Abi 2020: Selbstbestimmungsrecht für Schüler*innen

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Sehr geehrte Kultusminister aller Länder, wir fordern das Selbstbestimmungsrecht für Schüler*innen des Abiturs 2020

Wir sind Thekla und Colin, eine Abiturientin und ein Abiturient des Friedrichs-Gymnasium Herford. Wir haben uns dazu entschieden, aktiv zu werden und die Initiative gegen die vorherrschende Ungerechtigkeit zu ergreifen.
Diese Petition beruht auf den jüngsten Entscheidungen der Kultusministerkonferenz, welche am 25.03.2020 zu der Entscheidung gekommen ist, die Abiturprüfungen im Jahr 2020 trotz der Corona-Krise verbindlich stattfinden zu lassen.

Diese Entscheidung halten wir sowohl aufgrund der daraus resultierenden Gefahr für alle Bürgerinnen und Bürger, als auch wegen der damit einhergehenden äußerst ungerechten Behandlung zahlreicher Schülerinnen und Schüler, welche jahrelang hart auf das Abitur hingearbeitet haben, für falsch. Die Entscheidung, sie in dieser so beispiellosen  Krisensituation verbindliche Prüfungen schreiben zu lassen, welche maßgeblich für ihre berufliche Zukunft sind, wurde kurzerhand über unsere Köpfe hinweg getroffen. Diese Entscheidung könnte unüberschaubare Konsequenzen nach sich ziehen, welche längst nicht nur die Schülerinnen und Schüler und dessen Familien treffen, sondern alle Bürgerinnen und Bürger des Landes.

Was wir fordern: 

Eine deutschlandweite Wahlmöglichkeit, welche jeder einzelnen Schülerin und jedem einzelnen Schüler, des Abiturjahrgangs 2020, die Entscheidungsfreiheit einräumt, ob er/sie seine eigene und die Gesundheit seiner Angehörigen für die Abiturprüfungen riskieren möchte. Diese zwei Wahlmöglichkeiten lauten:

  1. Die Teilnahme an den diesjährigen Abiturprüfungen
  2. Das Anfordern eines sogenannten ,,Durchschnittsabiturs”

Unsere Forderung ist fundiert und wohlüberlegt. Deswegen rufen wir dazu auf, diese Petition auch in der Vollversion zu lesen, um die schwerwiegenden Folgen dieser Entscheidung nachvollziehen zu können. (Unseren Lösungsansatz und einen abschließenden Appell finden Sie nochmals am Ende der Vollversion).

Die Kultusminister haben unseren Abiturjahrgang zwar mit ihrer undurchdachten Entscheidung zum Scheitern verurteilt, aber zusammen können wir ihnen aufzeigen, dass wir uns nicht so einfach unterkriegen lassen! 

Abi2020

#ZUMSCHEITERNVERURTEILT


Kurzfassung:

Chancengleichheit und faire Bedingungen für Schülerinnen und Schüler:

Die Corona-Krise sorgt dafür, dass eine ausreichende Abiturvorbereitung in keiner Weise gewährleistet ist, was jeglichen Werten der Chancengleichheit und Fairness widerspricht. Dies ergibt sich aus mehreren Faktoren, welche im Folgenden aufgeführt sind.

  1. Die Wiederholungsphase, die für die Abiturvorbereitung der Schülerinnen und Schüler essentiell ist, konnte an vielen Schulen nicht beendet werden, bzw. an manchen Schulen noch nicht mal begonnen werden.
  2. Die Qualität und der Umfang des digitalen Unterrichts weist starke Diskrepanzen auf.
  3. Außerschulische Abiturvorbereitungskurse und Nachhilfeangebote, die für einige Schülerinnen und Schüler ausschlaggebend für das Bestehen der Abiturprüfungen sind sowie das Lernen in Lerngruppen können nicht stattfinden.

Mentaler Zustand der Schülerinnen und Schüler:

Durch die Corona-Krise und die Entscheidungen der Kultusministerkonferenz vom 25.03.2020, die Abiturprüfungen verbindlich  stattfinden zu lassen, sind die Schülerinnen und Schüler dazu gezwungen, sowohl ihre Abiturvorbereitung als auch ihre Abiturprüfungen unter der Belastung von enormem psychischen Druck, außerdem aufrichtigen Sorgen und Ängsten anzugehen. 

