

Liebe Unterstützerin, lieber Unterstützer,
vor vier Jahren habt ihr unterschrieben – für Marina Owsjannikowa und für mehr als 14.000 andere Menschen, die in Russland Nein zu einem Angriffskrieg gesagt hatten. Über 137.000 von uns haben das damals getan. Heute möchte ich euch erzählen, was aus Marina geworden ist. Und warum ich seither nicht stehengeblieben bin.
Erinnert ihr euch an das Bild? Eine Frau tritt während der Hauptnachrichten ins Bild des russischen Staatsfernsehens, mit einem Schild, das die Menschen bittet, der Propaganda nicht zu glauben. Für diesen einen Moment hat Marina alles riskiert.
Sie wurde verhört, mit Geldstrafen belegt, unter Hausarrest gestellt. Wenige Tage vor ihrem Prozess schnitt sie ihre elektronische Fußfessel durch und floh mit ihrer damals elfjährigen Tochter aus Russland – nachts, zu Fuß über die Grenze, mit Hilfe von Reporter ohne Grenzen. Frankreich gewährte ihr Asyl.
Doch der russische Staat ließ nicht ab. 2023 wurde sie von einem Moskauer Gericht in Abwesenheit zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt. Im selben Jahr sprach man ihr das Sorgerecht für ihre Kinder ab – und unter denen, die vor Gericht gegen sie aussagten, war ihr eigener Sohn, der in Russland geblieben war. Französische Ermittler gingen später einer mutmaßlichen Vergiftung nach. 2025 setzte Moskau sie auf die Liste der „ausländischen Agenten".
Und trotzdem: Sie schweigt nicht. Zuletzt im Februar dieses Jahres stand sie auf der Bühne des Genfer Menschenrechtsgipfels – und nahm dabei kein einziges Wort zurück.
Eure Unterschriften haben gewirkt; internationaler Druck hat in solchen Fällen schon Türen geöffnet und Menschen geschützt. Aber wir müssen auch ehrlich sein: Die Forderung von damals, die Straffreiheit, ist von der Wirklichkeit brutal überholt worden.
Marina ist nicht frei. Sie ist in Sicherheit, aber im Exil, verurteilt, von einem ihrer Kinder getrennt – der Preis für einen einzigen Satz Wahrheit.
Was bedeutet Solidarität, wenn ein Fall sich so entwickelt? Für mich bedeutet sie: sich nicht nur über den Einzelfall empören, sondern das Übel an der Wurzel packen.
Ich weiß ein wenig, wovon ich rede. Auch ich wurde einmal vor Gericht gezerrt, weil ich eine unbequeme Wahrheit ausgesprochen hatte – in einem der größten Meinungsfreiheits-Prozesse der letzten Jahre, den ich am Ende gewann. Diese Erfahrung hat eine Frage in mir hinterlassen, die mich nicht mehr losließ: Wie kämpft man gegen Repression und gegen das Verstummen der Wahrheit nicht Fall für Fall, sondern grundsätzlich?
Meine Antwort heißt What.works.
Seit einem Jahr betreibe ich einen gemeinnützigen Verein, der nichts anderes tut, als herauszufinden, was gegen diese Probleme wirklich wirkt – um es über alle Kanäle sichtbar zu machen. Was wirkt gegen die Aushöhlung der Demokratie, die Propaganda – und die Verfolgung derer, die der Propaganda widersprechen. Was wirkt wirklich gegen genau jene Mechanik, deren Opfer Marina geworden ist.
Im ersten Jahr habe ich mehr als 100 ausführliche Essays geschrieben; daraus ist einer der meistgelesenen deutschsprachigen Substack-Kanäle geworden. Jetzt beginnt das zweite Jahr, und mit ihm größere Pläne: Bücher – und ein YouTube-Kanal, der meine Essays zu Filmen macht und Menschen erreicht, die von alldem noch nie gehört haben. Denn am Ende entscheidet die Reichweite, ob Wahrheit gehört wird oder verstummt.
Damit komme ich zu meiner Bitte: wenn euch der Geist eurer damaligen Unterschrift am Herzen liegt, wenn ihr wollt, dass die Wahrheit lauter wird als die Propaganda, dann könnt ihr diese Arbeit unterstützen. Das zweite Jahr finanzieren wir gerade über GoFundMe:
👉 https://www.gofundme.com/f/whatworks-verlag
Was ihr 2022 getan habt, war richtig, und es war nicht umsonst. Solidarität mit den Mutigen hat kein Ablaufdatum – sie sucht sich im Gegenteil immer neue Wege.
Danke, dass ihr damals da wart - und heut da seid.
Alexander Schiebel