Im spirituellen Zentrum Kataloniens, dem Kloster Montserrat, hat in einem feierlichen Akt der Solidarität mit den politischen Gefangenen in Gegenwart prominenter Vertreter der katalanischen Politik und Gesellschaft der exekutive Präsident Kataloniens, der Jurist Quim Torra, auszugsweise einen Text des von den Nationalsozialisten am 9. April 1945 ermordeten habilitierten deutschen Theologen Dietrich Bonhoeffer vorgetragen, der dem deutschen Widerstand gegen die Faschisten angehörte. Der Text wurde an Weihnachten 1943 in einem deutschen Gefängnis verfaßt. Einer der auf katalanisch vorgetragenen Auszüge lautet in deutscher Rückübersetzung wie folgt:
«Herr, ich höre deinen Ruf und folge ihm. Stehe mir bei! Heiliger Geist, gib mir den Glauben, der mich vor der Verzweiflung schützt, vor den Leidenschaften und dem Laster! Gib mir die Liebe zu den anderen und zu dir, die jeglichen Haß zerstört! Gib mir die Hoffnung, die mich von der Furcht befreit!»
Diese religiöse Veranstaltung markiert für die Katalanen den Beginn des aktiven und entschlosssenen Widerstandes gegen die unrechtmäßige Repression und Gewalt des spanischen Staates, der freilich bereits ein Bündel von Maßnahmen vorbereitet zu haben scheint, um gleich nach Verkündung des Urteils jeglichen Widerstand der Katalanen im Keim zu ersticken und zu brechen. Anders als im Spanischen Bürgerkrieg wird es Spanien im 21. Jahrhundert indes nicht vermögen, Millionen von Menschen mit Gewalt zu unterjochen und ihren Freiheitswillen zu brechen. Wenn es denn noch eine letzte Chance für ein Nichtauseinanderbrechen des spanischen Staates überhaupt geben sollte, dann wohl nur die, daß das Urteil über die zwölf katalanischen politischen Gefangenen aus einem vollständigen Freispruch besteht, sie für die Dauer ihrer Haft angemessen entschädigt und unverzüglich strafrechtliche Ermittlungen gegen diejenigen aufgenommen werden, die für ihre rechtswidrige Haft verantwortlich sind. Dies wäre die einzige noch mögliche Maßnahme, die Eskalation zu beenden und vielleicht doch noch zu einem Dialog, den die Katalanen immer ernsthaft angeboten haben, zu kommen. Aber damit ist wohl nicht zu rechnen. Wie überall in diesen Tagen in Katalonien riefen die Menschen auch im Kloster Montserrat im Chor lautstark nach Freiheit, «Llibertat». Wie lange noch wird sich die Europäische Union taub stellen können, ohne ihr Gesicht vollends zu verlieren?
Am 6. Oktober 2019 hat der katalanische Präsident Quim Torra — Spanien wird ihn wohl noch vor Jahresende gleichfalls juristisch verfolgen — einen Aufruf auf der Plattform der vielgelesenen katalanischen Nachrichtenagentur VilaWeb veröffentlicht, der nachstehend in deutscher Übersetzung gelesen werden kann.
«Quim Torra (Präsident der Generalitat de Catalunya):
Ergreifen wir die Gelegenheit am Schopf, unseren Traum zu verwirklichen!
Wenige Stunden, wenige Tage vor dem Urteil über das Selbstbestimmungsrecht Kataloniens werden wir uns selbst noch einmal im Spiegel betrachten, als Gesellschaft, als Land, als Gemeinschaft, die die Pflicht hat, eine bessere Zukunft für sich selbst und ihre Kinder vorzubereiten. So wie uns der 1. Oktober auf die Probe gestellt hat und uns geholfen hat, uns mit unseren Rechten und unserer in Granit gemeißelten Würde zu behaupten, fordert uns das Urteil über die Regierenden und Führungspersönlichkeiten des Referendums auf, eine Antwort zu geben, die uns besser, stärker und freier macht.
Und das liegt in der Verantwortung aller. Zuerst in der Verantwortung der Parteien und der Regierenden. Aber auch in der Verantwortung einer Gesellschaft, die nicht darauf wartet, daß man ihr sagt, was sie tun soll, weil sie bereits stark geworden ist und weiß, daß sie über die bürgerlichen, sozialen und politischen Rechte wachen muß, auf deren Ausübung und Durchsetzung sie uneingeschränkt Anspruch hat. Denn diesen Weg der Freiheit und Selbstbestätigung hätten wir nicht zurückgelegt, wenn sich die Menschen ihrer Stärke beim koordinierten Handeln nicht bewußt geworden wären.