  1. Schülerinnen und Schüler mit Risikopatienten in ihrem Haushalt stehen unter enormem Druck und werden dazu gezwungen, das Risiko einzugehen, der Auslöser für die folgenschwere Erkrankung eines geliebten Menschen zu sein.
  2. Schülerinnen und Schüler, die selbst Teil der Risikogruppe sind, haben als oberste Priorität ihre Gesundheit, welche nun aufs Spiel gesetzt wird.
  3. Bis zu den Abiturterminen werden einige Schülerinnen und Schüler mit dem schweren Krankheitsverlauf einer Person aus ihrem Umfeld konfrontiert werden, was einer ausreichenden Abiturvorbereitung und dem allgemeinen Lernerfolg massiv im Wege steht.

Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger:

Die weitere Ausbreitung des Coronavirus und dementsprechend das Leben von Bürgerinnen und Bürgern wird für die Abiturprüfung riskiert. Infektionsschutzmaßnahmen liefern keine hundertprozentige Garantie und das Ansteckungsrisiko für die Abiturientinnen und Abiturienten sowie für Lehrkräfte bleibt dennoch enorm.

  1. Mit dem Vorhaben des Ministeriums gehen einige Ansteckungsrisiken einher, die sich nicht ausreichend verhindern lassen.
  2. Für die Schülerinnen und Schüler, sowie für Lehrkräfte und deren Angehörige in der Risikogruppe besteht ein fatales Erkrankungsrisiko.
  3. Das Virus ist noch zu unerforscht, um junge und gesunde Menschen als ungefährdet einzustufen.
  4. Viele Infektionen verlaufen asymptomatisch, daher können auch augenscheinlich gesunde Menschen ein Ansteckungsrisiko bergen.
  5. Das Virus ist hochansteckend, daher besteht das Risiko, eine Infektionswelle zu verursachen und damit das Gesundheitssystem zu überlasten.


Vollversion:


Die aktuelle Coronavirus-Situation:

Vor einem Monat sah die Situation in Deutschland noch ganz anders aus. Es gab deutschlandweit 46 Coronavirus-Fälle, die Schulen waren noch offen und unser Abitur war noch nicht in eine politische und gesellschaftliche Streitfrage verwandelt worden.
Diese Zahl hat sich mittlerweile mehr als ver-zehntausend-facht und auch dem Letzten müsste eigentlich der Ernst der Lage klar geworden sein.
Genau, ,,eigentlich”.
Nach heutigem Stand gibt es über 63.929 Covid-19 Infizierte (Stand 30.03.2020, 19:00 Uhr) in Deutschland. Die bloße Tatsache, dass die Fallzahlen um die tausende gestiegen sein werden (um genau zu sein um ca. 14% pro Tag - Stand 30.03.2020), bis Sie als Leser die Möglichkeit bekommen, diese Petition zu lesen, unterstreicht, wie gravierend die Situation ist. Der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn nennt es ,,die Ruhe vor dem Sturm”. Der Präsident des Robert Koch Instituts Prof. Dr. Lothar H. Wieler nennt es den ,,Anfang einer Epidemie”.
Doch nicht nur die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus ist unvorhersehbar. Auch der durch den Virus ausgelöste Krankheitsverlauf ist vielen Wissenschaftlern noch ein Rätsel. Es sterben jeden Tag Menschen, die eigentlich nicht als durch den Virus ,,gefährdet” galten - junge, gesunde Menschen.
Die New York Times berichtet von dem Fall zweier chinesischer Frauen, welche die gleichen Grundvoraussetzungen aufwiesen: 29 Jahre alte, gesunde Mütter, die in einem Krankenhaus in Wuhan arbeiteten. Sie erkrankten beide an Covid-19. Eine der beiden Frauen überlebte, die andere nicht und die Wissenschaftler verbleiben ratlos, weshalb es so kommen musste.
Merkel bezeichnete diese Krise als ,,größte Herausforderung seit dem 2. Weltkrieg”. In einer solchen Ausnahmesituation muss man bereit sein, auf Ausnahmelösungen zurückzugreifen. Es ist über alle Maße verantwortungslos am ,,Anfang einer Epidemie”, ausgelöst durch ein noch nicht ausreichend erforschtes Virus, mit bereits über 63.000 Infizierten allein in Deutschland, weiterhin auf die gewohnte Vorgehensweise zu beharren. Dies ist, trotz dreiwöchiger Verschiebung und Abiturprüfungen ,,unter besonderen Bedingungen”, unbegreiflich. Großbritannien hat bereits vor zwei Wochen, ohne ein Hin-und-her-Schwanken, die Prüfungen des britischen Abiturs vollständig abgesagt und gegen ein Durchschnittsabitur ersetzt. Auch die Prüfungen des ,,International Baccalaureate Diploma”, ein internationaler Schulabschluss, welcher gleichwertig mit unserem Abitur ist, wurde in allen 158 Ländern, in denen das Diplom angeboten wird, abgesagt. Mit der Begründung, dass das Durchführen von Prüfungen in der derzeitigen Situation “unethisch” und “unfair” sei, erhalten die insgesamt über 200.000 Schüler nun das Durchschnittsabitur. Zeit, dass Deutschland aufwacht!

