Bettina Knitter & Team Fatema
Oct 1, 2018

Fatema – die weitere Geschichte
Nach den ersten Tagen voller Emotionen von Freude über Erleichterung und Glück ist es jetzt höchste Zeit, das Versprechen einzulösen, die Geschichte, die wir aus Sicherheitsgründen nicht erzählt haben, zu schreiben.

Nach unserem Wissen ist Fatema die erste afghanische Person, die nach dem neuen Gesetz der mtl. 1000 Familiennachzügler für subsidiär Schutzbedürftige ihr Visum bekommen hat – und wir dachten, hoffen zu müssen, bei den ersten 1000 mit dabei zu sein!

Die Nummer 1 (oder auch 2,3 oder 4) zu sein bei einem neuen Gesetz hat nicht nur Vorteile…niemand will (vor allem nach BAMF-Skandal und hoher öffentlicher Aufmerksamkeit) derjenige sein, der einen Fehler macht und fragt zur Sicherheit nochmal nach…das beschleunigt nicht unbedingt das Vorankommen.

Auf jeden Fall ist erwähnenswert, dass die deutschen Sachbearbeiter, mit denen wir zu tun hatten, freundlich, korrekt und hilfsbereit waren.

 Aber nun zu den Dingen, die wir bisher mal lieber nicht in die Updates geschrieben haben:

Von 13. Juli bis 26. August konnten wir eMails und Faxe schicken, Telefonate führen und somit in Aktion treten. Am 26. August bekam Fatema ihr Visum und von deutscher Seite war alles getan…aber nicht aus iranischer Sicht.

Ab diesem Zeitpunkt – natürlich hoffend, dass Vater und Tochter nun sofort ausreisen können- war es für alle eine kaum erträgliche Anspannung und Zerreißprobe aus Hoffen und untätig warten müssen.

Warum das Warten?

Im Iran leben ca. 3 Millionen afghanische Flüchtlinge – nur ein Drittel davon legal. Sie gelten als Menschen 2. Klasse, die weder Recht auf Bildung, Versorgung oder Freiheit haben und großer Willkür und Gewalt ausgesetzt sind.

Wer dazu Näheres wissen möchte, sollte mal „Afghanische Flüchtlinge im Iran“ googlen …

Fatema lebte seit 2012 als nicht gemeldeter afghanischer Flüchtling im Iran.

Um Fatemas Ausreise in ein anderes Land als nach Afghanistan zu ermöglichen, musste man ihren Aufenthalt auf legale Beine stellen, was nicht ganz so einfach ist, weil pro illegalem Aufenthaltstag ein bestimmter Strafbetrag bezahlt werden muss – und dann ist noch fraglich, wie lange es dauert, bis und ob überhaupt die Genehmigung kommt...

Über Tipps und Hilfe von afghanischen Freunden von Freunden von Freunden schaffte es Fatemas Vater, schneller und günstiger an die entsprechenden Genehmigungen und Ausweiseinträge zu kommen.

Oft wartete er ganze Nächte an einem Treffpunkt und ging verzweifelt wieder zurück, weil die Person mit den fertigen Ausweisen doch nicht gekommen ist.

Die Angst wurde mit jedem Tag größer und Gedanken, was wir eigentlich machen, wenn die Ausweise nicht zurückgebracht werden, machten sich breit.

Am Tag der größten Angst und Gedanken, ob man Fatema ohne ihren Papa irgendwie über Afghanistan ausreisen lassen könnte, kam das Foto mit allen Stempeln und wir konnten es nicht glauben, dass es jetzt wirklich so weit sein soll, die Flüge zu buchen.

Um die beiden nicht in Gefahr zu bringen, entschieden wir uns, nur eine ungefähre Ankunft zu kommunizieren.

 

Am Dienstag, 18. September vormittags um 10 Uhr war es dann so weit:

In einem Rotkreuz-Auto, in dem die ganze Familie Platz hatte, fuhren wir zum Flughafen, um Fatema und ihren Vater abzuholen. Der Moment, als die Familie nach 6 Jahren wieder vereint war, war ein ganz besonderer.

Im unbekannten Zuhause angekommen, gab es erst einmal Geschenke für alle, der ganze Tag war ein einziges Fest.

Die Anstrengung der Reise und auch die der letzten Wochen war den Gesichtern anzusehen- eine Mischung aus Müdigkeit, Freude und unglaublicher Erleichterung war zu sehen.

