassen uns Worte nicht verbieten. Sollen wir auch die Geschichtsbücher umschreiben bzw. Teile der Geschichte löschen?

Es geht in der Debatte um antirassistische oder inklusive Sprache nicht darum Wörter zu verbieten, aus dem allgemeinen Sprachschatz zu streichen oder gar Geschichte auszulöschen. Es geht vielmehr darum, dass wir mit Sprache verantwortungsvoll umgehen indem wir uns der historischen Hintergründe und der vielfältigen und oft auch rassistischen Bedeutungen vieler Wörter bewusst werden und in einigen Bereichen, wie z.B. bei der Benennung von Personen, aus Respekt vor diesen Personen diese Bezeichnungen nicht mehr verwenden. Wir möchten das Gegenteil, wir wollen Geschichte sichtbar machen (nicht auslöschen)! Bei M*Apotheken argumentieren viele Apotheker*innen selber, dass der Begriff M* die alte Fremdbezeichnung für eine Person mit dunkler Hautfarbe wäre und diese Person wiederum solle einen Afrikaner und dessen afrikanische Medizin ehren. Dies bedeutet also, dass der direkte Bezug auf eine Person, bzw. auf eine Gruppe von Personen hergestellt wird, im Sinne von: „Die Menschen mit dunkler Hautfarbe sind alle die M* und wir wollen ihre Medizin ehren.“

Jeder einzelnen Person einer gigantischen Anzahl von Menschen wird aufgrund ihrer Hautfarbe dieser Name übergeholfen und diese Kategorisierung von Menschen als M* bedeutete nie bloß die wertfreie Feststellung der dunklen Hautfarbe, vielmehr war und ist der Begriff mit vermeintlichen Eigenschaften verbunden. So wurde der Kammerm* als folgsam und der Hofm* als Kuriosität betitelt, in jedem Falle immer als primitiv bezeichnet.

8. Muss Herr Mohr seinen Namen ändern?

Wie ist es nun, wenn jemand so mit Nachnamen heißt? Wird ein Herr Mohr, oder eine Frau Mohr nun automatisch diskriminiert? Natürlich nicht, denn der Name gibt nur Auskunft darüber wie eine Person heißt. Die Nachnamen Groß, Klein oder Maler, sind beispielsweise hierzulande sehr verbreitet. Niemand würde nun denken, dass eine Frau Groß nun groß, oder ein Herr Maler nun Maler sei, oder zumindest gut malen könne nur aufgrund seines Namens. Sagt man aber von einer Person nicht das sie M* heißt, sondern das sie ein M* ist, sind sofort alle negativen stereotypen Zuweisungen damit verbunden.  

9. Das haben wir immer so gesagt, warum soll es jetzt falsch sein, das ist Tradition. 

Solch ein Verständnis von Tradition macht alles was alt ist, automatisch zu einem unverzichtbaren Teil unserer Kultur und übersieht die Vielzahl an Verhaltensweisen und Institutionen, die aus gutem Grund abgeschafft wurden: Leibeigenschaft, Sklaverei oder die rechtliche Benachteiligung der Frau. In all diesen Fällen wurde im Zuge ihrer Abschaffung ebenfalls argumentiert, dass diese zur Tradition der Gesellschaft gehören und nicht aufgehoben werden könnte, ohne dass unsere Kultur, Gesellschaft oder Lebensart dadurch Schaden nehmen würde. Heute jedoch möchte niemand mehr diese Errungenschaften missen. 

Viele rassistische Fremdbezeichnungen haben sich nachhaltig in die deutsche Gesellschaft eingeschrieben und werden heute als traditionell erhaltenswertes Wortgut verteidigt. Lesen Sie dazu bitte: Rassistische Fremdbezeichnungen - eine schlechte Tradition. 