 

Chancengleichheit und faire Bedingungen für Schülerinnen und Schüler:

Es ist in den letzten Wochen häufig von Gerechtigkeit die Rede. Bei näherer Betrachtung wird allerdings deutlich, dass für diese herzlich wenig Platz gelassen wird. Ihr wird von den politischen Bestrebungen, das Abitur möglichst nach den bekannten Normen und Regelungen stattfinden zu lassen, die Luft zum Atmen genommen.
Erneut gilt festzuhalten: Wenn die Ausgangslage von Nachteilen geprägt ist, ohne dass diese ausgeglichen werden, kann das Resultat nicht als fair betitelt werden.
In dem Moment, an dem die Schulen geschlossen wurden, waren die Abiturientinnen und Abiturienten hinsichtlich ihrer Abiturvorbereitung bzw. der sogenannten Wiederholungsphase an den unterschiedlichsten Punkten . Manchen Schülerinnen und Schülern fehlten in ihren Prüfungsfächern nur noch wenige Themen aus der Wiederholung. Manche waren noch mittendrin. Manche standen noch am Anfang und andere waren noch nicht einmal mit dem letzten Thema des Kernlehrplans fertig.
Als der Schulunterricht, wie wir ihn kannten, schließlich offiziell vorbei war, wurde den Schülerinnen und Schülern eigentlich  digitaler Unterricht als adäquaten Ersatz versprochen. Erneut, ,,eigentlich”.
Auch hier finden sich die Schülerinnen und Schüler in äußerst divergierenden Situationen wieder. Während für manche Schülerinnen und Schüler die Wiederholungsphase von beinahe identischem Radius, in sogenannten ,,digitalen Klassenräumen”, fortgeführt wird, warten andere Schülerinnen und Schüler sehnlich auf unregelmäßige E-Mails mit bestenfalls einzelnen Lernmaterialien. Diese E-Mails, welche für manche Schülerinnen und Schüler die gesamte Wiederholungsphase darstellen, können leider in den meisten Fällen keinem Unterricht gleichkommen.
Die Qualität und der inhaltliche Umfang der fortgeführten Wiederholungsphase, auf welche die Schülerinnen und Schüler angewiesen sind, ist bedauerlicherweise ganz von dem individuellen Engagement der einzelnen Lehrkräfte abhängig und nicht von spezifischen Anordnungen des Ministeriums.
Abgesehen von dem mangelnden Unterricht, ist die Situation der Abiturientinnen und Abiturienten aus dem Jahrgang 2020 auch hinsichtlich der außerschulischen Möglichkeiten zur Abiturvorbereitung mit kaum einem anderen Jahrgang zu vergleichen.
Häusliche Quarantäne, Kontaktverbote und Verordnungen zur Schließung jeglicher öffentlicher Einrichtungen dominieren den Alltag der angehenden Abiturientinnen und Abiturienten.
Sozialwissenschaftler sind der Überzeugung, dass ein gesunder Freizeitausgleich, welcher unter den gegebenen Bedingungen gänzlich eingeschnürt wird, essentiell für den Lernerfolg sei.
Nachhilfeangebote und spezielle Prüfungsvorbereitungskurse können nicht mehr stattfinden und dienen im Normalfall häufig als fundamentaler Bestandteil der Abiturvorbereitung vieler Schülerinnen und Schüler.
Die Möglichkeit, sich unter Schulkameraden zu Lerngruppen zusammenzuschließen, welche sich erwiesenermaßen als effektiv für eine ausreichende Vorbereitung zeigt, ist nun ebenfalls ausgeschlossen.
All diese genannten Voraussetzungen waren den vorherigen Abiturjahrgängen gegeben und werden voraussichtlich auch den zukünftigen Abiturjahrgängen zur Verfügung stehen.
Das Wegfallen dieser Voraussetzungen durch die Coronavirus-Situation, sorgt für einen erheblichen Nachteil der Schülerinnen und Schüler des diesjährigen Abiturjahrgangs. Das Abitur dient als Grundbaustein für den Einstieg in einen neuen Lebensabschnitt und ist von entscheidender Bedeutung für die berufliche Zukunft der Schülerinnen und Schüler. Daher widerspricht es jeglichen Kernprinzipien der Gerechtigkeit, dieses trotz dieser Sondersituation, für alle Schülerinnen und Schüler verbindlich stattfinden zu lassen. Sonst gleicht das diesjährige Abitur vielmehr einem Belastungs- oder Stresstest, als einer fairen Prüfung, die eigentlich mit dem Wort Chancengleichheit in Verbindung gebracht werden sollte.