Der Urteilsspruch über unsere Gefährtinnen und Gefährten, die vor ein Strafgericht gestellt wurde, weil sie vor zwei Jahren Wahlurnen aufgestellt haben, kann eine Veränderung der Verhältnisse bedeuten. Sie kann eine neue Phase einleiten, in der wir die Initiative wieder ergreifen, in der die Repression nicht dazu führt, daß wir in die Enge getrieben werden und uns politisch defensiv verhalten. Eine neue Phase, in der wir zu der Dynamik des Vertrauens zurückkehren, die uns zu den besten Momenten dieses emanzipatorischen Prozesses geführt hat. Eine neue Phase, in der Großzügigkeit und der Sinn für das Land wieder über dem Interesse der Parteien und den Kämpfen um Vorherrschaft stehen werden, die nur dazu dienen würden, eine überwachte und miserable ‘Autonomie’ zu verwalten.
Wir dürfen nicht weiter glauben, daß wir diese uns eingeräumte ‘Autonomie’, die uns als Zugeständnis Spaniens angeboten wird, ausüben sollten. Das Urteil wird uns zur Wiederherstellung der Siegesdynamik führen, derjenigen, die Vorschläge für die Zukunft macht, derjenigen, die darüber debattiert, wie wir den Staat, den wir gerade aufbauen, gestalten wollen. Wir werden unsere Basis nicht verbreitern, indem wir um Erlaubnis bitten und darauf warten, daß sie uns gegeben werde. Nur die Verteidigung der Demokratie und des Volkswillens kann uns zu einer noch breiteren Konsensgrundlage führen. Die Bedingungen für den Aufbau einer Republik freier Frauen und Männer werden uns nie gegeben sein, wenn wir nicht damit beginnen, sie jeden Tag im Rahmen unserer Zuständigkeiten zu verteidigen.
Deshalb möchte ich jetzt einen Aufruf machen, jetzt, wo wir so klar wie nie zuvor die die demokratischen Grenzen des Königreichs Spanien kennengelernt haben. Einen Aufruf an die Parteien, die eine freie Zukunft für Katalonien wollen. Einen Anruf, den Traum nicht zu verwässern. Nach vorne zu schauen, um die Entscheidungen der Gegenwart zu treffen. Jetzt ist nicht der Zeitpunkt, um über die Wahlen nachzudenken, die kommen können. Wir müssen an die zukünftigen Generationen denken. Für sie müssen die heutigen Entscheidungen getroffen werden. Die Qualität unserer heutigen Träume wird die Lebensqualität unserer Kinder und Enkelkinder bestimmen. Und da wir wissen, was unsere Träume sind, müssen wir uns jetzt verpflichten, sie mit konkreten Vorschlägen zu verwirklichen, die allen Vertrauen und Kraft wiederherstellen. Wir müssen die Katalanische Republik ohne Ausreden oder Ängste verwirklichen.
Es ist gut möglich, daß sich die katalanische Gesellschaft wie nie zuvor in Bewegung setzt, um ihre Ablehnung der Urteile zu zeigen. Ich rufe die katalanische Gesellschaft auch dazu auf, diese Mobilisierungen so durchzuführen, wie wir es immer getan haben: zivilisiert, respektvoll, friedlich und entschlossen. Wir dürfen auf keinen Fall auf die Provokationen eingehen, die kommen können. Es hat sich bereits gezeigt, daß die Feinde der Freiheit Kataloniens wollen, daß wir gewalttätig und aggressiv wären. Wir aber wissen, daß der einzige Weg, diesen Kampf zu gewinnen, friedliches Vorgehen und die Entschlossenheit demokratischer Überzeugungen ist.
Wir haben in letzter Zeit schwierige Wege zurückgelegt. Wir sind nicht zurückgewichen, aber wir sind auch nicht vorangekommen, wie es erforderlich gewesen wäre. Und jetzt ist es an der Zeit, den Weg wieder aufzunehmen. Laßt uns zum Vertrauen zurückfinden, ohne Täuschungen oder Trugbilder, aber auch ohne Nachgiebigkeiten oder unnötige Kämpfe. Wie Albert Camus sagte: Die Freiheit ist nichts anderes als eine Gelegenheit, besser zu werden. Laßt sie uns nutzen. Laßt uns frei sein, weil es der einzige Weg ist, um die Freiheit zu erlangen. Das heißt, die Unabhängigkeit.»
Quelle:
https://www.vilaweb.cat/noticies/aprofitar-loportunitat-per-no-malbaratar-el-somni/
(Übersetzung aus dem Katalanischen ins Deutsche: Prof. Dr. Axel Schönberger)
Ob wohl die deutschen Medien darüber angemessen und mit gebotener Neutralität berichten werden?