10. Man darf bald nichts mehr sagen, was darf man überhaupt noch sagen?

Schon die pikierte Formulierung “noch sagen darf“ ist verräterisch. Vor allem aber sind die betroffenen Menschen aus dem Blick geraten. Stattdessen ist “man“ (der weiße Deutsche) bedroht, weil sie*er nicht mehr sicher sein kann, was sie*er sagen darf und was nicht. Es werden gerne Vergleiche herangezogen wie “Jägerschnitzel“ oder “Hamburger“ oder ähnliches, da sich ja jemand beleidigt fühlen könnte und man dann auch nicht mehr Jägerschnitzel oder Hamburger sagen dürfe. Auch mit diesen Vergleichen soll provokativ die angebliche Absurdität der Forderung verdeutlicht werden. Dieser Vergleich übersieht aber den Unterschied zwischen Begriffen, die eventuell jemanden beleidigen könnten und Begriffen, deren beleidigende und rassistische Bedeutung vielfach festgehalten wurde. Ein*e Jäger*in wird aufgrund ihrer*seiner Aktivitäten Jäger*in genannt und ein*e gebürtige*r Hamburger*in wird sich selbst wohl auch als solcher bezeichnen. Niemand wurde in der Geschichte der Menschheit von Außenstehenden als Jäger*in oder Hamburger*in fremdbezeichnet und unter diesen Begriffen rassenbiologisch als minderwertige Menschenrasse eingestuft und über hunderte von Jahren versklavt.

11. Unsere Kund*innen, auch Schwarze Kund*innen, haben nichts gegen den Namen unserer M*Apotheke. Es gab auch noch nie Beschwerden.

Das interessante an dieser Argumentation ist, dass die Apotheker*innen nach einer Umbenennung genau gegenteilig argumentieren. Der Apotheker Rüdiger Hartong entschloss sich schon vor längerer Zeit die Fremdbezeichnung M* aus dem Namen seiner Apotheke in Bonn zu entfernen. Befragt nach dem Grund dafür erwähnte er am 15.07.2020 dem Campusradio bonnFM gegenüber, dass schon hunderte Mails bei der Apotheke eingegangen seien, in denen sich Kund*innen wegen des Namens beschwerten. Dies sei mit ein Grund seiner Entscheidung gewesen, den M* aus dem Namen seiner Apotheke zu entfernen. Am 31.03.2021 war es dann endlich soweit und wir durften bei der Umbenennung seiner Apotheke dabei sein. Auch in einem persönlichen Gespräch äußerte sich Herr Hartong uns gegenüber ähnlich. Herr Hartong ist sehr offen und transparent damit umgegangen und hat auch keine kritischen Rezensionen (z.B. bei Google Maps) löschen lassen.

Aber auch bei Umbenennungen in anderen Branchen kann man dies beobachten. Der Hoteldirektor Theodor Gandenheimer hat in der Augsburger Allgemeine erklärt, dass der Name des Hotels auch aufgrund von Druck der Hotelbesucher*innen geändert wurde. Die Black Lives Matter Bewegung hätte den Denkprozess hin zur Umbenennung des ehemals “Hotel Drei M*“ beschleunigt.

12. In den Medien wurde berichtet, dass ein Schwarzer Restaurantbetreiber sein Lokal selber „Zum M*kopf“ benannte. Dann kann der Begriff doch nicht rassistisch sein.

Auch dies ist ein Scheinargument, weil es auch bei so wichtigen Errungenschaften wie der rechtlichen Gleichstellung der Frau abweichende Einzelmeinungen von Betroffenen gab. Auch dort gab es Einzelstimmen von Frauen, die sich mit den damaligen Umständen einverstanden erklärten und trotzdem wird heute niemand ernsthaft an der Richtigkeit dieser Errungenschaft zweifeln. Es wird zu allen Themen immer abweichende Einzelmeinungen von Betroffenen geben, die aber eben Einzelmeinungen sind. Es existieren ja nicht massenhaft Lokale und Geschäfte mit diesem Namen, die von Schwarzen Menschen betrieben werden, sondern eben nur ein Restaurant in ganz Deutschland.  