 

Mentaler Zustand der Schülerinnen und Schüler:

Großeltern und Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Kinder sorgen sich um ihre Großeltern und Eltern. Es herrscht eine noch nie zuvor dagewesene Situation in Deutschland: Ausnahmezustand.
Abgesehen von den Zahlen, Statistiken und Prognosen, wird von dem Schulministerium über einen weiteren wichtigen Aspekt hinweggesehen: Die Auswirkungen dieser Krise auf die psychische Gesundheit der Schülerinnen und Schüler.
Ständige Ungewissheit, Existenzängste, Panikzustände. All diese Dinge stehen für viele Schülerinnen und Schüler zu diesen beispiellosen Zeiten an der Tagesordnung, aber ein Wort schürt wahrscheinlich die meisten Sorgen: Risikogruppe.
Dies lässt sich sehr gut an dem Beispiel unserer Stufe, die Q2 des Friedrichs-Gymnasiums in Herford, veranschaulichen: Von insgesamt 83 Schülerinnen und Schülern sind 9 selbst Teil der Risikogruppe und 45 Schüler leben mit einer Person aus der Risikogruppe zusammen in einem Haushalt.
Es lässt sich klar erkennen, dass die Menschen, die durch die geplanten drei Wochen Schulunterricht, die Abiturprüfungen und dem dadurch einhergehenden erhöhten Infektionsrisiko in potentielle Lebensgefahr geraten, keine Minderheit darstellen. Das Ausmaß an psychischer Last, die daraus folgt, ist kaum auszumalen und die Fortführung des jetzigen Plans des Ministeriums widerspricht nicht nur dem Ideal der Chancengleichheit, sondern auch jeglichen Werten der Menschlichkeit.
Denn auf Kindern mit Risikogruppen im unmittelbaren Umfeld lastet bereits von Zuhause aus enormer Druck: Sie sorgen für den Haushalt, kümmern sich um jüngere Geschwister und tätigen Einkäufe für Angehörige in Quarantäne, solange sie noch das Privileg haben, sich nicht selbst in vollkommene Quarantäne begeben zu müssen, in dem verzweifelten Versuch, die Risikopatienten zu entlasten und vor  jeglichen vermeidbaren Infektionsrisiken zu schützen. Es ist daher nur allzu verständlich, dass diese beanspruchten Schülerinnen und Schüler sich in einer solchen Situation mehr um die Risikopatienten in ihrem nahen Umfeld sorgen und kümmern, als um ihr Abitur. Im Anschluss daran sollen die Schülerinnen und Schüler jetzt auch noch die Abiturprüfungen in der beständigen (und berechtigten) Angst beschreiten, möglicherweise der Grund für die fatale Erkrankung eines geliebten Menschen zu sein, bloß weil sie ihrer Abiturpflicht nachzukommen haben und gezwungen werden, sich mit ihrer Verantwortung gegenüber ihren Familien abzufinden.
Eine ähnliche Last liegt auch auf den Schultern der Schülerinnen und Schüler, die selbst Teil der Risikogruppe sind. Sie werden gezwungen, sich drei Wochen lang jeden Tag einem massiv erhöhten Ansteckungsrisiko auszusetzen, um anschließend auch noch an den Prüfungsterminen dasselbe Spiel über sich ergehen zu lassen - dies ist in keinem Falle zu verantworten (In NRW sollen sich die angehenden Abiturientinnen und Abiturienten vom 20.04.2020 drei Wochen lang in den normalen Schulunterricht begeben, bevor ab dem 12.05.2020 die Abiturprüfungen landesweit unter Infektionsschutzmaßnahmen starten).
Es ist davon auszugehen, dass im Verlauf der nächsten Wochen, einige der ca. 350.000 Abiturientinnen und Abiturienten Zeugen eines schweren, möglicherweise sogar fatalen Krankheitsverlaufs einer Person aus ihrem engeren Bekanntenkreis sein werden. Dies wird der angemessenen Abiturvorbereitung enorm im Wege stehen.
Außerdem haben viele Familien zurzeit mit elementaren Existenzängsten zu kämpfen (Arbeitslosigkeit, Insolvenz oder Kurzarbeit von Eltern). Die Ungewissheit in dieser unüberschaubaren Krise treibt viele Familien an ihre Grenzen, was sich wiederum stark auf die Abiturientinnen und Abiturienten in den besagten Familien auswirkt.
Aufgrund der genannten massiven psychischen Belastungen, ist der additionale Stress der Abiturprüfungen, hinsichtlich des derzeitigen mentalen Zustandes vieler Schülerinnen und Schüler, nicht tragbar.