Die ersten Tage in Deutschland

Am nächsten Tag fuhr Fatema mit ihren Eltern, Doris und mir in eine Klinik, die sich bereiterklärt hat, Fatema durchzuchecken, auch wenn sie noch keine Krankenkassenkarte vorweisen kann und in einer sehr angenehmen und ruhigen Form wurde die ganze Fatema durchgecheckt.

An diesem Tag hat Fatema zum ersten Mal einen Hund gestreichelt, zum ersten Mal ein eigenes Smartphone bekommen und hing zum ersten Mal ihre Füße in den Starnberger See.

Am Ende des Untersuchungstages kam heraus, dass Fatema mit ihren knappen 39 kg zwar untergewichtig ist, jedoch gute Chancen hat, körperlich unbeschadet alles zu überstehen.

Sie hat derzeit immer wieder mit dem Atmen Schwierigkeiten, hat kaum Muskeln und immer wieder verschiedene Schmerzen.

Gemeinsam wurde entschieden, dass das Vermitteln von Sicherheit jetzt erst mal im Vordergrund steht und von einem stationären Aufenthalt in der Klinik abgesehen wird.

Erste Hilfsangebote kommen ab dieser Woche ins Laufen:

Eine Physiotherapeutin hat angeboten, Fatema zu behandeln, eine Logopädin arbeitet mit ihr und jeden Tag kommt eine ehrenamtliche Helferin zu ihr, um mit ihr Deutsch zu üben.

Fatema war letzte Woche mit meiner 17jährigen Tochter und mir beim Shoppen in einem Einkaufscenter, Fatema hat nun dank der Spenden von so vielen Menschen 2 Paar ordentliche Schuhe, eine altersgemäße Grundausstattung an Kleidung, Pflegeartikeln und was ein 16jähriges Mädchen noch so braucht.

Fatema hat große Freude, mit den Kindern in der Krippe zu spielen und kommt daher immer wieder mal mit ihrem Papa mit.

Fatema kann unsere Schrift lesen, so dass sie mit ihrem neuen Handy per Übersetzer-App gut kommunizieren kann und auch gleich alle Funktionen des Gerätes heraushatte und mittlerweile Profi-Selfies macht und die Deutsch-Lern-Apps perfekt beherrscht.

Dank der Klugheit und des Engagements ihres Onkels, der weder das Geld für seine eigenen Kinder noch für Fatema hatte, um sie in die Schule zu schicken, haben wir den Eindruck, dass Fatema ein gewisses Maß an Bildung genießen konnte – sie kann rechnen, schreiben, kann mit Landkarten umgehen und besitzt allgemein ein sehr schnelles Auffassungsvermögen.

 

Wie geht es weiter?

Fatemas Versorgung ist vieler Helfer und Spenden sichergestellt - sie ist ein starkes und kluges Mädchen, das mit den jetzigen Rahmenbedingungen ihren Weg finden wird.

Wie dieser Weg genau sein wird, stellt sich in den nächsten Wochen heraus. Momentan liegt der Fokus auf Sicherheit spüren, Freude haben, bei der Familie sein und Deutsch lernen.

Dank der vielen Spenden ist es möglich, dass wir nach einer ordentlichen psychotherapeutischen Versorgung suchen können, sie adäquat ausstatten können, nach einem für sie geeigneten Bildungsweg suchen können und somit in einem geschützten Rahmen in ein neues Leben bei der Familie, die sie so lange vermisst hat und wo sie hingehört, zu starten.

Fatemas Großeltern, Onkel, Tante, Cousins und Cousinen im Iran, die wegen Fatema immer wieder umgezogen sind, können nun an einem Ort bleiben, denn die Familie von Fatemas Mutter wird sie nicht mehr verfolgen, um Fatema zu verheiraten.

Wir haben überlegt, dem Onkel, der in den letzten 6 Jahren für Fatema gesorgt hat und zu ihrem Schutz mit der ganzen Familie so oft umgezogen ist, finanziell zu unterstützen, aber dazu ist er zu stolz und lehnt das ab.

Fatemas Großvater ist sehr krank und wird vermutlich in den nächsten 3-6 Monaten sterben.

Da es aufgrund der US-Sanktionen (und für afgh. Flüchtlinge generell) schwer ist, an gute Medikamente zu kommen, erwägen wir nun, Medikamente für Fatemas Großvater zu organisieren und über diesen Weg Fatemas Onkel zu unterstützen und zu danken, dass er Fatema beschützt und versorgt hat.

Warum keine Fotos?