13. Schwarze Menschen verwenden auch das N-Wort, z.B. im Hiphop. Also kann weder die Verwendung des N-Wortes, noch die des M-Wortes rassistisch sein. 

Ich möchte darauf mit einem Zitat von Gary Jenkins eingehen, der einst als Manager von Uptown Records u.a. mit Mary J. Blige und P. Diddy zusammenarbeitete. Zum Thema N-Wort unter Schwarzen sagte er:

„Der Begriff ist von einer Generation von HipHop sozialisierten Jugendlichen umgedreht worden. Wer die schlimmstmögliche Beleidigung ständig selbst verwendet und in einen Respektbegriff verkehrt, beraubt dem Wort seine verletzende Wirkung.“ Zitat Ende.

Das bedeutet aber keine Legitimation für Weiße diesen Begriff verwenden zu dürfen.

14. Wenn die Bezeichnung z.B. aus dem Namen der M* Apotheken verschwindet, dann verschwindet doch nicht der Rassismus.

Immer wieder bestreiten Umbenennungsgegner*innen die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit die Fremdbezeichnung M* aus dem Namen aller M*Apotheken zu entfernen. Leute postulieren, Worte könnten ohnehin nicht rassistisch sein, nur Menschen. Der Logik dieser Argumentation folgend erachtet man diesbezüglich den Apothekenamen für irrelevant und hält es allein für wichtig wie man in der Apotheke und im täglichen Leben miteinander umgeht. Übersehen wird, dass mit dieser Fremdbezeichnung Schwarze Menschen als “anders“ und “nicht- zugehörig“ gekennzeichnet werden. Daran festzuhalten und gleichzeitig zu betonen, dass der persönliche Umgang miteinander das “bessere“ Mittel gegen Rassismus wäre, impliziert die Erwartungshaltung an Betroffene sich zu fügen und diese Kennzeichnung zu akzeptieren. 

Natürlich verschwindet der Rassismus nicht “über Nacht“, auch wenn sich alle M*Apotheken umbenennen würden. Der Rassismus ist viel zu groß als das er sich durch eine Maßnahme beseitigen lassen würde. Die Frage ist für mich: Was hält den Rassismus fest in unseren Köpfen? Was stärkt ihn dauerhaft? Die entindividualisierende Sprache und Bildersprache (Logos) trägt dazu bei, dass die Vorstellungen über Schwarze Menschen bei nicht-Schwarzen Menschen immer wieder reproduziert werden und sich rassistische Denkweisen in den Köpfen festigen. Was wäre es für ein Signal, wenn wir uns im Jahre 2021 mit der Bedeutung dieses Begriffes befassen und danach nichts verändern?

Zum Schluß möchte ich aus der Rede unseres Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vom 16.06.2020 zitieren, die mich persönlich sehr berührt hat:

Neutralität ist keine Antwort auf Rassismus. "Ich bin doch kein Rassist" ist keine Antwort auf Rassismus und darf es nicht sein. Jedenfalls nicht für Demokratinnen und Demokraten!  
Solange es Rassismus gibt in unserer Gesellschaft, in unserem Umfeld, in unserer Nachbarschaft, vor allem aber in unseren eigenen Einstellungen, Vorurteilen, Denkmustern, können wir uns nicht teilnahmslos verhalten. Sondern wir entscheiden uns – jeden Tag, bewusst oder unbewusst, in unserem Handeln wie in unserem Nichthandeln –, wo wir stehen, auf welcher Seite wir stehen.  
Nein, es reicht nicht aus, "kein Rassist" zu sein. Wir müssen Antirassisten sein!  Zitat Ende.

Ich hoffe nun, dass wir gemeinsam einige Skeptiker*innen überzeugen und wünsche viel Erfolg beim Teilen.

Liebe Grüße

Thomas Hunstock


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