 

Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger:

Das neuartige Coronavirus ist noch nicht ausreichend erforscht. Was man aber weiß, ist, dass es hochinfektiös ist. Es wird über Tröpfchen- und Schmierinfektionen übertragen. Das Virus kann nachgewiesenermaßen mehrere Tage auf Oberflächen überleben.
Es reicht eine Sekunde in der man sich mit nicht angemessenem Sicherheitsabstand miteinander unterhält, die Berührung von Abiturhilfsmitteln, wie Wörterbüchern - die von den Lehrkräften kontrolliert werden müssen - ein Niesen, ausgelöst durch die gegenwärtige Pollensaison, ein Gang zur Schultoilette oder eine unbewusste Berührung an Nase, Mund oder Augen, um eine möglicherweise tödlich verlaufende Erkrankung hervorzurufen. Damit wären wir auch schon beim nächsten Punkt:
Die Tödlichkeit des Virus.
Jedes mal, wenn die Wissenschaft denkt, mit seiner Erforschung einen Schritt weiter gekommen zu sein, erliegt irgendwo auf der Welt ein junger Mensch dem Virus, ohne jegliche Vorerkrankungen gehabt zu haben und demnach laut den bisherigen Berechnungen der Risiken eigentlich nicht als gefährdet galt. Schon scheint man wieder am Anfang zu stehen.
Genau das ist das Problem an dieser Krankheit - sie ist genauso unberechenbar wie unkontrollierbar.
Dies veranschaulicht ebenfalls der tragische Fall der 16-jährigen Julie A. aus Frankreich, welche ohne jegliche Vorerkrankungen an Covid-19 verstarb. Es wird immer deutlicher, dass es jeden von uns treffen kann.
Im Durchschnitt steckt jede infizierte Person 2-2,5 weitere Personen an, doch nicht jeder Infizierte weist die gleichen Symptome auf. Manche, vor allem junge Menschen, zeigen gar keine. Das bedeutet allerdings nicht, dass diese asymptomatischen Fälle weniger ansteckend sind. Im Gegenteil.
Das Beispiel von Patient 31 in Südkorea zeigt, wie verheerend die Auswirkungen einer asymptomatischen Covid-19 Erkrankung sein können. Eine 61-jährige Frau in Südkorea, welche mit dem Coronavirus infiziert war, sich jedoch gesund fühlte, steckte bei einem einzigen Kirchentreffen 15 weitere Leute an. Sie wurde erst im Nachhinein positiv getestet. Im Verlauf der Wochen steckten sich über 100 weitere Gemeindemitglieder an. Nach einem Monat waren 5.080 Infizierte, von insgesamt 9.137 Infizierten in Südkorea, auf Patient 31 zurückzuführen.
Ein solcher Verlauf ist auch in unserer Situation nicht auszuschließen. Es könnte eine desaströse Infektionswelle ausgelöst werden, die für das Gesundheitssystem absolut untragbar wäre.
Vor allem die Jugendlichen, die ehrenamtlich Unterstützung bei der Eindämmung des Virus und der Versorgung der Erkrankten leisten wie z.B. in Abstrichstellen, erhöhen das Risiko für die Infektion ihrer Mitschüler. Sie können, aufgrund fehlender Symptome, infiziert sein ohne jegliche Chance, dies zu ahnen. Durch das verbindliche Stattfinden der Abiturprüfungen werden sie dazu gezwungen, der mögliche Grund für die Infektion eines Mitschülers oder deren Angehörigen und dem potentiell darauffolgend tödlichen Krankheitsverlauf zu sein. Dabei hatten sie doch bewusst ihre eigene Gesundheit aufs Spiel gesetzt, um Leben zu retten.
Viele Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte sind bei ihrem Schulweg auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen. In den Schulen angekommen, kann weder sichergestellt werden, dass jederzeit der Mindestabstand eingehalten wird, noch können die vielen anderen Risikofaktoren, die mit dem Schulbesuch für die Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte einhergehen, ausgeschlossen werden. Es besteht noch nicht einmal die Möglichkeit, die Schulen mit Schutzkleidung auszustatten, da bei diesen Knappheit herrscht.
Es besteht daher Grund zur Annahme, dass wegen der mangelnden Möglichkeiten zur Eindämmung von Infektionsrisiken, dem vorhandenen Anteil an Risikogruppen innerhalb der Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte und Angehörigen und der Unberechenbarkeit des Virus auch Tote eine Folge des erhöhten Infektionsrisikos sein können. Doch wer ist bereit, nach den abgelegten Abiturprüfungen die potentiellen Tode unserer Mitschülerinnen und Mitschüler, Lehrkräfte und Angehörigen zu verantworten?

