7 Nov 2016
Der Herbst ist gekommen. Das nasse Blatt klebte an der roten Schnauze fest. Es ist genauso rot wie er: Der junge Fuchs. Er kann jetzt selbständig Höhlen graben, Nahrung finden und kann ein richtiger Waldbewohner sein. Dank der Wildtierarche – der kleinen Insel des Guten in Rodgau-Dudenhofen. Es ist noch nicht so lange her, dass er zusammen mit seiner Mutter und drei Geschwistern in einer Fuchshöhle lebte. Die Fuchs-Mutter sagte damals immer wieder: „Tiere und Menschen haben parallele Lebensräume, parallele Wege, die sich nie kreuzen sollten!“, erinnert sich der junge Fuchs. Das Leben hatte ihn aber gezwungen, sich anders überzeugen zu müssen…Was war passiert?
Die Fuchs-Mutter, die sich immer um uns gekümmert hatte, kam eines Tages nicht zurück. Auch am nächsten Tag tauchte sie nicht auf. Wir warteten in unserer Höhle und merkten plötzlich, dass dicke Baumstämme unsere Eingänge blockierten. Die Höhle, wo wir schliefen, wurde zugeschüttet. Wir schafften es, uns zu befreien und zum Waldrand vorzudringen. Mein Schwesterchen und ich verletzten uns dabei die Pfoten. Noch zwei Geschwister folgten uns. Wir kämpften mit Hunger und Kälte. Die Angst und der Schmerz wurden immer schlimmer. Unsere Mutter hatte uns ja gelehrt, dass die Wege der Natur und der menschlichen Welt sich nicht kreuzen sollten. Die wilde Welt ist eine wilde Welt. Die menschliche Zivilisation ist eine Parallelwelt. Wir hatten aber schon von Fällen gehört, in denen der menschliche Weg direkt oder indirekt durch unsere wilde Tierwelt verlief. Die schrecklichen Geschichten über die Mähdrescher, die die im Gras liegenden Rehkitze versehentlich überrollt hatten, kleine Wildschweinchen, die plötzlich keine Mutter mehr hatten, weil sie unter den Rädern eines Autos auf einer neu gebauten Straße bei einem Unfall getötet wurde, wo früher ein dichter Wald war. Wir hatten traurige Geschichten über kleine Vögel gehört, die gestorben sind, weil sie Insekten gefressen hatten, die mit giftigen Chemikalien auf besprühten Bäumen und Büschen in Berührung gekommen waren.
Die Kälte raubte uns die letzten Kräfte. Wir hatten von Förstern gehört, die vielleicht helfen könnten, aber erstarrt von Angst, haben wir uns nicht getraut, unser Versteck zu verlassen. Wir befanden uns also in den Wacholderbüschen mit wenig Hoffnung auf Rettung. Schnell kam der Abend und die Sonne konnte uns nicht mehr wärmen. Die kühle Nacht erzählte von unseren Ängsten und dem dringenden Wunsch, die Nähe unserer Fuchs-Mutter zu spüren, der sicherlich etwas zugestoßen war. Am nächsten Morgen passierte etwas Schlimmes: Das Schwesterchen atmete nicht mehr, das flauschige Köpfchen hatte sie zwischen meine Pfoten gebettet, bevor sie leise starb. Ihr Ohr leckend, hoffte ich, sie irgendwie noch zu retten. Doch es hat nicht geholfen… Überwältigt von dem riesigen Schmerz und der allgegenwärtigen Angst fing ich an, leise zu wimmern: «Rettet uns!». Irgendwo von oben kommend hörte ich plötzlich Stimmen. Kurz darauf sahen wir Menschen. Wir waren zu schwach, um fortzulaufen.
„Mutter, schau, da sind irgendwelche Tiere!“, schrie das Kind.
„Es sind wahrscheinlich kleine Fuchswelpen“, sagte die Mutter verwirrt.
Über einen unbeweglichen Körper eines kleinen Fuchses tanzten ein paar fette Fliegen.