Fatemas Vater hat nach wie vor große Angst, gefunden zu werden und somit ist es notwendig, die Familie weiterhin zu beschützen.

Sollte jemand direkt helfen und auch in Zukunft informiert werden wollen, wenn es Neuigkeiten gibt, so kann man sich mit uns direkt in Verbindung setzen, indem man uns per eMail kontaktiert: helft-fatema@gmx.de

In diesem engen Kreis kann dann auch einmal das ein oder andere Foto gesehen werden, aber eben nicht in der breiten Öffentlichkeit.

 

DANKE!

  • An alle, die die Petition unterschrieben haben, Emails verfasst und sich für eine medizinische Versorgung stark gemacht: herzlichen Dank dafür!
  • An alle Pullacher, die die Familie in Pullach unterstützt haben, die Angst um den Mann bzw. Sehnsucht nach dem Papa hatten
  • an die Ausländerbehörde des Landkreises München, die Fatemas Einreise und unser Engagement immer unterstützt hat
  • an alle Beamten in Berlin, Köln, München und Teheran, die die Not von Fatema gesehen und Menschlichkeit gezeigt haben
  • an alle Journalisten, die Fatemas Geschichte unter die Leute gebracht haben und dabei immer darauf geachtet hatten, dass sie unerkannt bleibt
  • an alle Pullacher, die die Familie finanziell und auch durch Taten unterstützt haben und weiter unterstützen
  • an alle, die uns durch ihre Kommentare durchhalten ließen – sei es durch Lob oder so blöde Kommentare, die bei uns ein „jetzt erst recht“ ausgelöst haben
  • an alle, die für Fatema gespendet haben
  • an alle, die an uns gedacht haben und uns mit eMails zum Durchhalten motiviert haben
  • an Kristina und Kolleginnen von GoFundMe Deutschland, die trotzdem, dass die Spendenplattform wegen der US-Sanktionen unsere Aktion gekänzelt hat, mit ihren Erfahrungen, Kontakten und ihrer Menschlichkeit weiter unterstützt haben
  • an Michel und das Team der Petitionsplattform change.org, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen und mit denen es wir geschafft haben, fast 37 000 Unterschriften für Fatema zu bekommen
  • an Alisa und das Team von betterplace.org, die uns ermöglicht haben, nach unserem Rückschlag mit der amerikanischen Plattform weiterhin online spenden erhalten zu können
  • an das Benedictus-Krankenhaus Tutzing, das es unkompliziert, unbürokratisch und flexibel ermöglicht hat, an einem Tag auf sehr menschliche, ruhige und angenehme Weise alle wichtigen Untersuchungen zu organisieren, so dass Fatema abends wieder nach Hause konnte
  • an alle weiteren Kliniken, die nach unserem Aufruf auch bereit gewesen wären, Fatema aufzunehmen, auch wenn noch keine Krankenkassenkarte vorhanden gewesen wäre… wir wussten ja nicht, in welchem Zustand das Mädchen in Deutschland ankommen würde

 

Resumee

Mensch, waren wir blauäugig, zu denken, dass man innerhalb weniger Tage ein Mädchen aus dem Iran offiziell nach Deutschland holen kann
Fatema hätte ohne Helfer in Deutschland und ohne die Spendengelder keine Chance gehabt, zu ihrer Familie zu kommen
Wir haben lange gewartet, bis wir an die Öffentlichkeit gegangen sind, denn wir hofften, über einige Kontakte nach Berlin weiter zu kommen, was leider nicht der Fall war.
Wir haben erfahren: Öffentlichkeit schützt!

Mit unserer Penetranz und Hartnäckigkeit haben wir uns nicht immer Freunde gemacht haben und sicherlich viele Sachbearbeiter genervt, aber das hatte unterm Strich Erfolg – auch wenn wir natürlich nicht wissen (und es wohl auch nie erfahren werden), welche Stellschraube (n) die relevanten waren. Wir wissen nicht, ob der Email-Mob an die Dt. Botschaft in Teheran beschleunigt oder behindert hat, oder ob die Tatsache, dass wir alle möglichen Leute im Auswärtigen Amt angeschrieben, angefaxt und angerufen haben, weitergeholfen oder blockiert hat, weil dann niemand mehr wusste, wer antworten soll….
Aber eines wissen wir: dass jeder bei den entsprechenden Behörden sofort wusste, wer Fatema ist �

 

Helfen schafft Perspektiven!

 

Bettina Knitter

mit

Doris Thurner

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