 

Unser Lösungsansatz:

Eine deutschlandweite Wahlmöglichkeit, welche jeder einzelnen Schülerin und jedem einzelnen Schüler, des Abiturjahrgangs 2020, die Entscheidungsfreiheit einräumt, ob er/sie seine eigene und die Gesundheit seiner Angehörigen für die Abiturprüfungen riskieren möchte. Diese zwei Wahlmöglichkeiten lauten:

  1. Die Teilnahme an den diesjährigen Abiturprüfungen
  2. Das Anfordern eines sogenannten ,,Durchschnittsabiturs”

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Warum fordern wir diese Wahlmöglichkeit?

Die Wahlmöglichkeit umfasst alle Kernelemente (Chancengleichheit und faire Bedingungen für Schülerinnen und Schüler, Mentaler Zustand der Schülerinnen und Schüler, Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger) und berücksichtigt somit die individuelle Ausgangslage aller Schülerinnen und Schüler in dieser so einzigartigen Krisensituation. Zudem ist die Umsetzung dieses Lösungsansatzes im Bereich des Möglichen, da die erbrachten Leistungen der Schülerinnen und Schüler innerhalb der Qualifikationsphase eine ausreichende Grundlage für ein abschließendes Abiturzeugnis darstellen.


Warum umfasst unser Lösungsansatz alle Kernelemente?

Chancengleichheit und faire Bedingungen für Schülerinnen und Schüler & Mentaler Zustand der Schülerinnen und Schüler:

Diese beiden Kernelemente sind in unserem Lösungsansatz enthalten, da der Lösungsansatz die individuelle Situation jeder Schülerin und jedes Schülers in der aktuellen Krisensituation berücksichtigt. Aufgrund der aktuellen Krisensituation gibt es für beide Wahlmöglichkeiten hinreichende Gründe. Auf der einen Seite werden Schülerinnen und Schüler, welche danach streben ihr Abitur durch die Teilnahme an den Prüfungen zu verbessern, nicht gehindert. Auf der anderen Seite müssen Schülerinnen und Schüler, welche sich durch die aktuellen Umstände nicht in der Lage fühlen, keine Prüfungen absolvieren, deren Ergebnisse maßgeblich für ihre berufliche Zukunft sind. Gründe, welche dafür sorgen, dass Schülerinnen und Schüler sich, in dieser Krisensituation, möglicherweise nicht in der Lage fühlen, die Prüfungen zu absolvieren, existieren sowohl durch die eingeschränkten Vorbereitungsmöglichkeiten, da Nachhilfeangebote und Abiturvorbereitungskurse in der Krisensituation nicht zugänglich sind und Schulunterricht entfallen ist, als auch durch die Einwirkung von psychischem Druck, Ängsten und Sorgen um ihre eigene und um die Gesundheit von Familienmitgliedern. 


Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger:

Dieses Kernelement ist dadurch enthalten, dass durch die geforderten Wahlmöglichkeiten zahlreiche Schülerinnen und Schüler in ganz Deutschland nicht an den diesjährigen Abiturprüfungen teilnehmen würden. Somit müssten weniger Schülerinnen und Schüler für ihren Weg zu den Prüfungen auf öffentliche Verkehrsmittel zurückgreifen, welche besonders in Zeiten der Pollensaison ein enormes Infektionsrisiko darstellen. Außerdem wäre es einfacher, während der Prüfungen die Infektionsschutzmaßnahmen einzuhalten.
Das potentielle Risiko, eine starke Infektionswelle im Land auszulösen, wäre obendrauf um einiges kleiner.