„Oh, dieser scheint nicht mehr am Leben zu sein“, flüsterte die Mutter.
„Bitte, Mutter, wir müssen sie zu uns nach Hause nehmen, damit sie mit unseren Welpen spielen können. Sie werden richtige Freunde sein. Sie sind doch genauso klein wie sie“, bat der Junge verzweifelt.
„Nein, das können wir nicht“, sagte die Mutter, „es sind wilde Tiere, und unsere Welpen sind Haustiere“.
„Aber sie zittern… Wahrscheinlich haben sie Hunger. Und wo ist ihre Mutter?“
„Wir sollten jetzt gehen. Ihrer Mutter ist wahrscheinlich etwas zugestoßen, mein Kleiner. Wir sind nicht imstande, der wilden Natur zu helfen. Sie soll sich am besten selbst helfen… Damit sollen sich die Menschen beschäftigen, die hier eine Ahnung haben. Ich weiß nicht, wie wir die Füchse retten können.“
„Aber ihnen geht es doch wirklich sehr schlecht!“, die Tränen strömten aus seinen Augen. „Wir müssen sie retten!“, der Kleine stampfte mit einem Bein auf den Waldboden. „Und wenn ich mal in Gefahr bin – wird mich dann auch niemand retten? Und ich bleibe dann auch ganz alleine auf mich gestellt?“
Die Mutter wählte eine Rufnummer auf ihrem Handy. Sie erklärte etwas mit einer besorgten Stimme. Dann wählte sie noch eine Rufnummer. Und noch eine… Die ganze Zeit saß ihr Sohn neben den kleinen Fuchswelpen und blies warme Luft auf ihr Fell.
„Wenn es Wildtiere sind, heißt es, dass wir ihnen nicht helfen sollen? Sie sind doch in großer Not“, murmelte der Kleine weinend vor sich hin. „Und was ist, wenn wir alle auch irgendwann mal alleine sind und Hilfe brauchen werden?“
Nach ungefähr einer Stunde kam dann die Hilfe. Der Wagen, in dem sich andere Käfige mit verschiedenen in Not geratenen Tieren befanden, erreichte die Wildtierarche – ein Haus mit einem großen Garten, wo Waschbären, Vögel, Rehkitze, Igel, Wildschweinchen und sogar Reptilien Rettung und Fürsorge gefunden hatten. Man hat uns Milch aus der Trinkflasche gegeben und andere Tiere flüsterten uns leise zu, dass wir nun nicht mehr alleine sind und keine Angst haben müssen. Mit einem Verband an meiner verletzten Pfote gewöhnte ich mich nun an mein neues Leben.
In Rodgau hatten schon viele Wildtiere Hilfe und Fürsorge erfahren – wahrhaftig die Arche Noah. Zusammen mit anderen Tieren lernten die kleinen Füchse sich mit Hilfe der fürsorglichen Menschen in der wilden Natur selbst zurechtzufinden. Sie wurden größer und stärker, lernten für sich selbst zu sorgen und der erste Tag der Auswilderung in den Wald war nicht mehr fern. Schon zurück in der Freiheit, besuchte der junge Fuchs heimlich den bekannten Garten, um einen Blick auf die tierischen Neuankömmlinge und ihre Retter zu werfen. Hier hörte er viele Geschichten, wie die vom Rehkitz, das noch im Bauch seiner Mutter einen Unfall überlebt hatte und von der Wildtierarche gerettet wurde.
Der Fuchs erinnert sich noch heute an die Worte seiner Mutter über die zwei getrennten Welten, die sich nicht überschneiden dürfen. Aber er hat festgestellt, dass sich manchmal die Welten von Menschen und Wildtieren doch kreuzen können und sollten – wenn es einem Tier nicht gut geht und es dringend Hilfe braucht. Dann sollte der Punkt, an dem sich die Welten treffen, im menschlichen Herzen liegen.
©
Eine Geschichte von Nataliya Abramova und Vladislav Altbregin
Das Bild von Kate Dudnik
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