*In allen Bundesländern in denen 3-wöchiger Unterricht geplant war (wie z.B. in NRW) wird stattdessen digitaler Unterricht bereitgestellt. Das Ministerium soll den Lehrkräften spezifische Anordnungen geben, wie sie diese digitale Wiederholungsphase zu gestalten haben, damit auch für die Schülerinnen und Schüler unter uns, die dennoch an den Prüfungen teilnehmen wollen, zumindest annähernd faire Bedingungen gelten und das gesundheitliche Risiko minimiert wird.

*Aus Solidarität zu Schülerinnen und Schülern aus Hessen und Rheinland-Pfalz, fordern wir auch für diese Gerechtigkeit, indem auch sie die Wahl bekommen die bereits geschriebenen Prüfungen gelten zu lassen oder das Durchschnittsabitur zu erhalten.

*Aus Solidarität zu den Schülerinnen und Schülern, welche trotz der jetzigen Situation ihre Zentralen Prüfungen ablegen müssen, bitten wir das Ministerium inständig, auch hier die Entscheidung erneut zu überdenken.


Grundvoraussetzung:

Die einzige Grundvoraussetzung, für unseren Lösungsansatz, besteht bereits durch die Einigung der Kultusminister aller Bundesländer, seit den Kultusministerkonferenzen vom 12.03.2020 und 25.03.2020. Dort fiel der Beschluss das diesjährige Abitur, trotz der Corona-Krise, basierend auf der Grundlage gemeinsamer Regelungen, auch im Falle eines Entfallens der Abiturprüfungen, länderübergreifend, anzuerkennen.

 

Abschließender Appell:

Wir stimmen zu, dass das Abitur nicht geschenkt sein soll, sondern aus Leistung und Wissen zu resultieren hat und den Reifegrad für Universitäten und Institute bestimmen soll.
Ob und wie würdig die Abiturienten sind, mit einer gewissen Benotung ausgezeichnet zu werden, zeigt sich in dem gesamten Werdegang und schulischem Leistungsvermögen der Schülerinnen und Schüler. Dies wird durch die bisher abgelegten Leistungsabnahmen im Verlauf der Qualifikationsphase ausreichend aufgezeigt und nicht etwa durch die Abschlussprüfungen, welche letztendlich eine Zusammenfassung der bereits abgefragten Inhalte darstellt. 
In einer Krisensituation wie dieser ist der Zusammenhalt aller Betroffenen in besonderem Maße gefragt. Die Corona-Krise hat in den letzten Tagen, Wochen und Monaten dramatische Formen angenommen und betrifft inzwischen jeden Einzelnen von uns. Eine mögliche Verbesserung der aktuellen Fallzahlen bedeutet noch lange nicht, dass das Leben wie vor dem Beginn der Corona-Krise weitergeführt werden kann. Eine solche Krisensituation kann nur gemeinsam, unter Einhaltung konsequenter Maßnahmen über einen längeren Zeitraum bestritten und bewältigt werden. Sobald auch nur ein Mensch die Einhaltung dieser Maßnahmen nicht beachtet, ist eine unüberschaubare Anzahl an Menschen gefährdet.
Die Kenntnis über die folgenschwere Missachtung dieser Maßnahmen hat uns Menschen dazu bewegt, das öffentliche Leben fast vollständig lahmzulegen und gesamte vorherrschende Konzepte und Strukturen über den Haufen zu werfen, um Fortschritte bei der Bekämpfung des Coronavirus zu erzielen.
Den Abiturprüfungen wird jedoch scheinbar, laut Auffassung der Kultusminister, eine derartige Wichtigkeit zugeordnet, eine drastische Verschlimmerung der Situation hinzunehmen. Im Falle einer bis dahin eingetretenen Verbesserung der Situation, wird auch nicht davor zurückgeschreckt, eine neue gewaltige Welle an Infektionen in Kauf zu nehmen. Triftige Gründe für das Vorhaben der Kultusminister, die Abiturprüfungen trotz der Corona-Krise stattfinden zu lassen, werden keine genannt. Stattdessen aber wird die Besorgnis und die Prioritäten mancher Politiker und Bildungsforscher, in Aussagen rund um die Kultusministerkonferenz vom 25.03.2020 deutlich. Es ist die Rede von einer möglichen ,,Inflation der Noten im Abitur”, wie es der Kieler Bildungsforscher Olaf Köller in einem Interview mit der Zeitung ,,Die Zeit” ansprach, oder etwa die Ansicht, man würde vorherige oder zukünftige Abiturjahrgänge benachteiligen. Ebenfalls wird es für wichtig gehalten, die Durchfallquoten im diesjährigen Abitur konstant und vergleichbar zu vergangenen Jahrgängen zu halten. Schockierend, dass solche Punkte zu Zeiten derartiger Krisen-Situationen, in denen es schlichtweg um Leben und Tod geht, als Argumente für ein Stattfinden der Abiturprüfungen angeführt werden. Von argumentativen Ebenen wie dieser, möchten wir eigentlich Abstand bewahren, trotzdem wollen wir anmerken, dass Aussagen wie diese keinesfalls auf vorhandenen Daten oder Fakten beruhen, sondern lediglich Mutmaßungen darstellen. Es ist ebenfalls zu hinterfragen, ob die vorherigen und zukünftigen Abiturjahrgänge tatsächlich so wenig Solidarität und Verständnis für die schwierige Situation dieses Jahrgangs aufweisen würden und die Möglichkeit des Durchschnittsabiturs als ungerecht empfänden, wie es der Hamburger Schulsenator Ties Rabe von der SPD (KMK-Mitglied) angedeutet hat. Schließlich sind sich die meisten Menschen dem Ernst der Lage bewusst und möchten eine weitere Infektionswelle, bei der auch sie geliebte Menschen verlieren könnten, um jeden Preis vermeiden. Einzelfälle, welche sich nicht an die geltenden Beschränkungen und Maßnahmen halten, sind erschreckend. Einen ganzen Abiturjahrgang jedoch bewusst dem Risiko einer Infektion auszusetzen, grenzt an einem Skandal.

Das Leben von uns und unseren Angehörigen wird mit dem Stattfinden der Abiturprüfungen auf eine Waage gelegt; Es ist erschreckend und erschütternd zugleich, dass das Abitur scheinbar mehr Gewicht hat als unser gesundheitliches Wohlergehen.
Es geht bei dieser Frage nicht darum ,,sich vor den Abiturprüfungen zu drücken” oder ,,Corona als Ausrede zu benutzen”, wie es häufig in Aussagen von Politikern und Bildungsforschern dargestellt wurde.
Besorgte Schülerinnen und Schüler, Eltern und Lehrkräfte tun alles, was zurzeit möglich ist, um ihrer Unzufriedenheit Ausdruck zu verleihen. Sie wenden sich an Petitionen und öffentliche Medien, aber weil Demonstrationen gerade nicht im Bereich des Möglichen liegen, ist es nur allzu einfach diese Forderungen gekonnt zu ignorieren. Schluss damit.
Grundgesetz Art.2 Satz II:
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Die Abiturpflicht ist alles andere als ein legitimer Grund um dieses Grundrecht kurzerhand außer Kraft zu setzen. Die Schülerinnen und Schüler werden nicht als vollwertige Menschen angesehen, stattdessen ist die Rede von Statistiken der guten Noten Inflation und der unumgänglichen Abiturpflicht. Scheinbar über Nacht, sind wir, zusammen mit unserem Abitur, zu Zahlen in einer Statistik und Schachfiguren auf dem großen Schachbrett des deutschen Bildungssystems geworden. Wir müssen nun eben unseren Zweck erfüllen, egal ob Ungerechtigkeit herrscht oder Menschen sterben könnten. Darüber hinaus herrscht auch noch öffentliche Empörung darüber, dass wir uns mit dieser Pflicht nicht abfinden wollen. Es scheint kaum zu fassen, dass wir uns die Dreistigkeit erlauben, entscheiden zu wollen, ob wir unsere Gesundheit und die unserer Angehörigen für unser Abitur riskieren wollen.
Genau darum geht es nämlich. Wir wollen nicht, dass Schülerinnen und Schülern, die potentiell ihr Leben oder ihre Angehörigen verlieren könnten, die Entscheidung, an den Abiturprüfungen teilzunehmen, aberkannt wird. Wir wollen aber auch nicht, dass den Schülerinnen und Schülern, die bereit wären, das Risiko einzugehen, weil sie etwa kein Teil der Risikogruppe sind oder keinen Teil der Risikogruppe Zuhause haben, ihr Recht auf die Abiturprüfungen verweigert wird.
Wir fordern lediglich das uns zustehende Grundrecht der Selbstbestimmung ein und bitten die Kultusminister*Innen, die Entscheidungen eines jeden von uns zu respektieren und endlich anzufangen, uns wie selbstbestimmte Menschen zu behandeln.

 

Presseanfragen: zumscheiternverurteilt@gmail.com

Unsere Quellen:
https://docs.google.com/document/d/1lAU8bu5U0_HXrlXLzSl6D_5F48ywDvxn7xllqu-IF70/edit?usp=sharing